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Im Zentralbüro für Erdrotation, Folge 2: Anziehungskraft

Olga steht im Schlüpfer vor dem Kleiderschrank, als das Telefon klingelt.

Sie schaut auf das Display, zögert kurz. Dann nimmt sie ab.
„Olga, meine Liebe“, hört sie Emmett säuseln. „Wie läuft’s bei dir? Alles newton?“
Es ist 7 Uhr 11. Sie hat jetzt keine Zeit, um zu telefonieren.
Einhändig wühlt sie in ihren Büstenhaltern. „Weshalb rufst du an?“
„Warum so kurz ab, mein Herz? Ich möchte nur deine Stimme hören.“

Sie atmet tief ein. Wecker um sechs Uhr einunddreißig. Einmal Schlummertaste. Aufstehen um sechs Uhr vierzig. Verdauung um sechs zweiundvierzig. Dusche um sechs fünfzig. Jeden Morgen dasselbe. Jeden Tag die Präzision, die sie liebt. Doch nun springt die Uhr auf sieben zwölf, es ist das Ende der Ankleidezeit, und sie trägt nur ein Höschen. 

„Ich habe jetzt keine Zeit für Schwerenöter.“ Wo ist nur der rote BH?
„Olga. Mein Herz. Gönn einem alten Mann etwas Oxytocin. Seit deinem Anruf in Sankt Moritz …“
„Dann triff mich in meinem letzten Sommerurlaub. Dort war mir ohnehin langweilig.“
„Ich bitte dich! Ich reise ja gerne nach 2014 zurück. Aber doch nicht ins Nordpolarmeer.“

Worte, Worte, Worte. 40 Sekunden Geplapper, die sie eigentlich zum Bestreichen ihres Frühstücksbrotes benötigt. Aber nun gut. Wenn sie ihn schonmal in der Leitung hat:

„Wann bringst du mir den Fluxkompensator?“ Sie findet den roten BH, fischt ihn aus der Schublade und klemmte sich das Telefon zwischen Ohr und Schulter.
„Ich muss erst noch einige Dinge erledigen.“
„Wir sollten ihn testen, bevor wir ihn bei Jong-un zum Einsatz bringen.“
„Bis Juni ist noch Zeit. Du bist zu perfektionistisch, meine Liebe. Entspann dich.“
Sie legt sich den BH um. Dabei entgleitet ihr das Telefon, fällt zu Boden und poltert gegen den Wäschekorb.
„Olga? Liebes!?“, krächzt es aus der Otterbox.
Mit routinierten Handgriffen schiebt sie ihr Dekolleté zurecht.
„Bist du noch dran? OLGA?“

Sie zieht die Schiebetür ihres Pax zur anderen Seite. Heute ist ein Tag für ein Kostüm. Ein strenges Kostüm.

#

Sie sitzt am Schreibtisch. Zum ersten Mal, seit sie im Zentralbüro arbeitet, fühlt sie sich unausgeglichen. Eine emotionale Disproportion. Sie braucht dringend etwas Erdendes. Unschlüssig klickt sie sich durch die Seiten des Betriebssports. „Energie durch Yoga.“ Sie klickt weiter. „Polwanderung gegen die innere Unwucht.“ Klick. „Wellenreiten für Physiker.“

Sie trägt sich gerade für „Zeitmanagement mit Diana Gabaldon“ ein, als Euler hereinstürzt.
„Tschulligung“, keucht er, reißt sich seine Funktionsjacke vom Leib und weht dabei einige Papiere von Olgas Schreibtisch.
„Euler, Sie Flächenblitz. Nicht so hastig.“
„Ich habe die Lösung.“
„Ein Sedativum für Jong-un?“
„Die Gravitonen.“ Er wirft seine Jacke über den Haken und verschwindet schnurstracks im Labor.

