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Rolf Bauerdick: Zigeuner – Begegnungen mit einem ungeliebten Volk

8. 02. 2016  •  12 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Lektüre«

Das Erste, was ich mich bei diesem Buch fragte, ist: „Zigeuner? Darf man das überhaupt sagen?“

Rolf Bauerdick: Zigeuner

Rolf Bauerdick nähert sich dem Thema schrittweise. Er ist Journalist, hat unzählige Reportagereisen unternommen. Viele davon nach Ungarn, Rumänien, Bulgarien, aber auch in andere Länder. Dort hat er Zigeuner besucht: Roma, Sinti, Tzigani, Kalderasch, Ursani, Xoroxane – es gibt unterschiedliche Gruppen und Abstammungen.

In zwölf Kapiteln beschreibt Bauerdick die Lebenswirklichkeit der Zigeuner – so, wie er sie sieht, muss man anfügen, denn seine Sicht ist eine Außensicht, auch wenn er eine zeitlang mit den Menschen gelebt hat. Er beschreibt die Lebenssituationen in den Dörfern Rumäniens und Bulgariens sowie in westeuropäischen Städten. Die Umstände sind meist nicht einfach: Viele Zigeunerfamilien leben in Armut. Bauerdick berichtet von Menschen, die auf Müllkippen in unglaublichem Elend hausen, von Tzigani, die stehlen, und von vergeblichen Versuchen, sie zu integrieren.

Bauerdick hat immer einen freundlichen Blick auf die Menschen, von denen er erzählt. Er benennt aber auch deutlich Verantwortlichkeiten – sowohl auf Seite von Regierungen und Politikern, die Chancen versäumen und Fehlentscheidungen treffen, als auch auf Seiten der Zigeuner, die sich nicht an die Gesellschaftsordnung halten und Straftaten begehen.

Im achten Kapitel geht er schließlich der Frage nach, ob „Zigeuner“ ein Begriff ist, den man benutzen darf. Er nennt Für und Wider und schreibt über die

[…] Gedankenlosigkeit, westeuropäische Sinti und südeuropäische Roma ständig in einem Atemzug zu nennen. (S. 180)

Es sei keinesfalls richtig, statt von Zigeunern, einfach von „Sinti und Roma“ zu sprechen. Das seien zwei verschiedene Volksgruppen – und Tzigani eine weitere.

[…] wenn in den Innenstädten Menschen mit devoten Demutsgesten um Almosen betteln, so hocken in den Fußgängerzonen nie Sinti und Roma, auch wenn die Medien das immer wieder vermelden. Die Bettler sind meist rumänische Tzigani. (S. 180)

Zahlreiche Zigeuner, von denen er berichtet, seien stolz, Zigeuner zu sein – und verfolgen die Debatte um politische Korrektheit mit Amusement. Bauerdick zitiert den Jazzmusiker Markus Reinhardt:

Ihr dürft uns  Zigeuner nennen. Die Vorsicht im Umgang mit dem Wort ist Blödsinn. Die neuen Begriffe haben Politiker erfunden. Wir Zigeuner haben uns krummgelacht, als man entschieden hat, dass man nicht mehr Zigeuner sagen darf. (S. 176)

Rolf Bauerdicks „Zigeuner“ ist Buch, das ich mit Interesse gelesen habe. Nach hinten raus geht ihm allerdings etwas die Puste aus, und es wird redundant. Insgesamt aber ein guter Einstieg, um sich dem Thema zu nähern.

Mich würde nun interessieren, wie ein Sinto oder eine Romni das Buch liest.

*

Das Buch wurde mir zur Rezension zur Verfügung gestellt. Ich rezensiere nur Bücher, die ich mir auch gekauft hätte.

Kommentare

12 Antworten: Bestellung aufgeben ⇓

  1. martin III. sagt:

    Ich hoffe auf interessante Antworten auf die letzte Frage.

