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Arbeiterkind

25. 01. 2012  •  117 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Broterwerb«

Sozialerhebungen sagen:

Die Herkunft entscheidet, ob ein Kind studiert. Von 100 Akademikerkindern studieren 71. Von 100 Nicht-Akademikerkindern studieren nur 24. Ich bin eines dieser 24.

Jetzt, im Nachhinein, ist meine Familie sehr stolz, dass ich studiert habe. Und noch mehr, dass ich dieses Doktordings gemacht habe.

Nach der Schule, zu dem Zeitpunkt, wenn andere wissen, was das Beste für einen ist, fragte meine Verwandtschaft allerdings zunächst: „Was willst du denn mit einem Studium?“ –  „Willst du nicht erstmal eine Lehre machen? Dann hast du was in der Hand.“ – „Wir haben auch alle erstmal Ausbildung gemacht. Da ist doch nicht Schlechtes dran!“ –  „Denkst du etwa, du bist was Besseres?“

Es war nicht leicht, solche Aussagen auszuhalten, als junges Mädchen.

Meine Eltern haben mich immer unterstützt, konnten mir aber ab der achten Klasse nicht mehr helfen. Mathe, Sprachen – sie stießen an Grenzen. Mit Beginn des Studiums begann noch einmal ein neuer Abschnitt, denn hier war es nicht nur das Fachliche, das sie nicht kannten, sondern auch die Lernkultur.

Natürlich schreibt auch ein Soziologe seinem Sohn, der Physik studiert, nicht die Klausuren. Aber er hat ein Verständnis davon, was es heißt zu studieren. Dass dasitzen und denken auch Leistung hervorbringt. Er weiß, wie man wissenschaftlich arbeitet. Was es bedeutet, eigene Untersuchungen durchzuführen. Und dass eine wissenschaftliche Arbeit etwas anderes als ein Schulaufsatz ist.

Meine Eltern haben sich immer für mich interessiert. Sie lasen sich jede meiner Hausarbeiten von vorne bis hinten durch, sogar spröde, mit minimaler Mühe zusammengezimmerte Werke. Warum mein Studium so lange dauerte, war trotzdem oft ein Thema – obwohl ich in der Regelstudienzeit studiert habe.  „Wie viele von diesen Scheinen musst du noch machen?“ – „15, Mama.“ – „Und wie viele machst du dieses Semester?“ – „Acht.“ – „Warum nicht alle 15?“ – „Das geht nicht, Mama.“ – „Lehrjahre sind keine Herrenjahre.“ – „Acht Scheine sind echt viel. Das sind drei Klausuren und fünf Hausarbeiten.“ – „Und diese Vorlesung, die du noch belegen musst?“ – „In das Seminar bin ich nicht reingekommen.“ – „Bist du wieder nicht früh genug aufgestanden?“

Ich hatte nie ein Stipendium. Während des Studiums hatte ich bisweilen fünf Jobs: ein paar Stunden abends in der Woche, ein paar weitere woanders am Wochenende, dazu mittwochsnachmittags zwei Stunden Nachhilfe geben, donnerstags als Tutorin an der Uni arbeiten und während der Semesterferien Messestände zusammenbauen.

Natürlich habe ich Bafög beantragt. Ich füllte 20 Formblätter aus und beantragte es. In meinem besten Semester bekam ich 160 Mark, in meinem schlechtesten zwölf. Keine Ahnung, wie es berechnet wird – meine zu wohlhabenden Eltern konnten mir jedenfalls nur die Miete für meine Studentenbutze zahlen.

Auch meine Diss habe ich neben dem Job geschrieben. Die meiste Zeit lang neben einer vollen Stelle. Nur im vergangenen Jahr habe ich für eine Weile meine Arbeitszeit reduziert, weil ich es anders nicht hingekriegt hätte.

Sagen Sie ruhig, es sei eigene Dummheit, dass ich kein Stipendium beantragt habe, denn das stimmt. Aber mir war zum entscheidenden Zeitpunkt nicht bewusst, dass ich es wert sein könnte, gefördert zu werden. Denn: „Wer Geld will, muss arbeiten“, hieß es bei uns zu Hause immer. Hinzu kam: Die Unis, an denen ich war, schwiegen allesamt sehr ausführlich, wenn es um Förderung ging. Das ist natürlich keine Entschuldigung für fehlende Eigeninitiative. Aber es ist trotzdem ein Grund.