Olga steht seufzend auf und folgt ihm.
„Sie müssen sich schon etwas genauer ausdrücken.“
Euler zieht seinen Kittel über und startet die Zentrifuge. „Ich habe an Sie und Emmett gedacht.“
„Was hat das mit Wissenschaft zu tun?“
„Die Massenanziehung, Professorin Mega!“
Entrüstet schaut sie an sich hinab, dorthin, wo ihr Körper leicht konvex von der Tangentialebene abweicht. So ein impertinenter Flegel! Sie setzt zu einer Standpauke an.
„Wir versuchen immer“, fährt Euler fort, „die Existenz von Gravitonen mittels physikalischer Theorien nachzuweisen. Renormierbare Quantenfeldtheorie! Alles Quatsch! Sogar beim alten Alighieri hieß es doch schon: L’amor che move il sole e l’altre stelle.“
„A propos amore. Haben Sie über die Äquatorkreuzfahrt nachgedacht, die ich Ihnen vorgeschlagen habe?“
„Verstehen Sie denn nicht? Gravi-TONE! Hor-MONE!“
„Wenn Sie zu Hause Probleme haben …“
„Wir müssen nicht im Universum suchen, um die kleinsten Träger der Gravitationskraft zu finden! Die Lösung ist IN UNS!“
Olga runzelt die Stirn.
„Alles Libido!“ Seine Wangen sind erhitzt. Er transpiriert heftig.

Ihr wird leicht übel. Ein schwitzender, erregter Mann! Wo doch schon Emmett … – Sie braucht frische Luft, dringend. Und ein Seminar.

Reifenquietschen dringt durch das geöffnete Fenster. Ein Scheppern. Dann ein Zischen. Ein Stöhnen. Und Stille.

#

Fortsetzung folgt.
Nur Bahnhof verstanden? Hier geht’s zu Teil 1.

Kommentare

12 Antworten: Bestellung aufgeben ⇓

  1. Ponder sagt:

    Groß-ar-tig!!!11elf

    Frau Nessy, ich will (noch) ein Buch von ihnen! Mit Olga! Und Emmett!

    Fan-Fähnchen schwenkend ab,

    der Ponder

    1. Conny sagt:

      Dem schließe ich mich vollinhaltlich an!

      Olga, Emmett & Euler am Morgen – da fängt der Tag doch gleich gut an!

    2. Frau Nessy sagt:

      Danke, danke. Zu viel des Lobes.
      Mindestens eine Folge muss es ja jetzt auch noch geben.

  2. Sandra sagt:

    Argh! Cliffhänger! FORTSETZUNG! FORTSETZUNG!

    1. Frau Nessy sagt:

      So langsam groove ich mich ein.

  3. Eva Maria sagt:

    Herrlich- danke für die Fortsetzung! (Und den Kurs „Polwanderung gegen die innere Unwucht“ hätte ich gerne belegt-hihi)

  4. blogspargel sagt:

    Also, köstlich, köstlich, das Ganze.

    Ob all der bunten Bildern, wächst in Ihrem Gärtlein vielleicht ein Kräutlein, über das Sie noch nicht berichtet haben? Will ich dann auch.

    Ich hoffe nur, die Überschrift dieser Folge assoziiert nicht mit dem halt(er)losen Zustand der Protagonistin vor dem Kleiderschrank …

  5. nobody sagt:

    Hüpf, hüpf, hüpf, freu … :)

  6. ANNA sagt:

    ich bin begeistert. WO zur Hölle kommt das her? Ist das alles im Kopf oder Fliegt das Ihnen zu ?Ist das so eine „fixe Idee“ oder mühsam zusammen gesponnen?

    mensch,mensch mensch,großes Kino! Danke und mehr davon!

  7. Alwin sagt:

    Und dabei ist das alles doch nur eine Frage der Gravitonen.

    Frau Nessy, was ist ein dickleibiger Mensch?
    (Eine Higgs-Anomalie)

  8. Gosia sagt:

    Großartig!

Die Kommentare sind geschlossen



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