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Sonntag, 18. März

18. 03. 2018  •  11 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Expeditionen«

Heute den Sonntag genossen und nichts getan. Dagesessen, gelesen, in die Landschaft geschaut – und irgendwann rausgegangen auf einen Spaziergang nach Carassai.

Carassai ist der Ort, in dem ich gerade zu Gast bin. Meine Landresidenz bei M liegt etwas außerhalb. Es sind rund zwei Kilometer in den Ortskern. Gerade die richtige Distanz für einen Sonntagsspaziergang nach einer Wanderung, um zu erkunden, ob es Eis gibt mich in der Geschichte des Ortes zu bilden.

Wenn man die Kommunalstraße entlanggeht oder -fährt, gibt es auffällige Verwerfungen auf dem Asphalt. Rund um Montefiascone waren es einfach Schlaglöcher, die das Fahren beeinträchtigen. Hier sind es quer oder diagonal zur Fahrbahn verlaufende Auffaltungen. Der Grund sind nicht Versäumnisse oder eine schlechte italienische Bauweise. Der Grund sind Erdbeben.

Straßenverwerfungen

Carassai liegt am Rande der Monti Sibillini und damit am Rande der roten Erdbebenzone. Das letzte schwere Erdbeben war 2016. Einige Straßen sind erst seit Kurzem wieder freigegeben und repariert. Gebäude wie zum Beispiel Kirchen sind noch gesperrt oder in Reparatur. Die Erde ist ständig in Bewegung – und mit ihr sind es die Straßen.

Carassai ist ein ganz niedlicher Ort auf einem Hügel.

Carassai aus der Ferne

Wie überall hier liegt die Altstadt oben. Etliche Häuser stehen zum Verkauf. In La Ripa war es genauso. Die alten Leute sterben, und niemand möchte in ihre Häuser nachziehen. Dabei seien sie gar nicht mal teuer, sagte M.

Doch das Leben in den engen Gassen auf dem Hügel ist kompliziert: Man muss alles hochschleppen. Man wohnt Schlafzimmer an Schlafzimmer mit den Nachbarn. Nichts bleibt ungehört. Und viel Platz ist auch nicht.

Carassai: Haus mit Aussicht ins Tal und Blumentöpfen vor der Tür

Ich kenne es ja aus Montefiascone: Für einige Tage Urlaub ist ein Quartier in der Altstadt charmant. Doch immer wollte ich dort nicht wohnen.

M wurde schon gefragt, ob sie nicht Leute aus Deutschland kenne, die ein Haus kaufen und in Carassai wohnen wollen – oder wenigstens ein paar Mal im Jahr herkommen möchte, um Ferien zu machen.

Carassai: Kirche in der Altstadt

Abgesehen von viel nachbarschaftlicher Nähe und fehlendem Komfort sagen sich hier natürlich Fuchs und Hase gute Nacht. Es gibt einen kleinen Supermarkt und eine Zwei-Säulen-Selbstbedienungstankstelle. Das Restaurant hat vor einigen Monaten geschlossen. Der Zahnarzt hat zwei Nachmittage in der Woche Sprechstunde.

Carassai: Blick von der Kirche hinunter ins Tal

Nach einem Besuch im Ort ging ich noch in die andere Richtung zum Rocca Montevarmine mit seinem alten Castello. Es verfällt derzeit. Man kann es nicht besuchen – nur hochsteigen und in die Landschaft gucken.

Castello Rocca Montevarmine

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In Deutschland friert man derzeit, oder? Hier ist es auch kälter geworden. Wir haben zwölf Grad. Am Nachmittag kam ein bisschen die Sonne raus.

Via Montevarmine: Blick in die hügelige Landschaft mit Sonne und Schäfchenwolken

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Übrigens: Neun Kilometer gelatscht – ohne Eis. Die Stimmung war leicht angeschlagen. Der Rest Tiramisu von gestern Abend (M war meine Rettung) schaffte Ausgleich.

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Gelesen: In Braunschweig machen 48 Prozent der Schüler Abitur. In Cloppenburg 18 Prozent. Wie kann das sein? (ZEITplus/€) über soziale Milieus, ihre Haltung zu Bildung, zu Abitur und zu Studium. Ein unglaublich guter Artikel vom sehr geschätzten Henning Sußebach (gemeinsam mit Bastian Berbner), der mit vielen Zwischentönen erzählt, warum manche Schüler und Schülerinnen trotz fehlender Qualifikation zum Abitur geschleift werden, während andere, die das Zeug dazu hätten, in den Traditionen ihrer Eltern verharren.

Einige Abschnitte gingen mir nah – zum Beispiel der über Ellen, die den Wunsch hat, Architektin zu werden; die aber wahrscheinlich erstmal „etwas Sicheres, etwas Solides“ machen wird, um „etwas in der Tasche“ zu haben, weil Eltern und Berufsberatung darauf hinwirken. Denn ein Studium, noch dazu in einer Großstadt und verbunden mit dem Ausziehen von zuhause, sei „teuer, diffus, riskant“.

