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Serviceblog mal umgekehrt: Tipps gesucht

31. 05. 2013  •  55 Kommentare

Eltern, Großeltern und kinderaffine Menschen aufgepasst!

Ich brauche einen Tipp. Bald treffe ich meine russische Freundin wieder, die ich 1993 bei einem Schüleraustausch zum ersten Mal in Moskau besucht habe. Ein Tag vor unserem Abflug brannte das Weiße Haus,  aber wir flogen trotzdem, mit Gottes Beistand. Ich war auf einer Nonnenschule; die Reisebegleitung hatte einen guten Draht nach oben. Alles lief rund, niemand wurde erschossen, einer fiel jedoch fast in ein kratergroßes Schlagloch.

Seither hat sich viel verändert. Nur unsere Freundschaft nicht – sie ist geblieben. Wir waren über all die Jahre in Kontakt, haben uns ein paarmal besucht, sind in Nachtzügen durch Russland gefahren, haben zweimal St. Petersburg gesehen und feiern dieses Jahr 20 Jahre deutsch-russische Freundschaft – auf Zypern. Sie hat mich ins Ferienhaus der Familie eingeladen.

Die Freundin hat inzwischen drei Kinder, alles Jungs. Ich möchte ihnen gerne ein Geschenk mitbringen. Nur was? Ich brauche Tipps. Rahmendaten:

  • Alter: 3, 6, 10 Jahre alt
  • Die Jungs sprechen nur Russisch. Deshalb nichts mit Sprache. Oder halt auf Russisch.
  • wilde Kinder mit Spaß an Sport und Bewegung
  • im Flugzeug transportabel

Ideen?

Eine Antwort

30. 05. 2013  •  65 Kommentare

Auf meine Buchankündigung habe ich einen Kommentar erhalten, den ich gerne ausführlicher beantworten möchte.

Denn es ist tatsächlich so, dass ich mir über einige Kritikpunkte auch selbst Gedanken gemacht habe, als ich das Angebot bekam „Da gewöhnze dich dran“ zu schreiben – zum Beispiel: Soll auf Basis des Blogs ein Buch entstehen? Kann das überhaupt gut sein; ist es das, was ich möchte? Soll ich unter Klarnamen veröffentlichen?

„Ihre Identität, die Sie bisweilen wohl zu behüten wussten, glich einem digitalen Mysterium und es war fast eine kleine sportliche Herausforderung, die wenigen biographischen Schnipsel, die Sie über die Zeit in ihren Posts fallen liessen, zu einem Nessy-Puzzle zusammenzusetzen. Ich war fast ein wenig enttäuscht, als Sie expressis verbis verrieten, dass Sie in Dortmund wohnen. Als Wagnerianer war ich an Lohengrin und sein Frageverbot erinnert: „Nie sollst du mich befragen, noch Wissens Sorge tragen, woher ich kam der Fahrt, noch wie mein Nam’ und Art.“ Nun schlage ich neugierig ihr Blog auf und was muss ich sehen? Ihr Bild. Schwarz auf weiss. Das Mysterium ist entzaubert, aus die Maus, Lohengrin muss zurück kehren nach Mont Salvat.“

Das klingt fast nach einer jenen Überhöhungen, wie sie der Frau im Minnegesang zuteil wurde. Die entpersonalisierte Verklärung eines Begierde-Objekts: Der Ritter, der zum Burgfräulein aufblickt, das aus der Ferne aus dem Turm winkt. Nun ist es allerdings so, dass die Wirklichkeit einer Verklärung niemals standzuhalten vermag – und dass nicht ich die Akteurin dieser Verklärung bin. Es kann nur entzaubert werden, was Fantasie und Erwartung des Betrachters hergestellt haben.

