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Bücher im letzten Quartal 2015

9. 01. 2016  •  5 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Lektüre«

Eine Sache fehlt noch, um das Jahr 2015 abzuschließen: die Bücher des letzten Quartals. Gelesen und gehört im Oktober, November und Dezember 2015:

Bücher Ende 2015

Gerbrand Bakker. Birnbäume blühen weiß
(Deutsch von Andrea Kluitmann)
Klass und Kees sind Zwillinge. Gemeinsam mit ihrem Bruder Gerson sind sie ein eingeschworenes Team. Dann passiert ein Unfall und Gerson erblindet. Ein kleines Buch, nur 140 Seiten dick. Besonderer Clou ist die besondere Form der Ich-Erzählung: Klass und Kees erzählen in der Wir-Form. Hat gefallen.

Zsusza Bánk. Die hellen Tage
Das Mädchen Seri lebt in Süddeutschland. Ihre beste Freundin ist Aja, die aus einer ungarischen Artistenfamilie stammt. Aja wohnt mit ihrer Mutter in einer Baracke am Stadtrand; der Vater kommt einmal im Jahr. Die beiden Mädchen verbringen Tag und Tag im Garten; später kommt Karl hinzu. Der Junge, dessen Bruder verschwunden ist, verliert den Halt in seiner Familie und findet ihn bei Seri und Aja. Es ist eine leise Geschichte, die bis ins junge Erwachsenenalter Seris, Ajas und Karls führt. Es ist aber nicht nur eine Geschichte über die Kinder, sondern auch über die Mütter. Schön.

Judith Lennox. An einem Tag im Winter
Ellen ist Naturwissenschaftlerin. Sie bekommt eine Stelle im Cambridgeshire; es sind die 1950er Jahre, Frauen sind als Wissenschaftlerinnen noch nicht sehr präsent. Dann stirbt einer der älteren Professoren und ein Verwirrspiel beginnt. Ellen ist sich im Gegensatz zur Polizei sicher, dass es kein Unfall war. Ein launiger Roman, der sich aber nicht entscheiden kann, ob er sich nun dem Kriminalfall oder der Wissenschaftsgesellschaft widmen möchte. Die ganz große Spannung bleibt deshalb auf der Strecke.

Javier Marías. Mein Herz so weiß
(Deutsch von Elke Wehr)
Teresa ist gerade von ihrer Hochzeitsreise zurückgekehrt. Sie erhebt sich vom Esstisch ihrer Eltern, geht ins Bad und erschießt sich. Ihr Mann Ranz heiratet danach wieder: ihre Schwester Juana. Die Geschichte erzählt die Liebe der beiden, das Mysterium um den Tod Teresas. Erzähler ist der Neffe Teresas – Sohn von Ranz und Juana. Er geht dem Tod seiner Tante nach. Ein sehr literarischer Roman, der sich für meinen Geschmack aber bisweilen etwas zu sehr in sich selbst verliert.

Fabio Volo. Esco a fare due passi
Ich bin bekennender Fabio-Volo-Fan, wobei ich jetzt, nachdem ich mehrere Bücher von ihm gelesen habe, gut erkennen kann, mit welchen Büchern er das Schreiben begonnen und wie er sich weiterentwickelt hat. „Esco a fare due passi“ ist eines der älteren Bücher, geschrieben 2001. Es geht um Nico, der Ende 20 und Radio-DJ ist. Das Buch ist ein Brief Nicos an sich selbst – an sein eigenes Ich in fünf Jahren. Er erzählt von seinem bisherigen Leben und wie er es empfindet. Ein typischer Volo: Mann, um die 30, der in seinen eigenen Augen wenig erreicht hat, der bislang wenig verantwortungsbewusst war, keine längere, feste Beziehung hatte und Selbstzweifel hat. Das Buch kann nicht mit anderen mithalten, z.B. „Il tempo che vorrei“, lässt sich aber gut lesen.

Meg Wollitzer. The Interestings.
(Deutsch: Die Interessanten)
Die Geschichte von Julia Jacobson. Und die Geschichte ihrer Freunde Ethan, Jonah, Cathy, Ash und Goodman. Die New Yorker Teenager lernen sich während eines Feriencamps kennen. Meg Wolitzer erzählt die Freundschaft der Sechs bis ins höhere Erwachsenenalter hinein. Ein gut zu lesender Gesellschaftsroman über Freundschaft, Erwachsenwerden und das, was man im Leben möchte.

*

Elektronisch gelesen

Bov Bjerg. Auerhaus
Hoch gelobt, zuletzt sogar im Literarischen Quartett. Doch wie es mit vielen hoch gelobten Büchern ist, habe ich auch mit diesem meine Schwierigkeiten. Die Geschichte spielt in den 80ern. Erzählt wird sie aus der Sicht von Höppner; er ist Abiturient. Sein Schulkamerad Frieder wollte sich umbringen, hat es aber nicht geschafft. Frieder und Höppner ziehen gemeinsam mit ein paar anderen Leuten in ein altes, baufälliges Haus: Frieder soll keinen neuen Versuch starten. Schule läuft nebenher. Sie trinken schlechten Rotwein, nehmen Drogen, hängen ab. Mich haben die Charaktere fürchterlich angenervt; ich kann mit Teenager-Anarchie nichts anfangen. Warum man Alkohol trinken, Joints rauchen und schlecht in der Schule sein muss, um Revoluzzer zu sein, weiß ich auch nicht. Ich glaube, ich bin nicht Zielgruppe.

