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Podien, Männer, Frauen und Wut

29. 11. 2016  •  6 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Lebenslage«

Am vergangenen Freitag besuchte ich den DWNRW Summit 2016, den Tag der Digitalen Wirtschaft NRW, auf der Zeche Zollverein.

Aus vielen Gründen war das eine gute Veranstaltung: breites Themenspektrum, Vorstellung der neu entstehenden Hubs in Nordrhein-Westfalen – darunter das hub.ruhr – und eine tolle Location, die das reflektiert, worum es geht, den Strukturwandel. Eine Konferenz, die dem Ruhrgebiet gut zu Gesicht steht.

Doch eine Anmerkung möchte ich machen – exemplarisch für viele Veranstaltungen:
51 Vortragende, davon 45 Männer.

Das macht mich wütend.

Homogenität hemmt, wenn man Fortschritt gestalten möchte. In einem Markt, der heterogene Innovationen erfordert, weil Kundenwünsche immer individueller werden. In Unternehmen, die auf crossfunktionale Teams setzen, um aus unterschiedlichen Richtungen auf Produkte und Prozesse zu blicken – damit möglichst ganzheitliche Lösungen herauskommen. In einer Welt, in der wir alle leben. Und alle konsumieren.

Wenn es sich um die Jahreshauptversammlung pensionierter Bergleute oder um die „Fachkonferenz Hodenhochstand“ handeln würde: geschenkt. Aber doch nicht bei Themen wie digitale Transformationpolitische Kommunikation, meinetwegen auch Thrombose oder, ganz ironiefrei, die Macht des tradierten Denkens.

Die Unterrepräsentation von Frauen hat unter anderem mit der Sehnsucht nach Vorständen bei der Besetzung von Podien zu tun. Vorstände können mir interessante Dinge über strategische Ausrichtungen von Konzernen sagen. Sie sind damit aber auch nur eine Perspektive von vielen. Ich höre genauso gerne denen zu, die an der Basis arbeiten und operativ umsetzen.

Entsprechend waren beim DWNRW Summit die interessantesten Wortbeiträge diejenigen, in denen MacherInnen auf der Bühne standen: der Geschäftsführer von Foto Koch in Düsseldorf, der sein Einzelhandelsgeschäft umkrempelt. Oder Robin Metz, der mit Helmade online Individualisierungen für Motorradhelme anbietet. Die Haltung, möglichst viele aus der A-Riege auf der Bühne zu haben, damit es eine gute Konferenz wird, erschließt sich mir nicht. Es macht auch die anschließende Kontaktaufnahme und den kommunikativen Austausch schwierig. Denn möchte man MittelständlerInnen zusammenbringen, damit sie gemeinsam an Herausforderungen wachsen, hilft Augenhöhe – und nicht das Manifestieren von Hierarchien mittels unidirektionaler Vortragsformate mit Alpha-Entscheidern in Richtung einer breiten, lauschenden Masse. Paradoxerweise betonen alle in jeder Session, dass flexible Netzwerke unbedingt traditionelle Hierarchien ersetzen sollen, um innovatives, grenzenloses Denken zu fördern.

Ich möchte nicht behaupten, dass Frauen die klügeren Wortbeiträge haben. Es geht um etwas anderes: Da ist einmal die weibliche Perspektive, die bei gesellschaftlichen Debatten ebenso wie bei Produktentwicklungen und Prozessen fehlt. Genauso wie es Perspektiven aus verschiedenen Kulturkreisen und Altersgruppen gibt, basierend auf unterschiedlicher Erfahrung, unterschiedlichen Denkmustern, unterschiedlicher Prioritätensetzung und unterschiedlichen Bedürfnissen in unterschiedlichen Lebensphasen. Diversität zu berücksichtigen – und damit die Bedürfnisse verschiedener Kundengruppen, ist bares Geld.

Zum anderen ist da die Sache mit der Identifikation. Ich bin eine Frau, und ich möchte repräsentiert sein. Ich möchte mich identifizieren können. Ich möchte Meinesgleichen, die auf Podien sitzen, und mir zeigen, was sie geleistet haben. Oder: womit sie gescheitert sind. Und meinetwegen auch: wie dumm man auch als Frau daherquatschen kann.

Es ist wie seinerzeit an der Uni, als Nicht-Akademikerkind, als ich mich plötzlich in einer Welt mit einem fremden Habitus wiederfand, mit einer anderen Haltung gegenüber Wissen, das nicht direkt der handwerklichen Anwendung dient, und Studiengängen, die zu keinem Berufsabschluss führen. Ohne familiären Wegweiser. Ohne Vorbilder, die einem sagen, wie man’s macht und wozu man’s braucht. Oder die einfach nur da sind, als Wegmarke, die man auch erreichen möchte.

In einem Land, dessen Rohstoff Ideen und Wissen sind, brauchen wir Köpfe, die aus unterschiedlichen Richtungen Lösungen erdenken.