„Geschätzte Nessy, warum reihen Sie sich in eine Reihe von Slice-of-Life-”Literatur” polnischer Putzfrauen, überforderter Lehrerinnen, genervter Stewardessen u.ä. ein, deren literarische Halbwertszeit geringer ist als die Aufmerksamkeitsspanne eines DSDS-Gewinners. Die mehr als zweifelhafte literarische Qualität bewegt sich meist auf Frauentausch-Niveau: Fremdschämen als Selbstzweck. Verlegenes Füllmaterial in den Bücherregalen von Bahnhofsbuchhandlungen, bei dem man sich schon kurz nach dem Kauf darüber ärgert, dass man für solch einen Fremdschäm-Schund Geld ausgegeben hat.“

Das ist eine überraschend normative Haltung gegenüber dem, was Literatur oder nein, reden wir nicht von Literatur, reden wir von Büchern und Geschichten – was also Bücher und Geschichten zu sein und zu leisten haben. Nehmen wir einmal die genervten Lehrerinnen – um Sie beim Namen zu nennen: Frau Freitag und Frl. Krise. Die Blogs sind recht erfolgreich, die Bücher sind es auch. „Chill mal, Frau Freitag“ stand fünf Wochen lang auf Platz Eins der Spiegel-Bestsellerliste.

Man kann das Blog, das Buch und den Erzählstil mögen oder nicht. Das ist für diese Diskussion nicht relevant. Denn fest steht: Es gibt Menschen, die das, was in diesen Büchern drinsteht, gerne lesen. Desgleichen gibt es eine Nachfrage nach Pilcher, Traumschiff, Günther Grass, Musikantenstadl und Auftritten von Helmut Schmidt. Und da keines von allem gegen geltendes Recht verstößt, wird es angeboten und geschieht es. Wer bestimmt, was Niveau und was Qualität ist? Zeugt es nicht allein von Leistung, sogar von Qualität, dass Menschen einen Teil ihrer Zeit auf diese Bücher und Sendungen verwenden? Ja, verdammt, das gilt auch für die Macher von Frauentausch, die den Voyeurismus ihres Publikums zu nutzen vermögen – und seine Sehnsucht, sich durch einen Vergleich nach unten zu erhöhen und damit seinen Selbstwert zu steigern. Das ist freilich keine Qualität im normativen Sinne der Intelligenzija, deren Begehren es ist, sich vom Pöbel abzugrenzen. Aber dennoch.

„Stillschweigend war ich davon ausgegangen, dass Sie sich der unterschiedlichen Diskursebene zwischen Internet und Buch wohl bewusst seien. Und ebenso, dass es wohl der Quadratur des Kreises gleich käme, ein Sprachregister zu finden, das beiden Medien gleichermassen gerecht wird.“

Ich habe in der Tat schon darüber nachgesonnen, welche Unterschiede es zwischen Blog und Buch, zwischen Blogbeiträgen, klassisch-literarischen und klassisch-journalistischen Darstellungsformen gibt; dass es beim Blog das vernetzte, nicht hierarchische Publizieren ist, das viel von Interaktion lebt, das den Reiz ausmacht. Das hindert mich aber doch nicht daran, auch klassische Publikationsformen zu erproben.

Bloggen ist der Sprint des Schreibens, kraftvoll, schnell, mit hoher Dynamik. Das Buch ist der Langstreckenlauf. Man kann einen Sprinter nun 100 Spurts hintereinander machen lassen – dadurch wird es aber kein guter Langstreckenlauf. Im Gegenteil: Der Läufer wird schon nach einem Viertel der Strecke versagen, und das Publikum wird sich voller Fremdscham abwenden.

Warum habe ich es also trotzdem gewagt, ein Buch zu schreiben? Weil ich um diesen Unterschied weiß und weil genau aus diesem Grund das Buch keine Aneinanderreihung von Blogbeiträgen ist, sondern eine durchgängige Geschichte, die für sich allein stehen kann; weil die zwei Ebenen, Blog und Buch, sich nicht kannibalisieren, sondern sich ergänzen – können, für den, der mag. Es geht also mitnichten darum, die beiden unterschiedlichen Ausprägungen auf gleiche Weise mit Inhalten zu füllen.

