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Samstag, 24. Februar

24. 02. 2018  •  2 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Expeditionen«

Eigentlich wollte ich heute Morgen nur einkaufen fahren.

Ich setzte mich also in mein Auto und fuhr nach Quattro Castella. Das ist der nächste Ort in zwei Kilometern Entfernung. Doch als ich dort war, verpasste ich den Supermarkt.  Der Supermarkt ist wirklich klein und steht hinter dem ersten und dem zweiten Kreisverkehr unter Bäumen. Man sieht ihn auf den ersten Blick nicht, denn er ist praktisch nur ein normales Haus.

Ich fuhr also vorbei und weiter den Berg hinauf. Ich wusste, dass ich falsch war, aber es war auch schön, denn die Häuser wurden schnell weniger, und ich hatte einen Blick über das Tal. Also fuhr ich einfach noch weiter den Berg hinauf – die Forrestgumpigkeit, Sie wissen schon. Die Landschaft wurde noch schöner. Ich beschloss, dass ich auch später noch einkaufen kann, und entschied, jetzt erstmal dorthin zu wollen, wo der Weg hinführt. Die Landschaft weitete sich; es gab großartige Blicke über das Tal. Ich fuhr weiter und weiter, überholte zwei Radfahrer, die bergan trainierten, und als der Blick besonders schön war, hielt ich an. Das war hier:

Emilia Romagna, Berge, Schnee und Nebel im Tal

Danach fuhr ich noch ein bisschen weiter, weil: Der Weg war ja noch nicht zu Ende. So erreichte ich Canossa.

Burg von Canossa

„Der Gang nach Canossa“, das kennt man als geflügeltes Wort, und ich habe hinterher nachgeschaut, warum man das sagt: weil nämlich König Heinrich IV. im 11. Jahrhundert zu Papst Gregor wollte, um vom Kirchenbann befreit zu werden. Wenn man von der Kirche gebannt ist, darf man keine Sakramente empfangen, also nicht heiraten, nicht zur Beichte und keine Kommunion. Das ist nicht nur schlecht fürs Seelenheil, sondern war damals auch schlecht fürs Business.

Heinrich und Gregor trafen auf der Burg Canossa aufeinander, die damals Mathilde von Tuszien gehörte. Heinrich war es sehr ernst mit der Entbannung; er harrte mehrere Tage lang vor der Burg im Büßerhemd aus. Deshalb sagt man heute „Gang nach Canossa“, wenn man sich erniedrigt, um jemanden um etwas zu bitten.

Damals war Januar, und vielleicht lag so viel Schnee wie heute. Das stelle ich mir sehr unangenehm vor.

Canossa

Gestern sagte ich, es lägen rund 20 Zentimeter Schnee. Das war, glaube ich, etwas untertrieben, denn hier zum Vergleich meine Hand:

Schnee mit Hand

Ich hielt unterhalb der Burg, wo ein alter Mann Schnee schippte. Ein gutes Auto hätte ich da, sagte er, als ich ausstieg. Er habe auch eins von der Sorte, nur ein kleineres Modell, das sei ganz wunderbar. Woher ich denn käme? Ah, aus Deutschland – ob ich denn dann auch Winterreifen drauf hätte? Natürlich, sagte ich.

Er schippte und sagte, heute sei die Burg geschlossen. Zu viel Schnee auf der Straße und zu viel Schnee auf den Ästen, das falle alles runter und den Leuten auf den Kopf. Außerdem wisse niemand, wohin mit dem ganzen Schnee in der Burgruine, deshalb könne man die nicht begehen und deshalb sei zu. Ich könne aber gerne hinaufgehen, schaden tät’s nix, nur die Burg selbst, die sei halt geschlossen.

Ich ging also hinauf auf den Schneehaufen zu, den der Schneetreckerfahrer dort hingeschoben hatte, lehnte mich dagegen und guckte in die Landschaft.

Canossa

Dann bog ich rechts ab und ging zum Hof. Dort blieb ich wieder eine Weile stehen und sah ins Tal. Neben mir klatschte Schnee von den Bäumen, dick und nass. Ein beständiges Fallen und Rieseln. Sonst war es sehr still.

