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Rosenmontag, abends

3. 03. 2014  •  26 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Lebenslage«

Im Stadtgarten sitzt ein Sträfling und kotzt.

Neben ihm auf der Bank steht eine Flasche Fruchttiger. In der Ferne klimpert ein Spielmannszug „Anton aus Tirol“. Eine pummelige Katze steht zwischen dem Sträfling und einem zart ausschlagenden Ginster und brüllt in ihr Handy: „Schlaf getz! Mama und Papa kommen gleich!“

Es ist 18.30 Uhr. Ich habe gerade Feierabend und gehe durch die Stadt, um noch ein wenig  Luft zu schnappen – was eine schlechte Idee ist, aber nun bin ich unterwegs, nun ist es nicht mehr zu ändern. Ein Krokodil auf einem Fahrrad fährt vom Friedensplatz aus in Richtung Stadthaus. Auf Schicht gab es heute einen Teller mit Berlinern. In meinem war Erdbeermarmelade, das war sehr schön, das mag ich lieber als Aprikose. Ansonsten war wenig los. Rosenmontag halt.

In der U-Bahn stehen Menschen in BVB-Trikots. Ein BVB-Trikot geht hier in Dortmund immer und zu jedem Anlass – damit ist man niemals falsch angezogen, im Stadion sowieso nicht, aber auch nicht zu Karneval, auf dem Spielplatz mit den Kindern, , im Supermarkt, beim Spazierengehen oder samstags beim Grillabend. Ein Tausendsassa, so ein BVB-Trikot – und noch dazu atmungsaktiv.

Ich war ja an Rosenmontag niemals jemand anderes als Piroschka – in einem weißen, mit bunten Farben besticktem Rock und einer Haube mit weißen, roten und grünen Bändern. An einem kalten Aschermittwoch im Jahr 1984, nachdem ich in der Nachbarschaft zum x-ten Mal „Ich bin ein kleiner König, gib mir nicht zu wenig“ gesungen hatte, habe ich das Kostüm ein letztes Mal getragen und fürderhin für immer abgelegt. Im folgenden Jahr passte es mir nicht mehr, und mit Piroschka starb  meine ohnehin nur schwach glimmende Karnevalsleidenschaft. Ich versuchte mich noch einmal als Clown, gewann mit dem vom Nachbarsjungen geliehenen Kostüm sogar den informellen Grundschulpreis für das beste Kostüm in der zweiten Klasse, dotiert mit Ruhm, Ehre und einem unförmigen Holzorden, den ich schon am selben Tag wieder abgeben musste, doch der Erfolg  versöhnte mich nicht. Ich legte Gewinn und Verkleidung ab und kümmerte mich nicht mehr um Karneval.

Ich steige in die U-Bahn. Die BVB-Trikots bleiben, wo sie sind. Sie wollen in eine andere Richtung, dorthin, wo noch etwas los ist. Statt ihnen huscht im letzten Moment eine Gruppe kichernder Krankenschwestern durch die piependen Türen des Waggons, wirft sich in einen Vierersitz und reicht eine Sektflasche herum. Wie gut, dass die Temperaturen dieser Tage schon deutlich im Plus sind, sonst hätten sie morgen sicherlich eine Nierenbeckenentzündung, so kurz wie ihre Röcke und Blusen sind; man kommt nicht umhin, sich über diese Dinge Gedanken zu machen.

Als ich aussteige, knutschen neben der Tür zwei Hasen mit auf einen Haarreif geschnallten Klappohren; sie schlecken sich wild und schmatzend. In Paderborn sagt man übrigens nicht „Alaaf“ oder „Helau“, sondern „Hasi Palau“. Das hat mir heute Morgen eine Kollegin erzählt; das fällt mir in diesem Moment ein.

Das letzte Stück nach Hause gehe ich zu Fuß. Niemand ist mehr verkleidet, so weit reicht die Dortmunder Leidenschaft nicht; in den Vororten hört sie auf. Ich bin hier schon ganz richtig, denke ich und gehe heim.

