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Englische Woche in der Kreisklasse

29. 02. 2016  •  14 Kommentare

Die Kalendergirl-isierung ist vollzogen. Ich bin wieder Handballerin.

Schon vor Wochen habe ich mein Trikot bekommen. Der Verein ist beeindruckend konsequent, wenn er erstmal jemanden am Haken hat.

Die Kalendergirls spielen  in der untersten Liga, der Kreisklasse. Dort fängt man als neu gegründete Mannschaft an. Das hat viele Vorteile. Wir können zum Beispiel nicht absteigen. Außerdem sind die Herausforderungen, was taktische Raffinessen und die Geschwindigkeit des Spiels angeht, machbar: Sowohl Spielerinnen als auch das Publikum können während des Matchs immer auch ein bisschen den eigenen Gedanken nachhängen, ohne das Geschehen gleich aus den Augen zu verlieren.

Die ersten Spiele liefen ganz gut. Ich habe mich nicht verletzt und musste auch keinen Tempogegenstoß laufen.

Um eine Idee von unseren Auftritten zu bekommen, stellen Sie sich bitte unsere dynamisch-kraftvollen Jungs aus der Nationalmannschaft vor.
In Zeitlupenwiederholung.
Davon nochmal die Hälfte.
Minus 50 Prozent.
Mit Brüsten.
Nach dem Frühstück von zwei Brötchen und einer Puddingschnecke.

Ich fühle mich sehr wohl.

Ich sorge mich allerdings um die Zukunft. Nachdem wir am Samstagabend 38:17 gewonnen haben, können wir – dank englischer Woche – schon am nächsten Sonntag vorzeitig aufsteigen. Das war natürlich nicht mein Plan. Mein Plan war, ein bisschen Gesellschaft mit angeschlossenem Spielbetrieb zu haben. Und jetzt. Dieser. Druck.

//*Einatmegeräusch

Zeit, sich aufs Wesentliche zu besinnen.
Mannschaftsfahrt.

Die Lieblingstweets im Februar

28. 02. 2016  •  8 Kommentare

Twitterlieblinge 02/2016:

Rolf Bauerdick: Pakete an Frau Blech

25. 02. 2016  •  Keine Kommentare

Ein unterhaltsames, leicht anarchisches Buch:

Rolf_Bauerdick_Pakete_an_Frau_Blech

Was ist die Geschichte?

Maik Kleine reist nach Berlin: Sein väterlicher Freund, der exzentrische Zirkusdirektor Alberto Bellmonti, wird zu Grabe getragen. Kaum ist er unter der Erde, tauchen verstörende Gerüchte auf: Bellmonti soll für die Stasi gearbeitet haben. Zusammen mit Szymbo, dem Kapellmeister, und Albina, der schwebenden Jungfrau, begibt Maik sich auf  Spurensuche in die DDR-Vergangenheit – die Bellmontis und seine eigene.

Woher kennt man den Autor?

Vom Sachbuch „Zigeuner – Begegnungen mit einem ungeliebten Volk“.

Was gefällt?

Bauerdick erzählt sehr unterhaltend. Es gibt wenig Längen im Buch, die Geschichte baut locker-flockig aufeinander auf, verwebt mit Zeitsprüngen Gegenwart und Vergangenheit. Denn bis zur Hälfte des Buches wechseln die Kapitel zwischen Jetzt und Damals, zwischen der aktuellen Spurensuche des Trios und der Kindheit Maik Kleines. Maiks Geschwister starben bei einem Brand, er musste mit 12 Jahren seine Mutter und die DDR verlassen – die Gründe sind mysteriös, die Verbindung zur Gegenwart ist es auch.

Fazit:

Eine bellestrische Kriminalgeschichte vor der Kulisse der deutschen Geschichte. Vier von fünf Sternen.

*

Das Buch wurde mir zur Rezension zur Verfügung gestellt. Ich rezensiere nur Bücher, die ich mir auch gekauft hätte.

Im Zentralbüro für Erdrotation: Neue Geschäftsfelder

23. 02. 2016  •  2 Kommentare

Im Zentralbüro für Erdrotation ist Leerlauf. Professorin O. Mega und ihr Assistent Euler brauchen dringend ein neues Projekt. Eulers Aktivität bei Tinder bringt Olga auf eine Idee.

