Draußen nur Kännchen
Kaffeehaus mit ♥

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Das selbstfahrende Auto

30. 05. 2012  •  50 Kommentare

Das Gute daran, das ich kein eigenes Auto besitze, ist,
dass ich mir öfter mal etwas Nettes miete, um von A nach B zu kommen. Das ist nämlich bisweilen preiswerter als Zugfahren – und mehr Spaß macht es auch.

Tief in meinem Herzen stehe ich nämlich auf schnelle Autos und geilen Technikscheiß. Zum Beispiel auf diesen 5er BMW, mit dem ich 600 Kilometer nach Süddeutschland gefahren bin und in dem ich alle Knöpfchen gedrückt haben, die die Karre an Firlefanz hergibt. Etwa die Abstandsautomatik. Und den „Zeig mir alle relevanten Infos in der Frontscheibe“-Gimmick.

Autofahren im 5er BMW

In der Scheibe: der Tempomat (170), die Abstandsautomatik (rote Linien), das aktuelle Tempo (156) und das Navigationsgerät (noch 211 Kilometer). Nicht im Bild: Frau Nessy,
mit vor Vergnügen geröteten Wangen.

Total krass: Du musst gar nicht mehr selbst fahren. Du haust die Abstandsautomatik rein, stellst den Tempomat ein, und das Auto fährt von allein. Es gibt Gas, und wenn sich einer vor Dich setzt, bremst es. Wenn er wieder weg ist, gibt es wieder Gas. Du musst nix machen, nix!

Alta! Ist das Hamma? Das ist Hamma!

Na gut: Lenken musst du schon noch selbst. Und ab und an musst du auch mal selbst bremsen, wenn jemand nicht in den Rückspiegel geguckt hat. Aber sonst? Mächtig scharfe Nummer. Bin schwer beeindruckt.

Söhne

28. 05. 2012  •  31 Kommentare

In meinem Hotel wohnten zahlreiche Söhne:

Männer in mittleren Jahren, die mit ihrer Mutter den Urlaub zubrachten – Vertreter des Typus „Schwiegertochter gesucht“, kauzig, unbeholfen und gekleidet wie ihr Großvater. Seltsamerweise gab es keine weiblichen Pendants dazu, also keine reisenden Töchter; nur Söhne reisen offensichtlich im Doppelzimmer mit ihrem Elternteil.

Einer von ihnen war mit seinem Vater unterwegs.

Der Vater ist ein Mann mit feudaler Aura. Er ist groß, schlank und bewegt sich mit Eleganz. Ein weißer, kurz geschnittener Haarkranz umrahmt seinen Kopf, ein Henriquatre seinen Mund. Er ist um die 70. Sein Sohn, ein Mann um die 40, wird seine Frisur erben: Sein Haar ist bereits licht. Er hat ein Sitzbäuchlein und einen Rundrücken. Selbst wenn er aufrecht steht, ist er in sich zusammengesunken.

Jeden Morgen brechen sie zu einer Radtour auf, schieben ihre Fahrräder durch die Eingangshalle des Hotels und präparieren sie vor dem Eingang. Der Sohn trägt, von unten nach oben: eine Wandersandale der Marke  „Mit Klettverschluss über Stock und Stein“, Hansaplast-farbene Thrombosekniestrümpfe, es folgt ein Stück freies Knie, eine in zartem Pastell gemusterte Shorts, ein professionelles Radfahrtrikot mit Werbeaufdrucken und eine Kappe mit Nackenschutz gegen die Sonne. Der Vater ist ebenso gekleidet, allerdings ohne Kniestrümpfe. Gegen 10 Uhr radeln sie los, gegen 17 Uhr sind sie wieder da.

Am ersten Abend sitzen sie neben uns im Restaurant. Der Vater erkennt mich sofort als Dame, die ohne Herrenbegleitung reist. Er nickt mir freundlich zu und wünscht vernehmlich „Guten Abend. Sie reisen alleine?“
„Mit einer Freundin“, sage ich.
Er lächelt. Während des Essens ermuntert er seinen Jungen mit Blicken, ein Gespräch zu beginnen. Der Sohn rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her und ringt sich zu der Frage: „Waren Sie schon in einem der Themen-Restaurants?“ durch. Er trägt heute Abend ein schwarzes, übermäßig großes Hemd mit Segelbooten in verschiedenen Neonfarben. 1986 war er damit bestimmt der Held unter der Diskokugel.