Kommentare

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  1. silke wassermann sagt:

    Guten Abend!
    Ja, das stimmt tatsächlich mit „Hasi Palau“ in Paderborn. Ich weiss es, denn ich lebe hier. Und am Karnevalssamstag, wenn hier der Umzug stattfindet, wage ich mich kaum in die Stadt, weil einem dann immer lustige Leute entgegenrufen: „HASI HASI…!!?“, einen dann erwartungsvoll angucken und dann darauf warten, dass man begeistert mit „PALAAAAAUUUU!!!“ antwortet *schluck*
    Es geht noch schlimmer! In einem Paderborner Nachbarort ruft man „KNOLLI KNOLLI SCHABAU!“

    1. Ah, Silke -eine Stadtmitbewohnerin, Ja, es ist vor allem unglaublich, daß Scharmede (so heißt besater Knolli-Ort) mit seinen gerade mal irgendwas um die 1.000 Einwohnern einen Karnevalsumzug auf die Beine stellt, der das Zwanzigfache an Menschen anzieht! Nee, ich hab‘ mit den Pappnasen nichts am Hut, allerdings auch nichts mit dem BVB. Außer daß mein Mann Dortmunder ist und somit kann ich Frau Nessy’s Feststellung, daß BVB-Shirts immer gehen, bestätigen. Karnevalistisch reicht es nur dazu aus, der Kleinsten beim Kostümbau zu helfen (diesmal: „Ich gehe als ‚Fast Food‘!“).

    2. Nessy sagt:

      War sie Fritte, Döner oder Burger?

    3. der Scharmeder sagt:

      Ja genau, Scharmede heißt dieser Ort, in dem ich seit sechs Monaten lebe. Eine Stunde Umzug sind schon ordentlich, das war ich sonst nur von Annsberch (Frau Nessy weiß jetzt, wo ich herkomme ;) ) gewohnt. Gestört hat mich (neben dem Umzug im allgemeinen) der Verzicht auf jegliche politische Aussagen. Entweder geht´s den Menschen hier zu gut oder ich bin in einem Nest voller Duckmäuser gelandet…

    4. Als Elsenerin (2 km von Scharmede entfernt @ Frau Nessy, falls Sie diese internen Unterhaltungen überhaupt verfolgen) weiß ich natürlich, daß keines von beidem zutrifft. Scharmede liegt einfach jenseits von Gut und Böse, Zivilisation zeichnet sich lediglich durch den NETTO und den Bahnhof aus. Und selbst bei diesen beiden Gebäuden findet man mehr Menschen von außerhalb als aus dem Ort selbst. Womit sich also die Frage stellt: gibt es da überhaupt Bewohner oder ist das alles nur Fake, so wie die Häuserkulissen in der „Lindenstraße“? *kamelle_schmeiß*

    5. Frau Nessy: sie war alles. Pommes. Chips. Burger. Schokolade. Kekse. HotDog. Donut. Man nehme Plastik-Kaufladenware und klebe diese auf einem Oberhemd fest, setze dazu einen lustigen Zufallsfundhut im Design eines Cheeseburgers auf, fettich. Aber so genau wollten Sie es sicher gar nicht wissen. Egal. Woll. Achnee, das ist ja wuppertalerisch.

    6. jpr sagt:

      Fuer Kostuemierung empfehle ich ja bei der wunderbaren Frau Stilhaeschen nachzulesen, die neben dem ersten Schmuckstueck noch mehr Ideen in Petto hat, auch familientauglich.

  2. Zitat:
    Ein Krokodil auf einem Fahrrad…

    Danke, dieses Bild bereichert einen dunkelgrauen Dienstag ganz ungemein!

  3. Ich habe gestern kapituliert. Nach 13 Jahren in Düsseldorf, die ich immer den Karneval zu vermeiden versucht habe, ließ ich mich von meiner Frau und meinem kürzlich hinzugezogenen Bruder breitschlagen, doch mal feiern zu gehen.
    Also schlüpfte ich in ein Vollkörper-Mäuserichkostüm, trank große Mengen an Alkohol* und muss im Nachhinein zugeben, dass die Feierei deutlich weniger anstrengend war, als sich als „Normalo“ durch eine Stadt im Ausnahmezustand kämpfen zu müssen.

