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Freitag, 23. März

23. 03. 2018  •  15 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Expeditionen«

Gestern Abend habe ich dann doch noch bis 23.30 Uhr am Laptop gesessen und den Newsletter fertig gemacht.

Es kann ja nicht sein, dass ich im Urlaubsmodus alles durcheinander schmeiße. Am Montag ist außerdem Reisetag, am Dienstag möchte ich Langenthal erkunden. Wer weiß, wie die WLAN-Situation sein wird; hier auf dem Berg ist bestes Internet. Das muss ich ausnutzen. Heute Morgen dann Feinschliff und ab dafür. Herzlich willkommen an diejeniegen, die neu mit dabei sind!

*

Danach habe ich mich in mein Auto gesetzt, bin meinen Berg hinunter und ein bisschen über Land gefahren und es ist Folgendes passiert: Ich habe mich verliebt.

In Bergamo.

Bergamo von oben

Das Genusszentrum Norditaliens. Ein Shoppingparadies. Und die Leute erst! Die ganze Atmosphäre, so freundlich. Ich habe mich gefühlt, als käme ich nach Hause.

Doch der Reihe nach. Erstmal ein bisschen Grundlageninfo. Ist ja ein Serviceblog hier:

  • Bergamo, Region: Lombardei, 120.000 Einwohner. Liegt 50 Kilometer nördöstlich von Mailand.
  • Bergamo hat eine Oberstadt, città alta, und eine Unterstadt, città bassa. Die Oberstadt liegt oben auf dem Berg, die Unterstadt unten am Fuß. Es gibt eine Standseilbahn, mit der man hoch und runter fahren kann.
  • Die Oberstadt steht komplett unter Denkmalschutz. Die venezianischen Stadtmauern, die sie umgeben, sind UNESCO-Weltkulturerbe. Es gibt einen Dom mit Rennaissance-Fassade und – ich sag’s mal salopp – mit maximaler Innendeko; bis zum Anschlag ausgelebter katholischer Tand, wirklich beeindruckend.

Bergamo: Domfassade

Bergamo: Innere des Doms

  • Bergamo war im Mittelalter geprägt von den Kämpfen zwischen Welfen (Guelfi) und den Ghibellinen. Die Guelfen unterstützten den Papst, die Ghibellinen (Staufer) den Kaiser. In der Altstadt erklärte ein Stadtführer einer Grundschulklasse die Geschichte Bergamos und nannte eine gute Eselsbrücke: Die Guelfi, kurzes Wort mit zwei Silben, waren für den Papa, den Papst. Die Ghibellinen, langes Wort, für den Imperatore, den Kaiser.

Nun zum Wesentlichen: dem Genuss.

Bergamo steht für Polenta, für Käse, für Salami, für Gebäck und – ach, fragen Sie nicht, was sonst noch alles. Die ganze Stadt ist voll mit Feinkostenläden, Weingeschäften, Metzgereien, Käsereien, Konditoreien, Bäckereien, Trattorien und Bars. Es gibt handgemachte Pasta, Pizza in allen Variationen, Foccaccia, süßes Gebäck, Brot und Brötchen, Bars, Cafés und Birrerie, Kneipen.

Bergamo Pasticceria

Handgemcht Pasta im Schaufenster

Bergamo: Birreria & Snack Bar

Pizza im Schaufenster

Ich sage Ihnen: Das macht Sie fertig. Sie gehen durch diese Straßen und Ihre Endorphine drehen völlig frei. Totale Notfallsituation in der Hypophyse. Kulinarischer Ausnahmezustand.

Ich reagierte mit einer Übersprungshandlung: Eis.

Eis: Stracciatella, Pistazie, Kinderschokolade

Das Eis in L’Aquila war großartig, das in San Benedetto super, das Eis in Bergamo: eine Offenbarung. Wenn Sie mal dort sind, gehen Sie in die Gelateria Cherubino in der Oberstadt. Sie werden ein glücklicher Mensch werden.

Nach dem Eis konnte ich mich wieder besser konzentrieren. Außerdem war es in der Zwischenzeit 15 Uhr geworden, und die Geschäfte hatten wieder geöffnet.

Ich ging als erstes in den Laden der Sorelle, ein Geschäft von vier Schwestern aus Lucca in der Toskana. Falls Sie auf die Website klicken: Die Damen sind allesamt verheiratet und haben Familie, machen Sie sich keine Hoffnungen. Das habe ich von der Verkäuferin erfahren.

