Draußen nur Kännchen
Kaffeehaus mit ♥

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Regenbogenwollmenschen

31. 10. 2017  •  6 Kommentare

Ein Regenbogen aus Wolle. In kleinen Ringeln, von der Hüfte, beide Beine hinab bis zu den Knöcheln.

Wir sitzen um Regionalzug durch Ostfriesland. Der Waggon ist voll. Babys weinen. Kinder rennen durch den Gang. Eltern schimpfen. Familien möchten in die Ferien.

Der Regenbogen gehört zu einer Dame, und zu der Dame gehört ein breites, flaches Hinterteil. Es ist vollständig mit dem Regenbogen bewollt, streckt sich mir auf Augenhöhe entgegen und verstaut eine Packung Käse in einem Einkaufstrolley. Die Maschen sind weit. Die Dame trägt keinen Schlüpfer, ich kann nicht nicht hingucken. Mit dem Käse verstaut sie ein Brettchen und Messer, eine Packung Margarine, Brot, hartgekochte Eier und eine kleine Obstplantage im Trolley. Alles hat sie vorher gemeinsam mit ihrer ebenfalls wolligen Begleitung zubereitet: hat Brot geschnitten und mit Käse belegt, hat das Obst zerlegt und die Eier gepellt. Der Duft reifer Bananen und eines ebenfalls sehr reifen Harzer Rollers durchweht nun das Abteil. Kleine Kinder würgen leise.

Später, auf der Fähre auf die Insel, sehe ich sie wieder, die Wollmenschen. Unten Regenbogen, oben Regenbogen, auf dem Kopf eine Wollwolke, an den Füßen Ringelsocken und Sandalen. Um sie herum Funktionsjacken und Matschhosen, Fleecemützen und Gore-Tex-Hanschuhe. Die beiden sind aus der Zeit gefallen. Oder aus dem Ort. Sie belegen sich das nächste Brot. Der Duft weht herüber. Das Schiff beginnt zu schaukeln.

Morgen kommt Orkan Herwat.

Ich erinnere mich …

19. 10. 2017  •  9 Kommentare

Angeregt durch Liisa:

Ich erinnere mich an den schweren, dreibeinigen Metallstuhl in der Küche. Ich erinnere mich an den Baum, unter dem der Wellensittich begraben ist. An das Knarzen der Stufen und das Klingeln des Telefons unten in der Küche. Ich erinnere mich an den Spurt nach unten, zwei Treppen hinab.

Ich erinnere mich an Malefiz-Spiele. An Halma- und an Mühle-Spiele.

Ich erinnere mich an Küsse und Lachen und zufälliges Kitzeln und noch mehr Lachen und noch mehr Küsse.

Ich erinnere mich an ihren Geruch, ein Duft aus Tosca und Oma und Zuhause, an ihr Lachen, an ihre Hände, ihre Haare, ihre Haut, an ihre Gesten, ihre Nudeln mit dem Muskat, wie sie Platt sprach, an ihre Küchenbank voll mit Plastiktüten und Gummibändern und Werkzeug. Ich erinnere mich, wie sie am Abend mit mir betete und wie sie manchmal schnarchte.

Ich erinnere mich an Tage im Sommer, an denen ich Buden baute im Garten, aus Stühlen und Decken, unter denen es heiß und dunkel war und in denen es nach Gras duftete.

Ich erinnere mich an Spritzgebäckteig durch den Fleischwolf.

Ich erinnere mich an den Tag, als ich sie das erste Mal in der Geschlossenen besuchte, die Kotze vor der Tür und ihr zittriges Streicheln auf der Haut, das ich seither nicht mehr ertrage, niemals mehr ertrage.

Ich erinnere mich an die Nacht im Bus, als er den Arm um mich legte und seine Wange an meine schmiegte. Ich erinnere, wie es kratzte und wärmte. Der erste Kuss.

Ich erinnere mich an Wassereis und süße Tüte, an Kaugummis aus dem Automaten, an Brausestangen und die Drogerie gegenüber der Schule, vollgestopft bis unters Dach, und immer roch es nach Waschmittel und 4711.