Wenn ich über mein Unileben nachdenke oder wenn ich an andere Doktoranden denke, die ich in Kolloquien traf, verstehe ich, welche Vorteile Akademikerkinder haben: Es sind die Kultur, die Sozialisation, das Selbstverständnis, die alles leichter machen. Auch die geringeren Sorgen um das finanzielle Drumherum – aber das ist zweitrangig. Es ist das weniger an Kämpfen, das sie ausfechten müssen. Das alles erleichtert die Entscheidung für ein Studium – und das Durchhalten.

Aber eins ist auch klar: Ich möchte nichts missen. Keinen Job, keine Kämpfe, keine Durststrecken. Denn inzwischen weiß ich: Was früher mein Nachteil war, ist heute mein Vorteil.

Kommentare

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  1. richensa sagt:

    Chapeau, Frau Nessy!
    Ich kenne die Sätze wie „Mach doch erstmal ne Ausbildung bei der Bank, damit kannste immer was anfangen…“ auch. Und ich freue mich auch, dass ich nicht darauf gehört habe, mit mit dem Bafögamt rumgeärgert habe. Für die schlanke Linie waren die Zeiten, an denen die Bafögbeamten einfach noch drei Monate brauchten, die Bewilligung fertig zu bekommen, zeitweise förderlich…

    1. Nessy sagt:

      Die Banklehre wurde mir in der Abiturzeit auch angetragen. Schick hinter dem Schalter stehen – das macht was her.

    2. kirchenmausi sagt:

      Schick hinter dem Schalter stehen darf frau aber meits nur solange, wie sie faltenfrei ist und im Mini noch was hermacht.

  2. flyhigher sagt:

    Ich habe nicht studiert. Ich habe lediglich maturiert, wäre damals gerne studieren gegangen. Meine Mutter hatte mir jegliche Unterstützung von vorne herein abgesagt, da habe ich mich nicht drüber getraut, aus Existenzangst, und bin arbeiten gegangen. Heute hadere ich damit nicht mehr, denn ich habe eine für meine Begriffe ziemlich tolle Karriere hingelegt und gehe jetzt freiwillig wieder ein Sprosserl zurück auf der Karriereleiter.
    Ich kenne das Erarbeiten von anderer Seite, verstehe daher Ihren Blogbeitrag zu 100 % und unterschreibe mit vollem Herzen den letzten Satz Ihres heutigen Postings!

    1. Nessy sagt:

      Zum Glück gibt’s viele Wege zum Ziel. Die Guten finden sie immer irgendwie. Man muss ja auch nicht Karriere machen: Der in oder andere möchte das vielleicht gar nicht – ob mit oder ohne Studium. Wobei ich mich mit dem begriff „Karriere“ grundsätzlich schwer tut – als würde es jeder immer darauf anlegen, das Beste für sich rauszuschlagen. Oft ergeben sich Dinge ja auch einfach, wenn man das tut (tun darf), woran man Spaß hat.

  3. miss carrie sagt:

    Ich verstehe, was Sie sagen wollen mit diesem – mal wieder sehr schön geschriebenen Text -, aber man darf die „Akademikerkinder“ auch nicht über einen Kamm scheren. Ich bin halb, halb: mein Vater hat sein Abitur nachgeholt mit Mitte 20, studiert, Diplom gemacht, gearbeitet; meine Mutter ist Krankenschwester. Für meine Mutter war es immer sehr schwierig nachzuvollziehen. wieviel Arbeit studieren bedeutet, und trotzdem hat sie sich sehr bemüht, mich, sagen wir mal, moralisch zu unterstützen. Mein Vater hingegen hätte es ja eigentlich wissen müssen, war aber so überfordert von meinem ganzen Bachelor-Master-Gedöns, dass sein Studium und mein Studium Welten wie Jahre auseinander lagen.

    Auch wenn meine Eltern mich immer ermuntert haben, zu studieren, kann man das von meinem Umfeld nicht gerade sagen. Kommt man aus einer Kleinstadt, ist es egal, ob du Akademiker- oder Arbeiterkind bist – es erwarten ALLE von dir, dass du eine Ausbildung machst, arbeitest, in der Nähe bleibst. Sobald man dann wegziehen will und noch dazu studieren, schlägt einem ein eisiger Wind entgegen, sogar von den eigenen Mitschülern. Natürlich hilft einem da die Unterstützung der Eltern, aber man muss sich trotzdem durchsetzen können.