    *) Für’s Protokoll: Ohne zu kotzen. Mäuse kotzen nicht!
    Dafür stand auf der Kö schon um 11 Uhr ein Mädel im Emma-Lokomotivenkostüm, deren Gefährt wohl einen Kesselschaden hatte. Lief ständig Wasser und Kohlestückchen spuckend aus, die Gute.

    1. Nessy sagt:

      Mir gegenüber erwähnte man auch an anderer Stelle schon, dass diese Veranstaltung als aktiver Teilnehmer weitaus ertträglicher sei (um nicht zu sagen. viel mehr Spaß macht) als als Zuschauer. Ich traue dem Ganzen trotzdem nicht.

      So ein Mäuserichkostrüm, das ist doch bestimmt gemütlich, oder? Da drückt nichts und zwickt nichts.

    2. Ich denke, es ist alles eine Frage des Leidensdrucks, und der wird in Dortmund sicherlich weitaus geringer sein als in Düsseldorf oder Köln, wo einfach die ganze Stadt komplett am Rad dreht.
      Es hat sich in den vergangenen Jahren ja auch herausgestellt, dass die Alternativprogramme hier vollkommen unbrauchbar sind. IKEA an Rosenmontag? Nur auf dem Papier eine gute Idee.

      Und ja: Mäuserich ist suuuuperbequem. Und warm. Und kuschelig.

  4. NähMa! sagt:

    Boah, die Beschreibung reicht mir schon.
    Nicht für Kuchen würd ich nochmal zum Umzug nach Dortmund fahren. Als Kind wurde ich von meiner fetten Verwandten zum letzten Mal genötigt die Scheiß-Gammelkammellen von der Strasse zu klauben! Ich hasste es schon damals. Boah, nee ey!
    Wenn ich’s genau bedenke fahr ich eigentlich zu überhaupt keinem Umzug…
    Naja, aber die Beschreibung der Haltestellen und der Trikotverkleidung brachten meine Gedanken eben ganz rasch auf dieses Kindheitstrauma.
    Echte Pottfrohnatur, eben.
    Und ich musste immer bis Hacheney durchhalten. ;o)
    Morgen is ja endlich MIttwoch!
    LG
    Die NähMa!

    1. Nessy sagt:

      Bis Hacheney? Fährt der Zoch dort in die Garage? In Hacheney ist doch sonst nix (außer die Sporthalle Hacheney natürlich, die ich gut kenne).

    2. NähMa! sagt:

      Näääh, nich de Zoch!
      Der andere Zoch, die Bahn halt.
      Das bezog sich mehr auf U-Bahn, Bienchentrikots (ich find Fußball nervig bis scheiße OBWOHL ich echtes Dortmunder Kind bin oder vielleicht grade deswegen), Haltestellen, Leute in der Bahn und so und vor Äonen und Aberäonen bin ich da ständig hingefahren nach Hacheney. Die ham da nämlich auch Schulen. Und in die Turnhalle musste ich auch immer. Wah, willich gar nicht dran denken. Ich wette da riechts noch genauso wie früher.
      ;o)
      LG Die NähMa!

    3. Nessy sagt:

      In Turnhallen riecht es seit jeher wie früher. Immer gleich. Das ist der Schweiß von Generationen durch Reckaufschwung und Brennball geschundener, pubertierender Körper.

      In Hacheney, da ist ja auch Schluss mit der Bahn. Da endet die. Dort kommt dann nix mehr. Nur als Info für Nicht-Dortmunder.

    4. NähMa! sagt:

      Ja ich sag dir, 3 meiner 4 Nachkömmlinge spielen Handball! Ich kenn mich aus in den Turnhallen des Landes. *gg*
      Im Schweiße meines Angesichts sozusagen kann ich die quasi am Geruch erkennen.
      Und ich betone noch einmal und immer wieder sehr gerne, es ist ein wahnsinniger Unterschied ob man die Trikottasche einer weiblichen E-Jugend oder einer männlichen A-Jugend nach dem Spiel öffnet um ganz artig muttimäßig die Dinger in die Waschmaschine zu stopfen.
      Wenn man Glück hat ist man nur einmal pro Saison dran. ;o)

    5. blogspargel sagt:

      Also, liebe NähMa!, Trikottasche ist das eine, das andere, die verschwitzten Bengel vom Auswärtsspiel heimfahren. Duschen? Geht nicht, zu nass. Fenster im Auto auf? Geht nicht. Geschwitzt. Da gewöhnze dich nich dran!

