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Söhne

28. 05. 2012  •  31 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Expeditionen«

In meinem Hotel wohnten zahlreiche Söhne:

Männer in mittleren Jahren, die mit ihrer Mutter den Urlaub zubrachten – Vertreter des Typus „Schwiegertochter gesucht“, kauzig, unbeholfen und gekleidet wie ihr Großvater. Seltsamerweise gab es keine weiblichen Pendants dazu, also keine reisenden Töchter; nur Söhne reisen offensichtlich im Doppelzimmer mit ihrem Elternteil.

Einer von ihnen war mit seinem Vater unterwegs.

Der Vater ist ein Mann mit feudaler Aura. Er ist groß, schlank und bewegt sich mit Eleganz. Ein weißer, kurz geschnittener Haarkranz umrahmt seinen Kopf, ein Henriquatre seinen Mund. Er ist um die 70. Sein Sohn, ein Mann um die 40, wird seine Frisur erben: Sein Haar ist bereits licht. Er hat ein Sitzbäuchlein und einen Rundrücken. Selbst wenn er aufrecht steht, ist er in sich zusammengesunken.

Jeden Morgen brechen sie zu einer Radtour auf, schieben ihre Fahrräder durch die Eingangshalle des Hotels und präparieren sie vor dem Eingang. Der Sohn trägt, von unten nach oben: eine Wandersandale der Marke  „Mit Klettverschluss über Stock und Stein“, Hansaplast-farbene Thrombosekniestrümpfe, es folgt ein Stück freies Knie, eine in zartem Pastell gemusterte Shorts, ein professionelles Radfahrtrikot mit Werbeaufdrucken und eine Kappe mit Nackenschutz gegen die Sonne. Der Vater ist ebenso gekleidet, allerdings ohne Kniestrümpfe. Gegen 10 Uhr radeln sie los, gegen 17 Uhr sind sie wieder da.

Am ersten Abend sitzen sie neben uns im Restaurant. Der Vater erkennt mich sofort als Dame, die ohne Herrenbegleitung reist. Er nickt mir freundlich zu und wünscht vernehmlich „Guten Abend. Sie reisen alleine?“
„Mit einer Freundin“, sage ich.
Er lächelt. Während des Essens ermuntert er seinen Jungen mit Blicken, ein Gespräch zu beginnen. Der Sohn rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her und ringt sich zu der Frage: „Waren Sie schon in einem der Themen-Restaurants?“ durch. Er trägt heute Abend ein schwarzes, übermäßig großes Hemd mit Segelbooten in verschiedenen Neonfarben. 1986 war er damit bestimmt der Held unter der Diskokugel.

Ich sage: Ja, wir seien bereits im Tapas-Restaurant gewesen, und erzähle ihm von der Speisenfolge und dem Service. Er schweigt. Das Gespräch verebbt. So geht es mehrere Abende: Der Vater arrangiert einen Tisch, der Sohn ist steif wie der Römerkragen eines Diakons. Wir nicken uns meist nur freundlich zu.

Dann der letzte Abend. Ich mache mich zurecht und tusche mir die Wimpern: Morgen bin ich nicht mehr da; Sohn soll nochmal etwas zu sehen bekommen. Ich arrangiere einen Tisch neben den beiden, und während der Vorspeise frage ich: „Ihr macht immer Fahrradtouren, ne? Wo fahrt ihr denn immer so hin?“ Ich möchte endlich wissen, wo die beiden jeden Tag hinfahren.

Der Vater lächelt und nickt seinem Sohn zu, er möge doch antworten. Der hat plötzlich Worte gefunden, ein wahrer Schwall von Sätzen entkommt seinem Mund. Er  erzählt von jedem Stein und jedem Strauch, den sie auf ihrer Tour nach Teguise und zum Mirador des Rio passierten. Ich frage nach seinem Namen. Er heiße Bernd, antwortet er. Und: Er sei EDV-Sachbearbeiter im öffentlichen Dienst. Er erzählt mir von seinem System der Dateienarchivierung, dass er immer ganz korrekt sei. Darauf sei er sehr stolz. Es mache ihn nervös, wenn etwas nicht ganz in Ordnung sei. Seine Wangen sind gerötet.

