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Mit dem Zug fahren

24. 06. 2013  •  13 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Expeditionen«

Zwölf Stunden Zugfahren ist so ziemlich das Unaufregendste, was man sich vorstellen kann. Das Ganze ist ein elendes Herumsitzen, eine Aneinanderreihung von Lektüre, Arztserien und spontanen, mit unschön geöffnetem Mund durchgeführten Nickerchen, die stets mit einem beschämenden, schnappatmenden Schnarcher enden.

Nur das Umsteigen bringt Spannung in die Fahrt – besonders wenn der Zug, den man erreichen möchte, aus Hochwassergebieten anreist. Oder auch nicht. Denn niemand weiß: Kommt er nun, oder kommt er nicht? Auch das Bahnpersonal zuckt mit den Schultern. Da steht man dann am Bahnsteig von Mannheim, verschwitzt und klebrig, mit einem Rucksack auf den Schultern und fragt sich, ob man zuvor jemals in Mannheim gewesen ist und warum man dort hinwollen sollte.

Das Umsteigen macht die Zugfahrt nicht besser, der Vorteil ist nur: Man kann den seltsamen Menschen entfliehen, die sich neben einem niedergelassen haben.

Da ist zum Beispiel diese alterslose Dame mit dem Baby-Houseman-Gedächtnis-Haarschnitt und dem pinken Spängchen, die die Strecke von Duisburg bis Mannheim damit zubringt, jeden Buchstaben der Freizeit Revue zu inhalieren. Vielleicht reist sie zu einem Freizeit-Revue-Rezitationswettbwerb, auf dem sie die aktuelle Ausgabe auswendig hersagen muss. Beim Lesen knibbelt sie sich fortwährend Nagelhaut ab, ein kleiner Berg hat sich schon am Fuß der Revue auf dem kleinen Klapptischchen angehäuft. Als ich aussteige, wischt sie ihn mit beiläufiger Nonchalance in meinen Fußraum.

Im Vierersitz schräg daneben Teenager: vier Mädchen in Sweatshirts, die sich Ohrhörer teilen und Kirschkaugummis herumreichen, auf denen sie  malmend kauen, die sie aufpusten und knallen lassen. Aus ihren Shorts schauen makellose, sonnengebräunte Beine. Man fragt sich, woher diese Beine nach nur vier sonnigen Tagen schon so braun sein können und staunt, wie dellenlos sie sind. Ob man selbst auch mal solche Beine gehabt hat? Es muss so gewesen sein, aber man kann sich nicht erinnern. Wirklich fantastisch. Nur, wie die Mädchen sich lachend nach vorne beugen und sich dann mit Schwung zurück in den Sitz fallen lassen, so voller Übermut, dass dem Hintermann das Laptop auf dem Tischchen bebt und die Cola aus der Dose schwappt – das ist gar nicht fantastisch. Sie reisen weiter nach sonstwo.

Dann der Mann mit den Socken. Ein bodenständiger Herr in sportiver 7/8-Outdoor-Hose, die man zum Wandern anziehen kann, aber nicht muss – es geht auch einfach nur so, zum Beispiel für eine lange Zugfahrt, wegen der Gemütlichkeit; dann drückt und ziept nichts, nicht am Bauch und nicht in den Kniekehlen. Die ebenfalls schlammfarbene, halb geschlossene Herrensandale rundet das Ensemble ab und gibt dem Träger eine nüchterne Tatkraft, wie sie Menschen zueigen ist, die Samstagsmorgens ihren Jägerzaun streichen. Wegen der Gemütlichkeit stellt der Herr zwischen Siegburg und Frankfurt seinen Sitz zurück, streift die Sandale ab und legt einen grauen, grob gerippten Kurzstrumpf frei, der einen abartigen Gestank von sich gibt. Er bleibt mit Baby Houseman im Zug.

In Mannheim fährt wider Erwarten der ICE 599 doch noch ein. Mit 40 Minuten Verspätung, aber immerhin: Wenn man mit nichts gerechnet hat, ist auch das ein Geschenk. Im Nebensitz nun ein Jüngling, der wie Beetlebum ausschaut, es aber nicht ist. Trotzdem: irgendwie schön.

Kommentare

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  1. Frische Brise sagt:

    Oh, Mannheim ist tatsächlich ganz nett!
    Die Innenstadt ist einmalig, sie ist wie ein Schachbrett aufgebaut. Straßennamen gibt es nicht, die Adresse heißt dann z.B. „A6“ oder so.

    Hätte fast mal in der Gegend gewohnt.

    1. Nessy sagt:

      Ohne in Mannheim umgestiegen zu sein, hätte ich das nie erfahren. Die Bahn ist also zu vielem gut.