Ich sage: Ja, wir seien bereits im Tapas-Restaurant gewesen, und erzähle ihm von der Speisenfolge und dem Service. Er schweigt. Das Gespräch verebbt. So geht es mehrere Abende: Der Vater arrangiert einen Tisch, der Sohn ist steif wie der Römerkragen eines Diakons. Wir nicken uns meist nur freundlich zu.

Dann der letzte Abend. Ich mache mich zurecht und tusche mir die Wimpern: Morgen bin ich nicht mehr da; Sohn soll nochmal etwas zu sehen bekommen. Ich arrangiere einen Tisch neben den beiden, und während der Vorspeise frage ich: „Ihr macht immer Fahrradtouren, ne? Wo fahrt ihr denn immer so hin?“ Ich möchte endlich wissen, wo die beiden jeden Tag hinfahren.

Der Vater lächelt und nickt seinem Sohn zu, er möge doch antworten. Der hat plötzlich Worte gefunden, ein wahrer Schwall von Sätzen entkommt seinem Mund. Er  erzählt von jedem Stein und jedem Strauch, den sie auf ihrer Tour nach Teguise und zum Mirador des Rio passierten. Ich frage nach seinem Namen. Er heiße Bernd, antwortet er. Und: Er sei EDV-Sachbearbeiter im öffentlichen Dienst. Er erzählt mir von seinem System der Dateienarchivierung, dass er immer ganz korrekt sei. Darauf sei er sehr stolz. Es mache ihn nervös, wenn etwas nicht ganz in Ordnung sei. Seine Wangen sind gerötet.

Am Tag unserer Abreise stehen sie wieder in Radmontur vor dem Hotel.

„Oh“, sagt Bernd, „Sie reisen schon ab?“ Er bleibt standhaft beim Sie.
Ich bejahe und erkläre mein Bedauern.
Wir unterhalten uns noch ein wenig. Dann reise ich ab.

Wassergymnastik

23. 05. 2012  •  38 Kommentare

Sie sind fünf Damen. Und sie sind sehr britisch.

Sie sind gepflegt onduliert, tragen zurückhaltende Bademode, tiefer Beinausschnitt, hohes Dekolleté. Ihre Hörgeräte sind dezent. Blümchenmuster stehen ihnen gut. Abends sind sie stets gut gekleidet, nicht überkandidelt, aber dennoch adrett. Die Röcke gehen bis über die Knie. Am Buffet lassen sie einander so lange den Vortritt, bis andere Gäste nervös dazwischengehen und ihnen die Runzelkartoffeln wegessen. Sie erinnern mich an die Calendar Girls. Ich bin eigentlich sicher, dass sie es sind.

Es ist ein heißer Tag, ich liege am Pool und bin dem Dekubitus bislang entgangen, indem ich mich halbstündlich umgelagert habe. Plötzlich steht Stijn, der niederländische Animateur, vor mir und fragt: „Water Fitness?“

Ich denke: „Puuh, nee, lass mal.“ Er sagt: „Water Fitness!“, diesmal mit Ausrufezeichen, und ich denke: „Naja, warum nicht, bevor du dich mit Zinksalbe einreiben musst.“ Wir gehen zum Pool. Er holt den Ghettoblaster raus, schmeißt Dr. Alban rein, und wir lassen uns zu Wasser.

Die Gruppe besteht nur aus Frauen und aus Stijn. Wir hüpfen uns ein bisschen warm. Ich habe mich in die letzte Reihe verdrückt. Der Leistungsdruck macht mich sonst fertig.

Auf einmal fühlt es sich an, als nähere sich ein Krokodil. Ich sehe mich um. Eine der britischen Damen schwimmt in sanften Zügen heran, der graue Schopf treibt wie eine Wattebausch über die Oberfläche, federleicht. Sie lässt sich in die Senkrechte sinken und beginnt, unmerklich mitzuhüpfen. Ich nicke ihr zu. Ich weiß, dass sie Mildred heißt. Sie lächelt verschämt.