Canossa

Als ich zurück zu meinem Auto kam, schippte der alte Mann immer noch. Er sagte, Dienstag oder Mittwoch sei vielleicht wieder geöffnet, so genauso wisse das niemand. Es solle ja diese Eiseskälte kommen, die noch mehr Schnee bringe.

Dann kam der Schneetreckerfahrer und stieg aus, es gab ein großes Hallo, die beiden umarmnten sich und begannen zu schwatzen. Ich verabschiedete mich und machte mich auf den Weg zurück.

Auf dem Rückweg kaufte ich dann ein: Brot und Milch, Salat und was man halt so braucht. Gelernt: Hier muss man nicht nur die Äpfel und die Bananen und die Tomaten, sondern auch die Salatköpfe abwiegen.

In Quattro Castella hielt ich dann nochmal kurz an. Eingekauft hatte ich zwar schon, aber ich wollte wenigstens den nächstgelegenen Ort einmal gesehen habe. Außerdem, so steht es im Hausprospekt meiner Unterkunft, gebe es ein gutes Obstgeschäft und einen guten Bäcker, eine gute Pizzeria und gutes Eis. Das wollte ich alles erkunden, damit ich es, wenn Not am Mann ist, wenn zum Beispiel ein Pizzanotstand oder ein Eisnotstand eintritt, schnell finde.

Allerdings musste ich feststellen: Zwischen 13 und 16 Uhr ist in Quattro Castella Siesta.

Quattro Castella

Total tote Hose, alle Geschäfte haben geschlossen, und wenn du um diese Zeit auf dem Parkplatz an der Via I. Lenin parkst, hält die Oma, die gegenüber ihr Kissen aus dem Fenster schüttelt, inne und guckt dir hinterher, wie du durch den Ort gehst, denn fürs Durch-den-Ort-Gehen gibt es um diese Zeit keine Erklärung, nicht heute, nicht an einem anderen Tag, nicht mittags um Zwei. Da hilft auch kein freundliches Buongiorno, damit man auf seinem Gang weniger wunderlich wirkt.

Im Radio ist das beherrschende Thema übrigens das Wetter. Bis zu minus 30 Grad in den Bergen, Schnee im Norden, Regen im Süden. Für Quattro Castella steht für morgen eine Wolke mit drei dicken Schneeflocken in der Wettervorhersage, dazu Windchill mit gefühlten minus acht Grad.

So schaut’s direkt vor meiner Haustür aus – links das Haus, sonst Weinreben:

Quattro Castella: La Barquessa, Panoramabild

Hier geht’s rein:

Quattro Castella: La Barquessa, Zufahrt

Das ist das kleine Appartment in der Scheune. Am Vogelhäuschen ist immer große Party:

Quattro Castella: La Barquessa, Appartment in der Scheune

Wenn es morgen ungemütlich ist, bleibe ich einfach im Bett und ziehe die Decke bis zur Nase, schaue Filme aus der DVD-Sammlung und den Vögeln zu, wie sie Sonnenblumenkerne knacken.

Kommentare

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  1. Anikó sagt:

    Ich freu mich so für Sie, dass sie sich diesen Monat schenken! Vielleicht folgen ja noch weitere Mein heimlicher Traum ist es ja auch noch mal so 1 Jahr in Herzenslandschaften (Neusiedler See und Elbe) zu leben, um mal alle Jahreszeiten dort zu erleben. (Es reift gerade eine Urlaubsidee in mir…)
    Canossa: Schon bei Ihrer Instastory war mein erster Gedanke „So sah es bei Heinrich damals bestimmt auch aus und der hatte bestimmt keine Funktionswäsche an.“ Aber großartig, dass man die Burg immer noch besichtigen kann

    1. Vanessa sagt:

      Ich hatte auch keine Funktionsunterwäsche!!11!!EINSELF.
      Okay, ich gebe zu, ich hatte eine Funktionswinterjacke. Die war mit Sicherheit besser als ein Büßerhemd.

      Einfach mal neusiedlerseepläne machen, oder? Für die Hinderniss gibt’s bestimmt Lösungen. Und wenn’s nicht ein Jahr wird, werden es vielleicht sechs Monate. Das wäre ja auch was.

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