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Die Lieblingstweets im Januar

31. 01. 2015  •  3 Kommentare

Die ersten Lieblingstweets des Jahres 2015:

Abschied

29. 01. 2015  •  13 Kommentare

Es gibt Menschen, die oft Abschied feiern müssen. Aus beruflichen Gründen. Oder aus persönlichen. Weil sie oft umziehen. Oder weil sie ihr Leben mit Menschen teilen, die sich ihrerseits verabschieden.

In früheren Zeiten mag es noch mehr Abschiede gegeben haben als heute. Die Menschen starben schneller. Sie wurden verschleppt. Oder verheiratet. Es gab Kriege.

Bei Zeit Online findet sich ein wunderbarer Beitrag übers Abschiednehmen und Loslassen. Er ist von Sven Stillich.

Sven Stillich schreibt:

Es gibt in Deutschland ein bekanntes Schild. Darauf steht: „Wir bitten Sie, diesen Ort so zu verlassen, wie Sie ihn vorgefunden haben“. Gilt das auch für Menschen? Kann man einen Freund oder Partner verlassen, wie man ihn angetroffen hat? Nein.

Ich lese das, mein Herz wird schwer. Es müsste nicht nur einfach ein „Nein“ dort stehen, sondern ein energisches „Nein!“, ein „Natürlich nicht!“. Mir kommt die Geschichte vom kleinen Prinzen in den Sinn, dem der Fuchs sagt: „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“

Denn was passiert, wenn wir uns einander vertraut machen? Stillich:

Wir lernen, die Welt mit den Augen des anderen zu sehen, übernehmen seine Angewohnheiten oder ihren Humor, tauschen Ideen aus. Die Nervenbahnen zweier Gehirne verdrahten sich – und es bildet sich etwas, was Wissenschaftler „transaktives Gedächtnis“ nennen. Wir lagern Wissen in den anderen aus: Ich weiß nicht, wo die Kerzen sind, aber ich weiß, dass mein Partner das weiß. […]

Was also geschieht, wenn Menschen verlassen werden? Sie verlieren buchstäblich ihren Kopf. Sie sitzen nun da mit einem Humor, der nicht der ihre ist, mit Ritualen, die kein Gegenüber mehr haben, mit Gehirnstrukturen, die sie früher nicht hatten – und die sich über Monate oder Jahre hinweg nicht neu verdrahten werden.

Wir verlieren nicht nur den Anderen, wir verlieren auch uns selbst.

„Warum hast du dich überhaupt in dem Anderen verloren!“, maulen entrüstet diejenigen, die noch nie geliebt haben; die vielleicht auch nicht lieben können. Aber das ist ja das Schöne an der Liebe: Das man sich im Anderen verlieren und sich selbst dort finden kann; dass man nicht weniger wird, wenn man liebt, sondern aneinander wächst. Ich bin ich, für mich allein, aber noch mehr mit dir. Wie der Raum, der größer wird, wenn eine seiner Wände ein Spiegel ist.

Wenn wir nun loslassen – wollen oder zum Loslassen gezwungen werden; wenn wir nun also Abschied nehmen, dann verlieren wir nicht unser Selbst. Wir verlieren nur die Möglichkeit, dieses Selbst in seiner Ergänzung zu leben. Wir werden unserer Entsprechung beraubt. Wo die Straße früher einen Bogen machte, endet sie nun in einer Schranke: Hier ist nun Ende. Hier hat jemand abgeschlossen. Es braucht neue Trampelpfade, um zu dem Ort zu gelangen, den es zwar immer noch gibt, der aber neu erschlossen werden muss.

Das Gute an alldem: Ist er schließlich neu erschlossen, haben wir durch den Abschied nicht nur jemanden verloren. Wir haben auch an Selbst gewonnen – an Erlebnissen und Empfindungen, an Achtung, Entschlusskraft und Erkenntnis. An neuen Wegen. So bleibt jeder Verlust immer ein Verlust. Und ein Gewinn; jeder Abschied ist ein neues Kennenlernen.