„Was tun wir gerade?“, frage sie mich auf englisch, weiterhin hüpfend, und ich sage: „Skipping, just skipping.“ Stijn entdeckt sie und ruft: „Hello! Welcome to Water Fitness!“ Sie lächelt milde, winkt majestätisch aus dem Handgelenk und hüpft so lange, wie Stijn guckt.

Dann ist es soweit, und Stijn holt die Pool-Nudeln vom Beckenrand. Er hält eine der Schaumstoffschlangen in die Höhe und ruft: „Spaghetti!“ Wir glotzen ihn an. Stijn wedelt wild mit der Nudel und ruft wieder, diesmal lauter: „Spaghetti!“ Wir machen pflichtschuldig: „Yeah!“ Stijn ist nicht zufrieden mit uns. „Mögt ihr Water Fitness?“, ruft er. Wir wieder: „Yeah“, diesmal noch weniger enthusiastisch, nur ungefähr fünf-Prozent-begeistert. Mildred singt leise: „Yeah! Yeah! Yeah!“ Ich blicke sie an. Sie grinst und zieht verschämt die Schultern hoch. „Ich hatte Prosecco zum Kuchen“, sagt sie entschuldigend.

Stijn verteilt die Poolnudeln. Mildred greift sich eine in rosa. Stijn stellt sich vorne hin und sagt: „Und nun reiten wir ein bisschen auf der Nudel.“

„Das ist das Schmutzigste, was ich seit meinem achtzigsten Geburtstag getan habe“, sagt Mildred und kichert wie eine Sechzehnjährige. Ich kichere auch.

„Up and down, up and down“, ruft Stijn vorne.

Mildred hält inne, senkt ihren Kopf und blickt mich aus trüben, faltenumrandeten Augen von unten nach oben an. Sie sieht sehr lehrerinnenhaft aus. „Wir sollten ernst sein. Das hier ist Sport.“

„Er macht es jeden Tag“, sage ich. „Immer um 15 Uhr.“ Mildred kichert wieder.

Als Stijn genug gehüpft ist und wir unsere Nudeln wieder abgegeben haben, schwimmt Mildred in Richtung Treppe. „Hee!“, ruft Stijn ihr nach. „Wir sind noch nicht fertig!“ Ohne sich umzusehen, streckt sie eine Hand in die Höhe und winkt. Dann treibt der Wattebausch davon.

Lanzarote

21. 05. 2012  •  35 Kommentare

Sobald ich mich an einem Pool oder einem Strand niederlasse,

setzen sich in meinem Körper kleine Männchen in Bewegung, wandern aus meinem Bauch in meinen Kopf, steigen den Hals hinauf, erklimmen die Treppen zu den Augen und drehen dort an einer Kurbel. Die Kurbel senkt die Lider über meine Augen. Mein Kopf sackt nach hinten. Ich schmatze leise. Und schlafe ein. So habe ich die ersten zwei Tage meines Urlaubs zugebracht.

Am Hotelpool

Rechts: Nessyfüße. Links: Nessyfreundinnenfüße. Weiterhin anwesend: ein schmucker Bademeister (nicht im Bild, aber gut im Gedächtnis).

Dann hatte ich die Männchen im Griff, stundenweise, und habe Kakteen besucht, lange dünne, kleine dicke und große dicke. Das klingt erstmal nicht so interessant, war aber ganz prima.

Jardin de Cactus - Kaktusgarten

Kaktusgarten mit vielen Kakteen, ungefähr 10.000.

Ich habe dort Kakteen entdeckt, in denen ebenso wie in mir kleine Männchen leben. Ich habe die Kakteen sogar ganz leise schmatzen gehört.

Jardin de Cactus - Schluffikaktus

Schluffikaktus (lat. cactus nessy), Opfer der Schlafmännchen.

Neben Kakteen gibt es weitere Pflanzen auf Lanzarote: Palmen. Zum Beispiel in Haría. Dort wachsen sogar so viele, dass die Gegend das „Tal der 1000 Palmen“ heißt. Ich habe nicht nachgezählt, aber es mag wohl stimmen. Am besten sieht das Ganze von oben aus, wenn man vom Mirador del Haría zum Meer schaut.

Haira, Stadt der 10.000 Palmen

Haría im Tal der 1000 Palmen.