„Hoffentlich machen Sie damit wenigstens ordentlich Reibach, damit sich die Aktion unter dem Strich wenigstens finanziell für Sie gelohnt hat.“

Reibach, das suggeriert eine grundsätzlich kritische Haltung gegenüber dem Konstrukt „Geld gegen Leistung“ – und was in dem Fall „Leistung“ ist, das habe ich ja weiter oben schon andiskutiert. Es ist so, dass ich vor 19 Jahren zum ersten Mal mit Schreiben Geld verdient habe und dass ich seither mit inhaltegetriebener, publizistischer Tätigkeit in unterschiedlicher Form „Reibach mache“. Das Buch ist also nur eine Spielform dessen, was ich auch vorher beruflich schon getan habe.

„Nun werden Sie (zu Recht) sagen: Lesen Sie doch erstmal mein Buch, bevor Sie darüber urteilen. Nennen Sie mich konservativ: Ich werde darüber nachdenken, aber meine Überzeugung spricht dagegen.“

Ich fordere Sie im Gegenteil dazu auf, das Buch nicht zu lesen. Kaufen Sie es nicht, lesen Sie es auf keinen Fall. Denn Literatur, Bücher und Geschichten haben zwar ihre Grenzen in dem, was der Autor ihnen mitgegeben hat. Aber sie erschöpfen sich niemals in den Intentionen des Autors, sondern es ist der Leser, der jeder Geschichte ihre Bedeutung zuweist. Er ist deshalb der wahre Autor. Er schreibt, während er liest, bettet die Geschichte in seine Erfahrung ein und interpretiert sie vor dem Hintergrund seiner Haltung – was im Fall meines Buches und Ihrer Rezeption einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung gleich käme.

Zum Schluss noch eine weitere Idee, warum ich dieses Buch geschrieben habe: weil ich die Gelegenheit geboten bekam, etwas Neues zu tun. Wenn wir alle bei dem bleiben, was wir immer tun, nur weil es ganz okay ist, entwickelt sich nichts weiter. Auch man selbst nicht.

Da gewöhnze dich dran

29. 05. 2013  •  147 Kommentare

Liebe Kaffeehausgäste,

ab sofort bietet das Kännchencafé Ihnen zusätzlichen Service: Ergänzend zu den beliebten Lesezirkel-Anekdoten rund um Thorsten, ums U-Bahn-Fahren und die Handballhühner hat die Pächterin eine launige Geschichte für Sie aufgeschrieben:

Da gewöhnze dich dran: Buchcover

Sie können mich jetzt mit in die Bahn nehmen oder am Strand lesen, mich auf Ihr Sofa und Ihren Nachtschrank legen. Auf Ihren E-Book-Reader laden. Oder verschenken. Falls Sie ein signiertes Exemplar haben möchten: mehr dazu bald.

Für alle, die nähere Informationen wünschen, haben Herr Christian und ich eine Service-Website bereitgestellt, auf der Sie alles Wesentliche zum Produkt finden. Folgen Sie mir dazu bitte …

gewoehnzedich.vanessagiese.de

… in die Gewöhnzedich-Welt.

Die einzige Frage, die sich jetzt noch stellt, ist: Wer ist der charmante Herr auf dem Cover?

Das erfahren Sie auf der Website zum Buch – und in einem der nächsten Beiträge hier, in Langfassung. Eines, so sagte er mir, solle ich auf jeden Fall erwähnen, wenn ich ihn vorstelle: Er ist noch zu haben.

Mehr in Kürze, liebe Damen zwischen 20 und 70, hier im Kännchencafé.

Bücher 2013 – 2

26. 05. 2013  •  14 Kommentare

Lektüre im März, April und Mai:

Bücher 2013 - 2

Colin Cotteril. Dr. Siri sieht Gespenster
Eine Obstverkäuferin wird ermordet, übel zugerichtet. War es der Bär, der Tage zuvor ausgebrochen ist? Dr. Siri, der einzige Leichenbeschauer Laos‘, macht sich auf die Suche und erkennt schnell, dass die Sache nicht ganz so einfach ist. – Vom ersten Siri-Buch „Dr. Siri und seine Toten“ war ich total begeistert. „Dr. Siri sieht Gespenster“ ist mir zu gewollt mystisch. Mehr Krimihandlung, weniger Esoterik wäre besser gewesen.

