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Pfingstgewitter

10. 06. 2014  •  12 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Lebenslage«

Gestern Abend sitze ich auf meinem Balkon und beobachte das anrollende Gewitter.

Ich denke: „Jo, da kommt wohl ein Gewitter.“ Wie das so ist, an heißen Tagen. Von Warnmeldungen wusste ich nichts: Ich hatte den ganzen Tag über Besuch gehabt, kein Radio gehört, war nicht im Internet gewesen.

Unwetter Pfingsten 2014 in Dortmund

Gegen 21.30 Uhr.

 

Bis auf die Dunkelheit und entfernte Blitze passiert erstmal nichts. Es kommt eine leichte Brise auf – ein Hauch, ein „Das dauert noch“-Lüftchen. Ich bleibe auf dem Balkon sitzen, die kalte Rhabarbersaftschorle schwitzt im Glas, Eiswürfel klimpern; ich schaue auf die Wolken und auf diese komische blaue Linie, die den Himmel teilt.

Plötzlich!
WUSCH!
BÄMM!
– reißt eine Böe mein Tomaten-Gewächshaus von der Balkonbrüstung. Im selben Moment beginnt es hammermäßig zu regnen. Und zu hageln. Ohne Tröpfeln vorher, ohne alles. Sowas habe ich noch nie, wirklich!, noch nie erlebt. Dann geht es los. Um zu veranschaulichen, was hier abging:

Schauen Sie gerne mit Ton, das macht es eindrücklicher.

Ich stürze mich sofort auf das Gewächshaus, hänge mit dem halben Körper darauf. Wenn mir das Ding jetzt abhaut, fliegt es irgendwem ins Fenster, denke ich. Oder aufs Auto. Oder in die Fresse. Es weht ein irrsinniger Wind, völlig verrückt. Wie gesagt: innerhalb von Sekunden; man kann sich das schwer vorstellen. Mit einer Hand halte ich mich an der Balkonbrüstung fest, ich klemme mir die Streben des Häuschens irgendwie zwischen die Knie, steige halb drauf. Mit der anderen Hand versuche ich, die Metallstreben auseinanderzufummeln und die Plane des Gewächshauses herunterzureißen. Das Ding muss irgendwie auf die Erde, es ist wie ein Segel; und es ist breit: Fliegt es weg, reißt es alles mit sich – Stühle, Blumen, Kübel. Es regnet und hagelt, es prasselt auf mich – wie ein Wasserfall, so viel und so hart. Unglaublich. Ich ringe das Häuschen nieder, kriege irgendwie die Plane runter, es dauert ewig, und stopfe sie unter eine Sonnenliege.

Erst jetzt sehe ich: Der Sturm hat die Balkontür aufgeweht. Es hagelt mir ins Wohnzimmer.

Ich schnappe mir den ersten Tomatentopf, eiere mit ihm ins Haus. Der Hagel auf dem Balkon – er ist glatt, es ist, als laufe ich auf Eiern. Mein Rock, mein Shirt – das Wasser tropft, nein, es läuft aus den Klamotten aufs Parkett. Ich ziehe beides aus, werfe es ins Bad, schleppe weitere, freistehende Töpfe rein. Im Wohnzimmer: fünf-Cent-große Hagelkörner. Ich schiebe sie übers Parkett raus auf den Balkon. Der Regen drückt weiter Wasser rein. Ich schiebe die Balkontür zu, laufe ins Bad, hole Handtücher, lege sie aus.

Unwetter Pfingsten 2014 in Dortmund

Wohnzimmer trocken legen.

 

Dann laufe ich zur anderen Seite, durch die Küche zum Garten, ziehe den Grill, die Stühle, den Tisch und alle Blumen ans Haus.

Unwetter Pfingsten 2014 in Dortmund

Nur die Stärksten überleben.

 

Es ist irre, völlig irre. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber: irre. Vor allem der Wind, so aus dem Nichts.

Heute morgen – bei der Inspektion des Balkons: alles gut. Nur: Das Gewächshaus ist tot. Die vier Leinen, mit denen ich es festgebunden hatte (wie in der Anleitung), baumeln am Balkon: Die Knoten waren super, der Wind hat einfach das Dach abgerissen, mit einer einzigen, seiner ersten Böe. Irre.

Anne war heute morgen in Essen unterwegs und hat Fotos gemacht. So sieht es hier in Dortmund auch aus.

Kommentare

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  1. Turtle sagt:

    Krasse Sache.
    Mein Onkel, der früher zur See fuhr, hat mir mal erklärt wenn eine helle Linie am wolkenvollen Himmel erscheint, bleiben maximal 30 Minuten bis wettermäßig die Hölle los ist. Aber so eine deutliche Linie wie auf dem Foto hab ich ihm Leben noch nicht gesehen. Hoffen wir mal, dass das keine Wiederholung erfährt.

