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Im Zentralbüro für Erdrotation: Frühjahrspläne

Professorin O. Mega ist frustriert. Vor sechs Monaten hat sie einen nordkoreanischen Despoten überlistet und der Welt die Schaltsekunde gerettet – doch niemand hat davon Kenntnis genommen. Sie zitiert ihren Assistenten zu sich.

„Kommen Sie her, Euler“, sie wedelt mit dem Zeigefinger und deutet auf den Konferenztisch, auf dem trockene Kekse oxidieren. „Setzen Sie sich. Wir müssen etwas besprechen.“

Euler trottet heran, lässt sich in Poäng fallen und wippt sacht vor und zurück. Ohne den Blick zu heben, holt er sein Mobiltelefon aus der Tasche. Seit er bei Tinder ist, klebt ihm das Ding an der Hand.

„Wir müssen etwas für unsere Reputation tun.“ Olga beugt sich vor. „Niemand hat mitgekriegt, dass wir die Welt vor zeitlicher Unwucht gerettet haben. Nicht einmal Blogleser. Das müssen wir ändern.“

„Wir mussten die Sache geheim halten. Anweisung von oben.“
„Mag sein. Aber jetzt brauchen wir Publicity. Nur so fließen weiter Subventionen.“

Euler blickt vom Telefon auf. „Wir brauchen ein neues Projekt. Seit Ende Juni tun wir nichts weiter, als die Erdrotation zu beobachten, um die nächste Schaltsekunde zu bestimmen.“

„Oder Schaltstunde, Euler. Ich bin dafür, etwas mehr Pfiff in die Sache zu bringen und der Menschheit im Jahr 2600 eine ganze Stunde zu schenken – statt zwischendurch immer mal eine Sekunde. Was glauben Sie, was dann hier los ist? Allein die Arbeitnehmervertreter werden sich an dem Thema wochenlang abarbeiten.“

Euler schaut wieder auf sein Handy, wischt mit dem Daumen über das Display. „Sex, Drugs & Rock’n’Roll“, murmelt er. „Das ist es doch, was diese einfältigen Leute wollen.“

„Sie schließen zu sehr von sich auf andere, Euler!“ Olga deutet auf sein Smartphone. „Stecken Sie mal die Liebe weg und denken Sie mit dem Kopf.“ Sie steht auf und stolziert im Raum auf und ab. Im Vorbeigehen gibt Sie dem Kugelstoßpendel einen Impuls. „Wir brauchen etwas, das die Leute bewegt.“ Klack, klack, klack.

Euler tippt mit beiden Daumen auf dem Display herum.

„Mit wem schreiben Sie da eigentlich?“
„Sie nennt sich Maria Curie.“
„Wie einfallsreich. Und Sie sind? Becquerel?“
Er wird rot.
Sie kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Geben Sie’s zu: Sie sehnen sich nach dem Röntgenblick.“
Er schaut verschämt in seinen Schoß. „Sie überschätzen meine Libido, Frau Professor.“
Euler und Libido in einem Satz. Sie geht zum Kugelstoßpendel. Klack, klack. Elastische Stöße. Knick, Knack. Euler.

Diese Bilder. Sie muss sich ablenken. „Was sie auf dem Leibe hat, ist vier mal Pi mal R Quadrat.“ Nein, das hilft nicht. „Was kugelt da an mir vorbei? Vier Drittel Pi mal R hoch drei!“ Es muss abstrakter sein. Ihre Gedanken brauchen Erdung. „Wenn du kennen willst Ampere, teile einfach U durch R.“

„Wie wäre es mit El Niño als nächstes Projekt, Euler? Meinen Sie, wir könnten uns da ranhängen? … Euler!“

Er blickt vom Handy auf. „El Niño? Was soll ich mit El Niño? Ich bin doch kein Wetterfrosch.“
„Wenn wir die Winkelgeschwindigkeit verändern?“
Er macht eine wegwerfende Handbewegung.
„Die Passatwinde?“
Er blickt aus dem Fenster. „Wissen Sie, was mich beschäftigt?“ Er seufzt leise. „Wir Singles … sind wir nicht alle positiv geladene Kerne? Wir wollen einander, wir sehnen uns nach Fusion, und doch gibt es diese Kraft, deretwegen wir nicht zueinander finden.“

Olga breitet die Arme aus, als wolle sie ihn segnen. „Sie sind ein Genie!“ Sie nimmt seinen Gesicht in beide Hände. „Zwei Menschen! Wie zwei Atomkerne! Der Coulombwall! Kernfusion! Ich könnte Sie küssen!“

Er schaut sie verstört an.

Sie lässt von ihm ab. „War nur so ein Gedanke.“

Eulers Handy piept. „Marie will mich treffen“, sagt er.
„Das machen wir zum Geschäftsmodell, Euler. Jetzt im Frühjahr. Das ist unsere Chance!“

Fortsetzung folgt.

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Alle Geschichten aus dem Zentralbüro für Erdrotation

Wo alles seinen Anfang nahm

Kommentare

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  1. jpr sagt:

    Ach, diese Geheimkampagne. Jetzt ist sie nicht nur für Nordkorea veranwortlich, sondern auch für Frühlingsgefühle und den Golfstrom?
    Ich ahne schon, dass wir auch noch Einfluss auf die Vogelwanderbewegung und die gefühlte Länge der Nacht in der Sommerzeitumstellung finden werden.
    Aber, liebe Frau Nessy, falls Sie irgendeinen Kanal zu Fr. Dr. Mega haben: bringen Sie doch Ihren hervorragenden Somstags-Vorschlag ins Gespräch. Damit wäre so viel gewonnen…

    1. Nessy sagt:

      Welch hervorragende Idee! Da bin ich gar nicht d’rauf gekommen. Das würde aber so viele Alltagsprobleme lösen, wenn Olga und Euler diese mal angehen würden.

  2. flyhigher sagt:

    Liebe Frau Nessy, das beweist wieder mal: Sogar die intelligentesten, hochentwickeltsten , verantwortungsvollsten Wesen unter uns streben nur nach einem: Dem „perfect match“, dem Traumpartner, dem „Nicht-mehr-Single-sein“. Mögen die Spiele beginnen!

    1. Nessy sagt:

      Bei Olga bin ich mir da nicht zu sicher. Sie würde das „perfect match“ wohl nehmen, aber strebt sie danach? Ich bespreche das demnächst mal mit ihr.

  3. Cliff McLane sagt:

    Das ist … genial!

    Ich weiß nicht was am besten ist, aber mein Favorit sind die oxidierenden Kekse.

    Und mit Ciffhanger! Nur, ich hätte ihn anders aufgebaut:

    Megas Handy piept. „Marie will mich treffen“.
    Euler, „Oh, okay“.
    „Tut mir leid, es ist eine Frauenbar, du verstehst sicher …“, lächelte Mega Euler an, „aber …“
    „Ja“, murmelte Euler, „ich verstehe. Rufst du mir ein Taxi?“

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