    Zu guter Letzt: Nur weil man Akademikereltern hat, heißt das nicht automatisch, dass die finanzielle Unterstützung gesichert ist. Arbeiten müssen wir auch, bangen ums Geld müssen wir auch, heulen tun wir auch, verzweifeln tun wir auch.

    Gerade deswegen kann ich so gut nachvollziehen, was du durchgemacht hast, und gerade deswegen würde ich auch sofort unterschreiben, was du geschrieben hast. Was dich nicht umbringt, macht dich stärker, und am Ende all des Studierens kann man ruhig ein wenig stolz sein.

    Ob Arbeiterkind oder Akademikerkind.

    Hut ab.

    1. Nessy sagt:

      Ich verstehe Sie voll und ganz. Ich kann mir auch vorstellen, dass es wiederum eine andere Belastung ist, wenn die Eltern studiert haben und entsprechende Erwartungen an ihre Kinder hegen.Damit kenne ich mich aber nicht aus. :-)

      Ich denke auch, dass zwischen einem Studium vor 30 Jahren und einem Studium heute … nun ja, nicht „Welten“ liegen, aber dass es schon ein Unterschied ist.

      Kleinstadt? Mmmh, kann sein. Ich komme ja auch aus einer Kleinstadt. Als ich zum Studium ging, musste ich mich nicht nur an der Uni, sondern auch in der Großstadt orientieren. Aber das ist wohl normal. Ich denke: Je dörflicher der Hintergrund, desto schwieriger ist es, wenn man „aus der Reihe tanzt“, in welcher Hinsicht auch immer.

  4. Das würde ich auch sagen, dass es heute Ihr Vorteil ist. Das sich durchschlagen Können und das Mehr an Berufserfahrung.

    Interessant finde ich auch, dass reines Informieren anscheinend wenig bringt, wenn die Selbstverständlichkeit des Wissens und der Möglichkeiten nicht da ist oder vorgelebt wird. Ich bin z.B. auch bei den 24 und obwohl ich es theoretisch wußte, kam ich praktisch nie auf die Idee, dass zum Studium auch ich eins von diesen Stipendien beantragen könnte. Dass das etwas für mich hätte sein können. Die 72 waren da schon wie selbstverständlich in der Studienstiftung (und ihre Kinder werden es aller Wahrscheinlichkeit nach auch sein).

    1. Nessy sagt:

      Diese Selbstverständlichkeit ist schwierig in Worte zu fassen oder konkret zu benennen. Aber um sie geht es. Calisere beschreibt sie weiter unten ganz gut.

      Mit den Stipendien – das ist komisch, oder? Ich meine: Es gibt sie ja – für jeden.

  5. Birgit sagt:

    ich gehöre auch zu den 24 und kann den Text nur voll unterschreiben – einschließlich dem letzten Satz. Ich war sogar die erste in der der Familie, die Abitur machte – außer einem Urgroßonkel, der Priester war und von Ordensleuten unter die Fittiche genommen worden war. Finanziell konnten mir meine Eltern auch nur zum Teil helfen, für Bafög waren sie trotzdem zu reich, aber trotzdem standen sie immer hinter mir und haben mich soweit als möglich unterstützt. Heute bin nicht nur ich stolz auf das Erreichte, sondern auch meine Familie.

    Aber ein ein Aspekt fehlt noch im obigen Text: die Sprachbarriere. Ich komme von Haus aus aus ländlichem Umfeld und hatte (und habe immer noch) einen starken badischen Akzent………. in meinem Studienort waren über 90% der Kommilitonen nicht nur Akademikerkinder (oft auch aus dem gleichen Fachbereich, weil der Sohn ja die Kanzlei übernehmen soll und die Tochter mal mindestens einen Juristen heiraten soll, der dann die Kanzlei übernehmen kann), sondern auch „Hochsprachler“.

    Ich hatte also das zusätzliche Handicap als leicht bis stark intellektuell beschränkt angesehen zu werden – wegen des Dialektes. Und mir wurde das dann auch in aller Deutlichkeit gesagt – von Studienkollegen. Aus Trotz habe ich mir den Dialekt nicht abgewöhnt, sondern sogar noch breiter gesprochen…… Ich hatte einen wirklich sehr netten Prof, der mir dabei den Rücken stärkte. Und heute stelle ich fest, dass der Dialekt oft auch ein Vorteil ist – ich verstehe die Leute, mit denen ich zu tun habe und kann mich auch mit ihnen in einer gemeinsamen Sprache verständigen.