Nicholas Dryson. Kleine Vogelkunde Ostafrikas.
Mr. Malik ist sehr verliebt in Rose, die Leiterin der örtlichen Gruppe von Vogelbeobachtern. Gerne möchte er mit ihr zum Nairobi Hunt Ball gehen. Doch er traut sich nicht, sie aufzufordern, und kaum versieht er sich, tritt schon der machohafte Harry Kahn auf den Plan. Die beiden gehen eine Wette ein. – Ein nettes Büchlein, sehr warmherzig.

Tina Fey. Bossypants.
Bossypants ist ein gutes Buch, das leider einen schauderhaften deutschen Untertitel trägt: „Haben Männer Humor?“ Der Untertitel ist daneben, weil es in dem Buch gar nicht um Männer geht, und wenn, dann nur am Rande. Es geht um die Komödiantin Tina Fey, ihr Leben und ihren Job bei NBC. Fey ist witzig und selbstironisch, sie erzählt ihren Aufstieg ohne Pathos und sehr unterhaltsam. Aber wahrscheinlich meinen deutsche Verlage, dass Buchtitel erfolgreicher, humorvoller Frauen besser kommen, wenn sie sich an Männern abarbeiten.

Toni Jordan. Tausend kleine Schritte.
Grace zählt. Am liebsten alles. Die Schritte, die sie geht, die Streusel auf dem Kuchen, die Bisse, mit denen sie ihn isst. Dann kommt Seamus und bringt ihr durchgezähltes Leben aus dem Tritt. Einerseits findet sie es schrecklich, die Kontrolle zu verlieren, andererseits gefällt es ihr. – Die Geschichte ist munter erzählt. Die Figur Grace ist sympathisch und kein bisschen platt. Die Liebesgeschichte verläuft nicht so vorhersehbar, wie es zunächst scheint. Deshalb: Daumen hoch.

Ulla Lachauer. Ritas Leute.
Rita Pauls stammt aus Kasachsten. Ihre Familie lebt inzwischen über die ganze Welt verstreut. Autorin Ulla Lachauer erzählt ihre (Migrations-)Geschichte. Sie hätte gut daran getan, sich dabei zurückzunehmen und nicht ihre Recherchereise nachzuerzählen, sondern sich stattdessen chronologisch der Familie zu widmen. Ich habe das Buch nach der Hälfte weggelegt, weil ich das Gefühl hatte, überhaupt nicht an „Ritas Leute“ ranzukommen.

Audrey Niffenegger. Die Zwillinge von Highgate.
Valentina und Julia sind zwei verwöhnte amerikanische Teenager. Sie erben die Wohnung ihrer Londoner Tante Elspeth und bekommen zur Auflage, ein Jahr dort zu wohnen, bevor das Erbe in ihren Besitz übergeht. Nicht leicht für die Zwei, schließlich sind sie noch ziemlich unselbständig. – Ich sag’s ganz deutlich: Ich fand das Buch doof. Ein Frauen-Schnulli-Roman der schlimmsten Sorte. Valentina und Julia nerven, Elspeth taucht als Geist wieder auf und überhaupt wimmelt das Buch von Figuren, die mir auf den Zeiger gingen. Trotzdem habe ich es zu Ende gelesen. Ein bisschen erträglich war’s also doch.

Arnold Stadler. Ein hinreissender Schrotthändler.
Er ist ein frühpensionierter Studienrat. Seine Frau Gabi ist Handchirurgin. Irgendwann taucht der Schrotthändler Adrian in ihrem Leben auf, zieht bei ihnen ein und verschwindet nicht wieder. Sie nehmen ihn sogar mit in den Urlaub. – Als ich in das Buch reinlas, konnte ich mich direkt an der Sprache und der Liebe zum Detail erfreuen, mit der Stadler erzählt. Doch das war’s auch schon. Die Handlung ist abstrus und gewinnt auch nicht an Fahrt. Noch ein Buch, das ich nicht zu Ende gelesen habe.