*

Kernfusion! Warum ist sie nicht eher darauf gekommen? Professorin Olga Mega ist elektrisiert.

„Mein Radionuklidchen“, hat Emmet sie in ihren gemeinsamen Zeiten immer genannt, wenn sie so geladen und instabil war . „So energisch bist Du das süßeste Isotöpchen in Gottes großem Reaktor.“ Euler hingegen murmelt fortwährend etwas von „Gewitterwolke“.

Seit sie sein Liebeswerben analysiert, geht er ihr konsequent aus dem Weg. Auch heute ist er zu Dienstbeginn direkt ins Labor verschwunden. Derzeit entwirft er einen zehnschrittigen Kreiselkompassbausatz: weniger als fünfzehn Teile, montierbar mit Holzdübeln und Inbusschlüssel – ein zivilwirtschaftlicher Auftrag eines Möbelhauses.

„Haben Sie diese Nebentätigkeit angemeldet, Euler?“
„Sie haben Sie sogar genehmigt.“
„Sie werden mir hier zur sehr zur Passante. Ich sehe Sie kaum noch.“
„Dass Sie das überhaupt tangiert.“
„Euler. Ich schätze Sie. Als Mensch und als Mitarbeiter.“
„Deshalb übergehen Sie mich also immer.“
„Seit wann sind Sie so ein Sensibelchen, Euler? Lief Ihr Date mit Marie Curie nicht gut?“
„Ich möchte nicht darüber sprechen.“

Olga lehnt sich an den Chromatographiekühlschrank und wedelt mit einem Blatt Papier. „Wollen wir noch einmal unseren Forschungsantrag durchgehen?“ Sie hat nun einige Nächte über ihre neue Projektidee geschlafen und zwei Mind Maps gemalt. Bis nächste Woche muss ihre Power-Point-Präsentation für die Europäische Kommission fertig werden, damit das Antragsverfahren anlaufen kann.

Euler steckt seinen Kardanrahmen zusammen, doch die Kämmung klemmt. Versonnen fummelt er am Holz.

Olga stemmt die freie Hand in die Taille. „Euler?! Actio, Reactio?“

Er reißt die beiden Rahmenstücke wieder auseinander, atmet tief ein und sagt ohne aufzublicken: „Ihr Antrag, Professorin. Nicht unser.“
„Euler. Jetzt mal unter uns zwei Geophysikern. Ich verstehe ja, dass jede Lotabweichung Ihr Koordinatensystem durcheinander bringt. Aber wir müssen neue Geschäftsfelder erschließen. Keine Subventionsmaschinerie füttert auf Dauer zwei Mitarbeiter durch, die sich nur alle drei bis sieben Jahre mal um eine Schaltsekunde kümmern. Nicht mal die EU. Wir müssen unseren Wirkungsgrad erhöhen.“
„Aber doch nicht mit einem Puff.“
Olga schnaubt. „Nun werden Sie nicht zum Moralisten. Wir erforschen lediglich den Wirkungsquerschnitt zweier zusammenstoßender Körper. Die Wahrscheinlichkeit ihrer Verschmelzung. Endotherme und exotherme Beziehungen. Das ist interdisziplinär und international von großem Interessen. Denken Sie nicht auf der Mikro-, sondern auf der Makroebene. Nicht nur einzelne Menschen. Auch Staaten! Wir forschen für den Weltfrieden, mein Lieber.“
„Mir fehlt da noch das Packende.“
„Coreship. Elitefusion. So sollten wir es nennen.“
Euler blickt auf. „Ich bin nicht Ihre Labormaus.“
„Nur noch zwei Dates, Euler. Für die Grundlagenforschung. Wenn wir einen Weg finden, Energiegewinnung nicht nur physikalisch in einem Kernfusionsreaktor stattfinden zu lassen, sondern auch zwischenmenschlich durch die Zusammenführung zweier aneinander interessierter … äh … Isotöpchen, reliabel messbar, reproduzierbar – wir alle wissen, dass Leidenschaft Energie freisetzt. Wenn wir es schaffen, diese Energie zu transferieren, werden wir in die Geschichte eingehen! Wir müssen menschliche Wärme nur in Joule speichern und auf der Makroebene wieder freisetzen. Stellen Sie sich einmal vor: keine Kriege mehr! Dank des Mega’schen Pax-Kondensators.“
„Euler’schen.“
„Nun werden Sie nicht kleinlich.“