    1. Illy sagt:

      Kenn‘ ich. Und es ist ja nicht nur der Akzent, der den Unterschied macht, es ist auch der Sprachschatz und das Sprachniveau. Ich hab‘ es als unheimlich anstrengend empfunden, mich sprachlich dem akademischen Niveau anzupassen und finde heute oft meinen Platz nicht: In der Heimt bin ich die „Akademikerin“, sobald ich ein Fachwort nutze, in der Uni bin ich die Ostfriesin, wenn ich von einem plattdeutschen Wochenende wieder aufschlage.

      Aber da halte ich es mit Nessy: Durchhalten lohnt sich :-)

    2. Nessy sagt:

      Die Sprachbarriere hatte ich nicht. Zumindest habe ich sie nicht wahrgenommen. Ich kann aber Illys Einwans nachvollziehen, dass man mit der Zeit selbstverständlich Fremdwörter benutzt und damit zu Hause blöde Sprüche erntet.

    3. flyhigher sagt:

      Ohja, die Sprachbarriere, wie konnte ich das nur vergessen! Danke für diesen Kommentar!

  6. zimtapfel sagt:

    Auf die Idee, ein Stipendium zu beantragen, bin ich auch nie gekommen, ich habe mich einfach nie als „Arbeiterkind“ gesehen – „Arbeiter“ ist für mich irgendwie immer noch jemand, der unter Tage oder im Stahlwerk oder so ackert, das waren meine Eltern halt nicht. Aber eben dennoch keine Akademiker. Mein Vorteil war, das meine Mutter trotzdem sehr belesen war, viele akademische Freunde hatte und selber gerne Abitur gemacht und studiert hätte (und das auch mit Bravour geschafft hätte), aber von zuhause aus nicht durfte. Anfang der 60er, Mädchen, was willste mit dem Abitur, heiratest ja doch, also geh in der Zwischenzeit arbeiten und bring Geld nachhause.
    Ich durfte dann später also auch irgendwie Mamas Träume leben, was auch nicht immer so ganz einfach war, aber immerhin, Verständnis und Unterstützung hatte ich von der Seite immer.
    Aber ich kenne das auch von einer Freundin aus dem Studium, die ebenfalls die erste und einzige in ihrer Familie war, die je studiert hat und die immerhin auch den Bafög-Höchstsatz bekam. (Und trotzdem immer noch zwei bis drei Jobs nebenher hatte.) Da wurde regelmäßig, wenn mitten im Studium irgendwelche Prüfungen anstanden, hinterher von zuhause gefragt: „Und, bist du denn jetzt endlich fertig?“ (Sie war in der Regelstudienzeit fertig und gehörte dazu noch zu denen, denen aufgrund der Examensnote ein guter Teil der Bafög-Rückzahlung erlassen wurde. Was aber im Gegensatz zum Freundeskreis in der Familie irgendwie überhaupt niemanden beeindruckte.)
    Ich selbst habe im Studium gekellnert, Schuhe verkauft, auf Messen die Besucher angelächelt und kurz vor dem Examen, als ich mir dachte, der Trend geht zum Zweit-, bzw. Drittjob noch eine Hiwistelle angenommen, einfach nur, weil ich mich so gebauchpinselt fühlte, das mir diese angetragen wurde… Und bin durch die ganze Jobberei nie dazu gekommen, mal ein fachlich relevantes Praktikum zu machen. Von der Studienordnung vorgeschrieben war da bei uns nichts, aber, naja, hinterher wäre es halt schon hier und da von Vorteil gewesen.

    1. Nessy sagt:

      „Und, bist du denn jetzt endlich fertig?“ – Das wird auch gerne schon nach zwei Semestern gefragt. Noch nicht mal so sehr von den Eltern, aber von Nachbarn, Freunden der Eltern und sogar Nachbarn der Omma. Denn es haben ja alle mitgekriegt, dass die Nessy zum Studieren weggegangen ist.

      Mit den vielen Job, das fand ich gar nicht mal so belastend. Die meisten haben mir Spaß gemacht und hatten etwas mit meinem Berufsziel zu tun.