Am Tag unserer Abreise stehen sie wieder in Radmontur vor dem Hotel.

„Oh“, sagt Bernd, „Sie reisen schon ab?“ Er bleibt standhaft beim Sie.
Ich bejahe und erkläre mein Bedauern.
Wir unterhalten uns noch ein wenig. Dann reise ich ab.

Kommentare

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  1. Wortman sagt:

    So wie es sich liest, kann man ja nur froh sein, dass das letzte Gespräch am Abend vor der Abreise war. ;) Ein oberkorrekter Datenarchivierer… wie es bei ihm zu Hause wohl zugeht… :lol:

    1. Nessy sagt:

      Wer weiß, vielleicht wäre er ganz unterhaltsam gewesen – nachdem er nun warm geworden war.

  2. Änni sagt:

    Ich schmelze. So süss. So traurig. So herzerweichend. Bernd wäre bestimmt ein feiner Ehemann. In einer anderen Welt.
    Liebe Grüsse,
    Änni

    1. Nessy sagt:

      Wäre er. Vielleicht. Wer weiß.

  3. zimtapfel sagt:

    Frau Nessy, Sie Herzensbrecherin!

    Ich kann Bernd ganz genau vor mir sehen, denn mein Vater war auch jahrelang so ein Sohn, der mit seinen Eltern (allerdings beiden) urlaubte. Nach der Trennung meiner Eltern wieder bei seinen Eltern eingezogen und seitdem eine perfekte Symbiose mit seiner Mutter gebildet, Opa lief so nebenher.
    Dieses so typische erwachsener-Sohn-im-Urlaub-mit-Eltern-Outfit. Weiße/helle Socken in braunen Ledersandalen (das war noch vor der Trekkingsandalenära) und, ganz, ganz wichtig: Der Brustbeutel, zu tragen unterm beigefarbenen Reißverschluss-Polohemd, wo er sich stehts deutlich sichtbar abzeichnet. Ein solcher Brustbeutel wurde mir denn auch für jeden meiner Teenieurlaube von Oma und Papa nachdrücklichst aufgedrängt. (Hab ich nie benutzt, beklaut worden bin ich trotzdem nie.)

    1. Nessy sagt:

      Es gab tatsächlich einen Sohn mit Brustbeutel, allerdings war es nicht Bernd. Seine Mutter hat ihn während des ganzen Urlaubs übers Hotelgelände gescheucht, zum Buffet, zur Poolbar, zum Handtuchverleih – nur zum Klo ist die selbst gegangen.

  4. Klaus Esteran sagt:

    Trotzdem ist jeder froh, wenn beim Kontakt mit Behörden deren Informationen, die Daten, korrekt sind. Organisiert von „solchen“ Leuten, die man im Urlaub verachtet.

    Oder jeder ist froh, wenn das Handy, das Internet und der Blog-Server funktioniert, gemacht von „solchen“ Leuten, ihhhh. Leute, die „merkwürdige“ Hobbies haben, die intelligent genug sind, nicht jeder Mode nachzulaufen und die sich auch gelegentlich um ihre Eltern kümmern.

    1. Änni sagt:

      Ohne mich angesprochen zu fühlen, möchte ich betonen, dass ich niemanden im obenstehenden Artikel verachte. Weder im Urlaub, im Job, privat, zu Hause. Punkt.

    2. Claudia sagt:

      Ich pflichte Änni bei. Und habe auch überhaupt nicht das Gefühl, Fr. Nessy würde sich über den Herrn lustig machen.

    3. Nessy sagt:

      „Oder jeder ist froh, wenn das Handy, das Internet und der Blog-Server funktioniert, gemacht von “solchen” Leuten, ihhhh. Leute, die “merkwürdige” Hobbies haben, die intelligent genug sind, nicht jeder Mode nachzulaufen und die sich auch gelegentlich um ihre Eltern kümmern.“

      Ich bin auch froh, dass es solche Leute wie mich gibt. Aber Sie meinten das wahrscheinlich anders.

    4. Wolfram sagt:

      Klaus war wohl auch dort in Urlaub…
      aber von Verachtung kann ich in Nessys Artikel nun wirklich nichts erkennen. Es ist eine etwas augenzwinkernde, aber durchaus wohlwollende Beschreibung.
      Und ich glaube sogar, Bernd war Nessy recht sympathisch. Kann man jemanden verachten, den man sympathisch findet?