Fortsetzung folgt

#

Alle Geschichten aus dem Zentralbüro für Erdrotation

Wo alles seinen Anfang nahm

Overnight Oats: Haferflocken für Hipster

14. 02. 2016  •  28 Kommentare

Bütterken zum Frühstück. Eine gute und solide Sache. Wenn es allerdings auf Donnerstag und Freitag zugeht, habe ich meistens zwei Probleme: kein Brot mehr da. Nix mehr für drauf. Und irgendwie auch keine Lust mehr auf Bütterken.

Instagram-Models, Foodbloggger und Low-Carb-Paleo-Gesundheitsratgeber empfehlen für diese Situationen Dinge wie Joghurt. Mit Früchten. Oder Hüttenkäse mit Tomaten. Das ist sind total töfte Ideen – wenn es danach noch zwei Stullen gibt.

Durch Herrn Paul erfuhr ich von Overnight Oats: aufgehippsterte Haferflocken – zusammengemischtes Zeug im Glas, das über Nacht ruht.

Overnight Oats im Weckglas mit Heidelbeere und Sanddorn

Auf der Seite Overnight Oats gibt es viele Rezepte. Anfangs habe ich einige ausprobiert, inzwischen mische ich frei Schnauze.

  • 5 Esslöffel Haferflocken in ein Gefäß tun
  • Saft dazugießen, bis die Haferflocken matschig sind, aber nicht schwimmen
  • 5 Esslöffel Milchprodukt dazugeben, z.B. Joghurt, Skyr, Magerquark oder eine Mischung daraus
  • Früchte oder Fruchtartiges (z.B. Apfelmus) drauf
  • Glas verschließen und über Nacht in den Kühlschrank stellen.

Über Nacht ziehen die Haferflocken Flüssigkeit und werden schön saftig. Wem es ohne Zucker zu sauer ist, der kann ein viertel bis halbes Tütchen Vanillezucker über den Joghurt tun. Special guest: Leinsamen. Einfach auf den Joghurt streuen.

Als Saft habe ich bislang Maracuja, Orange und Traube ausprobiert, wobei mir Orange zu penetrant war. Die neueste Entdeckung ist Sanddornnektar, der überraschend super ist. Als Früchte mag ich besonders Heidelbeeren und Mango.

So ein Gläschen kommt auch am Wochenende gut – als Stütze zwischen spätem Frühstück und Abendessen – oder als kleines Mittagessen auf der Arbeit.

Und optisch – da fühle ich mich wie eine Foodbloggerin.

Rolf Bauerdick: Zigeuner – Begegnungen mit einem ungeliebten Volk

8. 02. 2016  •  12 Kommentare

Das Erste, was ich mich bei diesem Buch fragte, ist: „Zigeuner? Darf man das überhaupt sagen?“

Rolf Bauerdick: Zigeuner

Rolf Bauerdick nähert sich dem Thema schrittweise. Er ist Journalist, hat unzählige Reportagereisen unternommen. Viele davon nach Ungarn, Rumänien, Bulgarien, aber auch in andere Länder. Dort hat er Zigeuner besucht: Roma, Sinti, Tzigani, Kalderasch, Ursani, Xoroxane – es gibt unterschiedliche Gruppen und Abstammungen.

In zwölf Kapiteln beschreibt Bauerdick die Lebenswirklichkeit der Zigeuner – so, wie er sie sieht, muss man anfügen, denn seine Sicht ist eine Außensicht, auch wenn er eine zeitlang mit den Menschen gelebt hat. Er beschreibt die Lebenssituationen in den Dörfern Rumäniens und Bulgariens sowie in westeuropäischen Städten. Die Umstände sind meist nicht einfach: Viele Zigeunerfamilien leben in Armut. Bauerdick berichtet von Menschen, die auf Müllkippen in unglaublichem Elend hausen, von Tzigani, die stehlen, und von vergeblichen Versuchen, sie zu integrieren.

