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Ich erinnere mich …

19. 10. 2017  •  9 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Milchwölkchen«

Angeregt durch Liisa:

Ich erinnere mich an den schweren, dreibeinigen Metallstuhl in der Küche. Ich erinnere mich an den Baum, unter dem der Wellensittich begraben ist. An das Knarzen der Stufen und das Klingeln des Telefons unten in der Küche. Ich erinnere mich an den Spurt nach unten, zwei Treppen hinab.

Ich erinnere mich an Malefiz-Spiele. An Halma- und an Mühle-Spiele.

Ich erinnere mich an Küsse und Lachen und zufälliges Kitzeln und noch mehr Lachen und noch mehr Küsse.

Ich erinnere mich an ihren Geruch, ein Duft aus Tosca und Oma und Zuhause, an ihr Lachen, an ihre Hände, ihre Haare, ihre Haut, an ihre Gesten, ihre Nudeln mit dem Muskat, wie sie Platt sprach, an ihre Küchenbank voll mit Plastiktüten und Gummibändern und Werkzeug. Ich erinnere mich, wie sie am Abend mit mir betete und wie sie manchmal schnarchte.

Ich erinnere mich an Tage im Sommer, an denen ich Buden baute im Garten, aus Stühlen und Decken, unter denen es heiß und dunkel war und in denen es nach Gras duftete.

Ich erinnere mich an Spritzgebäckteig durch den Fleischwolf.

Ich erinnere mich an den Tag, als ich sie das erste Mal in der Geschlossenen besuchte, die Kotze vor der Tür und ihr zittriges Streicheln auf der Haut, das ich seither nicht mehr ertrage, niemals mehr ertrage.

Ich erinnere mich an die Nacht im Bus, als er den Arm um mich legte und seine Wange an meine schmiegte. Ich erinnere, wie es kratzte und wärmte. Der erste Kuss.

Ich erinnere mich an Wassereis und süße Tüte, an Kaugummis aus dem Automaten, an Brausestangen und die Drogerie gegenüber der Schule, vollgestopft bis unters Dach, und immer roch es nach Waschmittel und 4711.

Ich erinnere mich an den Weg zur Schule, die Strecke durch den Wald, die ich auch im Dunkeln finde, mit Blick in den Mondhimmel, wo die Lücke oben in den Bäumen den Füßen unten den Weg weist.

Ich erinnere mich an jeden Toten, den ich sah, und noch mehr an jeden Toten, den ich zum Abschied streichelte.

Ich erinnnere mich an den Spurt über die Kirchenwiese, die wir nicht betreten durften, die uns allerdings gute 500 Meter Weg sparte, mit den Rufen des Pastors im Nacken. Ich erinnere mich, wie ebendieser Pastor an einem Dienstagnachmittag den Katejumenenunterricht verließ und nicht wiederkam, weil wir alle kein einziges Wort auswendig gelernt hatten.

Ich erinnere mich, wie er durchs Gate ging, mit Rucksack und Uniform, und ich nicht wusste, ob er wiederkommen würde, wie er wiederkommen würde und ob er dann noch ganz sein würde, an Körper und Seele.

Ich erinnere mich an den Tag, als die Polizei mir, nachdem sie auf mein Geheiß die Tür aufgebrochen hatte, sagte, es sei doch alles in Ordnung, nicht in bester, aber doch in Ordnung, denn sie lebe ja immerhin und sei sicher nur betrunken. Aber sie war eben nicht betrunken, und das ist das eigentlich Schlimme.

Ich erinnere mich an Vieles nicht, an Vieles aus Zeiten, die mich tief verletzt haben, und ich glaube, das ist der Grund, warum ich heute so fröhlich bin – und warum ich mich entschieden habe, immer guter Dinge zu sein.

Ich erinnere mich an das warme Gefühl des Daheimseins bei ihm und an das Gefühl, nah an seinem Körper zu liegen. Ich erinnere mich, wie wir uns das erste Mal gegenüber lagen, Gesicht an Gesicht, der Atem zitterte, dann das erste Vortasten der Lippen, das Gefühl von Neugier und Selbstverständlichkeit.

Ich erinnere mich an Wind auf der Haut und Sand auf den Wangen und eine sehr große Zufriedenheit.

Ich erinnere mich an das Auto, das neben mir hielt, an den Mann, der das Fenster hinunterkurbelte und mich nach dem Weg zum Puff fragte, eine Gefriertüte mit Ejakulat  um den erigierten Penis.

Ich erinnere mich an Moskau in den 90ern, an den Geruch des Sozialismus, an den ersten Liebesbrief, den ich dort bekam, von Pavel.

Ich erinnere mich an Abende im Kinderzimmer, unten auf der Terrasse der Besuch, seine Gespräche, sein Lachen, und oben das gute Gefühl, nicht allein zu sein.

Ich erinnere mich an den Baum, der Äste hatte wie Treppen, auf den ich hinaufklettern konnte bis fast in die Krone. Ich erinnere mich, wie wir dorthin liefen, den kleinen Bach entlang, das Feld mit den Kletten meidend, und Staudämme bauten.

Ich erinnere mich an Wanderungen, viele und tolle, an die Anstrengung hinauf und die Freude am ersten Ausblick. An den Wind in der Höhe, an das Gefühl der Sonne auf der Haut. An den Geschmack des Wassers, des Brotes und der Bananen auf dem Gipfel und an den wohligen Schmerz der Muskeln.

Ich erinnere mich an Menschen, fast nur an Menschen. Ich erinnere mich an Gefühle, an Gerüche, an Berührungen, wenig an Ereignisse. Und ich erinnere mich an noch sehr viel mehr. Das erzähle ich Ihnen dann mal in der Kneipe.

Kommentare

9 Antworten: Bestellung aufgeben ⇓

  1. Anna sagt:

    Schön. Bin ganz ergriffen.

  2. Sandra sagt:

    <3
    Ich erinnere mich, wie wir uns kennengelernt haben. An Herumhüpfen, Schokoriegel und Kinderpflaster.

    1. Vanessa sagt:

      Stimmt! Snickers und Blasen an den Füßen.

  3. An 4711 kann ich mich auch noch gut erinnern. Hat meine Mutter immer im Wäsche-
    und Kleiderschrank verteilt. War das eine Freude, wenn ich morgens in die Schule kam.

  4. Pess sagt:

    … schön, wie du so locker leicht erzählen kannst. Ich wünschte, ich könnt das auch!

  5. Pit sagt:

    Echt klasse geschrieben! :)
    So etwas hatte auch mal geschrieben. Wenn ich darf, setze ich hier einen Link dazu. Wenn ich nicht darf, einfach löschen. :) https://der-rote-pit.blogspot.de/2017/09/erinnerungen-heimaterde-1959-63.html
    Gruß

  6. Elfe sagt:

    Hinter den Erinnerungen schimmern so viele Geschichten durch, die ich zu gern hören oder lesen würde, obwohl sie mich ja gar nichts angehen. Mein Beileid für all die Menschen, die Sie verloren haben, und mögen Ihnen noch viele liebe Menschen begegnen, die Sie in Ihr Herz schließen können.
    (Und vielleicht springt die ein oder andere Erzählung für uns hier dabei raus ;-) .)

  7. kunstecht sagt:

    Danke für’s teilen… ♡

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