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Schade, dass der Hausarzt geht

17. 02. 2015  •  3 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Lebenslage«

Es sind fünf Rentner.

Genau genommen zwei Rentnerinnen und drei Rentner. Und ich. Wir sitzen im Erdgeschoss der Reha-Klinik. Ein Genesungsbesuch bei einer künstlichen Hüfte. Es ist warm hier. Die Räume sind überheizt. Alles ist Teppich und Plüsch. Wir trinken Kaffee. Der Kaffee kam nicht ganz pünktlich, eigentlich ist ab 14.30 Uhr Kaffeetrinkszeit. Doch das Fräulein ist sehr zuvorkommend, da will man nicht so sein.

Die Sprache kommt bald auf Krankheit und auf die künstliche Hüfte, wie es denn geht und ob die Reha anstrengend ist. Man spricht über Gruppengymnastik und übers Abnehmen und auch über das künstliche Knie – das Knie des Besuchs, das bald seinen ersten Geburtstag feiert.

Die Sprache kommt rasch auf Ärzte. Die Rentner kommen alle aus demselben Ort im Sauerland, dort gibt es drei Orthopäden, naja, eigentlich vier, aber der eine „ist ein Blödmann“, den braucht man nicht mitzählen. Der zweite und dritte sind eigentlich auch Blödmänner, jedenfalls drücken und zerren die immer an einem rum, die wissen nicht, was sie tun, die verrenken einen nur. Der vierte ist der einzige, der was taugt, da sind sich alle einig, auch wenn er autoritär ist. Er lässt sich nicht reinreden in seine Diagnosen, man braucht gar nicht erst mit einer Meinung kommen, nicht mit der eigenen und nicht mit der aus der Apotheken-Umschau. Aber er ruckelt immerhin nicht am Patientenkörper, er hält lieber Reden, verordnet mit Strenge und zieht einem die Hammelbeine lang, wenn man nicht mitmacht. Das ist gut, obwohl, seien wir ehrlich, jünger werden wir alle nicht.

Schade aber, dass der Hausarzt geht, der alteingesessene, der, bei dem man sich immer frei machen musste. Ach, die Herren nicht? 67 ist der schon, wer hätte das gedacht, er sieht doch noch so fesch aus. Damals, als man noch jung war, musste man obenrum immer alles ausziehen, also als Frau jetzt – zum Abhorchen, selbst wenn man’s am Zeh hatte, aber ohne Herz und Lunge ist’s halt auch in den Zehen dunkel. Jetzt ist man nur noch nackert, wenn’s tatsächlich muss, schade eigentlich.

Er, der Hausarzt, hatte zwar auch mal einen schlechten Tag, dann war er kurz ab. Dann hatte er Stress daheim, das war bekannt, seine Lütte ging ja mit dem Sohn zur Schule – was macht die eigentlich, ist die auch Ärztin geworden? Tatsächlich! Will die nicht …? Ach so, sie macht ihren Facharzt, ja dann. Heute wollen die jungen Leute halt etwas erreichen.

Meistens allerdings war er freundlich. Dann nahm er seine Leute in den Arm, sagte: „Jetzt komm erstmal rein, Mädchen, und erzähl mir, was du hast.“ Selbst wenn das Wartezimmer voll war, sagte er das, das war schön, was ein guter Arzt! Außerdem hat er immer alles aufgeschrieben, ohne Diskussionen, man musste nur vorbeikommen und sagen: Hier, davon brauche ich. Oder für den Gatten: Herr Doktor, kannste mal, mein Mann ist heute schlecht zu Fuß. Dann hat er das Rezept ausgestellt. Er kannte seine Patienten eben, wo gibt es das heutzutage noch?

Wo soll man jetzt hingehen? Zu dem in der Altstadt, da bei Wennemanns um die Ecke? Der ist doch auch … wie alt ist nochmal der Peter? Der ist nur ein Jahr jünger wie der Heumanns Fritz, und der Fritz wird 66. Besser wäre ein richtig junger, einer, der nicht  direkt wieder abhanden kommt. Ob so ein Jungspund sich der Sorgen von Rentnern annehmen will? Der eine, dieser neue im Vorort, von dem hört man ja nur Gutes. Nimmt der noch Patienten? Wenn man mit dem Vater zur Schule gegangen ist, drückt er bestimmt ein Auge zu. Es wird also abgemacht: Der Schulkamerad soll vorsprechen; er muss die restlichen einschleusen.

Es geht noch ein ganzes Weilchen so weiter: Gynäkologie, Proktologie, Augenarzt und dann das Herz – man hat ja alles schon gehabt.

Dafür, dass der Ort so klein ist, gibt es ganz schöne viele Ärzte, denke ich.

Kommentare

3 Antworten: Bestellung aufgeben ⇓

  1. Erika sagt:

    Wo wären wir ohne das Wissen unserer Senioren?
    Hab mich wunderbar amüsiert. Danke schön und lieber Gruss Erika

  2. Schön geschrieben und beobachtet. Man hat das Gefühl, dass die Ärztedichte alleine nicht ausreicht und die ist schon klein genug auf dem Lande. Man müsste einen Begriff finden für die Anzahl guter Ärzte, z.B. Ärztewichte oder so, gewichtet eben.

  3. Davidoff sagt:

    Ja, das mit dem Abnehmen ist eine gute Idee, da kriegst du ein großes „Daumenhoch“ von mir.

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