  5. Nihilistin sagt:

    Nachdem Berlin es erfolgreich geschafft hat, den importierten Karnevalsumzugs übern Kudamm in diesem Jahr ausfallen zu lassen*, hatten wir hier gestern einen entspannten Tag (vor allem, da die NRW-ArbeitskollegInnen keinen Support brauchten).

    (*) Wie man den Ausfall inszenierte, war allerdings schon ein Husarenstück:
    a) Geldmangel: OK, das ist jetzt nichts besonderes in BER, das schaffen wir auch mitm Flughafen
    b) Behördliche Auflage, den Lärmpegel stets unter 75 db zu halten, also unterhalb einer mittleren Berliner Hauptstrasse. Das ist schon ein Alleinstellungsmerkmal, glaube ich.

    1. Nessy sagt:

      Haha. Warum sagt man nicht einfach: „Wissta was? Wir haben da dieses Jahr keinen Bock drauf!“ Die Berliner sind doch sonst so direkt.

    2. jpr sagt:

      Hat ja die letzten Jahre ooch niemand jegloobt.

  6. ck sagt:

    > Eine pummelige Katze steht zwischen dem Sträfling und einem zart
    > ausschlagenden Ginster und brüllt in ihr Handy: “Schlaf getz! Mama
    > und Papa kommen gleich!

    Für manche Hunderassen braucht man einen Sachkundenachweis, aber Kinder darf jeder Asoziale halten. Wer erklärt es mir?

    1. Soso, Eltern, die beim Feiern mal einen über den Durst heben, sind nach der Einschätzung anhand einer Momentaufnahme „Asoziale“?

      Mich dünkt, Ihr Sozialproblem ist ein größeres.

    2. Nessy sagt:

      Man weiß es halt nicht.

      Betrunken und in Kostümen kommt mir ja fast jeder irgendwie asi vor. Das Gleiche trifft auf reisende Kegelclubs und Fußballmannschaften zu. Wobei auch ich ja mit den Handballhühnern reise, aber selbstverständlich nicht asi bin. Insofern – nunja.

      Wahrscheinlich saß neben dem Kind am Telefon eine liebevolle Großmutter, und die Mama hat nur mal eben gute Nacht gesagt (und ein Machtwort gesprochen). Oder aber es ist alles ganz anders.

  7. frausiebensachen sagt:

    sehr schön ge/beschrieben.

    hier heißt der schlachtruf ‚wuppdika‘ – was ich mehr als lächerlich finde.
    naja, jedem tierchen seinn pläsierchen… mensch muß doch nicht überall alles nachmachen, oder? hauptsache, es gibt einen grund zum großflächigen saufen…

  8. jpr sagt:

    Am Rande wohnen hat eben den Vorteil, dass man kann, aber nicht muss. Tolle Sache.
    Hier erkennt man Fasnacht als Abstinenter vor allem daran, dass im Bahnhof und anderen Orten, wo eben viele Menschen vorbeikommen Konfettireste herumliegen, die alle Ordnungsliebe nicht verschwinden lassen kann (und ruft die Erinnerung an diesen Geburtstag hervor, bei dem wir das Konfetti in der Wohnung des Gastgebers sagen wir – kreativ – verteilt haben. Immerhin war das nicht losgeloest von Karneval),

  9. Claudia sagt:

    Na, dann kommt mal nach Sölde. Da fährt tatsächlich noch nen Zug vom Hbf hin.
    Aber Karneval??? Wäre glatt an mir vorbeigerauscht, wenn ich nicht Freitag zwei Cowboys in die Schule gebracht hätte.
    Aber das Kroko auffem Fahrrad hat schon was.

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