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Bücher 2014 – 1

19. 02. 2014  •  13 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Lektüre«

Die ersten Bücher des Jahres – von Januar bis Mitte Februar:

Bücher 2014 - 1

Swetlana Alixijewitsch. Eine Chronik der Zukunft.
(Deutsch von Gabba-Maria Braungardt)
Swetlana Alixijewitsch hat im vergangenen Jahr den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekommen. Aus Interviews macht sie Dokumentarliteratur; für „Eine Chronik der Zukunft“ hat sie mit Menschen gesprochen, die nahe Tschernobyl wohnen oder wohnten, mit Witwen toter Liquidatoren, mit Bauern und Wissenschaftlern. In Monologen erzählen lässt sie die Leute erzählen, wie es damals, 1986, war, welche Wendung ihr Leben genommen hat und was sie über den Unfall denken. Es sind spannende, ernüchternde und erschreckende Dokumente.

Adriana Altaras. Titos Brille.
Untertitel des Buches ist: „Die Geschichte meiner strapaziösen Familie“. Adriana Altaras wohnt in Berlin, hat zwei Söhne und einen westfälischen Ehemann und ist Jüdin. Ihre Familie stammt vom Balkan, ihr Vater Jakob war Partisan um Tito und später Professor für Radiologie in Gießen, die Verwandtschaft verschlug es nach Italien.  Mit Witz, Ironie und Leichtigkeit erzählt sie von ihrer Familie und von deren Vergangenheit; die Verfolgung, die insbesondere die Elterngeneration der Alataras‘ erfahren haben, holt diese immer wieder ein. Adriana Altaras erzählt in leisen Tönen von Flucht und Lageraufenthalten; gleichzeitig erzählt sie mit Augenzwinkern von der Melodramatik, mit der ihre Familienmitglieder ihre Geschichte heute zelebrieren, und von jüdischen Tradition, die sie an den Rand des Wahnsinns treiben. Das Buch ist herzerwärmend, wunderbar.

Tana French. Grabesgrün.
(Deutsch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)
In einer archäologischen Ausgrabungsstätte wird ein Mädchen gefunden, aufgebahrt auf einem Opferaltar. War es einer der Archäologen? In der Familie des Mädchens gibt es Ungereimtheiten: Die Schwester der Toten ist oft krank, der Vater hat eine dunkle Vergangenheit. In dem kleinen irischen Ort sind vor Jahrzehnten außerdem schon einmal Kinder verschwunden – Ermittler Rob war damals mit ihnen befreundet. Gemeinsam mit seiner Kollegin bohrt er tief in der Geschichte des Dorfes. Das Buch beginnt vielversprechend, ist am Ende okay. Was penetrant nervt, ist, dass die Kommissare ständig rauchen und trinken. Sie sollten sich mal ’ne Auszeit und ’nen Entzug gönnen. Anregung an die Krimiautoren dieser Welt: Bitte mal Ermittler ohne psychische Störungen, Akohol- und Nikotinprobleme erfinden.

Arno Geiger. Der alte König in seinem Exil.
Ein bewegendes Buch: Arno Geiger erzählt von seinem Leben mit dem demenzkranken Vater. Geigers Verhältnis zu ihm war in der Vergangenheit nicht einfach, jetzt, wo der Vater krank ist, näher er sich ihm wieder an. Er erzählt anrührend und feinfühlig, in vielen Szenen, wie die Demenz Besitz von seinem Vater ergreift, wo sein Charakter verwischt und wo er bestehen bleibt, wie der Vater versucht, seine Würde zu bewahren, wie der Sohn nochmals Freundschaft mit ihm schließen kann. Ein tragisches Buch, ein komisches Buch, ein ganz tolles Buch.