Und immer noch gilt, was ich vor nunmehr acht Jahren schrieb:

Die Einsicht, dass es im Leben keine Wiederholung gibt, dass die zweite Chance, wenn sie sich überhaupt bietet, nur die Illusion einer Möglichkeit und nicht das Original sein kann, macht einen kurzen Moment lang traurig. Doch dann fasse ich mir ein Herz und flüstere erhobenen Hauptes zurück: „Aber es gab uns. Das allein ist, was rückblickend zählt.“

Im Zentralbüro für Erdrotation, Folge 2: Anziehungskraft

27. 01. 2015  •  12 Kommentare

Olga steht im Schlüpfer vor dem Kleiderschrank, als das Telefon klingelt.

Sie schaut auf das Display, zögert kurz. Dann nimmt sie ab.
„Olga, meine Liebe“, hört sie Emmett säuseln. „Wie läuft’s bei dir? Alles newton?“
Es ist 7 Uhr 11. Sie hat jetzt keine Zeit, um zu telefonieren.
Einhändig wühlt sie in ihren Büstenhaltern. „Weshalb rufst du an?“
„Warum so kurz ab, mein Herz? Ich möchte nur deine Stimme hören.“

Sie atmet tief ein. Wecker um sechs Uhr einunddreißig. Einmal Schlummertaste. Aufstehen um sechs Uhr vierzig. Verdauung um sechs zweiundvierzig. Dusche um sechs fünfzig. Jeden Morgen dasselbe. Jeden Tag die Präzision, die sie liebt. Doch nun springt die Uhr auf sieben zwölf, es ist das Ende der Ankleidezeit, und sie trägt nur ein Höschen. 

„Ich habe jetzt keine Zeit für Schwerenöter.“ Wo ist nur der rote BH?
„Olga. Mein Herz. Gönn einem alten Mann etwas Oxytocin. Seit deinem Anruf in Sankt Moritz …“
„Dann triff mich in meinem letzten Sommerurlaub. Dort war mir ohnehin langweilig.“
„Ich bitte dich! Ich reise ja gerne nach 2014 zurück. Aber doch nicht ins Nordpolarmeer.“

Worte, Worte, Worte. 40 Sekunden Geplapper, die sie eigentlich zum Bestreichen ihres Frühstücksbrotes benötigt. Aber nun gut. Wenn sie ihn schonmal in der Leitung hat:

„Wann bringst du mir den Fluxkompensator?“ Sie findet den roten BH, fischt ihn aus der Schublade und klemmte sich das Telefon zwischen Ohr und Schulter.
„Ich muss erst noch einige Dinge erledigen.“
„Wir sollten ihn testen, bevor wir ihn bei Jong-un zum Einsatz bringen.“
„Bis Juni ist noch Zeit. Du bist zu perfektionistisch, meine Liebe. Entspann dich.“
Sie legt sich den BH um. Dabei entgleitet ihr das Telefon, fällt zu Boden und poltert gegen den Wäschekorb.
„Olga? Liebes!?“, krächzt es aus der Otterbox.
Mit routinierten Handgriffen schiebt sie ihr Dekolleté zurecht.
„Bist du noch dran? OLGA?“

Sie zieht die Schiebetür ihres Pax zur anderen Seite. Heute ist ein Tag für ein Kostüm. Ein strenges Kostüm.

#

Sie sitzt am Schreibtisch. Zum ersten Mal, seit sie im Zentralbüro arbeitet, fühlt sie sich unausgeglichen. Eine emotionale Disproportion. Sie braucht dringend etwas Erdendes. Unschlüssig klickt sie sich durch die Seiten des Betriebssports. „Energie durch Yoga.“ Sie klickt weiter. „Polwanderung gegen die innere Unwucht.“ Klick. „Wellenreiten für Physiker.“

Sie trägt sich gerade für „Zeitmanagement mit Diana Gabaldon“ ein, als Euler hereinstürzt.
„Tschulligung“, keucht er, reißt sich seine Funktionsjacke vom Leib und weht dabei einige Papiere von Olgas Schreibtisch.
„Euler, Sie Flächenblitz. Nicht so hastig.“
„Ich habe die Lösung.“
„Ein Sedativum für Jong-un?“
„Die Gravitonen.“ Er wirft seine Jacke über den Haken und verschwindet schnurstracks im Labor.