Die Sorelle designen und produzieren unter anderem Taschen und andere Gegenstände aus einem speziellen Papier, Tec. Das Material ist wetterbeständig und lederartig. Die Linie heißt Uashmama. Außerdem machen sie Seife und Accessoires. Ein Teil meiner Ausbeute:

Uashmama - rosa Tasche

Uashmama - große beige Tasche

Im Laden bediente mich eine Dame um die 50, rotbraune Locken, freundliche Augen, die meine Freude an den Produkten teilte. „Die Tasche mit den Schnallen“, sie meinte die Tasche auf dem unteren Foto, „nutze ich immer in Mailand. Da bin ich oft mit dem Fahrrad unterwegs. Hier, siehst du, du kannst sie umhängen oder sie als Rucksack tragen. Wenn ich elegant sein möchte, nehme ich sie als Tasche. Wenn ich mit dem bici unterwegs bin, setze ich sie mir auf den Rücken. Und guck, da passt ein Laptop rein.“

Sie fragte mich, woher ich komme und was ich in Italien mache, und ich erzählte ihr von meiner Reise. Sie erzählte mir im Gegenzug von ihrer Tochter, die in der Schweiz lebt, von der Beziehung zum Schwiegersohn und von der Hochzeit von Freunden in der Toskana. Wir kamen von Hölzchen auf Stöckchen – bis wir irgendwann zu den großen Themen kamen. „Ist es in Deutschland auch so, dass die großen Entscheidungen im Leben immer die Frauen treffen? Den Männern ist alles egal. Kinder – jaja meinetwegen, mach du mal, ich mache mit. Aber sich selbst aktiv für die wichtigen Dinge in der Beziehung entscheiden? Das machen die Frauen, die Männer sind nur dabei.“

Wir unterhielten uns bestimmt 45 Minuten; ich verließ den Laden mit einem Zettel und einer Einladung in ihr Ferienhaus in Ligurien. „Wenn du gerne wanderst, ist das toll dort. Berge und Meer, eine großartige Landschaft, ich mag es sehr dort. Wir haben keine Website, wir vermieten nur an Freunde – hier, guck, kannst du die Mailadresse lesen? Dorthin schreibst du mir, wenn du kommen möchtest. Und meine Telefonnummer schreibe ich dir auch dazu.“

Außerden schrieb sie mir die Adresse ihrer Freunde in der Toskana auf. Sie betreiben ein Agrotourismus. “ Wenn du dorthin möchtest, sag ihnen meinen Namen. Freunden machen sie einen guten Preis.“

Mein Ansprechgesicht, es funktioniert international.

Danach ging ich den Berg hinunter in die città bassa, die Unterstadt. Dort ist es weniger italinisch-altstädtisch, eher schon etwas alpin.

Bergamo: Città bassa

In Bergamo, so scheint es mir, vereint sich vieles: Es gibt die typisch italienische, mittelalterliche Altstadt. Es gibt Fassaden, die etwas Schweizerisches haben.

In die italienische Sprache mischt sich außerdem immer mal etwas Deutsches oder Schweizerdeutsches oder Lombardisches; ich kann es nicht genau sagen. Man merkt es nicht unbedingt im Mündlichen, aber in der Schriftsprache und auf den Schildern. Denn die lombardische Sprache ist eine eigene Varietät. Mir fiel es schon auf dem Hinweg nach Bergamo auf, als ich die Orte Chiuduno, Grumello del Monte und Capriolo durchfuhr. Sie heißen im Bergamesker Dialekt Ciüdü, Grömèl del Mùt und Cavriöl. Beide Namen stehen auf den Ortseingangsschildern untereinander.

Bergamo: Durchgang zu einem Geschäft, Abendstimmung

In der Unterstadt entdeckte ich nach einigem Umhergelaufe den Markt mit seinen Brot-, Käse- und Salamiständen. Da war es um mich geschehen, und ich kaufte ein.

Bergamo: Markt

Unter anderem erstand ich Käse aus der Gegend: einen Formaggella Bergamasca, hell und sanft, einen dunklen und kräftigen Formai de Mut und einen Pecorino. Außerdem kaufte ich Esel- und Trüffelsalami. Ein Gruß an die Daheimgebliebenen: Das werde ich nicht alles alleine essen können.

//*winkt in Richtung Stammtisch

Einkauf: Salami und Käse

Wenn man vom Markt in Richtung Piazza della Libertà geht, wo ich mein Auto geparkt hatte, geht man erst durch diese Säulen:

Bergamo: Beleuchteter Säulengang

Danach kommt man auf einen Platz. In dessen Erde ist eine Steinplatte eingelassen, auf der steht:

„I lampioni di questa piazza sono collegati con il reparto maternità degli Ospedali Riuniti. Ogni volta che la luce lentamente pulserà vorrà dire che è nato un bambino. L’opera è dedicata a lui e ai nati oggi in questa città.“

Bergamo: Steinplatte

Die Laternen auf dem Platz sind mit den Kreißsälen der Stadt verbunden. Jedesmal, wenn die Lichter langsam pulsieren, sagen sie: Soeben wurde ein Kind geboren. Das Werk ist ihm gewidmet – und allen heute in dieser Stadt Geborenen.