Ich erinnere mich an den Weg zur Schule, die Strecke durch den Wald, die ich auch im Dunkeln finde, mit Blick in den Mondhimmel, wo die Lücke oben in den Bäumen den Füßen unten den Weg weist.

Ich erinnere mich an jeden Toten, den ich sah, und noch mehr an jeden Toten, den ich zum Abschied streichelte.

Ich erinnnere mich an den Spurt über die Kirchenwiese, die wir nicht betreten durften, die uns allerdings gute 500 Meter Weg sparte, mit den Rufen des Pastors im Nacken. Ich erinnere mich, wie ebendieser Pastor an einem Dienstagnachmittag den Katejumenenunterricht verließ und nicht wiederkam, weil wir alle kein einziges Wort auswendig gelernt hatten.

Ich erinnere mich, wie er durchs Gate ging, mit Rucksack und Uniform, und ich nicht wusste, ob er wiederkommen würde, wie er wiederkommen würde und ob er dann noch ganz sein würde, an Körper und Seele.

Ich erinnere mich an den Tag, als die Polizei mir, nachdem sie auf mein Geheiß die Tür aufgebrochen hatte, sagte, es sei doch alles in Ordnung, nicht in bester, aber doch in Ordnung, denn sie lebe ja immerhin und sei sicher nur betrunken. Aber sie war eben nicht betrunken, und das ist das eigentlich Schlimme.

Ich erinnere mich an Vieles nicht, an Vieles aus Zeiten, die mich tief verletzt haben, und ich glaube, das ist der Grund, warum ich heute so fröhlich bin – und warum ich mich entschieden habe, immer guter Dinge zu sein.

Ich erinnere mich an das warme Gefühl des Daheimseins bei ihm und an das Gefühl, nah an seinem Körper zu liegen. Ich erinnere mich, wie wir uns das erste Mal gegenüber lagen, Gesicht an Gesicht, der Atem zitterte, dann das erste Vortasten der Lippen, das Gefühl von Neugier und Selbstverständlichkeit.

Ich erinnere mich an Wind auf der Haut und Sand auf den Wangen und eine sehr große Zufriedenheit.

Ich erinnere mich an das Auto, das neben mir hielt, an den Mann, der das Fenster hinunterkurbelte und mich nach dem Weg zum Puff fragte, eine Gefriertüte mit Ejakulat  um den erigierten Penis.

Ich erinnere mich an Moskau in den 90ern, an den Geruch des Sozialismus, an den ersten Liebesbrief, den ich dort bekam, von Pavel.

Ich erinnere mich an Abende im Kinderzimmer, unten auf der Terrasse der Besuch, seine Gespräche, sein Lachen, und oben das gute Gefühl, nicht allein zu sein.

Ich erinnere mich an den Baum, der Äste hatte wie Treppen, auf den ich hinaufklettern konnte bis fast in die Krone. Ich erinnere mich, wie wir dorthin liefen, den kleinen Bach entlang, das Feld mit den Kletten meidend, und Staudämme bauten.

Ich erinnere mich an Wanderungen, viele und tolle, an die Anstrengung hinauf und die Freude am ersten Ausblick. An den Wind in der Höhe, an das Gefühl der Sonne auf der Haut. An den Geschmack des Wassers, des Brotes und der Bananen auf dem Gipfel und an den wohligen Schmerz der Muskeln.

Ich erinnere mich an Menschen, fast nur an Menschen. Ich erinnere mich an Gefühle, an Gerüche, an Berührungen, wenig an Ereignisse. Und ich erinnere mich an noch sehr viel mehr. Das erzähle ich Ihnen dann mal in der Kneipe.

#WMDEDGT: Oktober 2017

6. 10. 2017  •  5 Kommentare

Gestern war der 5. des Monats. Der Tag für:

Was machst du eigentlich den ganzen Tag? (#WMDEDGT)

Eine Initiative zur Förderung des Tagebuchbloggens – Idee von Frau Brüllen. Sie sehen heute: einen Seminar-Tag.

06:50 Uhr

Wecker. Snooze.

07:00 Uhr

Wecker. Aufstehen.

