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Ohne Filter

18. 11. 2015  •  7 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Milchwölkchen«

Wir sitzen am Freitagabend auf dem Sofa, meine Freundin und ich. Wir schnacken, das Länderspiel läuft, dann ist es zu Ende. „Mach mal lauter“, sagt sie plötzlich. Das Publikum rennt aufs Feld, das ist ungewöhnlich. Doch mein erster Griff geht zum Handy; ich rufe Twitter auf.

Ja, da ist tatsächlich etwas, es muss etwas passiert sein. Ich wechsle zur Website von „Le Figaro“ – oder ist es „Le Monde“? „Fusillades.“ „Attaques.“ Der zweite Griff dann zur Fernbedienung; in Richtung n-tv und weiter zu einem französischen Sender. Polizeifahrzeuge, eine Absperrung, Sirenen. Wie stets bei solchen Ereignissen ist es gleichermaßen verstörend wie fesselnd – im  neutralen, wertfreien Sinne -, in Wolldecke im Wohnzimmer zu sitzen und durch eine Scheibe hindurch zu sehen, was in der Entfernung geschieht.

Binnen einer Stunde steigt die Zahl der Toten; ein Grauen, mit dem ich nicht konfrontiert sein möchte, das ich aber, einmal konfrontiert, nicht mit der Fernbedienung ausschalten kann, möchte. Als ob das Erfahren der Nachricht mir die Verantwortung aufbürdet, sie weiter zu begleiten. Vielleicht auch, weil das Dasitzen und Zugucken gleichzeitig ein Sichversichern ist, dass dieses Ereignis zwar nah, aber doch fernab geschieht. Eine Fortsetzung des Abends in seiner usprünglichen Form ist ohnehin nicht möglich; ein Insbettgehen ebensowenig, zu groß die Befürchtung, ich wache am nächsten Morgen auf und die Dimension des Angriffs hat sich vervielfacht, es hat gar weitere Attentate gegeben – als ob ein Wachbleiben dies verhindert. Natürlich verhindert es das nicht, aber Wachbleiben bewahrt mich davor, nach dem Frieden der Nacht davon überrascht zu werden.

Die Fernsehbilder zeigen weiterhin Sirenen und Einsatzfahrzeuge, und Twitter offenbart einmal mehr, was seine Stärke und seine Schwäche ist: Es ist die beste und gleichzeitig die verwirrendste Quelle. Authentisch – doch unreflektiert und spekulativ. Zusammenhangslos – ein Bild zeichnend. Informativ und sachlich – voller Gefühle; aller Gefühle, der passenden wie der unpassenden, der selbst empfundenen und der mit Stirnrunzeln zur Kenntnis genommenen.

Als erste Nachrichten aus dem Bataclan dringen – Nachrichten von Eingeschlossenen; Tweets von Menschen, die bitten, das Gebäude zu stürmen -, verspüre ich ein Erstarren. Das hier ist eine Grenze; hier wird gerade etwas überschritten, der Filter ist fort: Die, über die bis jetzt nur berichtet wurde, sprechen nun selbst, hier bei mir; ich halte mein Smartphone und auf dem Smartphone ihre Nachrichten in meiner Hand.

Doch sind es ihre Nachrichten? Bei allem weiß ich nicht, weiß niemand, was wahrhaftig ist; mir kommt kurz der Gedanke, dass Tweets und Posts  gesteuert, dass Meinungen und Empfindungen gelenkt sein könnten. Ich bleibe auf, um auch das zu erfahren: Was ist wahr?

Ich habe das Gefühl: Es ist nicht richtig, dem, was geschieht, weiter zu folgen. Aber die Menschen aus der Hand legen? Einen Knopf drücken, sie unsichtbar machen und zu Bett gehen? Nun, da ich ungewollt Zeuge geworden bin, ist es, als ließe ich sie allein, ginge ich schlafen. Dabei bin ich zu weit fort, um etwas anderes zu tun als zu gaffen. Wo aber ist die Grenze zwischen Voyeurismus und Anteilnahme? Zwischen der Hoffnung, alles möge gut ausgehen, zwischen dem Wunsch, diese Erleichterung zu erleben, jetzt, bald – und dem schockstarren Schrecken und seiner Anziehung?

Gegen ein Uhr gehen wir schlafen. Mit dem Empfinden, dass die schlimmsten Nachrichten nun gesendet wurden.

Kommentare

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  1. Als sich der erste Irak-Krieg ereignete, arbeitete ich als Aushilfs-Lehrkraft an einer hiesigen Berufsschule. Im Lehrerzimmer hatten wir einen Fernseher stehen, und einige meiner Kollegen/innen verfolgten gespannt, und nebenher ihr Pausenbrot mümmelnd, die Live-Berichterstattung vom Krieg, vom Bombardieren der Städte, vom Töten und Verwunden unschuldiger Menschen. Dies war mit das Grausigste, was ich je erlebt habe…

    1. Nessy sagt:

      Mmmh. Ich bin uneins mit mir. Dem einen verschlägt es den Appetit, der andere kompensiert solche Ereignisse anderweitig.

  2. Mir ging es ganz ähnlich, und ich bin auch ungefähr um eins ins Bett gegangen, aus genau demselben irgendwie ja völlig irren Grund: Das Schlimmste ist jetzt hoffentlich durch, die Nachrichtenlage hat sich stabilisiert.

    Diese Zeiten sind verrückt.

    1. Nessy sagt:

      Die Zeiten waren früher sicherlich nicht minder verrückt. Wegen roter Haare verbrannt (ganz früher) oder strafrechtlich belangt zu werden, weil man homosexuell ist (nicht sehr viel früher), war sicher auch nicht so super.

  3. danke für diese beschreibung, die einen teil von dem ausdrückt, was mich umtreibt, ohne daß ich worte dafür fände.

  4. Cliff sagt:

    Nach einer kurzen Erholung, die auch ich gebraucht habe, möchte ich dir folgende Kritik ans Herz legen: Du schriebst

    > Binnen einer Stunde steigt die Zahl der Toten

    Das ist typisches Pressemitteilungsgeschwafel, und wir sollten es denen nicht nachmachen. Entweder „Innerhalb einer Stunde wurden weitere Tote entdeckt“ oder „Im Lauf einer Stunde starben weitere verletzte Menschen“, oder eine ähnliche Formulierung. Ich habe noch nie eine Zahl steigen sehen, weder einen Berg rauf noch auf eine Leiter. Ich habe auch noch nie Temperaturen steigen oder fallen gesehen, es wurde nur jeweils wärmer oder kälter.

  5. Mathilde sagt:

    Sich nicht für die Terror-Attentate zu interessieren, wäre ja nun irgendwie auch keine Lösung gewesen. Gut, nichtsnutzig zu gaffen macht einen auch zum Teil des Problems. Erst war ich versucht zu sagen, dass online zuzuschauen ja weniger störend ist, weil es keine Polizei- und sonstiges Einsatzkräfte behindert, aber das stimmt ja genau genommen auch nicht, weil man zumindest teilweises seine Nachrichten von Leuten erhält, die eben doch gaffend vor Ort im Weg herumstehen. Gleichzeitig müssen wir doch hingucken, wenn schlimme Verbrechen begangen werden. Man stelle ich sich nur mal die Welt vor, in der wir das niemand täte. Es bleibt kompliziert, fürchte ich. Und es geht ja weiter. Die Tochter von Freunden studiert in Brüssel, dadurch fühle ich mich verleitet, auch da immer mal wieder hinzugucken. Es bleibt kompliziert, sagte ich das schon?

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