Bauerdick hat immer einen freundlichen Blick auf die Menschen, von denen er erzählt. Er benennt aber auch deutlich Verantwortlichkeiten – sowohl auf Seite von Regierungen und Politikern, die Chancen versäumen und Fehlentscheidungen treffen, als auch auf Seiten der Zigeuner, die sich nicht an die Gesellschaftsordnung halten und Straftaten begehen.

Im achten Kapitel geht er schließlich der Frage nach, ob „Zigeuner“ ein Begriff ist, den man benutzen darf. Er nennt Für und Wider und schreibt über die

[…] Gedankenlosigkeit, westeuropäische Sinti und südeuropäische Roma ständig in einem Atemzug zu nennen. (S. 180)

Es sei keinesfalls richtig, statt von Zigeunern, einfach von „Sinti und Roma“ zu sprechen. Das seien zwei verschiedene Volksgruppen – und Tzigani eine weitere.

[…] wenn in den Innenstädten Menschen mit devoten Demutsgesten um Almosen betteln, so hocken in den Fußgängerzonen nie Sinti und Roma, auch wenn die Medien das immer wieder vermelden. Die Bettler sind meist rumänische Tzigani. (S. 180)

Zahlreiche Zigeuner, von denen er berichtet, seien stolz, Zigeuner zu sein – und verfolgen die Debatte um politische Korrektheit mit Amusement. Bauerdick zitiert den Jazzmusiker Markus Reinhardt:

Ihr dürft uns  Zigeuner nennen. Die Vorsicht im Umgang mit dem Wort ist Blödsinn. Die neuen Begriffe haben Politiker erfunden. Wir Zigeuner haben uns krummgelacht, als man entschieden hat, dass man nicht mehr Zigeuner sagen darf. (S. 176)

Rolf Bauerdicks „Zigeuner“ ist Buch, das ich mit Interesse gelesen habe. Nach hinten raus geht ihm allerdings etwas die Puste aus, und es wird redundant. Insgesamt aber ein guter Einstieg, um sich dem Thema zu nähern.

Mich würde nun interessieren, wie ein Sinto oder eine Romni das Buch liest.

*

Das Buch wurde mir zur Rezension zur Verfügung gestellt. Ich rezensiere nur Bücher, die ich mir auch gekauft hätte.

Glück

5. 02. 2016  •  7 Kommentare

Johannes Korten schreibt über Glück, und ich muss ihm widersprechen.

Es gibt kaum Schöneres, als Kinder beim Glücklichsein zu beobachten. Es ist schade, dass uns diese wunderbare Gabe offenbar irgendwann mit dem Erwachsenwerden abhanden kommt. […] Wenn wir Erwachsenen uns mit unserem Glück beschäftigen, taucht der Begriff fast immer in der Kombination mit dem Wörtchen „Suche“ auf.

Glück ist der Zustand jener Vollkommenheit, den wir auch als Erwachsene erreichen, wenn wir für einen Augenblick unsere Vergangenheit loslassen und nicht an die Zukunft denken.

Es kommt immer dann, wenn wir nichts erwarten – weshalb es umso großartiger ist. Doch der Moment ist flüchtig; und um ihn aktiv herbeizuführen, sind wir zu sehr die Summe unserer Erfahrungen. Deshalb können wir das Glück zwar suchen, aber niemals finden – es findet höchstens uns.

Was wir selbst finden können, ist einzig Zufriedenheit: das Wissen, dass wir mit unserem Tun etwas bewirken; das Gefühl, dass wir unseren Bedürfnissen genüge tun.

Allerdings: Nur wenn wir wissen, was wir möchten, können wir suchen, was wir brauchen. Wir können wachsen an unseren Schritten; und manchmal entschließen wir uns gar, das Ziel unseres Weges vorzuverlegen, weil es auf der Etappe bereits so schön ist.

Das Glück ist da, wenn man es zulässt, dass es da ist. Es liegt am Ende vor allem in uns. […] Glück ist […] eine Frage der Haltung.