Heute ist Seminartag: Ich bin am Institut für Journalistik der TU Dortmund. Es ist die Woche vor dem offiziellen Semesterbeginn. Ich gestalte einen Tag für die Lehrredaktion Print/Magazin. Es geht um kreatives und gutes Schreiben.

08:15 Uhr

Das Seminar beginnt um 10 Uhr. Vor Veranstaltungen bin ich immer eine Stunde früher vor Ort, um den Raum vorzubereiten, nochmal meine Materialien zu sichten, die Teilnehmer*innen willkommen zu heißen und einen Kaffee zu trinken.

Ich breche also daheim auf. Die Stadt Dortmund hat sich vor einigen Wochen überlegt, zwei Einfallstraßen aus dem Süden komplett zu sperren . Als ob das in einer 600.000-Einwohner-Stadt nicht bereits ausreichte, um Ungemach zu verursachen, sind zusätzlich zwei Auffahrten auf die Ausweichstrecke gesperrt (Wer denkt sich sowas aus?!). Es herrscht ein sensationelles Chaos. Ich benötige eine Stunde für die knapp zwölf Kilometer lange Strecke.

10:00 Uhr

Seminarbeginn. Wir starten mit kleinen Aufwärmübungen: „Dein Morgen ohne Verben“. Danach geht es weiter mit klassischen Darstellungsformen und ihrer Verwendung im Magazin. Wir machen eine Übung für alternative, freie Darstellungsformen.

13:00 Uhr

Mittagspause. Zum Nachtisch kaufe ich eine Waffel. An der TU gab es bis vor kurzem die besten Waffeln Dortmunds. Dagegen konnte jeder Bäcker einpacken: hell, weich, ein schlichter, aber guter Teig, nicht zu süß. Regelmäßig eine glatte 10 auf der Internationalen Waffelskala™.

Der Waffelverantwortliche der Mensa hat jedoch das Waffelkonzept geändert: Es gibt nun Waffeln aus einem Poffertje-artigen Eisen. Keine Veränderung zum Guten: nur noch lieb gemeinte 8 Punkte.

14 Uhr

Es geht weiter im Seminar – mit Perspektivwechseln. Danach zeige ich eine Methode, wie man Themen konkretisiert. Außerdem beschreiben wir Menschen, ohne Adjektive zu benutzen. Denn: Adjektive sind die Pest. Sie sind wertend, nehmen dem Leser seine Autonomie und bevormunden ihn.

17 Uhr

Ende des Seminars. Ich halte noch ein Schwätzchen erst mit Studenten, dann mit meiner Auftraggeberin. Dann fahre ich heim.

18 Uhr

Stau auf dem Heimweg – wer hätt’s gedacht. Dieses Bundesland ist eine Katastrophe. Schon am Tag zuvor war ich Teil von 400 Kilometern Stau. Beziehungsweise: Ich war der Teil, der nicht mal in den 400 Kilometern enthalten war, denn mein Stau war zur Autobahn hin und von der Autobahn weg  – gezählt wird ja nur auf der Autobahn. Ich gebe nochmal 15 Kilometer kostenlos dazu.

Ich würde so gerne sagen: „Man müsste mal …!“, doch ich weiß selbst keine Lösung für die unsägliche Verkehrssituation in Nordrhein-Westfalen. Nur eins ist klar: Da muss richtig viel Geld reingepumpt werden. In Schienen, in Straßen, in Radwege. Dazu der Mut und der Wille, intensiv alternative Konzepte zu erproben, denn allein über Schiene und Straße wird das nicht funktionieren.

Es ist absurd, dass ich für die Strecke vom Vortag regulär 35 Minuten mit dem Auto benötige – real aber 80. Mit dem ÖPNV würde ich allerdings 2:20 Stunden brauchen – mit dreimal Umsteigen. Wenn alles klappt. Das ist alles ein Witz.

Wie dem auch sei. Ich nutzte die Heimfahrt, um mit einer Kundin noch Details für einen Auftrag am kommenden Dienstag durchzusprechen.

