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Montag, 19. März

19. 03. 2018  •  4 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Expeditionen«

Kaltwetterfront in den italienischen Marken. Am Strand von San Benedetto del Tronto war ich heute kurz davor, meine Pudelmütze aufzusetzen, konnte mich aber gerade noch zusammenreißen.

San Benedetto del Tronto: Strand mit Palmen

Der Adriaort liegt brach. Sonst ein Urlaubsparadies mit Strand, Palmen, Strandbars, Promenade, Vergnügungsmeile und allem Drum und Dran, ist hier tote Hose. Die Leute renovieren ihre Hütten. Das Gelateria-Büdchen ist umzäunt. Vor der Tabaccheria pinselt ein Mann Farbe auf Holz. Hämmern und Bandschleifergeräusche.

Büdchenreihe

Heute ist dazu noch Montag, der Tag, an dem alles geschlossen hat. Auch der Barbier hält seinen Laden geschlossen, deshalb setzt er sich zu mir auf die Bank, während ich mein Eis esse. Woher ich komme? Ach, aus Deutschland. Von Deutschland kenne er Borussia Dortmund, den BVB finde er gut. Ich sage ihm, dass ich aus Dortmund komme. Er lädt mich auf einen Kaffee ein. Wir unterhalten uns über Fußball. Er sagt: „BVB. Matthias Sammer.“ Ich sage: „Das ist aber schon etwas her.“ Er sagt: „Der war gut.“ Ich sage: „Der war zuletzt bei den Bayern.“ Er schlägt die Hände über dem Kopf zusammen.

Ich sage, dass ich gerne noch Blumen kaufen möchte für M, die mich so herzlich bei sich aushält. Der Barbier lässt es sich nicht nehmen, mir bei dieser Aufgabe zur Seite zu stehen. Wir gehen zum Blumenladen. Die Blumenfrau ist verzückt von uns, meint, wir sollten doch heiraten. Der Barbier ist auch verzückt von der Idee. Nur ich bin nicht verzückt. Der Barbier legt sich daraufhin ins Zeug und möchte mir den nahe gelegenen Berg zeigen, um einen romantischen Blick auf San Benedetto zu haben. Mir ist allerdings nicht romantisch. So verabschieden wir uns.

Schon am Vormittag in Ascoli Piceno bin ich aufgefallen. Keinem Barbier, sondern einer Gruppe alter Herren mit Schiebermützen und Pullundern, die auf der Piazza del Popolo stehen und sich über Frauen, Fußball und Politik hinterhalten, während ich, ganz Touristin, Fotos von der Architektur anfertige. Die Blondine, sagen sie – ja, so eine Frau wünsche man sich. Ich drehe mich zu ihnen um und lächele sie an. Einer der Herren hält sich seine faltige Hand vor den Mund. „Sie versteht mich“, raunt er seinem Kumpel zu, so laut, dass auch ich verstehe.

Die Großväter winken mir daraufhin synchron zu wie eine Schar Teenager. Ich winke kokett zurück. Sie kichern. Dann lupfen sie die Schiebermützen und verbeugen sie. Ich knickse. Wir lachen. Blond ist die Farbe des Frühjahrs hier in den Marken.

Ascoli Piceno ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, ein 50.000-Einwohner-Ort in den Bergen. Die Piazza del Popolo sieht aus wie aus einem Prospekt: die Kirche, der Renaissance-Kreuzgang, der Palazzo dei Capitani del Popolo, das Caffè Meletti, auffliegende Tauben. Man möchte meinen, das habe jemand für Touristen so hingestellt und mit Sepia angepinselt, aber es ist so, wie es ist.

Ascoli Piceno: Piazza del Popolo

Es gibt auch einen Dom, und obwohl mir Dome inzwischen über sind, gehe ich hinein. Kann sein, dass dort etwas ist, dass ich sonst verpasse, etwas besonders Schönes oder etwas besonders Gruseliges. Doch weder noch: Es gibt Säulen und Kronleuchter. Der Altar steht unter einer blauen Kuppel. Links und rechts davon Stufen hinab in die Krypta. Vielleicht wieder eine Leiche. Ich steige frohgemut hinab.

Doch die Leichen hier sind eingesargt, in Reihen unter Bögen.

Alte Bögen, Steinsärge

Ich fühle Enttäuschung. Ich hatte mir etwas mehr Thrill erhofft. Nach der Heiligen Lucia Filippini erwarte ich allerorten tanatophilen Totenkult in Italiens Krypten.

Statt Thrill gibt es Mosaike, zum Beispiel über das große Erdbeben des Jahres 1943.

*

Gelesen: Eine Stadt sucht einen Mörder (ZEITplus/€) über die akribischen kriminaltechnische Ermittlungen, die zum Mörder von Carolin G. aus Endingen führten. Datenrecherche im großen Stil.

Gelesen: Jo Lendles poetischer Twitter-Thread über seinen Versuch, Leipzig per Bahn zu verlassen (via Kaltmamsell)

*

In San Benedetto del Tronto kaufte ich mir drei Bücher, darunter André Acimans Chiamami col tuo nome, dessen Verfilmung Call me your name jüngst einen Oscar für sein Drehbuch bekam.

Wieder zuhause las ich bei der Kaltmamsell, dass sie den Film am Abend zuvor im Kino gesehen hatte. Sie empfiehlt ihn weiter. Hier der Trailer:

Schön ihre Worte zum Liebeskummer:

Ich wünschte, mir hätte seinerzeit jemand bei Liebeskummer und sonstiger Verzweiflung den Tipp gegeben: „Versuch nicht, den Schmerz auszulöschen; du löschst damit auch die vorherige Freude aus.“

Kommentare

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  1. Den Satz mit dem Sepia habe ich mir direkt abgespeichert. Der macht mich irgendwie froh. Viel Spaß noch weiterhin im Urlaubsmonat!

    1. Vanessa sagt:

      //*bindet noch ein Schleifchen drum

      So lang ist er nicht mehr, der Urlaubsmonat. :(
      Aber ich tu, was ich kann.

  2. ANNA sagt:

    Der Film ist wirklich besonders. Ich habe Rotz und Wasser geheult,empfehle ihn aber trotzdem oder gerade deswegen uneingeschränkt da es um Emotionen geht,die bestimmt jeder kennt.

    1. Vanessa sagt:

      Ich werde ihn auch anschauen. Aber erstmal das Buch lesen.

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