Stephan Thome. Grenzgang.
Das beste Buch des Frühjahrs: Alle sieben Jahre findet im hessischen Bergenstadt Grenzgang statt, ein traditionelles, dreitägiges Volksfest. Die geschiedene Kerstin verliert den Kontakt zu Teenager–Sohn Daniel und pflegt ihre demente Mutter. Lehrer Thomas wollte in Berlin eigentlich eine akademische Karriere verfolgen, doch es hat nicht geklappt. Die Geschichte folgt den beiden über eine Zeitspanne von 21 Jahre in verschiedenen Rückblicken, jeweils zu den Grenzgangstagen. Schön konstruiert, mit viel Liebe zu den Figuren, trostlos und doch Hoffnung gebend, hält der Erzähler dem Leser den Spiegel vor. Ein großartiger Gesellschaftsroman im Stile Jonathan Franzens.

Jonathan Tropper. Sieben verdammt lange Tage.
Papa Foxman ist tot und hat beschieden, dass seine Familie nach seinem Ableben sieben Tage lang Shiwa sitzt. Allen Familienmitglieder steht schon beim Gedanken daran Schweiß auf der Stirn, und es kommt, wie es kommen muss: Bereits nach kurzer Zeit gehen sie sich auf die Nerven. – Die Geschichte wird aus der Perspektive von Judd erzählt, einem der Brüder, der seine Frau erst vor Kurzem in flagranti mit seinem Chef erwischt hat. Ich habe das Buch beim Lesen die ganze Zeit als Film vor mir gesehen. Es würde sich wunderbar auf der Leinwand machen: sehr unterhaltsam, ein bisschen verrückt, ein bisschen tiefgründig und rundum sympathisch.

Richard Yates. Easter Parade.
Das Buch erzählt die Geschichte der Schwester Sarah und Emily. Sarah heiratet früh und bekommt drei Söhne. Emily lebt ein rastloses Leben mit vielen Affären. – Ein schönes Buch. Die Geschichte ist locker erzählt und fließt so dahin. Ich habe es fast ausschließlich im Zug gelesen, was perfekt war. Autor Richard Yates hat übrigens auch „Zeiten des Aufruhrs“ geschrieben, verfilmt mit Kate Winslet und Leonardo di Caprio.

Convos with my 2 year old

24. 05. 2013  •  5 Kommentare

Gespräche mit der zwei Jahre alten Tochter – nachgestellt mit einem erwachsenen Mann. Ich freue mich schon auf Folge zwei.

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=zdtD19tXX30&w=480&h=270]

[via Kikis Facebook]

Zwei Damen inner Stadtbahn

22. 05. 2013  •  36 Kommentare

U-bahn. Zwei ältere Damen steigen zu, sich unterhaltend.

„Kär, Kär, die redet in einem fort. Kocht’se Kaffee, sacht’se, dat’se Kaffee kocht. Macht’se Pudding, sacht’se, dat’se Pudding kocht. Nur am Sabbeln isse. Wirße verrückt, wennde da bis.“

Die beiden lassen sich in den Zweiersitz vor mir sinken.