  5. michathecook sagt:

    Das ist ja fast schon gemein…Erst wird der gute aus der Reserve gelockt und dann im Eck stehen gelassen…wobei…besser war das wahrscheinlich schon.

    1. Nessy sagt:

      Ich wollte halt wissen, wo er jeden Tag hinradelt. Denn radeln ist bestimmt eine gute Idee auf Lanzarote. Die Insel ist recht übersichtlich, da ist’s mit dem Auto fast schon langweilig.

  6. Astrid sagt:

    Nessy, du kennst die Ausschlussliste seit Mallorca… Wahrscheinlich geht’s Bernd auch noch geocashen. Lg Astrid

    1. Nessy sagt:

      Wobei Geocacher ja auf eine erfreuliche Weise nerdig sind.

    2. Astrid sagt:

      manche ja spezielle nicht:)

    3. Ich glaube, ich muss hier mal eine Lanze für die verkannten Geocacher brechen. Technisch versiert, mit Interesse an fordernden Aufgaben und Bewegung im Freien hat diese Unterart des Nerds doch einiges an Potenzial. Der Proficacher weiß zudem die Vorteile eines guten Teams sehr zu schätzen („Mist, meine Taschenlampe ist leer.“, „Hier nimm meine.“)

  7. Liebe Nessy,
    Bernd, ja, der Bernd. Ein bisschen ungeschickt im Umgang mit Menschen. Ich kannte einmal einen Bernd, der Jürgen hieß. Und noch heute denke ich hin und wieder an ihn zurück. Jürgen hatte aber eine eigene Wohnung. Nur mittags fuhr er immer zu Mutti und machte dort sein Mittagsschläfchen. Und am Abend nach der Arbeit fuhr er auch immer bei ihr vorbei. Jeden Tag. Wie ein Uhrwerk. Eine Freundin hatte er bis dahin noch nicht gehabt. Er war 56 Jahre alt, als ich ihn das letzte mal getroffen habe. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sich in den vergangenen 20 Jahren irgendetwas geändert hat.

    1. Nessy sagt:

      Gerne wohnen die Herren ja noch mit Mutti. Weil es so praktisch ist und die Mutti Hilfe ja auch gut gebrauchen kann.

  8. Der tut mir schon leid, der Bernd. Ich hoffe, er findet den zu ihm passenden Deckel. Verdient hätte er es allemal.
    Grüßli :-)

    1. Nessy sagt:

      Sie meinen, im Herzen isser ’n Guter?

  9. crocodylus sagt:

    Manchmal finden solche Bernds ihre Ingrid, die genau sieht, was in ihm steckt. Und sie geht mit ihm zum Schuhe kaufen und zum Friseur. Und er wächst neben ihr und wird selbstbewußt, weil er ja was kann und was weiß. Und Ingrid wird den klügsten und treuesten Ehemann bekommen, eben den, den sie verdient hat.

    1. Hach, die Bernd und Ingrid Geschichte… die passt auf meinen Mann und mich und ich weiß genau, wenn ich mal nicht mehr bin, wird er auch von ganz allein nie wieder ein Bernd werden. Er ist gewachsen (und kümmert sich immernoch ganz herzlich um seine Mum).

  10. Marco sagt:

    Könnte ein ungeschliffener Diamant sein.
    Oder doch nur Bernd- Das Brot.

    1. Wortman sagt:

      So blind plädiere ich für das Brot :)

    2. Nessy sagt:

      Meinen Sie, man kann einen 40-jährigen Diamanten noch schleifen?

    3. frauzeitlos sagt:

      Mhhh. Diese liebenswerten Nerds muss man frühzeitig unter die Fittiche nehmen, damit sie noch einigermaßen sozialkompatibel werden. Ich weiß das. Ich hab einen geheiratet *g*

  11. Einsiedlerin sagt:

    Ihre Beobachtungen und Schilderungen lese ich mit großem Vergnügen. ;-)

  12. Christiane sagt:

    Och Mensch, denken Sie oft an Ihn?

    1. Christiane sagt:

      Ach, sei doch ehrlich! ;-)

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