    2. Herman Solb sagt:

      Ach ja, meine Mutter … Meine Eltern muss man wohl als nichtakademischen Mittelstand bezeichnen. Mein Vater hat sich nach einer Lehre (Buchhalter) hochgearbeitet. Meine Mutter durfte keine weiterführende Schule besuchen, hatte eine Lehre gemacht, die den Wert auf dem Heiratsmarkt erhöhen sollte (Näherin), und wurde Hausfrau und Mutter. Das sie, im Gegensatz zu ihrer jüngsten Schwester, nicht viel lernen durfte, hat meine Mutter ihr ganzes Leben hindurch gewurmt.

      Beide Elternteile kamen aus ländlichen Großfamilien. Durch die Arbeit meines Vaters waren wir in diesen Familien sowieso die Außenseiter und wurden gemieden.

      Schulisch war ich das Sorgenkind, so dass meine Eltern grundsätzlich froh waren, dass ich überhaupt in der Schule weiter kam. Doch plötzlich und unerwartet stand ich an dem Punkt, entweder eine Lehre zu beginnen oder zu studieren. Wir einigten uns auf einen Kompromiss: FH.

      An der FH gab es für mich keinen Akademikerschock. Die meisten Kommilitonen kamen aus dem Arbeitermillieu mit vorheriger Lehre oder der „lower middleclass“ mit mittelprächtigen Schulleistungen.

      Es war normal nebenbei Jobs zu haben. Einer meiner mehreren hundert Kommilitonen hatte sogar ein Industriestipendium. Ein paar bekamen Bafog, ich nicht, wir waren zu „reich“.

      Meine Eltern haben nie verstanden, was ich im Studium gemacht habe, geschweige denn, was ich studierte. Was sie gesehen, aber nicht verstanden haben waren die langen durchgelernten, nicht durchgesoffenen, Nächte. Daher gab es finanzielle Unterstützung. Wenn am Semesteranfang mal wieder das Geld für die Fachbücher fehlte wurde es mir zugesteckt. Ich wurde sogar vor dem Rest der Verwandtschaft in Schutz genommen, wenn es wieder darum ging, warum der Bub noch immer kein eigenes Geld verdiente. Zusätzlich gab es „Sachleistungen“, wie Hilfe bei der Autoreparatur und Kuchen und Nahrungsmittel zum Mitnehmen. Letzteres eine Angewohnheit die meine Mutter nicht einmal aufgab, als ich schon längst im Beruf arbeitete.

      Natürlich habe ich im Studium mit Nebenjobs eigenes Geld verdient. Die Faustformel damals war, dass man für je zwei Semester die man nebenbei jobbte rund ein Semester ans Studium dranhängen musste. Das kam bei mir etwa hin.

      Als es dem Ende des Studiums zuging, haben meine Eltern mich etwas besser finanziert, „es wird Zeit dass du endlich fertig wirst“ und ich hatte nur einen Job als studentische Hilfskraft.

      Im Nachhinein war das FH-Studium für mich das richtige. Es war das, was finanziell und von der Motivation drin war. Auch wenn mir das Studium im Beruf mehr als einmal als Studium zweiter Klasse vorgehalten wurde. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass in einem Akademikerhaushalt die Motivation und der Druck an einer Uni zu studieren größer gewesen wäre. Vielleicht wäre bei entsprechendem Druck und Förderung ein durchschnittlicher Uni-Abschluss drin gewesen. Aber nur vielleicht.

  7. rucola sagt:

    liebe frau nessy,

    ich unterschreibe das pamphlet voll und ganz. ich bin auch eine der 24 nicht-akademikerkinder, das studiert. auch ich habe mich während der gesamten zeit meines studiums mit mehreren jobs – manchmal auch gleichzeitig – über wasser gehalten. ich war mehrmals knapp davor, meinen verwandten einfach zu erzählen, ich mache eine lehre als friseurin, um dem naserümpfen („du studierst waaaas?“), den lästigen fragen („und was kann man später damit machen?“) und dem vorwurf der überheblichkeit („aha, und da ist man danach also was besseres, nur weil man einen titel* hat!?“) zu entgehen.

    auf jeden fall: gratulation zur fertigen diss!

    *die österreicher haben ja eine besondere beziehung zu titeln. wer mit einem herrn „doktor“ verheiratet ist, ist automatisch die frau „doktor“, einerseits ist man ohne titel ein niemand, andererseits wird einem mit titel sofort überheblichkeit angekreidet.