Stellen Sie sich zu diesem Bild bitte vor, dass Sie in einem Backofen stehen, Umluft, ein heißer Wind umspielt Ihre Glieder. Sie sind leicht klebrig, haben heute schon drei Liter getrunken, aber nicht einmal pinkeln müssen. Während Sie ins Tal hinabblicken, fühlen Sie, wie Sie eine knusprige Kruste bekommen.

41 Grad

Entscheidend: die Temperaturanzeige unten links.

Aber ich wäre kein Checkerbunny, hätte ich nicht einen Kühlschrank gefunden.

Cueva de los Verdes

Lanzarotes unterirdischer Kühlschrank: die Cueva de los Verdes, 18 Grad.

Der Kühlschrank entstand vor vielen Jahren, selbst an Jesus war noch nicht zu denken. Damals brach ein Vulkan aus, Lava floss ins Meer, kam mit dem kalten Wasser in Berührung, irgendwas explodierte und bumms!, gab’s die Höhle. So ungefähr hat es die Höhlenführerin erklärt, die allerdings nur Spanisch sprach. Deswegen kann es sein, dass auch alles ganz anders war.

Cueva de los Verdes - Höhlensee

Sie ist tatsächlich grün, die Höhle.

Nicht nur in der Höhle war es kühl. Auf Lanzarote lebte ein Mann, der auf der Insel ungefähr alles gestaltet hat, was es Wichtiges zu gestalten gibt: César Manrique. Er hat auch den Kaktusgarten gemacht. Außerdem hatte er ein Haus in Tahíche, was irgendwo bei Teguise ist. Mehr müssen Sie nicht wissen; wenn Sie mal dort sind, werden Sie es finden. Das Haus ist in Lavablasen gebaut, also ebenfalls fast wie eine Höhle.

Lava im Haus von Cesar Manrique

Lava im Haus von César Manrique. Ist kein Baumangel, sondern so gewollt.

Irgendwann musste ich dann doch mal pinkeln, so nach dem vierten getrunkenen Liter. Wir waren gerade auf dem Weg zu einem Kirchlein irgendwo im Nichts und fragten uns, ob es wohl gestattet sei, in der Nähe eines Gotteshauses Wasser zu lassen, mitten in die Natur, ganz ohne Klosett. Die Gelegenheit war günstig, weil niemand zu sehen war. Meine Freundin, Sauerländerin und von daher ehrfürchtig katholisch, hegte Zweifel, war aufgrund ihres Harndrangs jedoch geneigt, beim Austreten an etwas Frommes zu denken – dann sei es wohl in Ordnung.

Als ich den Kirchhof betrat, wurde unsere moralische Debatte allerdings obsolet, denn just in dem Moment, in dem ich das Törchen durchschritt, verschwand nur zehn Meter weiter, kurz vor der weißen Kirchmauer, die den Hof begrenzte, ein Mann hektisch hinter einer Palme. Gleichzeitig richtete sich eine Frau auf, die vor ihm gehockt hatte und blickte mich mit großen Augen an. Ihr Mund formte ein stummes „Oooh“, ob aus Gottesfurcht oder aus Überraschung, werden wir nie erfahren.

Kirchlein im Nirgendwo

Das Kirchlein der Sünde.

Was haben wir noch gesehen? Vulkane und Lava, im Timanfaya-Natinalpark gibt es jede Menge davon. Man fährt mit einem Bus hindurch. Die Fahrt dauert 40 Minuten und ist wie ein Ritt mit der Wilden Maus. Mir war nicht gut danach.

Timanfaya Nationalpark: Vulkangestein und viel Nichts

Timanfaya Nationalpark: die Wilde Maus unter den Naturparks.

Wir waren auch am Strand von Famara und haben dort Surfer gesucht.

Frau Nessy am Strand von Famara

Frau Nessy am Strand von Famara, Surfer suchend.

In meinem nächsten Beitrag erzähle ich Ihnen dann von den Calendar Girls, die mit mir im Hotels wohnten – und wie ich mit Mildred Wassergymnastik gemacht habe.

Zurück daheim

20. 05. 2012  •  44 Kommentare

Wenn Sie erraten, wo ich war – …

Wo war ich?