Emma Healey. Elizabeth wird vermisst
(Deutsch von Rainer Schumacher)
Eine Ich-Erzählung aus Sicht einer Alzheimer-Erkrankten: Maud ist betagt und vergisst immer mehr – wo sie zuletzt war, was sie getan hat, was Menschen ihr erzählt haben. Sie versucht, ihre Defizite zu vertuschen, schreibt sich Zettel. Doch es hilft nichts; sie kann ihre Notizen schon Minuten später nicht mehr nachvollziehen. Sie versteht auch nicht, was mit ihrer Freundin Elizabeth los ist; Elizabeth ist fort. Maud beginnt, sie zu suchen, und wird zunehmend verzweifelter. Parallel dazu rutschen Mauds Gedanken immer wieder in die Vergangenheit, als kurz nach dem Krieg ihre Schwester verschwand. Etwas vorhersehbar, aber insgesamt eine gut zu lesende Geschichte.

Ruth Herzberg. Wie man mit einem Mann glücklich wird
Ein fragmentarisches Buch: Gedankenblitze, Anekdoten, kurze Texte mit absurden Wendungen. Teils stark, teils sehr experimentell. Muss man mögen.

Jojo Moyes. Ein ganzes halbes Jahr
(Deutsch von Karolina Fell)
Louisa ist irgendwas Mitte 20, und als das Café zumacht, in dem sie arbeitet, sucht sie einen neuen Job. Sie landet bei Will, der Tetraplegiker ist, und den sie sechs Monate lang bei Laune halten soll. Das erweist sich als nicht ganz einfach: Will hat nach seinem Unfall keinen Lebensmut mehr und möchte sterben. Louisa macht es sich zur Aufgabe, ihn vom Leben zu überzeugen. Wie naiv Louisa ist und wie sie Will bevormundet, ist allerdings schwierig zu ertragen. Das Buch ist voll von Stereotypen und Ableismus. Moyes‘ Stil ist noch dazu extrem schlicht; nicht, dass ich einen einfachen Schreibstil nicht schätzen würde, aber das ist mir dann doch zu banal. Andererseits: Die permanente Bevormundung durch die Autorin lässt einen Wills Situation gut nachvollziehen.

Victoria Schwartz. Wie meine Internet-Liebe zum Albtraum wurde
Die Geschichte von Victoria Schwartz hatte ich seinerzeit, als sie sie in ihrem Blog veröffentlichte, im Augenwinkel mitbekommen. Im Oktober dieses Jahres erschien ihr Buch dazu. Es geht um Real-Fakes: Menschen, die sich im Internet eine eigene Identität aufbauen, um andere um des Täuschens willen zu täuschen – und das mit großem Aufwand. Victoria verliebte sich damals im Internet in einen Mann; der Kontakt war innig, er übersandte sogar Geschenke, die beiden teilten Gedanken und Interessen und viel Zeit miteinander. Sie telefonierten stundenlang, doch ein persönliches Treffen blieb aus. Irgendwann war klar, warum: Die Person als solche gab es nicht. Im Buch erzählt Victoria Schwartz die Geschichte vom Kennenlernen bis zur Entdeckung: ein unglaublicher Krimi, den ich verschlungen habe. Im zweiten Teil liefert sie außerdem ein paar Hintergründe, unter anderem ein Interview mit einer Psychologin. Absolut lesenswert.

Curtis Sittenfeld. Prep
(Deutsch: Eine Klasse für sich)
Lee Fiora kommt aus dem mittleren Westen. Sie bekommt ein Stipendium für die Bostoner Elite-High-School Ault – und kommt als Außenseiterin in die Welt der Reichen und Privilegierten. Curtis Sittenfeld, deren „Frau des Präsidenten“ mir schon sehr gut gefallen hat, erzählt sehr fein, intelligent und mit guter Beobachtungsgabe die Geschichte von Lee und ihren Klassenkameraden. Sie urteilt nicht, sie beschreibt. Sie teilt nicht in Gut und Böse – auch Lee hat negative Charaktereigenschaften, an denen man sich als Leser reiben kann.  Hervorragend.

*

Gehört:

Susanne Fröhlich, Constanze Kleis. Frau Fröhlich sucht die Liebe
Sich neu verlieben mit fünfzig Jahren: Susanne Fröhlich und Constanze Kleis erzählen von ihren Erfahrungen auf dem Single-Markt. Das ist sehr vergnüglich und genau das Richtige für eine Autofahrt. Es geht natürlich um Singlebörsen im Internet und ums Kennenlernen via Mail und Messages, aber auch um Versuche im realen Leben, um Speed-Dating und das spontane Treffen an der Käsetheke. Es wird nicht nur auf Männern herumgehackt, sondern auch auf Frauen: Die beiden tarnen sich zu Recherchezwecken auch als Herren und was sie erleben, ist erhellend. Zu empfehlen.