  2. jpr sagt:

    Gerade schleicht sich bei mit der Gedanke ein, dass die Bahn eigentlich nur existiert wird um als Begegnungsgebiet zu dienen und zu ermoeglichen, dass sich innerhalb des Landes die irrsinnigsten Kombinationen an Leuten auch mal zu Augen bekommen. Wie anders laesst es sich erklaeren, dass die Dichte an „Originalen“ hier so hoch ist, wie nirgendwo – vielleicht sind es ja auch die Schaffner, die die im Zug anwesenden Exemplare fein verteilen, wissen sie doch durch das bestaendige Umherziehen, wo gerade Bedarf ist.
    Doch, die Bahn nicht als Befoerderungs-, sondern als Begegnungsanbahnungs- (haha) Institut, der Gedanke gefaellt mir.

    1. Nessy sagt:

      Bahnfahren erdet. U-Bahnfahren auch. Und Busfahren. Überhaupt: die Begegnung mit anderen Leuten. Da zeigt sich doch immer wieder, wie groß die Bandbreite menschlichen Seins ist.

    2. Hirnsaege sagt:

      nicht nur Bahnfahren …
      In Österreich für viele ein Lebensereignis: die verpflichtende Zusammenkunft (Militärpolizei!) aller 18-jährigen zur Begutachtung auf Tauglichkeit und anschließender Gratulation zu dieser … Auch hier trifft sich der gesamte Querschnitt (nach dem Muster Jahrgang X, Landkreis Y, Buchstaben A-G) zur – auch gegenseitigen – Beschau, und es ist erstaunlich wie weit man sich schon mit jungen 18 Jahren ausdifferenziert hat.

  3. Ti-hi, ich dachte immer, diese spontanen, mit unschön geöffnetem Mund durchgeführten Nickerchen, die stets mit einem beschämenden, schnappatmenden Schnarcher enden, wären eine Spezialität von mir.
    (Die potenzielle Erholung dieser kleinen Nickerchen wird nach dem Erwachen spontan durch die Fragen „War das jetzt so laut, dass es jeder gehört hat?“ und „Habe ich da einen Speichelfaden am Kinn?“ dematerialisiert.)

    1. Nessy sagt:

      “War das jetzt so laut, dass es jeder gehört hat?” – Wenn der Nebenmann kichert, war es so.

  4. boeke sagt:

    Mensch, Frau Nessy! Jetzt sind Sie schon mal in „Monnem“, ganz in meiner Nähe, und ich weiss nichts davon.
    Hätten wir ein Käffchen trinken können ….

    1. Nessy sagt:

      Ich hatte ja nur 15 Minuten Aufenthalt. Zum Glück. Nicht Ihretwegen, meine ich. Die Reise war insgesamt sehr lang.

  5. Um diesen Umstand wissend:
    „mit unschön geöffnetem Mund durchgeführten Nickerchen, die stets mit einem beschämenden, schnappatmenden Schnarcher enden.“
    finden meine Kurzschläferchen grundsätzlich nur hinter vorgehangener Jacke statt, da ich ja nicht beim Zahnarzt bin :-)

    1. Nessy sagt:

      Sie hängen sich eine Jacke übers Gesicht? Auch im Sommer? Atmen Sie dann aus einer mitgeführten Sauerstoffkartusche?

    2. Ein kleines Schlupfloch für die Luft bleibt immer. Wenn ich am Fenster sitze, hängt die Jacke am Haken und ich verschwinde dahinter. So kann die Ausatemluft getrost das Fenster beschlagen. *lach* – besser als zum Gespött der Leute schnarchen.

  6. Uta sagt:

    Trotz allen Widrigkeiten, mit der einen die Bahn in erbarmungsloser Zuverlässigkeit beglückt, bin ich seit 27 Jahren bekennende Bahnfahrerin. Erst als Fahrschülerin, dann als „Am-Wochenende-fahr-ich-zu-Mama-und-Papa-nach-Hause(-ins-Sauerland)-Fahrerin“ (die Freuden der oberen Ruhrtalbahn am Freitagnachmittag! Unübertroffen), dann als Wochenendbeziehlerin nach Hamburg und Berlin, zwischendurch Eurorail, Nachtzüge, alles.
    Dann und zwischendurch: Kinder
    Deshalb weiß ich heute: Jede Zugfahrt, die man einfach ganz allein machen kann, ist eine gute Zugfahrt.
    Fordernd werden die Zugfahrten mit verschieden alten Kindern vom Säuglingalter bis in die Frühpubertät. Vor allem, wenn das Zugklo kaputt ist. ;-)
    Da sehnt man sich fürchterlich nach 12 Stunden langweiliger Fahrt. :-)

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