… erzähle ich Ihnen brühwarm, was ich erlebt habe.

Hühneraufstieg

10. 05. 2012  •  55 Kommentare

Zwölf Uhr mittags.

In der Pause steht es nur unentschieden. Es ist das letzte Saisonspiel, und wir müssen gewinnen, um Tabellenerster zu bleiben. Doch wir verwerfen. Die Abwehr verweigert sich. Die Torfrau ist nicht gut drauf. Die Halle glatt wie der Eistanzpalast von Kiew. Nur den Schiedsrichtern können wir nichts in die Schuhe schieben.

Unentschieden also. Das bringt uns nichts. Wir sind punktgleich mit dem Zweiten, haben nur den besseren direkten Vergleich. Der Zweite hat ein paar Stunden vor uns gespielt, aber wir kennen das Ergebnis nicht. Außerdem: Warum sollte er verlieren, ausgerechnet heute?

Der Trainer kommt in die Kabine und schreit uns an. Dass unsere Vorstellung eine Unverschämtheit sei. Dass wir wollen müssten. Dass es auch mal wehtun müsse, „man muss auch mal auf die Fresse kriegen, so ist das im Handball!“ Im Rausgehen sagt er: „Ach übrigens, Ihr seid aufgestiegen.“ Der Tabellenzweite hat tatsächlich verloren verloren. Jetzt wollen wir es erst recht aus eigener Kraft schaffen. Wir gewinnen das Spiel. Aufstieg.

Irgendwer zaubert Aufstiegsshirts hervor. Außerdem Sekt, Rosen, Krönchen aus Alufolie. Wir hüpfen und tanzen. Noch auf dem Spielfeld trinken wir. In der Kabine: Sektdusche wie in der Formel Eins. Weitertanzen. Weitersingen. Unter der Dusche springen wir herum wie Wasserelfen im Fontana die Trevi, Rock’n’Roll-Version. Danach in die Kneipe. Tanzen. Singen, Dankesworte von der Abteilungsleitung. Die Rückraum Mitte singt: „Wir sind der geilste Club der Welt! Club der Welt! Club der We-he-helt!“ Lobesworte vom Trainer. Freudentränen von unserem Käpt’n. Unsere Rechtsaußen ist schon betrunken, umarmt mich ständig. Noch eine Rose für alle. Rückraum Rechts singt: „Bambule, Randale! Wir haben die Schale!“ Die Krönchen hängen schon ein bisschen schief. Es gibt Grünen und Fingerfood.

Nach vier Stunden geleiten wir die Co-Trainerin in einer Polonaise zum Auto. Danach steht die Rückraum Rechts auf der Theke: „Gebt mir ein H!“ – „H!“ – „Gebt mir ein U!“ – „U!“ – „Gebt mir ein M!“ – „M!“ – „Gebt mir ein B!“ – B!“ – „Gebt mir ein A!“ – „A!“ – „Humba! Humba! Humba! Täterää! Täterää! Täterää!“ Wir springen im Kreis.

Um 20 Uhr sind alle im Bett, fertig wie die Brötchen.

Jetzt ist erstmal trainingsfrei. Ab Juli geht’s wieder los. Davor: Vorbereitung auf die Vorbereitung, wie im vergangenen Jahr. Denn diesmal wird alles noch schlimmer kommen. Viel, viel schlimmer. Und das in meinem Alter.

Sie können sich mich demnächst ungefähr so vorstellen, nur mit Handball – aber natürlich ebenso anmutig:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=7NZ6C6wGpAE&w=480&h=355]

Philip Gould: When I die

4. 05. 2012  •  23 Kommentare

Buchtipp.

Philip Gould: When I Die

Im Jahr 2007 erfährt Philip Gould, dass er an Speiseröhrenkrebs erkrankt ist. Er unterzieht sich einer Chemotherapie, einer schweren Operation, weiterer Chemotherapie und Bestrahlungen. Aber der Krebs kommt zurück. Er wird erneut operiert, er erhält erneute Therapien. Im Herbst 2011 ist klar: Er wird sterben. Bald. In seinen letzten Monaten schreibt er ein Buch. Es heißt When I die. Lessons from the Death Zone.

