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Schaufahren der Schiffsmodellbaugruppe

31. 07. 2017  •  2 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Anrainer«

Ich habe einen Faible für Stilbrüche – Dinge, die nicht zueinander passen, aber doch so inszeniert sind, als seien sie Eins. Das geht mir bei Kleidung so, bei Architektur und bei Menschen – und beim Zusammenspiel zwischen Menschen und ihrer Umgebung.

Vielleicht mag ich ihn deshalb so, den See in meiner Nähe: Weil Menschen sich dort, wo alles stylish geplant ist, ihre Nischen schaffen. Man muss nur genau hinsehen.

Da ist also dieses frisch angelegte Hafenareal: Bürogebäude mit Glasfassaden, die in der Sonne glitzern. Eisdielen und ein Steakrestaurant. Cafés mit Decken gegen kühle Sommerabende. Ein Straßenpflaster, das frei von Fugenunkraut und Kaugummiresten ist.

Etwa zweihundert Meter davor, neben dem Schotterweg, der den See umrandet, befindet sich ein Holzsteg, eher breit als lang, von der Größe einer Reihenhausterrasse. Jeden Sonntag zwischen 10 und 12 Uhr sitzen dort Männer auf Klappstühlen, der Rücken rund, auf dem Schopf eine Kapitänsmütze, die Augen starr aufs Wasser gerichtet, eine Fernsteuerung zwischen den gespreizten Knien. Sie sind zumeist älter, es sind aber auch jüngere Männer dabei: Männer, die auf eine Art und Weise jung sind, als seien sie immer schon alt gewesen.

Es ist die Schiffsmodellbaugruppe Phoenixsee, die sich dort, ungeachtet futuristischer Glasbauten, Apérol trinkender Frühstückspärchen und der vorbeijoggenden Freestyle-Outdoor-Trainingsgruppe jede Woche und zusätzlich an Feiertagen zum gemeinsamen Schaufahren trifft. Schaufahren, das heißt: Auf dem Wasser ziehen ihre Schätze surrend Kreise. Es sind Boote und Jollen, Kutter, Segler und Schlepper, Container- und Schlachtschiffe, darunter originalgetreue Nachbauten und natürlich die Seenotrettung. Manche der Boote machen Fahrgeräusche, andere haben blinkende Lämpchen, wieder andere gleiten lautlos gegen schlafende, auf den Wellen wippende Enten, die blinzend hochschrecken.

Ab und an lenken die Männer – es sind ausschließlich Männer – ihr Boot an den Steg, beugen sich vor und nehmen es aus dem Wasser. Dann begutachten sie es von unten und von der Seite, klopfen hier und streicheln da und setzen es wieder in den See. Das ist meist der Beginn eines Gesprächs mit dem Nebensitzer: Daumenstrich über den Rumpf, ein Wort zum Sitznachbarn, und schon sind sie im Fachdiskurs über Laufbleche, Relingstützen und Digitalsounds für Kran- und Windengeräusche.

Dreihundert Meter weiter befindet sich der Yachtclub Phoenixsee: ein mit Metallzaun eingerüstetes Areal, in dem Segelboote neben einem Toilettencontainer stehen. Davor sind ebenfalls Stege: lange Holzwege, an denen weitere Boote vertäut sind. Bei gutem Wind steigen Menschen in Schwimmwesten ein und segeln über den See: 500 Meter nach links bis zum Bürohafen, 400 nach rechts bis zur Abraumhalde – ganz mondän, wenngleich der Radius weltumspannender sein könnte, aber was will man machen.

Dazwischen also sitzen sie, die Modellbau-Schaufahrer auf ihren Klappstühlen: vor Glasfassaden und vorbeilaufenden Funktionskleidungssportlern, im Rücken eckige Niedrigenergiehäuser, vor sich die Brotbox mit Klappstulle. Menschen, die allem um sie herum trotzen und die mich seltsam glücklich machen.

Kommentare

2 Antworten: Bestellung aufgeben ⇓

  1. Kvinna sagt:

    Anachronismus. Sehr fein.

  2. jpr sagt:

    Nischen schaffen sich, wo Freiraum ist – die Faszination ist ja nicht immer nachzuvollziehen, aber sie zu beobachten ist eben selber auch immer spannend. Mir ist das einer der Gruende, warum ich die ausgreifender werdende private Nutzung des oeffentlichen Raums so schade finde, denn wenn es jemanden gibt, der Regeln vorgibt, faellt die Nutzung einer Nische meist flach.

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