Olga steht seufzend auf und folgt ihm.
„Sie müssen sich schon etwas genauer ausdrücken.“
Euler zieht seinen Kittel über und startet die Zentrifuge. „Ich habe an Sie und Emmett gedacht.“
„Was hat das mit Wissenschaft zu tun?“
„Die Massenanziehung, Professorin Mega!“
Entrüstet schaut sie an sich hinab, dorthin, wo ihr Körper leicht konvex von der Tangentialebene abweicht. So ein impertinenter Flegel! Sie setzt zu einer Standpauke an.
„Wir versuchen immer“, fährt Euler fort, „die Existenz von Gravitonen mittels physikalischer Theorien nachzuweisen. Renormierbare Quantenfeldtheorie! Alles Quatsch! Sogar beim alten Alighieri hieß es doch schon: L’amor che move il sole e l’altre stelle.“
„A propos amore. Haben Sie über die Äquatorkreuzfahrt nachgedacht, die ich Ihnen vorgeschlagen habe?“
„Verstehen Sie denn nicht? Gravi-TONE! Hor-MONE!“
„Wenn Sie zu Hause Probleme haben …“
„Wir müssen nicht im Universum suchen, um die kleinsten Träger der Gravitationskraft zu finden! Die Lösung ist IN UNS!“
Olga runzelt die Stirn.
„Alles Libido!“ Seine Wangen sind erhitzt. Er transpiriert heftig.

Ihr wird leicht übel. Ein schwitzender, erregter Mann! Wo doch schon Emmett … – Sie braucht frische Luft, dringend. Und ein Seminar.

Reifenquietschen dringt durch das geöffnete Fenster. Ein Scheppern. Dann ein Zischen. Ein Stöhnen. Und Stille.

#

Fortsetzung folgt.
Nur Bahnhof verstanden? Hier geht’s zu Teil 1.

Samstags auf dem Weg zum Bäcker

26. 01. 2015  •  22 Kommentare

Der Samstag ist mein Lieblingstag.

Schon in meiner Kindheit liebte ich es, am Samstagmorgen aufzustehen, ohne es zu müssen. Mein vater fuhr mit mir Brötchen holen, danach gingen wir in den Garten oder zogen uns Gummistiefel an und wuschen das Auto. Oder buk mit meiner Mutter Kuchen. Am Abend gab es Pommes, Bratkartoffeln oder Reibeplätzchen, denn samstags kochte immer mein Vater. Wir guckten Schwarzwaldklinik, „Wetten dass …?“ oder „Die verflixte 7“.

Seither hat sich nicht viel geändert. Der Samstag ist der beste Tag der Woche. Ein Tag, an dem ich zu Hause bin, Dinge erledige, vor mich hinwurschtele. Als dieses Wochenende dann damit begann, dass Schnee fiel, war ich vollends glücklich.

Eigentlich wollte ich keine Brötchen holen, ich hatte noch welche eingefroren. Aber dann stapfte ich doch los.

 

Dortmund-Schüren: An der Emscher

 

Vielleicht wundern Sie sich und fragen sich, ob ich umgezogen bin. Das kann nicht das Ruhrgebiet sein!

Doch. Das ist Dortmund, und in meinem kleinen Stadtteil ist es wie auf dem Dorf.

Dortmund: Schürener Vorstadt

 

Ich habe hier zwei Bäcker zur Auswahl. Einer davon ist das „Schürener Backparadies“, das seinem Namen alle Ehre macht. Es wurde im vergangenen Jahr mit dem Gründerpreis NRW ausgezeichnet. 30 Menschen arbeiten dort.

Im Backparadies gibt es nicht nur traditionell gebackene Brötchen, sondern auch standardmäßig Kalte Schnauze und andere tolle Kuchen. Außerdem sind die Leute dort super organisiert und immer wahnsinnig nett. Ein Wohlfühlbäcker.

Schürener Backparadies

 

Zurück ging’s am Sportplatz vorbei – ein schöner, einsamer Weg, wenn alles verschneit ist.

Dortmund-Schüren: Am Sportplatz

 

Eine meiner liebsten Straßen liegt übrigens gleich bei mir nebenan. Hier gibt es Fachwerkhäuser mit Bauerngärten, Natursteinmauern und Umfriedungen mit seltsamen Figuren. Ich gehe gerne dort entlang, wenn ich einkaufen muss. Zum Ende hin steigt die Straße steil an – beziehungsweise fällt, wenn ich auf dem Rückweg bin, zu Beginn steil ab, so dass ich mit meinen Einkaufstüten Fahrt aufnehme.