Als ich schrieb, dass sie Krebs hat, bekam ich eine E-Mail aus London. Die Verfasserin sagte mir, sie habe in der Times einen langen Artikel über Philip Gould gelesen. Zeitgleich seien posthuman seine „last thoughts“ herausgekommen. Das Buch sei sehr inspirierend. Sie empfahl es mir nicht nur, sondern bestellte es auch für mich, weil es in Deutschland noch nicht erhältlich ist – und sie bestellte es nicht nur, sie schickte es mir auch und schenkte es mir, umwickelt mit einer roten Schleife und begleitet von einer lieben Karte. Das ist absolut großartig und hat mich sehr bewegt. Danke noch einmal dafür.

Ich habe das Buch gelesen. Es ist aufwühlend. Philip Gould beschreibt darin, wie er sich dem Tod stellt, wie er hofft, wie er Angst hat, wie er Freude empfindet, wie er Frieden mit dem eigenen Verschwinden findet und wie ihn ab diesem Zeitpunkt seine Furcht verlässt.

„I want to say something else as well, because this is not a seminar. In six weeks or less, I will be dead. Before then, I will face huge fear. This is the real, unavoidable experience that is coming unstoppably my way. The moment you accept the imminence of death, fear disappears – up to a point.“ (p.126)

Er drückt dabei nicht auf die Tränendrüse, im Gegenteil, er beschreibt nüchtern und sachlich. Aber er verschweigt nicht das Leid und die Erniedrigungen, die der Krebs mit sich bringt: die Magensonde, das Gepflegtwerden, die Gewissheit, seiner Familie durch seine Krankheit Schmerzen zuzufügen. Doch das Positive überwiegt: Er erhält das Geschenk, seinen eigenen Tod vorzubereiten, sich zu verabschieden, Nähe zu genießen und abzuschließen mit dem, was ihm am Herzen liegt.

„I am enjoying my death. There is no question I am having the most fulfilling time of my life. I am having in many ways the most enjoyable time of my life. I am having these moments of ecstasy. I am having the closest relationship with all of my family. This is the most intense time of my life.“ (p.128)

Am meisten beeindruckt hat mich, wie er seine Beerdigung plant – gemeinsam mit Victor, the gravedigger, „a six-foot-six giant with a shovel over one shoulder“ (p.138). Er geht auf den Highgate-Friedhof und sucht sich ein Grab aus, denn es gibt ihm eine innere Ruhe, den Ort zu sehen, ihn zu betreten und im Wortsinne zu erleben, an dem er seine Ewigkeit verbringen und an dem er in Zukunft seine Frau, seine zwei Töchter und seine Freunde treffen wird.

Philip Gould erzählt seine Geschichte bis zum 3. November – bis drei Tage, bevor er stirbt. Danach übernimmt seine Tochter Georgia – einschließlich des Moments, an dem ihr Vater sie verlässt.

„I am holding on to his left had, Grace his right. Mum has her arms around his neck, leaning on his chest. The Gregorian chant fills the room and as it reaches its last note, Dad gives a shudder and lets go.“ (p.178)

Philip Gould stirbt am 6. November 2011 um 21.30 Uhr. Seine letzten Worte sind:

„I am going to crash out now, I’m done.“ (p.173)

Der Regisseur und Fotograf Adrian Stein begleitete Philip Gould in seinen letzten beiden Lebenswochen, sprach mit ihm und portraitierte ihn auf seinem eigenen Grab:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=S2eUw0CUuMc&w=480&h=274]

Enjoy.

Die Bistrogardine

2. 05. 2012  •  79 Kommentare

An dieser Stelle
möchte ich mal eine Lanze für die Bistro-Gardine brechen.

Für alle, die mit dieser Art Behang nicht vertraut sind: Eine Bistro-Gardine ist ein gewebter, gerne auch gehäkelter, manchmal mit Applikationen verzierter, immer aber auf einer Stange aufgezogener Vorhang, der den unteren Teil eines Fensters bedeckt – manchmal auch den oberen, aber das ist dann fast schon PopArt. Für die Küche werden gerne Motive mit grasenden Gänschen verwendet, manchmal auch mit Kaffeemühlen, obwohl kein Mensch mehr Kaffeemühlen verwendet; vergleichsweise neu im Markt sind deshalb Modelle mit Latte-Macchiato-Gläsern. Für das Kinderzimmer werden Pooh-Bären oder Tiere von ähnlicher Gestalt angeboten, seltener dicke Bauarbeiter, bisweilen auch Themen für den jungen Fußballfan.