    1. Frau Nessy sagt:

      Diese Weisheit hätte ich gut gebrauchen können. Die Linie sah sehr schön aus – unglaublich schön. Aber so ist es ja meistens mit den Dingen, die am Ende sehr weh tun: dass sie erst sehr schön sind.

      //*philosophischer Abend

  2. Krass.

    Wir haben bei uns (gute 100km nördlich) auch noch ordentlich was mitbekommen, aber so schlimm war es hier nicht.
    Vor allem der Anfang war irgendwie magisch: Schwefelgelbe Wolken, alles blitzt und leuchtet, teilweise taghell, aber die ersten zehn Minuten quasi ohne Ton. Als das Gewitter dann wirklich hier war, war es auch ordentlich laut. Und lang!

    Das mit der hellen Linie werd ich mir übrigens mal merken… Wir sind auch ein bisschen hektisch geworden als es dann wirlich losging und uns DANN einfiel, dass wir ja Hängeampeln am Balkon haben…

    1. Frau Nessy sagt:

      So stark, wie der Wind war, habe ich irgendwann nicht mehr nur an Hängeampeln gedacht, sondern an Kirschbaum, Terrassenstühle und Gartenhaus.

      Aber magisch war’s, das stimmt. Vor allem vorher.

  3. ck sagt:

    Dreißig Sekunden nachdem die Hölle losbrach kam ich nach Hause, parkte den Wagen, und dachte: „Das sind zwar nur fünfzig Meter, aber wenn du da jetzt durch gehst, bist du patschnass“. Also blieb ich im Auto sitzen. Ist ja nur ein Gewitter, das dauert vielleicht zehn oder fünfzehn Minuten.

    Und so kam es, dass ich fünfzig Minuten im Auto saß.

    Anfangs kamen noch einige, bereits völlig durchnässte Radfahrer vorbei. Den Vogel schoss aber ein Typ ab, der nach einer halben Stunde in aller Seelenruhe und ohne Hemd oder sonstige Oberbekleidung auf dem Rad an mir vorbei fuhr.

    Da wusste ich: Ich bin eine Memme. Oder nüchtern.

    1. dorothy_jane sagt:

      Oder sehr schlau.

      Ein Auto wirkt nämlich wie ein sog. faradayscher Käfig und bietet Schutz vor Blitzeinschlägen.

      Immer positiv sehen.

      : )

  4. flyhigher sagt:

    Ja, da hat es ganz schön gekracht, bei euch da oben! Ich hab mir gestern kurz einen Bericht von den Schäden angeschaut, das waren eindrucksvolle Bilder.

  5. Julia-Maria sagt:

    Bei uns in Köln gib es auch ganz schön ab. Diese schwarze Wolkenfront, die auf einen zugerollt kam. Echt beeindruckend. Mein Mann wollte dann die Terrassen-Jalousien runterlassen. Konnte ihn gerade noch davon abhalten, da ich unbedingt sehen wollte, wie die Planschbecken, Grills und Sonnenschirme unserer Nachbarn wegfliegen. Das war es wert! ;)

  6. Lobo sagt:

    Also bei uns kam nur noch ein „laues Lüftchen“ an. Gut das dir selbst nichts weiter passiert ist, bei deiner heldenhaften Gewächshausrettungsaktion.

    Irgendwie haben die Medien es auch nicht leicht, beim letzten Mal wurden sie gescholten, das sie es übertrieben haben und nun beschweren sich viele das sie nicht ausreichend gewarnt wurden.

  7. Christel aus Berlin sagt:

    Deinen Bericht und die Bilder aus NRW im Kopf habend, räumte ich heute Mittag gleich, als die erste Unwetterwarnung für Berlin kam, die Balkonbrüstung komplett ab. Das waren neun schwere Terrakottakästen und etliche Kübel, die ich in den Ecken und Nischen des Balkons verstaute – und dann kam son bisschen Lullerregen und leichtes Gewittergrollen. Ich will ja nicht unbedingt Orkanböen, aber ’n bisschen mehr für die Anstrengung hätt’s schon sein dürfen. Aber die Nacht ist ja noch nicht vorüber…

  8. Das tut einem selbst richtig weh, oder? So ein RuhevordemSturm-ausdemNichts-HagelWindStarkregen-Unwetter haben wir 2010 in Wien erlebt… Damals haben unsere Gurken sowie eine Malve nicht überlebt. Und bei den Blitzen hab ich es mit der Angst zu tun bekommen… Im Dachgeschoss mit Blechdach und Metallbalkongeländer…

    Mein Mitgefühl!

    LG, Anja

    1. Frau Nessy sagt:

      Wenn man im Trockenen sitzt und rausschaut, ist es sehr eindrücklich. Draußen war es wirklich nicht schön. Ich finde Gewitter toll, habe auch keine Angst – aber das war mir eine Spur zu heftig.

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