Dortmund-Schüren: Erlenbachstraße

 

Ein Dorf in der Großstadt. Ich mag es hier.

Diese Mädels können

23. 01. 2015  •  8 Kommentare

Sport ist für mich ja so etwas wie atmen.

Ohne Bewegung kann ich nicht. Muss ich eine Woche lang nur mal sitzen und arbeiten, fühle ich mich unwohl. Irgendwas verkrampft dann in mir, und ich werde unausgeglichen.

Sport England, eine Vereinigung zur Förderung des Breitensports, hat nun eine Studie in Auftrag gegeben, bei der herauskam, dass Frauen im Alter zwischen 14 und 40 Jahren weniger Sport treiben als Männer. Das kann natürlich viele Gründe haben. Sport England  hat nach ihnen gefragt. Heraus kam: keine Zeit, zu teuer. Aber auch: Sie schämen sich – davor, ihren Körper zu zeigen und beurteilt zu werden.

Daraufhin hat der Verband die Kampagne #ThisGirlCan gestartet.

http://youtu.be/aN7lt0CYwHg

Ich finde den Film sehr schön. Er macht echt Bock darauf, sich auszupowern.

Die Angst davor, beurteilt zu werden, liegt mir schon seit Langem fern. Ich schätze mal, weil mir ohnehin immer Leute beim Handballspielen zugeschaut und ihren Senf zur Performance abgegeben haben. Zuschauer auf der Tribüne können es ja bekanntlich immer besser – ich selbst in meiner Funktion als Sofa-Bundestrainerin weiß, wovon ich rede.

Trotzdem kann ich verstehen, dass nicht jede sofort dahinkommt, Sport zu machen, weil sie ihren Körper liebt – und nicht nur, damit sie ihn liebt.

Was mir das Video übrigens nebenbei bewusst gemacht hat: wie wenig durchschnittliche – und damit unterschiedliche – Menschen in Videos, Filmen und Serien mitspielen, vor allem hier in Deutschland. Wenn einer mal anders ist (dick, behindert, besonders klein, besonders groß …), dann nur, weil es explizit Thema ist.

[via Anna und Kaltmamsell]

Gärtnernde Nerds

22. 01. 2015  •  Keine Kommentare

An dieser Stelle möchte ich auf eine zauberhafte kleine Serie aufmerksam machen:

Im Gärtnerinnenblog wird jetzt mit dem RaspberryPi gegärtnert. Man könnte die Kategorie auch überschreiben mit: „SysAdmins, die auf Tomaten starren“.

Schauen Sie doch mal auf der Außenterrasse vorbei.

Im Zentralbüro für Erdrotation

15. 01. 2015  •  46 Kommentare

Dieses Jahr gibt es eine Schaltsekunde. Der 30. Juni wird eine Sekunde länger sein. Im Zusammenhang mit diesem Thema habe ich gelesen, dass es ein Zentralbüro für Erdrotation gibt – oder, für Anglisten: International Earth Rotation and Reference Service (IERS).

Seither male ich mir aus, wie es angesichts der aktuellen Herausforderungen im Zentralbüro für Erdrotation zugeht.

#

Es ist stets die achte Stunde des siderischen Tages, wenn Professorin Olga Mega ins Büro kommt, sich erstmal einen Kaffee macht und ihre extragalaktischen Radioquellen einschaltet. Sie mag diese Zeit am Morgen, wenn noch keiner anruft, sie in der P.M. blättert und langsam in den Tag kommt.

Bald trudelt Euler an. Er wirkt gehetzt und entschuldigt sich: Die gravitativen Kräfte seines Bettes seien heute wieder zu stark gewesen; überdies gehe sein Vektor nach.

Olga sieht ihn an: Auch sein Kamm scheint kaputt zu sein. Doch sie winkt ab. Es gab bislang noch keinen Tag, an dem ihr Assistent pünktlich im Sinne konventioneller Messgrößen war.