„Wow!“, könnte der Berufsberater nun rufen. „Wenn du dich anstrengst, wenn du lernst und gute Noten schreibst, kannst du nach der zehnten aufs Gymnasium und später Architektur studieren.“ Mit 14 ist noch so viel möglich. Es ist das Alter der Träume, die Zeit, in der selbst der Mond erreichbar er-scheint. Und Ellen möchte nur Architektin werden.

Doch der Berufsberater sagt: „Vielleicht guckst du erst mal nach Bauzeichnerin.“

In Braunschweig, der Stadt mit der 48-Prozent-Abiturquote, gehen Kinder zum Gymnasium, die auf einer Realschule besser aufgehoben wären. In Cloppenburg, der Stadt mit der 18-Prozent-Abiturquote, gehen Kinder auf die Oberschule, denen sich auf einem Gymnasium Welten öffnen könnten.

Eine Kindheit in Cloppenburg ist voll von Greifbarem – und manchmal verstellt der Blick auf das, was ist, den Blick auf das, was sein könnte. […]  Eine Kindheit in Braunschweig ist voller Konjunktive – und manchmal verstellt der Blick auf das, was sein könnte, den Blick auf das, was ist.

GelesenDas gute alte Postfach statt digitaler Medien – über ein Informationspapier des Personalrats des Staatlichen Schulamts in Karlsruhe. Der Personalrat stellt klar, dass Lehrerinnen und Lehrer nicht verpflichtet sei, digitale Medien dienstlich zu nutzen.

Ich bin ja immer dafür, Wandel behutsam zu begleiten und den Menschen Raum für Veränderung zu lassen. Gleichzeitig sollten wichtige Ziele einfach gesetzt und nicht diskutierbar sein. Zum Beispiel, dass in Schulen Digitalisierung und digitale Bildung stattfinden muss. Für alle Beteiligten.

Da schließt sich ein stückweit der Kreis zu Braunschweig und Cloppenburg: Wie sollen Lehrkräfte ihren Schützlingen Perspektiven für die Zukunft eröffnen, wenn sie selbst in der Vergangenheit leben und arbeiten? Und damit meine ich nicht, dass jede Lehrkraft ein Technik-Geek werden und jede Unterrichtseinheit durchdigitalisiert werden muss. Sondern es geht um die Haltung, die ich gegenüber Veränderung vermittle, um Mut und darüber, Anstrengungen auf mich zu nehmen und mich Neuem zu stellen.

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Musikalischer Wochenendabschluss: Jovanotti – Ragazzini Per Strada

Kommentare

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  1. Elfe sagt:

    Oggi é una bella giornata – Jovanotti singt so langsam und deutlich, dass auch ich etliche Textzeilen verstehen kann. Macht gute Laune für den neuen Tag, wie kalt auch immer. Aber dass Sie kein Eis bekommen haben …. seufz seufz seufz.

    1. Vanessa sagt:

      Schlimm. Musste heute alles nachholen.

  2. Frau-Irgendwas-ist-immer sagt:

    Ist ein Urlaubstag ohne Eis wirklich ein Urlaubstag? *geht grübelnd ab und zwar arbeiten*

    1. Vanessa sagt:

      Wenn es einen Tiramisuausgleich gibt, ja.

  3. Alexandra sagt:

    Bei mir umme Ecke hat eine neue Eisdiele aufgemacht. Ich hab‘ noch nicht probiert, fühle mich aber schon jetzt dadurch sehr getröstet über diesen erschreckend schneidenden Kälteeinbruch.

    Noch besser ist aber, im Warmen zu sitzen und die Wärme dieser Reise zu spüren!

    Ich sagte es sicher schon, wiederhole es aber gerne: Danke für’s Mitnehmen! <3

    1. Vanessa sagt:

      Gerne, gerne. Heute sogar zeitweise Regen. Heftig!

  4. Alexandra sagt:

    Ach, und noch was: Die Überalterung und Entwicklungsverweigerung mancher Grundschulkollegien macht mich auch oft wütend. Es scheitert nicht mal nur am Widerstand gegen neue Medien, nicht allzu selten sind pädagogische Konzepte – wenn sie denn den Namen überhaupt verdienen! – offenbar noch aus der Vorkriegszeit … ein weites Feld auch „das mit Cloppenburg und Braunschweig“ … ich hör‘ lieber auf!

    1. Vanessa sagt:

      Gleichzeitig ahne ich ja, dass das alles nicht leicht ist, der Fortschritt, die Kolleginnen und Kollegen, das System, das Korsett. Aber dennoch: Es braucht positive Digitalisierung, auch in Schulen und Kollegien.

    2. Alexandra sagt:

      „Nicht leicht“ ist das eine – das andere ist aber die Haltung, die ich zu Veränderung und damit verbundener Anstrengung habe. Wo Veränderung per se als Bedrohung erlebt wird, ist das, was unter der Oberfläche bewegt werden muss, noch weit größer als das, was oben rausschaut …

  5. Alexandra sagt:

    Doch. Eins noch. Etwas, das ich für unterstützenswert halte, absolut:
    https://twitter.com/film_caraba?s=17

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