20 Uhr

Training mit den Kalendergirls. Ich bin derzeit Halbinvalide wegen einer Lappalie, die ziemlich weh tut und leider auch keine Lappalie bleibt, wenn man sie nicht auskuriert. Deshalb turne ich am Rand mit Thera-Bändern. Mit Thera-Bändern kann man durchaus ernsthaft arbeiten, und wenn man das tut, hat man am nächsten Tag deutlichen Muskelkater. So wie ich heute.

22:30 Uhr

Daheim. Ich schaue in der ARD-Mediathek noch zwei Dokus. Über Kommissare, die alte Fälle wieder aus dem Archiv geholt und gelöst haben, und über Handwerker, die keine Ausbzubildenden finden. Ich finde die Links jetzt nicht.

00:00 Uhr

Bett.

Die Professionalisierung der Kalendergirls

4. 10. 2017  •  4 Kommentare

Sportsgeist, Grandezza, Raffinesse – es gibt Neuigkeiten von den Kalendergirls. Die zauberhafteste Handballmannschaft Dortmunds ist in ihre dritte Saison gestartet.

In der Vorbereitung sind wir neue Wege gegangen und haben komplett auf Waldläufe verzichtet. Stattdessen haben wir in jedem Training gegen 20 Jahre jüngere, pfeilschnelle A-Jugendliche gespielt. Das Ergebnis: völlige Entkräftung Rasanz und Spielwitz.

Doch nicht nur auf dem Platz haben wir gearbeitet. Wie es sich für eine aufstrebende Mannschaft gehört, lief hinter den Kulissen eine ausgeklügelte Marketing- und Organisationsmaschinerie.

Um die wachsende Nachfrage unserer Fans zu bedienen, hat der Verein eine Dauerkarte eingeführt. Zum Vorzugspreis von 15 Euro (ermäßigt 10 Euro) können Sie ab sofort alle Heimspiele der Kalendergirls auf einem Premiumplatz* genießen.

Dauerkarte für die Saison 2017/2018

660 Minuten Eleganz, Dynamik und technische Finessen zum Gegenwert von drei Starbucks-Kaffees! Für zwei zusätzliche Euro pro Spiel können Sie überdies unser Fan-Menü erwerben: ein Radler plus zwei Mettbrötchenhälften, serviert auf einer Genießerpappschale.

Als Dreingabe haben Sie kostenlos Eintritt zu den Spielen unserer 1. Herren. Unsere Herrenmannschaft spielt ebenfalls sehr schön, wenngleich weniger anmutig. Im Gegenzug sind die Herren deutlich jünger, und es gibt ein paar mehr Singles. Bislang konnten wir schon mehr als 50 Dauerkarten verschenken verkaufen. Greifen Sie zu, solange das Angebot heiß ist.

Unser geschätzter Trainer hat außerdem daran gearbeitet, unsere internen Prozesse zu optimieren. Wir nutzen nun eine Mannschaftsapp. Sie heißt „Spielerplus“, und wir wickeln über sie das gesamte Mannschaftsgeschäft ab: Spiel- und Trainingsteilnahme, Mannschaftskasse, Urlaube und Verletzungsmeldungen.

Der Trainer hat die App so eingestellt – warum bloß? -, dass sie uns an unsere Pflichten erinnert.

In ca. 6 Stunden findet dein Spiel statt

So können wir nun rechtzeitig vor dem Spiel mit der mentalen Vorbereitung beginnen. Schließlich sind in unserem Alter körperlichen Zustand Leistungsbereich Wille und Einstellung das A und O.

Die App gibt auch Auskunft über unsere aktuelle Aufstellung.

Aufstellung veröffentlicht: Die Aufstellung für das Spiel am 28.09. gegen Aplerbecker Mark wurde freigegeben

Bislang hat jedoch noch kein Pressevertreter Interesse angemeldet. Wir arbeiten an unseren Kontakten zur überregionalen Sportberichterstattung.

Nach vier Spieltagen mit drei Spielen und einer Spielverlegung stehen wir zurzeit übrigens auf Platz Zwei der Kreisliga-Tabelle.

*von zwei Kalendergirls eigens herbeigetragene Turnbank



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