Euler legt eine Butterstulle in den Kühlschrank und verschwindet direkt ins Labor zu seiner Kreiselsammlung. Er ist nicht grad ein kommunikativer Typ – grundsätzlich nicht und schon gar nicht morgens. Überdies hat er in letzter Zeit einige Rückschläge hinnehmen müssen; die Lorentzkraft der Liebe will in seinem Leben nicht so recht wirken. Mit jedem Korb, den er bekommt, wird er kauziger und schweigsamer.

Olga sieht auf die Uhr. Es ist Zeit, Nordkorea anzurufen und es von der Notwendigkeit einer Schaltsekunde zu überzeugen. Eine Sekunde mehr Macht! Der Traum jedes Diktators! Das Gespräch wird schnell vorbei sein.

Sie stellt die Radiowellen ab und wählt die Nummer, die sie vom Auswärtigen Amt bekommen hat. Nach dreimal klingeln wird abgehoben.
„Jong-un.“
„Mega hier vom Zentralbüro für Erdrotation.“
„Genossin Mega. Wenn hier einer zentral ist, dann bin ich das.“
„Natürlich, natürlich. Weshalb ich anrufe. Es geht um die Schaltsekunde.“
„Über die habe ich bereits nachgedacht.“
„Und?“
„Nein.“
„Sie wollen die Schaltsekunde nicht einführen? Das ist schlecht für die Weltzeit.“
„Als ewiger Führer bin ich zeitlos.“
„Nun, aber die Sonne …“
„Die bin ich.“
„Wie meinen?“
„Sie haben schon richtig verstanden. Schönen Tag noch, Genossin.“

Das hatte sie sich anders vorgestellt. Sie geht zu Euler, der gerade kopfüber in einem großen, blauen Müllsack hängt.
„Was ist los, Euler? Müssen Sie jetzt schon containern? Sie kriegen doch seit diesem Monat Mindestlohn.“
Mit hochrotem Gesicht taucht er aus dem Sack auf.  „Mein Meridian ist weg.“
„Gestern war er doch noch da.“
„Schon. Aber der Kreiselkompass. Schauen Sie. Er ist ganz unausgerichtet.“ Er deutet auf eine runde Kugel, in der ein Metallgestell nervös hin- und herschwingt.
Olga seufzt. „Sie brauchen Urlaub, Euler. Haben Sie nicht letztens erst Ihr Foucault’sches Pendel verbummelt? Sie sollten mal über eine Single-Kreuzfahrt nachdenken. Zum Äquator reisen, sich Passatwinde um die Nase wehen lassen und nebenbei ein paar“ – sie zwinkert kokett – „romantische Stunden erleben.“
Er geht nicht auf sie ein, sondern fragt stattdessen: „Wie lief der Telefontermin?“
„Schlecht, Euler. Ganz schlecht. Jong-un meint, er sei nicht an so etwas Läppisches wie Zeit gebunden.“
„Und jetzt? Wollen Sie Schützenhilfe von der Generalkonferenz für Maß und Gewicht anfordern?“
„Ich telefoniere erstmal mit Emmett.“
„Emmett Brown? Ich dachte, er lebt schon lange in 1885.“
„Er ist grad auf Skiurlaub in Sankt Moritz.“
Euler nickt und verschwindet, „soso“ und „nobel, nobel“ murmelnd, wieder in seinem Müllsack.

Olga kennt Brown von der Solvay-Konferenz 2021, die sie beide in sechs Jahren besuchen werden. Dort ist sie ihm auch privat näher gekommen. Obwohl sie wusste, dass er verheiratet ist; sie kann eben nicht aus ihrer Haut.

Sie wählt seine Handynummer. Er geht sofort ran.
„Brown.“
„Ich bin’s, Olga.“
„Olga, meine Liebe! Schön, von dir zu hören!“ Im Hintergrund singt jemand Anton aus Tirol. „Wo bist du, mein Herz?“
„In 2015. Ich kümmere mich um die Schaltsekunde.“
„Lass mich raten! Die Kommunisten wollen mal wieder nicht.“
„Kannst du mir am 30. Juni nochmal deinen Fluxkompensator leihen?“
„Du willst wieder die Caesium-Fontäne in der koreanischen Atomuhr beeinflussen, ohne dass Kimmy es mitkriegt.“
„Wenn ich den Dienstweg nehme, kann ich mich bis zum Sommer nur mit Antragsformularen und grauen Herren herumschlagen. Bitte, Emmett. Was 2012 funktioniert hat, klappt auch 2015.“
„Dein Wort in Einsteins Ohr. Aber halt Euler da raus. Die Hohlfrucht verursacht nur Zeitparadoxa.“
„Du bist ein Schatz!“ Sie küsst auf die Sprechmuschel und legt auf.