„Wohnt’se allein?“
„Nä, die wohnt doch mit dem Bernhard zusammen, weiße doch. Der sacht abba kein‘ Ton. Is stumm wie’ne Forelle. Naja, wat soll er auch sagen. Gisela quatscht ja die ganze Zeit. Ich hab zu dem Bernhard schon gesacht: Bernhard, hab’ich gesacht, mach doch ma den Ton lauter! Da sacht’er: Wieso denn? Reicht doch, wenn einer redet.“
„Recht hattaja.“
„Klar hattadat.“
„Dabei kannze dich mit dem Bernhard gut unterhalten.“
„Aber nur, wenn seine Olle nich dabei is. Imma unterbrichtse ihn. Ich hab schon zu ihr gesacht, Gisela, hab ich gesacht, lass den Bernhard doch ma ausreden.“
„Und wat sacht’se da?“
„Nix hat’se gesacht. Einfach weitergesabbelt hat’se.“
„Dabei hat’se doch schon den Fritz ins Grabb geredet. Sogar aufe Trauerfeier hat’se nur gequasselt.“
„Da war ich nich‘ bei. Da war ich doch im Knappschaft, da ham’se mir grad die Krampfadern gezogen.“
„Da fällt mir ein, unsa Mutter hat getz Stützstrümpfe. Abba sie is ja so eitel. Gibbet die getz nich auch in dunkel? Die hautfarbenen Dinger zieht’se nich an.“
„Kann ich deine Mutter mitbringen. Hab‘ ich genuch von. Hab gestern ers noch saubere gerollt. Und getz im Sommer trach ich eh nur Söckskes.“
„Dat is nett.“
„Ich hab auch noch so Strumpfhosen mit Stütz. In 42. Sind mir bissken knapp geworden. Hab mich ja so verbreitert. Kann ich deine Mutter auch mit inne Tüte packen. Die is ja wat schmaler.“
„Sach ma, müssenwa nächste raus?“
„Wenn dat da am Stadtgattn is.“
„Is Stadtgattn.“
„Dann müssenwa raus.“

Pfingstspaziergang in der Heimat

21. 05. 2013  •  35 Kommentare

Als ich Kind war, wohnten wir am Wald.

Rückblickend ist es erstaunlich, wie sorglos meine Eltern waren. Oder vielleicht waren sie gar nicht sorglos, vielleicht hat meine Mutter sich Nachmittag für Nachmittag vor Angst die Nägel abgekaut. Wie auch immer: Schon als ich fünf war, hatte ich einen Aktionsradius von locker ein, zwei Kilometern. Die Straße hinunter und hinein in den Wald, bis zum Bach beim Förster, manchmal auch weiter hinauf, dort, wo wir im Herbst Eicheln und Bucheckern sammelten, weiter den Weg hinauf, hinein ins dichte Geäst, in dem es unterm Tannengrün eine natürliche Grube lag, die wir mit Zweigen bedeckten, in der wir uns versteckten und von der aus wir mit gezogenen Ästen Feinde bestürmten.

Den Weg rechts entlang, am Abzweig vor der Grube, dann ein Stück geradeaus, dort wohnte Maria, die Schulfreundin. Noch ein Stück weiter hinunter ging es links wieder in den Wald, hinter der Schranke steil bergauf, die Knochenbrecherbahn hinauf. Als Erwachsener geht man die Strecke strammen Schrittes in zehn, fünfzehn Minuten. Als Kinder sind wir sie oft gerannt. Die einzige Abmachung: Abends um sechs seid ihr wieder zu Hause.

Fast jeden Sonntag ging ich mit meinen Eltern spazieren. Das war Pflichtprogramm. Im Winter mit Schlitten, im Sommer in kurzer Lederhose. Wir marschierten bis zur Knochenbrecherbahn und noch viel weiter, zum Hexenteich, einem Weiher im Wald, der seinen Namen aus einer Zeit hat, in dem man Leute in ihm ertränkte.

Menden - Hexenteich

Im Winter konnten wir den Berg hinunter direkt aufs Eis fahren. Eine rasante Schussfahrt! Wenn die Schranke am Wegesende geschlossen war: Nicht vergessen! Kopf einziehen! Ich erinnere mich an Ingo, der einmal mit Karacho dagegen donnerte. Er wurde bewusstlos und bekam, als er wieder bei sich war, vor Schreck Nasenbluten. Wir kühlten die Beule an der Stirn mit Schnee, Gehirnerschütterung, Schleudertrauma. Wer mutig war, legte sich auf den Bauch, Kopf voran den Hügel hinab. Das Eis auf dem Teich: fünfzig, sechzig, siebzig Zentimeter dick. Mit genug Schwung glitten wir auf dem Schlitten bis zum anderen Ufer.

Dort, am anderen Ende: Schiefergestein. Im Sommer nahmen wir uns die flachsten Bruchstücke und ließen sie übers Wasser flitschen. Wir waren gut; dreimal, viermal, bis zu achtmal hüpften sie über die Oberfläche. Es konnte stundenlang so gehen.