Glück ist keine Frage des Wollens, und auch Zufriedenheit ist es nicht. Zufriedenheit ist lediglich die Folge von Bestätigung, die wir erlangen – durch uns selbst oder durch andere.

Eine oft vorgetragene Annahme ist, wir müssten nur unsere Einstellung ändern, dann sei auch die elendste Situation mit Genügsamkeit zu ertragen. Doch das ist anmaßend und empathielos. Sofern wir uns auf unsere tatsächlichen Bedürfnisse konzentrieren und nicht nur auf ihre materiellen Ausprägungen, sind wir machtlos gegenüber Momenten großen Unglücks, Phasen der Trauer und der Ausweglosigkeit, Zeiten der Not, in der keine innere Haltung hilft, weil für die Haltung der Halt fehlt, und nur eine -ung bleibt, die niemanden zum Anlehnen hat.

Was dann allein hilft, ist Beistand. Der uns so lange stützt, bis wir wieder alleine stehen können, um unseren Weg weiterzugehen.

Catherine McKenzie: Letzte Nacht

4. 02. 2016  •  Keine Kommentare

Catherine McKenzie: Letzte Nacht

Ein Mann stirbt. Zwei Frauen trauern.

Jeff Manning kommt bei einem Autounfall ums Leben. Er hat eine Frau und einen Sohn, Claire und Seth. Doch nicht nur die beiden trauern um ihn. Auch für Tish, eine Arbeitskollegin, bricht eine Welt zusammen. Sie fährt zur Beerdigung – als Abgesandte der Firma und als Vertraute Jeffs.

Ein gutes Buch?

Mir hat es gefallen. Es ist keine hohe Literatur, auch die Tiefe der Figuren ist überschaubar, die Handlung entwickelt sich ohne große Überraschungen. Aber die Geschichte hat mich gut unterhalten. Ich habe sie innerhalb weniger Tage durchgelesen, wollte unbedingt wissen, wie sie endet, und so soll es ja auch sein. Kategorie: solide Strand- und Bahnfahrlektüre fürs Lesen ohne Nachdenken.

Randbemerkung

„Letzte Nacht“ ist genau die Art von Büchern, die ich zwischendurch sehr gerne lese, deren AutorInnen mich aber mit einem Stilmittel an den Rand des Wahnsinns treiben: das Sich-selbst-Korrigieren.

„Es geht nicht auf. Ich kann Claire und Seth einfach nicht aus der Gleichung streichen. Aber – und du ahnst nicht, wie schwer mir das fällt – wenn ich dich aus der Gleichung streiche, geht sie auf. Dann gibt es eine Lösung. Zumindest denke ich das.“ (S. 385, Fettung von mir)

Ich krieg‘ Puls! Die Hauptfigur zieht Schlussfolgerungen und dann: Handbremse! Ich möchte in diesen gefühlsduseligen Büchern einmal erleben, dass eine Hauptfigur eine wichtige Sache denkt, schreibt oder sagt und dann kein „zumindest“ nachschiebt. Lieber Lektorinnen und Lektoren – ich flehe Euch an, auf Knien: Tötet das Wort „zumindest“!

*

Das Buch wurde mir zur Rezension zur Verfügung gestellt. Ich rezensiere nur Bücher, die ich mir auch gekauft hätte.

Im Zentralbüro für Erdrotation: Frühjahrspläne

3. 02. 2016  •  5 Kommentare

Professorin O. Mega ist frustriert. Vor sechs Monaten hat sie einen nordkoreanischen Despoten überlistet und der Welt die Schaltsekunde gerettet – doch niemand hat davon Kenntnis genommen. Sie zitiert ihren Assistenten zu sich.

„Kommen Sie her, Euler“, sie wedelt mit dem Zeigefinger und deutet auf den Konferenztisch, auf dem trockene Kekse oxidieren. „Setzen Sie sich. Wir müssen etwas besprechen.“

Euler trottet heran, lässt sich in Poäng fallen und wippt sacht vor und zurück. Ohne den Blick zu heben, holt er sein Mobiltelefon aus der Tasche. Seit er bei Tinder ist, klebt ihm das Ding an der Hand.