#

Vielleicht habe ich etwas viel Fantasie. Aber wer weiß das schon so genau.

Diese Grabenkämpfe sind so anstrengend

12. 01. 2015  •  49 Kommentare

Kinderlose!
Alles karrieregeile, egoistische Rentenschmarotzer!

BMI über 25!
Fette Schweine. Disziplinlose Couchpotatoes mit Gelenkschmerzen.

Lehrer!
Überpriviligierte Cordhosenträger mit 200 Tagen Urlaub. Können nix, noch nicht mal sich durchsetzen.

Hausfrauen!
Übermuttis. Bastelmafia. Halten sich jahrelang schadlos, dann Scheidung, dann männerverklagende Vipern.

Habe nur ich das Gefühl oder Sie auch? Werden Diskussionen mit immer größerer Vehemenz geführt? Oder liegt das nur an der Undifferenziertheit in diesen schlimmen Kommentarspalten von Webseiten?

Männer, Frauen, Alte und Junge. Eltern und Nicht-Eltern. Veganer, Vegetarier, Fleischesser. Ich mag gar nicht weiter aufzählen, die Kampflinien werden ja doch nur eindeutiger.

Woher kommt die geringe Akzeptanz für Mitmenschen, die in irgendeiner Weise anders leben als wir selbst?

Als ich ein pubertärer Teenager war, bin ich auf Kirchenfreizeiten mitgefahren. Ich bin nicht gläubig (jetzt kann ich’s ja sagen), aber, nun ja, die Gesellschaft war nett und die Reisen waren preiswert. Es war also alles super (für mich). Außer dass alle zwei Vormittage ein Bibelkreis stattfand, verpflichtend. Das war langweilig, das war richtig schlimm. Aber hey, I had to pay the price.

Ich erinnere nicht mehr, welches Gleichnis es war, das wir auf einer kroatischen Terrasse durchkauten. Ich erinnere mich aber an den Blick aufs Meer und an die Quintessenz. Die hieß, ganz grob: „Hast du dadurch Nachteile? Nee? Dann kümmere dich um deinen eigenen Kram.“

Danach lebe ich seither; ich versuche, entspannt zu sein. Habe ich Nachteile dadurch, dass Leute nur Gemüse essen? Nein? Dann kümmere ich mich um meinen eigenen Kram. Oder dass sie zu Allah beten? Zu Jesus? Dass sie überhaupt beten? Dass sie eine offene Beziehung führen? Oder eine mit einem 20 Jahre jüngeren Partner? Wo ist das Problem, wenn Leute keinen Sport treiben? Oder für einen Ultramarathon trainieren? Nur halbtags arbeiten möchten? Oder 50 Stunden? Es gibt keins? Dann gibt es auch keinen Grund, sich darüber aufzuregen. Nicht real und nicht in irgendwelchen Internetforen.

Viele Dinge können uns doch einfach mal wurscht sein.

In einem Workcamp in Griechenland, eine Jugendfreizeit mit Arbeit, habe ich außerdem mal zwei Mädels getroffen. Aus Berlin; ursprünglich stammten sie aus der Westsahara, waren Muslima, trugen Kopftuch und lange Gewänder. Und das bei der Hitze! Du meine Güte! Wir gruben zusammen an Olivenbäumen rum. Und unterhielten uns. Sie erklärten mir, was das Kopftuch für sie bedeutet. Warum sie es tragen. Wie sie sich als Frau sehen. Danach hatte ich großen Respekt vor ihnen. Mir wär’s trotzdem zu warm gewesen und dieses Glaubensding – nee danke, aber ich habe gelernt: Es ist kompliziert. Und es ist oft nicht so, wie es scheint. Es lohnt sich zuzuhören.