Menden - Spazierweg am Hexenteich

Ich kenne jeden Weg in diesem Wald. Den zurück nach Hause, den in die Stadt, den zur Waldgaststätte, die heute verwaist ist, in der damals aber an jedem Sonntag der Damenzirkel mit meiner Oma an seinem Tisch unter der Kuckuksuhr saß, an dem die Großtante die Fliegen mit der Hand fing, und hinter dem ich mich abwechselnd zwischen die alten Damen kuschelte und unter dem hindurch ich nach draußen huschte, zu der kleinen Weide, um die Ziegen zu füttern.

Menden - Bank am Hexenteich

Am Pfingstwochenende war ich nach zehn Jahren wieder dort. Ich war verwundert, wie klein der Weiher ist. Nur fünf Minuten, und man ist einmal drumherum gegangen. Damals aber war er ein Universum.

Wochenendlektüre zum Anklicken

18. 05. 2013  •  9 Kommentare

Was Sie woanders nicht verpassen dürfen:

Meister der Inszenierung“ über Menschen, die krankhaft lügen (via: Anne Schüßler). Ein unglaublich guter Text. Unbedingt bis zum Ende lesen.

Es gibt viele Gründe, warum Kinder weinen. „Reasons my son is crying“ vermittelt einen Eindruck. Ich kann mir vorstellen, dass Eltern kleiner Trotzköpfe dieses Blog sehr beruhigend finden. Auch für Eltern: Die Ikea Hackers zeigen, wie man aus Hockern ein Laufrad baut. Das Nido-Magazin zeigt, wie man essbare Regenwürmer herstellt, die nur ein bisschen fies aussehen. Für Menschen, die erst Eltern werden: die Geburt von Zwillingen in Steißlage. Alles ganz harmonisch, wie man sieht.

Eine Bilderserie zeigt, wie der Himmel aussähe, wenn alle Planeten so nah an der Erde wären wie der Mond (via Anke Gröner). Eine andere Bilderserie zeigt die Nester von Webervögeln an Telegraphenmasten.

Eine schöne Anleitung zum Leben im Studentenwohnheim.

Haley Morris-Cafiero ist Professorin für Fotografie in Memphis und ein bisschen dick. Für die Fotoserie „Wait Watchers“  hat sie eine Kamera an einem öffentlichen Ort aufgebaut und sich in einem Abstand dazu hingesetzt oder hingestellt. Die Kamera machte in zeitliche Abständen Fotos – von Haley und von den Blicken, die sie erhält. Bei der Süddeutschen wird das Thema diskutiert – die meisten Kommentatoren finden die Blicke nicht schlimm oder meinen, das Starren liege nicht daran, dass Haley dick ist.

Zu guter Letzt das Serviceblog:

  • Die Fernsehsuche bietet einen Überblick über alle Sendungen in den Mediatheken der privaten und öffentlich-rechtlichen Fernsehsender.
  • Jedes Buch hat ein Lesebändchen verdient (via @isabo_).
  • Für Freiberufler, Kreative und Handwerker: eine Anleitung, wann man kostenlos arbeiten sollte.

Nachtzug

17. 05. 2013  •  36 Kommentare

Zehn Minuten vor Abfahrt versammeln sie sich am Gleis:

ein alter Mann mit Schweizer Wappen auf einer Basecap, eine Gruppe amerikanischer Jugendlicher mit dicken Rucksäcken, ein älteres Pärchen, noch eine amerikanische Jugendgruppe und zwei Bier trinkende Polen mit voll beladenen Fahrrädern.

Ich habe mir einen Jutebeutel mit Waschzeug gepackt und liege damit im Trend. Alle älteren Herrschaften haben einen bei sich. Ich merke schnell: Nachtzugfahrer sind Profi-Bahnfahrer.

Ich denke: Bitte lass es nicht die betrunkenen Polen sein.