Bergamo: Platz

Vor der Skulptur rechts vorne, zwischen Laterne und Baum, haben Grundschulkinder gebastelte Papierblumen in den Rasen gesteckt. Daneben liegt ein Zettel: „An einem Tag vor einigen Jahren waren auch wir ein Licht. Das Licht des Lebens!“

Wenn Sie irgendwann mal eine Städtetour machen möchten und nicht wissen, wohin: Fahren Sie nach Bergamo.

Kommentare

15 Antworten: Bestellung aufgeben ⇓

  1. Croco sagt:

    Ein wunderbarer Bericht, dankesehr.
    Und er erinnerte mich daran,dass es mir vor über zwanzig Jahren genau so ging: verzauberte Liebe.

    1. Vanessa sagt:

      Es macht ein gutes Gefühl, dass ich mit meinen Emotionen nicht alleine bin. Das gibt Halt.

  2. TomInMuc sagt:

    Schön. Einfach nur schön! Schreiben Sie als nächstes Buch ein Reisebuch, meine Liebe!

    1. Vanessa sagt:

      Nun, für ein Reisebuch bräuchte es wohl ein bisschen mehr Vorbereitung und Zielstrebigkeit. Ich lasse mich nur treiben, und alles, auf das ich treffe, ist dem Zufall geschuldet.

  3. Alexandra sagt:

    Was eine inbrünstige Liebeserklärung! Die macht mir auch noch Hunger …

    1. Vanessa sagt:

      Niemals, wirklich niemals vorher etwas etwas, bevor man nach Bergamo fährt. Am besten fünf Tage lang nicht.

    2. Alexandra sagt:

      Ich werde das beherzigen …

  4. Pippilotta sagt:

    Ein wunderbarer Reisebericht, den ich mit Begeisterung und wachsender Italien-Sehnsucht verfolge, vielen Dank dafür! Bergamo setzt dem Ganzen jetzt noch die kulinarische Krone auf. Ich. Will. Da. Hin! ;-)
    Wenn nur mein Italienisch so „verhandlungssicher“ wäre wie Ihres!
    Weiterhin eine gute Reise!

    1. Vanessa sagt:

      Es ist nicht verhandlungssicher. Ich wurschtel mich so durch, den Rest lächle ich weg. Also: Auf, auf!

  5. Sandra sagt:

    Oh, für mich ist Bergamo bisher nur der Billigflughafen von Mailand gewesen!

    1. Vanessa sagt:

      Dann nix wie hin!

  6. Mhs sagt:

    Und da das hier ja ein Service Blog ist, senfe ich noch eine trivia dazu: die erste Sendung der neuen TV Serie „Reisewege zur Kunst“ war Anno 1972 … Bergamo! Seit dem ein Sehnsuchtsort, den ich ob der Info, er habe einen Flughafen, auf meine Rentenreiseliste weiter nach oben ziehen.

    1. Vanessa sagt:

      Hervorragendes Reiseziel für den kulinarisch und kulturell interessierten Rentner. Es herrscht keine Hektik, und es gibt ausreichend Gründe, auf einer der vielen Bänke Rast einzulegen, vielleicht gemeinsam mit einem Eis oder einer Foccaccia to go, man will sich ja im Alter nicht übernehmen. Für sportliche Einlagen haben Sie Hügel, die Sie erklimmen können. Oben befinden sich gute Gelegenheiten, Flüssigkeitsverluste wieder auszugleichen. Perfekt und so für Sie getestet.

  7. Mhs sagt:

    Und da das hier ja ein Service Blog ist, senfe ich noch eine trivia dazu: die erste Sendung der neuen TV Serie „Reisewege zur Kunst“ war Anno 1972 … Bergamo! Seitdem ein Sehnsuchtsort, den ich ob der Info, er habe einen Flughafen, auf meine Rentenreiseliste weiter nach oben ziehen werde
    Wg dt Grammatik und Sch.. autofill

  8. Alexandra sagt:

    Wie wunderschön und anrührend die Idee mit den flackernden Lampen ist! Bergamo wird damit ganz weit nach oben auf die Liste der kommenden Reiseziele gesetzt.

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