Seither versuche ich das – nachzufragen, wenn es passt. Oder einfach mal vorauszusetzen, dass es Gründe dafür gibt, wenn Leute Dinge so tun, wie sie sie tun. Ich sehe diese Gründe halt nur nicht unbedingt – zum Beispiel, weil ich anders lebe. Oder andere Erfahrungen gemacht habe. Oft ist es eine ulkige Sache. Man erfährt ziemlich viele Dinge, wenn man mal nur interessiert ist. Diese Dinge kann man dann wiederum doof finden, aber dann immerhin aus Gründen. Manchmal findet man sie sogar gut! Es ist spannend.

Natürlich: Das alles klappt nicht immer. Auch ich habe Vorurteile, mal einen schlechten Tag und benehme mich daneben. Aber ich möchte mich bemühen.

Um zum Anfang zurückzukommen: Mich nervt dieses ganze Schwarz-Weiß-Denken, das sich derzeit durch so viele Themen zieht. Das sich auch BloggerInnen immer wieder antun müssen, FamilienbloggerInnen oder Leute, die über Essen oder Gleichberechtigung schreiben. Mich nervt, wie angegriffen sich Menschen nur durch die schlichte Anwesenheit anderer fühlen. Deren Lebensmodell oder deren Körper. Das ist alles so ermüdend. Ich mag das nicht mehr hören. Diese Grabenkämpfe sind so anstrengend.

Warum können wir uns nicht alle ein bisschen in Ruhe lassen; einfach mal interessiert sein – und freundlich zueinander. Mir will das nicht in den Kopf.

Walnussbrot aus Malthouse-Mehl

11. 01. 2015  •  7 Kommentare

Am Wochenende gibt’s bei mir immer vom Bäcker. Doch Brot für in der Woche kommt seit einiger Zeit ausschließlich aus dem eigenen Ofen.

Mittlerweile habe ich mich so daran gewöhnt, dass ich Bäcker-Brot gar nicht mehr so gerne mag. Vielleicht liegt es daran, dass Bäckereien viel mit Sauerteig arbeiten, ich aber lieber Brot ohne Sauerteig mag.

Schon seit längerem bin ich auf der Suche nach Malthouse-Mehl. Malthouse-Mehl ist eine Mischung aus Weizenmehl, Mehrkornmehl, Weizenmalzflocken und Roggenmehl.

Ich habe Reformhäuser und Bioläden nach dem Mehl durchforstet – doch ohne Erfolg. amazon.co.uk hat schließlich geholfen.

Malthouse Mehl

Malthouse-Mehl. Eingeschifft von der Insel.

 

Aus dem Malthouse-Mehl ist ein wunderbares Walnussbrot entstanden. Es schmeckt kräftig, aber nicht körnig.

Walnussbrot aus Malthousemehl

Walnussbrot. Noch warm.

 

Die Zutaten:
250 g Malthouse-Mehl
180 ml warmes Wasser
75 g Walnusskerne
Hefe
Salz

Die Walnüsse kleinhacken. Das geht in handwerklich begabten Haushalten zum Beispiel, indem man mit einem Hammer auf der Packung rumkloppt.

Die Zutaten miteinander verkneten. Dann den Teig mit einem feuchten Geschirrtuch abdecken und in der Schüssel ruhen lassen. Nach 10 Minuten und nach 20 Minuten jeweils einmal durchkneten.

Danach den aufgegangenen Teig zusammendrücken, eine Kugel formen, flach drücken und ein Loch in die Mitte machen.

Walnussbrot vor dem Backen

Teigring. Liebevoll geknetet.

 

Den Teig auf einem Backblech noch einmal eine Dreviertelstunde gehen lassen, abgedeckt mit einem feuchten Tuch. Danach ein Quadrat in den Laib ritzen und das Brot backen: 30 Minuten bei vorgeheizten 200 Grad. Dabei ein Gefäß mit Wasser auf den Backofenboden stellen.

Man kann das Brot dann auskühlen lassen und in die Brotbox legen. Oder warm anschneiden, mit Butter bestreichen und genießen. Jeder ist da ja ein bisschen anders.

Charlie Hebdo: Links

9. 01. 2015  •  2 Kommentare

Was soll man schreiben zu den Anschlägen in Paris? Mir fällt nichts ein.

Ich verfolge die Ereignisse – hauptsächlich in den Liveblogs beim Figaro und beim Guardian. Ein Hoch auf den gymnasialen Sprachunterricht. Und ich lese bei anderen. Hier ein paar Links.