„Wir müssen etwas für unsere Reputation tun.“ Olga beugt sich vor. „Niemand hat mitgekriegt, dass wir die Welt vor zeitlicher Unwucht gerettet haben. Nicht einmal Blogleser. Das müssen wir ändern.“

„Wir mussten die Sache geheim halten. Anweisung von oben.“
„Mag sein. Aber jetzt brauchen wir Publicity. Nur so fließen weiter Subventionen.“

Euler blickt vom Telefon auf. „Wir brauchen ein neues Projekt. Seit Ende Juni tun wir nichts weiter, als die Erdrotation zu beobachten, um die nächste Schaltsekunde zu bestimmen.“

„Oder Schaltstunde, Euler. Ich bin dafür, etwas mehr Pfiff in die Sache zu bringen und der Menschheit im Jahr 2600 eine ganze Stunde zu schenken – statt zwischendurch immer mal eine Sekunde. Was glauben Sie, was dann hier los ist? Allein die Arbeitnehmervertreter werden sich an dem Thema wochenlang abarbeiten.“

Euler schaut wieder auf sein Handy, wischt mit dem Daumen über das Display. „Sex, Drugs & Rock’n’Roll“, murmelt er. „Das ist es doch, was diese einfältigen Leute wollen.“

„Sie schließen zu sehr von sich auf andere, Euler!“ Olga deutet auf sein Smartphone. „Stecken Sie mal die Liebe weg und denken Sie mit dem Kopf.“ Sie steht auf und stolziert im Raum auf und ab. Im Vorbeigehen gibt Sie dem Kugelstoßpendel einen Impuls. „Wir brauchen etwas, das die Leute bewegt.“ Klack, klack, klack.

Euler tippt mit beiden Daumen auf dem Display herum.

„Mit wem schreiben Sie da eigentlich?“
„Sie nennt sich Maria Curie.“
„Wie einfallsreich. Und Sie sind? Becquerel?“
Er wird rot.
Sie kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Geben Sie’s zu: Sie sehnen sich nach dem Röntgenblick.“
Er schaut verschämt in seinen Schoß. „Sie überschätzen meine Libido, Frau Professor.“
Euler und Libido in einem Satz. Sie geht zum Kugelstoßpendel. Klack, klack. Elastische Stöße. Knick, Knack. Euler.

Diese Bilder. Sie muss sich ablenken. „Was sie auf dem Leibe hat, ist vier mal Pi mal R Quadrat.“ Nein, das hilft nicht. „Was kugelt da an mir vorbei? Vier Drittel Pi mal R hoch drei!“ Es muss abstrakter sein. Ihre Gedanken brauchen Erdung. „Wenn du kennen willst Ampere, teile einfach U durch R.“

„Wie wäre es mit El Niño als nächstes Projekt, Euler? Meinen Sie, wir könnten uns da ranhängen? … Euler!“

Er blickt vom Handy auf. „El Niño? Was soll ich mit El Niño? Ich bin doch kein Wetterfrosch.“
„Wenn wir die Winkelgeschwindigkeit verändern?“
Er macht eine wegwerfende Handbewegung.
„Die Passatwinde?“
Er blickt aus dem Fenster. „Wissen Sie, was mich beschäftigt?“ Er seufzt leise. „Wir Singles … sind wir nicht alle positiv geladene Kerne? Wir wollen einander, wir sehnen uns nach Fusion, und doch gibt es diese Kraft, deretwegen wir nicht zueinander finden.“

Olga breitet die Arme aus, als wolle sie ihn segnen. „Sie sind ein Genie!“ Sie nimmt seinen Gesicht in beide Hände. „Zwei Menschen! Wie zwei Atomkerne! Der Coulombwall! Kernfusion! Ich könnte Sie küssen!“

Er schaut sie verstört an.

Sie lässt von ihm ab. „War nur so ein Gedanke.“

Eulers Handy piept. „Marie will mich treffen“, sagt er.
„Das machen wir zum Geschäftsmodell, Euler. Jetzt im Frühjahr. Das ist unsere Chance!“

Fortsetzung folgt.

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Alle Geschichten aus dem Zentralbüro für Erdrotation

Wo alles seinen Anfang nahm



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