    1. Nessy sagt:

      „Und was kann man später damit machen?“ – Das wird gerne gefragt, noch lieber als „Und, bist du denn jetzt endlich fertig?“ Wenn ich doch wenigstens Jura oder Medizin studiert hätte – da weiß man, was hinterher rauskommt. Oder wenigstens Lehramt. Das ist zwar nicht ganz so schillernd, aber wenigstens solide. Und für eine Frau auch praktisch, wegen des gleichzeitigen Kinderaufziehens.

    2. ingo sagt:

      „was man später damit machen kann“ wird aber tatsächlich viel zu selten gefragt. legionen von verwandten und freunden haben exotischen kram studiert, und jedesmal bei genau dieser frage mit den augen gerollt, meist irgendwas von „bildung kann nie schaden“ rezitiert – und sitzen heute als verkaufskraft in einem kiosk, arbeiten als briefträger usw.
      manchmal sollte man sich auch als student mal kurz selbstkritisch fragen ob es wirklich lebensplanerisch sinnvoll ist philosophie und altsumerische literatur zu studieren. falls man das dann trotzdem durchziehen will ist das ok, nur sollte man dann nicht unbedingt regelmässig sein leid klagen dass man ja (überraschend!) keine passende stelle bekommt und mit der (über-)qualifikation auf dem arbeitsmarkt eher schlechtere chancen hat als ein hauptschüler.

  8. vienna-beads sagt:

    Ich nehme mal in in Österreich ist es ähnlich. Ich gehöre auch zu der Minderheit der Nicht-Akademikerkinder mit abgeschlossenem Studium. Ich bekam kein Stipendium, weil mein Vater selbständig war (obwohl es hinten und vorne nicht gereicht hat) und jobbte während des gesamten Studiums. Tellerwaschen im Wiener Burgtheater, Kaffeezubereiten im Cafe des Hotel Sacher & gelegentlich Sachertorten verpacken, Verkäuferin (Spielwaren & Geschirr)und als Aushilfe morgens ab 5.00 Uhr in einer Trafik (Tabakladen). Ja und die Messe-, Frisurmodell-, Mineralwasser-Promotion-Jobs etc.,etc,- ich möchte keinen einzigen missen!
    Damals in den 80er und 90er-Jahren gab es noch 1x pro Jahr das 1000 Schilling „Begabten-Stipendium“ – dafür mußte man über alle Scheine einen Schnitt von 1,0 haben. Das war eine echte Herausforderung! Das Geld konnte ich immer sehr gut brauchen!
    Ich bin jetzt im Nachhinein überzeugt, dass mir diese Zeit in meiner späteren Berufslaufbahn sehr geholfen hat. Und die vielen Jobs bringen auch etwas Exotik in den Lebenslauf!

    1. Nessy sagt:

      Aushilfsjobs im Burgtheater und im Hotel Sacher – damit erfüllen Sie schon fast mein Klischee vom Wiener Studenten.

      Meine Jobs haben mich auch allesamt weitergebracht, sogar die, die nichts mit meinem jetzigen Beruf zu tun hatten. An die Nachtschicht-Fließbandarbeit denke ich immer gern zurück, wenn ich grad mal unzufrieden mit aktuellen Aufgaben bin: Schwupps, bin ich wieder glücklich.

  9. juliane sagt:

    Wow. Ich ziehe den Hut.
    Ich bin noch im Studium, nachdem ich meine Ausbildung gemacht habe und merkte, dass mit das nicht reicht. Es ist „nur“ ein Bachelor und trotzdem komme ich oft genug ins rudern mit dem Nebenjob, Gremienarbeit an der Fh ach ja und dem Privatleben. Auf die Idee ein Stipendium zu beantragen, wurde ich von einer Kollegin gebracht, getraut hab ich es mir bisher noch nicht.
    Schön,dass die Diss. jetzt fertig ist, bestimmt ein tolles Gefühl!

    1. Nessy sagt:

      Was heißt, „nur ein Bachelor“? Das ist ein ganz normales Studium – mitunter sogar unentspannter als die alten Diplom- und Magisterstudiengänge. Kein Grund also, tief zu stapeln.

      Geben Sie sich einen Ruck und probieren Sie es mit dem Stipendium. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass Sie keins kriegen und alles bleibt, wie es ist.

    2. ingo sagt:

      nää, frau nessy, bätschlohr ist doch dieser fernseh-kram da bei dem man sich schick anziehen muss und frauen vorgeführt bekommt für die man dann im dschungel anrufen lassen kann, oder so ähnlich.