Kajsa Ingemarsson. Es ist nie zu spät für alles.
(Deutsch von Stefanie Werner)
Nina, Ellinor und Miriam wohnen in einer Straße in einer kleinen, schwedischen Stadt. Die Eine wurde gerade von ihrem Mann verlassen, der Anderen fällt als Hausfrau die Decke auf den Kopf, die Dritte ist allein erziehend und ficht Kämpfe mit ihrem pubertären Sohn aus. Dann bekommen alle Drei eine neue Nachbarin, die ziemlich mysteriös ist. – Ein nettes Buch; wobei „nett“ nicht despektierlich gemeint ist, sondern wirklich: nett. Seicht, aber nicht anspruchslos, ein bisschen spannend, ein bisschen nachdenklich machend. Kein großer Wurf, aber rundum okay und unterhaltend.

Siri Hustvedt. Der Sommer ohne Männer.
(Deutsch von Uli Aumüller)
Das Buch stand schon länger auf meiner Liste, ich habe es aufgrund des Titels aber lange Zeit gemieden: Er klang zu sehr nach Frauen-Selbstfindungs-Geschichte-nach-böser-Männerenttäuschung – sowas vertrage ich nicht gut. Wider Erwarten ist „Der Sommer ohne Männer“ aber kein seichtes Schnulli-Buch. Es geht zwar tatsächlich um das Thema „Frau in der Mitte des Lebens wurde von Mann wegen einer Jüngeren verlassen“, aber die Geschichte ist nicht mitleidig, nicht triefend, nicht unerträglich seicht, sondern entspannt und selbstbewusst. Man kann sie also gut lesen.

Charlotte Link. Die Täuschung.
Peter möchte mit seinem Freund segeln gehen und verschwindet spurlos. Seine Frau Laura macht sich auf die Suche nach ihm. Schon bald findet die Polizei seine Leiche, ebenso die einer Frau. Auf den ersten Blick gibt es keine Verbindung zwischen den beiden. Laura nimmt Kontakt zu Peters Segelfreund auf und Bekannten vor Ort auf. Die Geschichte ist ganz prima, jedoch etwas langatmig erzählt. Die letzten 200 Seiten arbeiten nur noch einem erwartbaren Finale entgegen. Deshalb: eher nicht lesen.

Eva Lohmann. Acht Wochen verrückt.
Mila hat Depression. Als es nicht mehr weitergeht, begibt sie sich in eine Klinik. Eva Lohmann erzählt, wie Mila sich zurechtfindet, wie sie das Verhältnis zu ihren Eltern aufarbeitet und wie sie ihre Mitpatienten wahrnimmt. Die Geschichte hat gute Ansätze, letztendlich ist es aber eher eine Soap als eine tiefere Auseinandersetzung mit Depressionen oder dem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik.

Monika Maron. Endmoränen.
Hach ja, Monika Maron. Schwierig. Aber auch gut. Ich möchte die Protagonisten immer schütteln, sie wachrütteln, ihnen zuschreien: „Leb endlich!“ So auch bei „Endmoränen“. Die Geschichte: Johanna, um die 50, hat ein Sommerhaus im Nirgendwo, genauer gesagt in Basekow, was sich ähnlich anhört und auch irgendwie das Gleiche ist. Sie lebt davon, Biografien zu schreiben. Als sie das zu DDR-Zeite tat, bestand die Herausforderung darin, etwas in der Biografie zu verstecken, was man nicht erwähnen durfte, etwas Kritisches, etwas Verfängliches. Doch die DDR ist passé, nun kann alles gesagt werden, und Johanna tut sich schwer mit ihrem Beruf. Und mit Achim, ihrem Mann, der im Erstwohnsitz in der Stadt bleibt und zu dem sie die Beziehung verloren hat. Monika Maron erzählt fein und leise; es passiert nicht viel in diesem Buch. Das macht aber nichts, gerade das macht die Stimmung aus. Auch wenn die Lethargie der Hauptperson mich wuschig macht.

Kommentare

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  1. bei sowas denk ich immer, ich müsste mal wieder mehr lesen.
    Übrigens:
    Die Petition an die Krimischreiber (bei „Grabesgrün“) unterschreib ich sofort.