Die Bistrogardine, im Fachjargon auch „Kurzstore“ genannt, ist in der Ausführung mit Taftborte und Kräuselband die deutscheste aller Gardinen unter den fertig konfektionierten Heimtextilien. Allerdings, und das ist ihr Manko, haftet ihr das Image des Spießbürgerlichen an. Wer Bistrogardinen mag, hat auch eine Wohnwand, einen Zimmerbrunnen und eine apricotfarbene Sitzlandschaft vor einer mit Schwammtechnik bearbeiteten Raufasertapete. Aus diesem Grund konnten bislang nur Möbelhausmitarbeiter aus Trendstädten wie Butzbach oder Oer-Erkenschwick reinen Herzens Loblieder auf die Bistrogardine singen.

Das ist nun vorbei. Ich appelliere an alle Erdgeschossbewohner deutscher Großstädte: Kauft Euch Bistrogardinen! Denn auf nur einem Spaziergang vom neuen Ghettonetto nach Hause erblickte ich heute sage und schreibe drei Parterre bewohnende, nackte Ärsche, darunter zwei erheblich behaarte, die hinter einem erleuchteten Fenster ihren häuslichen Verrichtungen nachgingen. Es scheint, als sei ausgerechnet am 2. Mai, einen Tag nach dem Kampf der Arbeiterbewegung, der Tag der blanken Kiste in meinem Kiez gewesen – vielleicht lag es nur an der Gewitterschwüle, die sich bleiern in die Genossenschaftswohnungen drückte, vielleicht war auch Rainer-Langhans-Memorial-Day.

Nun ist es zugegebenermaßen jedem unbenommen, sich in seiner Heimstatt zu bewegen, wie er mag: mit und ohne Kleidung, im Jogger oder in einem aufgrund eines Wollfetischs mundgestrickten Ganzkörper-Angorapullover. Aber denken Sie auch an arglos vorbeigehende Menschen. Menschen wie du und ich, die nicht umhinkommen, in hell erleuchtete Fenster zu blicken und dort zu sehen, was sie nicht sehen sollen, nicht sehen möchten, was ihnen für die nächsten Stunden im Gedächtnis haften bleibt wie ein Michael-Ballack-Sammelsticker an einem Kinderzimmerschrank.

Seien Sie soldarisch. Kaufen Sie sich eine Bistrogardine.

Han junior

2. 05. 2012  •  14 Kommentare

Ich treffe Nachbar Han im Flur.
(Sie erinnern sich an unser erstes Treffen? Damals war seine Mutter dabei.)

Han: Ich musse mich entschuldigen. Baby hat so laut geweint gestern.
Nessy:  Habe ich gehört, ja. Kommt vor.
Han: Haben Sie gehört? Oh, tut mir leid.
Nessy: Nein, kein Problem. Babys machen das, kein Problem.
Han: Oh, doch, doch. Möchte nicht, dass Sie eine Belästigung haben.
Nessy: Wirklich, kein Problem. Babys weinen manchmal.
Han: Ich möchte mich entschuldigen, auch im Namen von mei Frau.
Nessy: Es ist alles in Ordnung. Wirklich!
Han: Wissen Sie, Baby hatte Bauchschmerzen. Schreit dann ganz laut.
Nessy: Passiert manchmal. Aber ist kein Problem.
Han: Ist wirklich kein Problem? Sonst müssen Sie sagen. Dann verlegen wir Kinderzimmer an andere Seite.

Um Gottes willen!

Nessy: Nein, nein, wirklich! Alles total okay!

Ich werde nie wieder sagen, dass ich das Kind schreien gehört habe.

[Frau Blogolade hat Ähnliches übrigens prophezeit.]

Homebase

1. 05. 2012  •  13 Kommentare

Haha!

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=FJAFUQno52c&w=480&h=274]

[via]

Dazu darf natürlich die Hymne nicht fehlen:

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=uAi7qJQELvQ&w=480&h=355]



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