Ich habe Vierer-Abteil gebucht, für 80 Euro von Berlin in die Schweiz. Auch das ältere Pärchen wäre okay, obwohl bei den Zweien bestimmt nur nur er schnarcht. Es ist 22 Uhr, fühlt sich aber früher an.

Der Zug fährt ein. Ich steige eine, komme zu meinem Abteil. Sechs Pritschen, blau, auf Vieren jeweils ein Kissen und eine Wolldecke. Der Platz zwischen den Liegen ist eng. Ich schiebe meinen Koffer direkt unter meinen Platz und setze mich. Sonst wird es eng.

Ein Pärchen kommt herein. „Oje“, sagt sie. Und: „Das tut mir jetzt leid für dich.“

Ich denke: „Was ist los? Pseudokrupp? Eitrige Wunden?“

Sie zeigt auf ihr Baby. „Wir hatten gehofft, dass wir niemanden stören müssen.“

Seltsam. Diese Tendenz, dass sich Eltern immer schon im Vorhinein für ihre Kinder entschuldigen. Ich sage: „Ach, erstmal abwarten. Ich habe gute Erfahrung mit Babys auf Reisen.“ Habe ich wirklich. Auf einem Nachtflug aus den USA nach Deutschland wurde mir, in einer Reihe mit mehr Sitzabstand, ein Platz neben einer Mutter mit Kind angeboten. Ebenfalls entschuldigend. Es war ein entspannter Flug.

Die Kleine heißt Julia. Ich schätze sie auf sieben oder acht Monate. Sie winkt ihren Großeltern, patscht mit den Händchen gegen das Glas des Abteilfensters, sieht mich dann an, lacht und winkt auch mir. Ich winke zurück.

Der Vater des Kindes verstaut Koffer und Taschen. Er ist Schweizer, sie Deutsche, erzählen sie. Der Zug fährt ab. Wir machen es uns wohnlich. Die Mutter stillt das Kind. Sie fahren nach Zürich. Ich erzähle, dass ich in Berlin auf einer Internetkonferenz war und nach Bern fahre.

„Ah, du arbeitest in Bern!“, sagt er.

Soweit ist es nun schon, dass die Schweizer denken, dass Deutsche per se in der Schweiz arbeiten, sobald sie allein reisen.

„Nein, sage ich. Ich besuche Freunde.“

„Gleich gibt es eine Viertelstunde Geschrei“, sagt er und deutet auf das Kind. „Aber danach ist erstmal Ruhe.“

Wir unterhalten uns, dann wiegt der Zug Julia in den Schlaf, geräuschlos. Wir gehen nacheinander Zähne putzen und legen uns ebenfalls hin. Der Zug ist nun irgendwo zwischen Berlin und Halle. Er wiegt leicht von links nach rechts, wenn er das Gleis wechselt. Ich lege mich hin, lehne mich mit dem Rücken an die Wand, werde geschuckert. Julia liegt auf dem Boden in einer Baby-Trage und schmatzt leise. Manchmal quietscht der Waggon leicht.

Als wir in Halle stehen bleiben, bin ich noch wach, doch dann muss ich eingeschlafen sein, denn die Zugteilung in Erfurt kriege ich nicht mit. Ab und an wache ich auf, werde leicht geschüttelt, schlafe wieder ein. Irgendwann höre ich Julia schreien. Das erste, milchige Licht  wabert schon durch die Vorhänge. Später sehe ich sie neben ihrer Mutter liegen. Auf der obersten Liege brummt leise ihr Vater. Sonst ist es still im Zug, die ganze Nacht schon. Die Polen schnarchen anderswo, die jungen Amerikaner sind wohl auch erschöpft.

Kurz nach Freiburg klopft es an der Tür.

„Guten Morgen!“, sagt eine fröhliche Bahnbedienstete mit schwyzerdütschem Einschlag. Sie wolle mich wecken, ich könne aber noch liegen bleiben, der Zug habe 30 Minuten Verspätung.

Basel Badischer Bahnhof. Dann Basel. Ich verabschiede mich von Julia und ihren Eltern. Der Anschlusszug fährt direkt am Gleis gegenüber ein.



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