Ich identifiziere mich nicht gleichermaßen mit einem Mann. Männer mögen das nicht nachvollziehen können, denn sie sind auf Veranstaltungen ja immer repräsentiert. Versuchen wir es deshalb einmal so, Männer: Haben Sie gegenüber den Beachvolleyball-Olympiasiegerinnen das gleiche Gefühl wie bei gegenüber den männlichen Sportlern? Schauen Sie zu ihnen auf, sind sie ein Idol, geben Sie Ihnen eine Richtung vor? Oder orientieren Sie sich, was Erfolg angeht, doch eher am eigenen Geschlecht?

Symbolbild:

https://twitter.com/Dr_Mama_/status/788285269170647040

Mehr zum Thema: 

Von Pubertät und Podien (Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach)

„Um es klar zu sagen: Ich halte es für eine Veranstaltung für schädlich, wenn sie an einem Format festhält (also vor allem Vorträge, Vorträge, Vorträge, dieses pubertäre Format), das systemimmanent nicht nur überwiegend uninteressant ist, sondern auch viele Frauen, die ich kenne und für gute Lehrerinnen und Erzählerinnen halte, ausschließt.“

Mädchen mit Spielzeugen und ablenkende attraktive Wissenschaftlerinnen (Markus Pössel)

„Während solcher Karriere selbst gibt es dann viele andere kleine Puzzlesteine. Als einzige Studentin unter lauter Männern in Vorlesung oder Seminar zu sitzen. Dumme Sprüche zu hören bekommen. Häufig von männlichen Kommilitonen unterbrochen zu werden, wenn man etwas sagt. Sobald man darauf einmal begonnen hat, zu achten: Noch eine Podiumsdiskussion ohne weibliche Teilnehmer. Und noch eine. Und noch eine.“

Frauen zählen (Anne Schüßler)

„Wir leben nach wie vor in einer Welt, in der uns an jeder Ecke vermittelt ist, dass Mannsein der Normalzustand ist und Frausein das andere. Es ist ein bisschen subtiler geworden und man muss ein bisschen genauer und bewusster gucken (und zählen), aber dann ist es doch sehr einfach zu erkennen.“

Kommentare

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  1. Jakob S sagt:

    Ein wohl eher Nebenaspekt deines Textes, der mich eher irritiert:

    Soweit ich mich bin in meine Kindheit erinnere, habe ich mich nie an einem Sportler orientiert, identifiziert, hochgeschaut, egal ob weiblich oder männlich. Ebenso Politiker oder Wirtschaftskapitäne oder tatsächliche Kapitäne. Sprich, das Konzept der identifizierenden Vorbildfunktion ist mir fremd. Und eigentlich halte ich diesen Mangel für den Grundzustand von Menschen.

    Ja, ich weiss, dass die Pädagogik gerne von Vorbildfunktionen spricht. Aber ich hab das bislang für eine Metapher gehalten, dass über diesen Umweg das eigentlich wichtige, abstrakte Werte, vermittelt werden sollen, aber dass das ein Symptom der generellen Hilflosigkeit der Menschen ist, Menschen zu verstehen. Quasi ein Hack. Aber eben kein im Menschen intrinsisch angelegtes Gefühl.

    Ebenso das fanatische Fan von Irgendwas sein auf dem Schulhof: Es ist wieder nur ein Symbol, das auf irgendwas zeigt, nämlich dem Bedürfnis eine Art Identität zu haben und sich Identität dadurch zu borgen. Aber halt kein im Menschen angelegtes Gefühl.

    Dein Artikel nun sagt das Gegenteil: Dir scheint es wirklich sehr wichtig zu sein? Als tatsächlich eigenes Gefühl, nicht als etwas, was die Gesellschaft dir anerzogen hat, dass man es haben muss?

    (Entschuldige für den Nebenschauplatz. Wenn es zu sehr derailt, lösch ruhig.)

    1. Nessy sagt:

      Danke für die Nachfrage und den Einwand.

      Was ich meine, ist subtiler. Nicht das bewusste Suchen und Finden eines Idols. Ich habe auch kein wirkliches Idol und habe mir keine Fanposter ins Zimmer gehängt. Was ich meine, ist die Bestätigung, dass der eigene Weg richtig und in Ordnung so ist bzw. dass man selbst richtig und in Ordnung ist, in dem, was man möchte und was man tut. Diese Bestätigung ist kein Schulterklopfen oder eine laute Anerkennung, sondern einfach das Vorhandensein anderer, gleicher Menschen und Lebensentwürfe.

      Wenn ich sehe, dass es Handwerker gibt, und wenn ich durch ihr bloßes Dasein merke, dass Handwerker sinnvolle Dinge tun, solche, die einen Lebensunterhalt sichern und die auch mir Spaß machen könnten, gibt es keine emotionalen Hemmnisse, diesen Weg einzuschlagen, wenn in mir der Wunsch aufkeimt, Handwerkerin werden zu wollen. Meine Umgebung wird mich darin allein dadurch unterstützen, dass sie meine Entscheidung nicht hinterfragt. Wenn ich aber Musikerin werden möchte und nicht in einer musischen Umgebung aufwachse, erlebe ich meine Leidenschaft als etwas Unnormales, was es schwieriger macht, ihr nachzugehen, weil ich die Andere bin.