  10. Fräulein Käthe sagt:

    Oh jaaa… *seufz*
    Zu der Zeit, als ich gerade mein Abitur machte, durfte ich mir auch des Öfteren von meinem Vater anhören, dass er in meinem Alter schon sein eigenes Geld verdiente und seinen Eltern nicht mehr auf der Tasche lag…
    Und dass Hausarbeiten und die Bachelorarbeit zu schreiben auch ziemlich viel Arbeit war – wenn auch keine körperliche – haben meine Eltern auch nicht so ganz verstanden. Wenn ich dann in den Semesterferien mal etwas länger als ein Wochenende bei meinen Eltern war, wurden mir morgens diverse Arbeitsaufträge erteilt (Einkauf, staubsaugen, Mittagessen kochen etc.), die ich doch bitte erledigen solle, bis der Rest meiner Familie von der Schule/Arbeit zurück sei. Begründung: Ich sei ja schließlich den ganzen Vormittag zuhause.

    1. Nessy sagt:

      Das ändert sich auch mit der Diss nicht. Auch da hatte ich ja „den ganzen Tag frei“.

      Zugegeben: Die freie Zeiteinteilung ist schon nett. Ich bin ja eher Typ „Eule“: später aufstehen, später mit der Arbeit anfangen, später ins Bett gehen. Das konnte ich natürlich im Studium und während meiner Diss-Tage gut ausleben.

  11. andi sagt:

    In meiner Familie haben mittlerweile alle aus meiner Generation ihren Uniabschluss in der Tasche, obwohl wir auch zu den 24 gehören. Aber bei uns kam immer das Motto „Unsere Kinder sollen es einmal besser haben als wir“ durch.

    Ich bin froh, dass ich von zu Hause immer – auch finanziell – unterstützt wurde, selbst wenn der Unibetrieb manchmal auf Unverständnis stieß, ähnlich wie bei Ihrer Mutter.

    Wenn eine wissenschaftliche Arbeit mal etwas zäher voranging, kamen auch immer Fragen auf. Es ist eben etwas anderes, abends die Firma zu verlassen und das Werk seiner Hände Arbeit zu sehen.

    1. Nessy sagt:

      Am Schreibtisch sitzen ist halt keine richtige Arbeit.
      Selbst wenn man wirklich arbeitet (gegen Geld) und nicht studiert oder Diss schreibt.

  12. regenrot sagt:

    Ich bin auch eine von den 24 und kann den Text gut nachvollziehen.
    Mein Mann ist einer von den 71, hatte aber mehr elterliche Probleme als ich. Dabei war er schneller als die meisten anderen seines Jahrgangs.
    Und was das Bafoeg anbelangt: Das wird ausgewürfelt. Da bin ich mir ganz sicher. ;)

    1. Nessy sagt:

      Ich glaube schon, dass es dafür Regeln gibt. Nur waren sie damals halt nicht so hilfreich für mich.

  13. Dirk Deimeke sagt:

    Applaus!

    Toller Artikel, der hoffentlich die richtigen Menschen einmal wach rüttelt und einen Abgleich mit der Realität vermittelt („Jeder kann studieren!“).

    Ich bin selber auch Arbeiterkind, habe aufgrund verschiedener Nebenbedingungen aber keinen Abschluss.

    Hochachtung und Glückwunsch!

    1. Nessy sagt:

      Ich glaube immer noch, dass jeder studieren kann. Er muss es halt wirklich wollen. Dann geht das auch.

  14. Indica sagt:

    Bin auch eine von den 24. Wir sind wohl alle gerade hier, nicht wahr?

    Das Thema beschäftigt mich auch bis heute, auch wenn ich selbst eine manierliche Karriere hingelegt habe, die hoffentlich den Kriterien meiner Eltern mit „Kind, mach was Ordentliches, du sollst es schließlich mal besser haben als wir“ vollauf genügen sollte. Und es in den späteren Lebensjahren meiner Mutter auch tat.

    Tja, dass Stipendien nicht nur für die mit dem Studienstiftungsticket waren, das habe ich in meinem Studium auch nicht mitbekommen, sondern mich immer eher minderwertig gefühlt. Auch heute weiß ich nicht so genau, ob mein Gefühl, mir immer alles selbst erschließen zu müssen, dieses Pioniergefühl, einfach ein Teil meines hordenunkompatiblen Selbst ist oder Restbestand genau dieser Schul- und jungen Erwachsenenerfahrungen.