Wolff-Christoph Fuss. Diese verrückten 90 Minuten
Kommentator Wolff-Christoph Fuss erzählt vom Leben mit dem Fußball, aus beruflicher Sicht und im Allgemeinen. Leider konnte ich den Ausführungen nicht lange folgen. Herr Fuß trägt in einem so laut-machohaften, besserwisserischen Ton vor, dass ich abgeschaltet habe.

Werner Gruber, Martin Puntigam, Heinz Oberhummer. Gedankenlesen durch Schneckenstreicheln: Was wir von Tieren über Physik lernen können
Die Science Busters über Tiere und ihre Fähigkeiten, über den Menschen und was ihm abgeht: ein kurzweiliges Œuvre, vorgelesen und im Dialog gesprochen. Wir erfahren etwas über die Spiegelneuronen von Hunden, über die Fäkalien von Pingiunen, Juwelenkäfer und  Schrödingers Katze. Ab und an wirken die Kalauer etwas bemüht, aber alles in allem eine schöne Sache für Spaziergänge, Autofahrten oder fürs Bügeln.

Arnaldur Indriðason. Menschensöhne
(Gelesen von Frank Glaubrecht, Deutsch von Coletta Bürling)
Ein pensionierter Lehrer wird in der Innenstadt von Reykjavík brutal ermordet. Zur gleichen Zeit begeht einer seiner ehemaligen Schüler in der psychiatrischen Klinik Selbstmord. Erlendur und seine Kollegen begeben sich auf die Suche nach dem Zusammenhang. Leider aber ist die Geschichte nicht sehr gut: Ich habe den Eindruck, immer, wenn ein Krimi-Autor nicht weiterweiß, erfindet er entweder einen irren Massenmörder oder Menschenexperimente durch die Pharmaindustrie.

Thomas Kistner. Schuss: Die geheime Dopinggeschichte des Fußballs
(Gelesen von Julian Ignatowitsch)
Journalist Thomas Kistner zeigt anhand von Beispielen, wo und wie im Fußball gedopt wird und wie Schmerzmittel und andere Medikamente eingesetzt werden. Er trägt dabei eine beeindruckende Faktensammlung zusammen, deren einzelne Punkte vielleicht nicht erwähnenswert wären, die in der Gesamtheit aber ein deutliches Bild zeichnen. Dabei sind absurde Geschichten rund um den Brasilianer Ronaldo, Indizien zu den Helden von Bern und zu Spitzenkickern der italienischen, aber auch der deutschen Liga. Zudem liefert er Hintergründe, wie Dopingmittel wirken – das lässt so manche Verletztengeschichte in der Bundesliga in anderem Licht erscheinen. Gut gelesen von Julian Ignatowitsch.

Kommentare

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  1. Tiia sagt:

    Liebe Frau Nessy,

    Vielen Dank für Ihre unzähligen Buchtipps, die mir immer sehr gut weiterhelfen, auch wenn ich manchmal anderer Meinung bin, aber so darf es ja auch sein. Ich wollte Ihnen nur empfehlen, Indridason nicht aufzugeben, Menschensöhne fällt von Realismus her sehr aus der Reihe!
    Ich freue mich auch in 2016 weiter auf interessante neue Lese-Anregungen

    1. Nessy sagt:

      Sehr gerne.

      Manchmal ist es mit Rezensionen ja auch so: Wenn XY ein Buch soundso beurteilt und deshalb nicht gut findet, weiß ich, dass es mir gefällt. Das ist ja auch was.

      Von Indridason habe ich von Jahr und Tag „Gletschergrab“ und noch ein anderes gelesen. Die beiden waren ganz passabel. „Menschensöhne“ fällt da wirklich raus.

  2. Christian sagt:

    Liebe Frau Nessy,

    wenn Ihnen Zsusza Bánk „Die hellen Tage“ so gut gefallen hat (ein wundervolles Buch), wird Ihnen von ihr auch „Der Schwimmer“ gefallen.

    Bei ‚Javier Marías. Mein Herz so weiß‘ sind in der Schilderung die Familenverhältnisse irgendwie zirkulär kummlativ geraten ;-)
    „(…)Ihr Mann Ranz heiratet danach wieder: ihre Schwester Juana. (…) Erzähler ist der Neffe Teresas – Sohn von Ranz und ihrer Schwester Teresa.(…)“.
    Hä? ;-)

    1. Nessy sagt:

      Stimmt, das funktioniert so nicht. Habe es berichtigt.

      Den „Schwimmer“ habe ich schon im Regal stehen. Ich muss zwischen zwei Büchern desselben Autoren/derselben Autorin nur immer ein bisschen Pause machen.

  3. Annika sagt:

    Curtis Sittenfeld liebe ich sehr. Muss direkt mal schauen, ob sie was neues veröffentlicht hat. Es gibt ein Interview, in dem sie erklärt, weshalb sie über Laura Bush geschrieben hat. Sehr interessant.

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