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Danziger Bemerknisse #4 – Kaschubei

26. 12. 2015  •  1 Kommentar  •  Aus der Kategorie »Expeditionen«

Ostrzyce, am Seeufer: Geschnitzte Fischerfigur mit Boot im Hintergrund

Hübsch soll es sein, in der Kaschubei, sagen sie. Einen Berg gibt’s dort auch, steht geschrieben. Mit einem Turm drauf, auf den man steigen kann. Also fahre ich hin. Weg und Ziel sind ein bisschen unklar. Ostrzyce könnte gehen, lese ich. Von dort kann man irgendwie zum Wiezyca laufen, dem Turmberg.

Es ist windig, als ich aus dem Auto aussteige. Das Wasser auf dem See schlägt Wellen. Mützenwetter, ganz eindeutig. Winterjacken- und Handschuhwind.

Der Weg geht um den See herum, und dann irgendwie querfeldein, über Straßen und Wiesen und durch Wald, manchmal mit Wegen im Laub und manchmal nicht. Es ist hier ein bisschen wie im Sauerland, hügelig und ländlich, und ab und an stehen ein paar Pferde herum, die neugierig gucken.

Pferde neben einem Bahnübergang

Ich gehe durch einen Ferienpark mit Holzhäusern, deren Dächer bis zum Boden reichen.

Gegenüber stehen ein Gemeinschaftsgebäude mit Restaurant und einem Tanzsaal, dahinter ein Sportbereich für nicht näher beschriebenen Sport.

Ferienpark Ostrzyce-See

Das ist hier wie bei Dirty Dancing, denke ich: Häuschen an Häuschen für Familien aus der Stadt. Hier geht es im Sommer hoch her, das sehe ich auf einen Blick: Mütter und Väter zwischen Erholung und Erschöpfung, umherlaufende Kinder, ein bisschen Animation und erhitzte Teenager; das Wasser fürs Hebefigurenüben ist nur einhundert Meter den Berg runter.

Doch jetzt treibt der Wind das Laub über die Wiese. Kahle Äste wiegen sich knirschend in den Böen.

Am Fuße des Turmberg eine Gruppe Nordic Walker; die Pudelmützen entschlossen in die Stirn geschoben, marschieren sie stracks bergan. Mit ihren Stöcken pieksen sie Blatt um Blatt auf. „Dzień dobry“, grüßen sie kurzatmig, als sie an mir vorbeischnaufen. Das polnische „guten Tag“ lässt sich gut ausstoßen, „Dschin dobri“, das geht auch noch mit zusammengebissenen Zähnen, wenn man schon aus dem letzten Loch pfeift: „dschn dbry“.

Auf dem Gipfel steht ein Turm aus Holz und Stahl. 150 Stufen kann man hinaufklettern und hat freien Blick über die Baumwipfel der Kaschubei. Es ist windig dort oben; der Turm wankt. Ich murmle leise „Hui“.

Turmberg mit Holzturm auf dem Gipfel

Ich bin nun doch leicht verschwitzt. Die Winterjacke, sie eignet sich nicht sehr zum Wandern. Überhaupt eignet sich diese Jahreszeit nicht zum Wandern: Kalt ist es, aber bergauf wird’s heiß. Doch kaum bleibt man stehen oder geht’s bergab, wird’s wieder kalt. Das ist unerquicklich, das läuft im Sommer besser.

Der Rückweg zieht sich etwas – wie alle Rückwege: Ist das Ziel erstmal erreicht, lässt der Elan nach.

Ich gehe bis zum See und entpacke mein Stützbütterken: Vollkornschnitte mit Nutella. Das hilft über die letzten zwei Kilometer. Denn die Waffelbude am Seeufer hat zu. Die Fischbude auch. Und der Toilettenwagen. Alles hat zu; es ist Dezember. Hier ist mausetote Hose.

Ostrzyce-See mit Steg und Sprungturm ins Wasser

Zurück im Dorf Ostrzyce locken Ferienappartments und Fahrradverleih; man kann Kanu fahren und Pferde reiten, Piroggen und Eis essen. Aber nicht jetzt.

Aus Schornsteinen steigt Rauch auf. Ein alter Mann schlurft gebeugt und in Pantoffeln über die Straße. Weihnachtsbeleuchtung blinkt rhythmisch in die hereinbrechende Dämmerung.

Es ist 15 Uhr. Zeit, wieder heim zu fahren.

Tipp #4:
45 Minuten Autofahrt von Danzig in die Kaschubei. Von Ostrzyce auf den Turmberg (Wieżyca): 10 Kilometer Hin- und Rückweg. Im Sommer bestimmt auch toll zum Baden oder für einen längeren Aufenthalt im Ferienhaus.

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Kommentare

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  1. Barbara sagt:

    Weil es gerade so schön zu beidem passt – zu deinem Beitrag & zu Weihnachten: das Kaschubische Wiegenlied aus Ostpreußen.

    „Oh, wärst du, Kindchen, im Kaschubenlande,
    wärst du Kindchen, doch bei uns geboren!
    Sieh, du hättest nicht auf Heu gelegen,
    wärst auf Daunen weich gebettet worden.

    Nimmer wärst du in den Stall gekommen,
    dicht am Ofen stünde warm dein Bettchen,
    der Herr Pfarrer käme selbst gelaufen,
    dich und deine Mutter zu verehren.

    Kindchen, wie wir dich gekleidet hätten!
    Müsstest eine Schaffellmütze tragen,
    blauen Mantel von kaschubischem Tuche,
    pelzgefüttert und mit Bädernschleifen.

    Hätten wir den eigenen Gurt gegeben,
    rote Schuhchen für die kleinen Füsse,
    fest und blank mit Nägelchen beschlagen!
    Kindchen, wie wir dich gekleidet hätten!

    Kindchen, wie wir dich gefüttert hätten!
    Früh am Morgen weißes Brot mit Honig,
    frische Butter, wunderweiches Schmorfleisch,
    mittags Gerstengrütze, gelbe Tunke.

    Gänsefleisch und Kuttelfleck mit Ingwer,
    fette Wurst und goldnen Eierkuchen,
    Krug um Krug das starke Bier aus Putzig!
    Kindchen, wie wir dich gefüttert hätten!

    Und wie wir das Herz dir schenken wollten!
    Sieh, wir wären alle fromm geworden,
    alle Knie würden sich dir beugen,
    alle Füsse Himmelswege gehen.

    Niemals würde eine Scheune brennen,
    sonntags nie ein trunkner Schädel bluten,
    wärst du, Kindchen, im Kaschubenlande,
    wärst du, Kindchen, doch bei uns geboren!“

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