    („Sinti und Roma“ fand ich schon immer doof, so als würde man von „Österreicher und Schweizer“ reden – entweder ist man das eine oder das andere. Die Frage ist nur wie ein vorurteilsfreier Sammelbegriff lauten könnte)

    1. Uwe sagt:

      Ein Vorurteilsfreier Name? Na, Zigeuner eben.
      Zigeuner ist meiner Meinung nach nur deshalb bei vielen geringschätzig, weil die übereifrigen in ihrer political correctness das Wort stigmatisiert haben. Ich persönlich finde am Wort Zigeuner genauso wenig falsch wie an einem Mohrenkopf.

    2. Nihilistin sagt:

      @Uwe: Und eigentlich ist es auch ok, „Neger“ zu sagen, nicht wahr? Und auch bei „Mongos“ und „Spastis“ sollen sich die pc-Tröten mal nicht so haben, gell?

      Soweit ich Frau Nessys Rezension verstehe, macht Herr Bauerdick das, was Sie genau nicht machen: Differenziert betrachten, viel Sachkunde einfliessen lassen, die Betroffenen selber sprechen lassen. Da kann ich dann immer noch anderer Meinung sein, aber auf Augenhöhe, ohne Diffamierung und unter Einbeziehung der Meinung der Betroffenen. Ich kann nicht erkennen, daß Sie das ansatzweise tun.

  2. Uwe sagt:

    Oh, entschuldigen Sie bitte, dass ich Ihre sensible Meinung verletzt habe.
    Ganz klar ist Pippis Langstrumpfs Vater Inselkönig gewesen und kein Negerkönig. Wo kämen wir denn da hin? Astrid Lindgren war sicher auch so eine rechte Ausländerhasserin.

    1. Nihilistin sagt:

      @Uwe: Bitte vergessen Sie nicht noch:
      – ich kenne einen Schwarzen, der bezeichnet sich selber als „Neger“, deshalb tue ich das auch
      – in meiner Grundschulzeit haben wir uns immer gegenseitig „Spasti“ genannt, und der Behinderte bei uns in der Klasse hat auch immer mitgelacht
      – Juden lachen ja auch über Judenwitze
      – alles Gutmenschen hier
      – das wird man ja doch nochmal sagen dürfen, Schluss mit der Zensur!

      *gähn* over and out

    2. Uwe sagt:

      [Link entfernt. Grund: Hatte nichts mit Thema des Blogbeitrags zu tun. –vg]

  3. antagonistin sagt:

    Uwe, machen Sie doch einfach ein buntes Schleifchen um Ihre verwirrten Synapsen und lassen den Scheuklappen ein wenig Pflege angedeihen. Sie schaffen das.

  4. Nessy sagt:

    Bitte finden Sie alle Drei zu einem sachlichen, respektvollen Ton zurück. Beleidigungen akzeptiere ich hier nicht.

    Zur Negerkönig-Frage empfehle in den Beitrag des Sprachwissenschaftlers Anatol Stefanowitsch. Lesenswert ist in diesem Zusammenhang auch der Beitrag von Susanne Flach zu gerechter Sprache und einem Eingriff in den Sprachgebrauch.

    Um zum eigentlichen Thema des Textes zurückzukommen:

    Anatol Stefanowitsch beschäftigt sich auch mit Zigeunerschnitzel und Zigeunersauce.

  5. Frau Vorgarten sagt:

    offtopic:
    Liebe Frau Nessy, muss ich wirklich jedes Mal anklicken, dass ich Kekse will?
    Das nervt schon irgendwie… :-(
    Können Sie Ihr Personal nicht so schulen, dass es sich das merkt?
    Oder an wem liegt das sonst?

    1. Nessy sagt:

      Ich habe eine Betriebsversammlung gemacht und die Kekssache intern besprochen. Jetzt sollte es gehen.

    2. antagonistin sagt:

      Bei mir geht es noch nicht. Ich klick immer noch jedes Mal Kekse. :)

    3. Frau Vorgarten sagt:

      danke! es funktioniert.

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