Buzzfeed hat die Karrikaturen aus der ganzen Welt gesammelt:

Karikaturisten weltweit trauern um ihre Kollegen, die heute bei einem Anschlag in Paris getötet wurden. Viele der Getöteten arbeiteten für das Satiremagazin Charlie Hebdo.

Michael Deacon vom Telegraph wendet ein: Es gehe nicht um Satire. Auch nicht um den Islam.

 Here’s a theory. Terrorists aren’t offended by cartoons. Not even cartoons that satirise the Prophet Muhammad. They don’t care about satire. For all I know they may not even care about the Prophet Muhammad. Instead, they merely pretend to be offended by cartoons, in order to give themselves a pretext to commit murder.

Titanic-Chef Tim Wolff im Interview mit der taz:

Wir lassen uns durch so ein Ereignis nicht unsere schöne Freiheit rauben, das zu machen, was wir für relevant und lustig halten. Bisher kommt der Berufsstand der Satiriker ja gut weg, man wird recht selten ermordet.

Hakan Tanriverdi ist Journalist bei sueddeutsche.de. Er schreibt über seine Arbeit am Tag des Anschlags und über seine Gedanken als Muslim:

Gleich bei der ersten Eilmeldung („Schießerei in Redaktion von ‚Charlie Hebdo‘: Elf Tote und vier Schwerverletzte bei Angriff auf Satirezeitung in Paris“) musste ich an den Comedian Maz Jobrani und seinen TED-Talk denken […]. „Als dieser eine weiße Typ mit einem Flugzeug in das Gebäude geflogen ist“, sagte er 2010, „ich weiß, dass alle meine Freunde aus dem Mittleren Osten und alle meine muslimischen Freunde, die in den USA leben und das im Fernsehen gesehen haben, dachten: ‚Bitte komm‘ nicht aus dem Mittleren Osten! Bitte heiß’ nicht Hasan! Bitte heiß’ nicht Hüseyin! Und dann wurde der Name genannt – JACK! – und ich brüllte: ‚WOOOO!’ Das ist keiner von uns!“

Ich sitze also in der Redaktion von Süddeutsche.de und hoffe, dass das auch so ein Jack-Moment wird.

In dem Text erwähnt Hakan Tanriverdi ein Interview mit einem Imam, das er an diesem Tag führte.

Sie sind Imam in Penzberg und reden oft mit muslimischen Menschen über das Thema Terrorismus. Was ist das Feedback in Ihrer Community?

Empörung! Es herrscht Angst in der Community. Unsere Religion wird durch solche Kriminellen komplett in Frage gestellt. Diese Menschen haben unserer Religion viel mehr Schaden zugefügt, als diese Karikaturen es jemals tun könnten.

Jochen Wegner, Chefredakteur von Zeit Online (übrigens das von mir meist gelesene Nachrichtenportal), darüber, was der Anschlag für das Gefühl in seiner Redaktion bedeutet:

Früher erschraken Redaktionen, wenn Polizisten in ihre Büros kamen und fragten sich, welches vertrauliche Material die Einsatzkräfte zu beschlagnahmen suchten. […] Spätestens seit gestern sind wir froh, wenn Ordnungshüter hin und wieder vorbeischauen und mit Maschinenpistolen und Panzerwesten vor unserem Haus in Stellung gehen.

Natalie vom Gemischtwarenlädchen schreibt, warum sie nicht „Je suis Charlie“ postet:

 Ja, ich weiß. Wie ich oben schrieb: Den Opfern ist nichts vorzuwerfen. Es gibt hier kein Victim Blaming. Sie haben ihren Tod weder herausgefordert noch verdient. Und dennoch waren die Inhalte von Charlie Hebdo nicht mein Ding. Ich kann die Redaktion der Zeitschrift jetzt nicht künstlich überhöhen für ihre Arbeit, nur weil ein Teil von ihnen tot ist.

Sebastian Loudon, Chefredakteur des österreichischen „Horizont“, sagt auch: „Wir sind nicht Charlie“:

Nein, wir sind nicht Charlie Hebdo. Unsere Kinder wurden am Vormittag des 7. Jänner nicht zu Waisen gemacht.

 



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