      Alles, was ich alleine tun muss, erfordert mehr Kraft als das, was ich aus einer Gemeinschaft heraus tue. Auch wenn es nur eine gefühlte Gemeinschaft von Menschen ist, die sich bildet, weil Menschen in ähnlichen Situationen eine ähnliche Sprache sprechen.

      Vielleicht fühlen sich Männer ähnlich, die einen Erziehungsberuf ergreifen. Oder die in Pekip-Gruppen sitzen. Man braucht kein Idol, um Erzieher zu werden oder mit dem Kind einen Kurs zu besuchen. Aber man fühlt sich trotz aller intrinsischen Motivation in seiner Rolle wohler, wenn es noch andere gibt, die den gleichen Weg gehen.

  2. flyhigher sagt:

    Ich arbeite in einem Betrieb, wo ein Mann und eine Frau sich die Geschäftsführung teilen. Daher sehe ich wohl dieses Unterrepräsentiert-Sein von Frauen nicht mehr so stark. Was ich immer brandgefährlich finde, ist die sogenannte Frauenquote. Gegen die habe ich Aversionen. Wenn eine Stelle mit einer Frau besetzt wird, damit die Quote erfüllt wird, hat das für mich einen sehr schlechten Beigeschmack. Und ein Stereotyp muss ich leider auch noch bemühen. Frauen, die sich mit sich selbst auseinander gesetzt haben, und quasi einen inneren „Zen-Zustand“ erreicht haben, sind absolut in der Lage, Führungspositionen auszuüben, da möchte ich sogar sagen, dass sie die besseren Führungspersönlichkeiten sind, weil sie Pragmatismus und das „Hinten-rum-Denken“ sowie das Gefüge einer Firma besser beherrschen und besser darauf einwirken können. Frauen, die sich zuwenig selbst hinterfragt haben und das Seelenleben nicht stabil ist, sind mE weniger geeignet in Führungspositionen als Männer, weil Männer ihr Eigenes weniger in den Job mit einbringen als Frauen, und in der Führung daher meist klarer sind, und Persönliches außen vor lassen können. Nicht alle natürlich! Aber nach meiner Erfahrung nach die Mehrheit. (Ich warte auf meine Prügel nach diesem Kommentar ;-)). (Falls es Zweifel geben sollte: Ich bin weiblich.)

    1. Nessy sagt:

      Was die Frauenquote angeht, bin ich zwiegespalten: Prinzipiell haben Sie Recht. Ich frage mich allerdings, ob sie nicht für eine Zeit lang notwendig ist. Ich habe schon in einem Betrieb gearbeitet: 2 Geschäftsführer, 16 Bereiche, 16 Bereichsleiter, keine Frau – obwohl in den Positionen darunter haufenweise Frauen arbeiteten und die Branche auch außerhalb der Firma haufenweise talentierte Kräfte hervorbringt. Bei diversen Personalwechseln: 1 Bereichsleiter weg, 1 neuer hin, wieder männlich. Da frage ich mich schon, ob es nicht eine Kraft von außen braucht, um diese Krusten aufzubrechen. Denn Leistung allein war hier nicht das Kriterium zur Besetzung der Stellen.

      Frauen sind genauso fähig und unfähig zu führen wie Männer. Es gibt zusätzlich die Problematik, dass oft aufgrund von Fachqualifikation befördert wird – und die Führungsqualifikation fehlt. Wenn ab einer bestimmten Hierarchiestufe dann die Führungsaufgabe zur eigentlichen Kernaufgabe wird, beginnt das Dilemma.

  3. lieberanonymaberflyhigherbekannt sagt:

    Ich hab länger überlegt, ob ich das schreiben soll, also in meinem Fall war es so: ich hab in einer Firma mit dreistelliger Mitarbeiterzahl gearbeitet, mit einer Geschäftsführerin, drei der vier Filialen wurden von Frauen geleitet. Frauenquote damals insgesamt bei ca. 70%.
    Meine Abteilung und das Referat hatten jeweils eine Leiterin. Die Referatsleiterin sagte generell, dass sie lieber mit Männern zusammenarbeitet. Die Abteilungsleiterin und die Geschäftsführerin hatten einmal Differenzen bezüglich Kompetenzen, was dazu führte, dass die Abteilungsleiterin gegangen ist, diese Abteilung aufgelöst und auf zwei männlich geführte Abteilungen aufgeteilt wurde.
    Auch andere frei werdende Stellen wurden dann, statt mit internen Bewerberinnen, vermehrt mit externen Männer nachbesetzt.
    Auch in zwei anderen Abteilungen kehrte erst Ruhe ein, als von weiblicher auf männliche Leitung gewechselt wurde.

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