  2. Lobo sagt:

    Ich habe von Tana French „Sterbenskalt“ gelesen. Die Story war super, das mit dem Alkohol und den Zigaretten ist mir nicht besonders aufgefallen, aber die wörtliche Rede hat micht total genervt. Er sagte / Sie sagte / Er sagte usw. Ich wollte dem Autor/Übersetzer schon nen Textor “ Sag es treffender“ zuschicken. :-)

    Arno Geiger ist toll. Das Buch kann ich wirklich jedem empfehlen !

    Titos Brille fand ich auch ganz gelungen.

    Mein Buchtipps am Rande : Wiles : „Die nachhaltige Pflege von Holzböden“ Ich habe gelacht und geschmunzelt.

    Ich habe mit sehr viel Vergnügen die ersten drei Adler-Olsson Krimis gelesen. Ich mag die Verquickung von trockenem Humor und spannenden Geschichten.

    Momentan lese ich den neuen Fitzek („Noah“) und bin erstaunt wieviel Ähnlichkeit seine Thriller mittlerweile mit amerikanischen Genrekönigen wie Ludlum oder Pattersson haben. Gutes Spannungshandwerk.

    1. Nessy sagt:

      Die Adler-Olssons kenne ich. Der erste war super, danach fiel es etwas ab.

      Ist der Fitzek eigentlich gut? Ich weiß, dass es ihn gibt, aber bislang haben mich die Bücher nicht angesprochen.

    2. Lobo sagt:

      Ich habe jetzt zwei oder drei von ihm gelesen, fand ich eigentlich ganz in Ordnung. Schöne Spannungsliteratur mit ein paar tollen Twists.

  3. Anikó sagt:

    Titos Brille fand ich ebenfalls wunderbar! Momentan lese ich mich durch „Wölfe“ von Hilary Mantel. Dauert länger als gedacht, aber ist sehr interessant, sehr guter Stil (zum Glück nicht typisch frauenhistorienromanmäßig) und die Geschichte um Thomas Cromwell wirklich spannend irgendwie! Die Frau hat den Booker Prize nicht umsonst gewonnen …

    1. Nessy sagt:

      „Wölfe“ hört sich gut an – obwohl man die Geschichte um Heinrich VIII. natürlich kennt. Ich hab’s mir trotzdem auf den Wunschzettel gelegt.

  4. jpr sagt:

    Wo Sie so viel historisch unterwegs waren mag ich an dieser Stelle Charles Lewinsky mit „Gerron“ empfehlen. Ich habe sonst gerade eine Phase in der ich nicht so an Buechern haengenbleibe, wie auch schon, aber Gerron ist gut und dicht geschrieben und erzaehlt gleichzeitig schoen, so dass es sich fast von alleine gelesen hat.

    1. Nessy sagt:

      Hört sich großartig an.
      –> Wunschzettel

  5. Jasmin sagt:

    Wow so viele Bücher in verhältnismäßig wenig Zeit! Wenn jeder so viel lesen würde, wären wir alle vllt etwas gebildeter =)

    1. na ja … kommt ja noch drauf an, was man liest.

    2. Nessy sagt:

      Von „Charlotte Link“ wird man, glaube ich, nicht gebildeter. Nur gut unterhalten. Aber das reicht ja schon.

      (Ich fahre jeden Tag eine Stunde Bahn. Das ist gut fürs Lesepensum. Dazu kommen Frühstück, Mittagspause, Zubettgehlektüre. Da kommt dann schon was zusammen.)

  6. rokkn sagt:

    oh die olle maron! ich war mal bei ner lesung vor hundert jahren in frankfurt im schauspielfoyer, da sass sie in der ecke und las so fein, naja und leise, das kaum einer was hören/verstehen konnte. die bitte, etwas lauter zu sprechen/lesen hat sie ignoriert und es wurde nicht besser und wieder die bitte… und das ging eine weile so, bis der verlagsmensch irgendwas sagte das könne man nicht ändern (so irgendwas) puh, und die maron so ungerührt und staubig in der ecke. seither kann ich von ihr nix mehr lesen.

    1. Nessy sagt:

      Hat denn niemand der Dame ein Mikrofon hingestellt? Wenn sie die Texte brüllen muss, werden sie ja nicht besser.

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