    Beim Wechsel in die weiterführende Schule war ganz klar die Hierarchieeinteilung: Arbeiterkinder gehen in die Hauptschule und wenn sie schlauer sind, in die Realschule. Gymnasium ist automatisch den Technikerkindern aufwärts vorbehalten. Und den Kleinunternehmerskindern, bei uns im Tal.

    1. Nessy sagt:

      So arg war’s nun nicht. Die Mittelschicht bei uns im Ort, zu der ich auch gehörte, ging schon aufs Gymnasium – oder die Realschule.

  15. KayCee sagt:

    Hätte ich mein Studium nicht abgebrochen, würde ich auch zu den 24 gehören. Oder gehöre ich allein dazu, weil ich es versucht habe?

    So oder so: Von meinen 43 Ex-Kommilitonen arbeitet heute einer in dem Job, den er studiert hat. Als ich das erfuhr, wusste ich, dass die Entscheidung des Abbruchs richtig war.
    Ich habe anschließend eine Ausbildung gemacht, was meine „Arbeitereltern“ beruhigt hätte, wäre mein Ausbildungsbetrieb kein Unternehmenstheater gewesen.
    Inzwischen sind sie stolz auf mich und das was ich erreicht habe. Ich arbeite zum Teil wieder mit Themen aus dem Studium und zum Teil mit Themen aus der Ausbildung, habe für mich also den goldenen Mittelweg gefunden.

    Ich bewundere jeden, der ein Studium schafft!

    OT: Liebe Frau Nessy, vielen Dank für den Keks. :)

    1. Nessy sagt:

      Ich arbeite auch nicht in dem Job, den ich studiert habe. Ich habe allerdings auch nicht auf einen eindeutigen Beruf hinstudiert. Ein Studium dient meiner Ansicht nach vielmehr dazu, selbstständiges Denken zu fördern, Strukturen und Prozesse zu erkennen, Neugierde zu wecken, zu hinterfragen.

      //*räumt leeres Kekstablett ab

  16. Gehöre auch zu den 24 und kenne ALLES, was Sie hier schreiben. Habs aber leider (noch) nicht zum Doktor geschafft. Dazu gratuliere ich Ihnen von ganzem Herzen!

  17. Tandlerin sagt:

    Das haben sie sehr schön zusammengefasst!

  18. Ansku sagt:

    Genauso. Und: Hut ab sowie meine herzlichsten Glückwünsche zur fertigen Diss!!!

  19. Calisere sagt:

    Ich gehör auch zu den 24% und stecke gerade mitten in der Endphase der meiner Dissertation.
    Ich denke es gibt mehrere Gründe, wieso Arbeiterkinder es an der Uni schwerer haben als Akamademikerkinder.
    Zum einen spielt da die schon angesprochene sprachliche Barriere eine Rolle. Gerade am Anfang, wenn man die ersten Vorträge halten oder Hausarbeiten abgeben muss, fällt das extrem auf. Leider lassen sich die meisten dadurch noch mehr verunsichern, als sie eh schon schon sind. Eng damit verbunden sind natürlich auch die Umgangsformen. Gerade wenn man eng mit Professoren zusammen arbeitet ist es ein Nachteil, dass man die Verhaltenscodes nicht kennt. Fällt mir hier immer wieder auf. Ich würde nie so selbstbewusst wie manch einer meiner Kollegen ins Büro des Chefs marschieren und irgendwas verlangen (wirkt bei denen irgendwie nicht unverschämt, sondern selbstbewusst). Genauso fällt es halt auf wenn man bei einem Conference Diner erstmal leicht irritiert auf das zahlreiche Besteck guckt und nicht wie der Rest gekonnt in Abendgaderobe entpsannt Konversation betreibt. Die beiden Beispiele sagen nichts über die Intelligenz oder fachliche Kompetenz aus, aber beim Professor doch ein eher negativer Eindruck zurück.
    Eine weitere Rolle spielt natürlich die Finanzierung. Ich kenn eigentlich kein Arbeiterkind, das sich mit Stipendien auskennt. Mir selbst wurde auch erst am Ende des Studiums klar, dass es mehrere Möglichkeiten für ein Stipendium gibt. Schade, dass da nciht schon in der Schule drüber aufgeklärt wird.
    Dazu kommt noch, dass die Ermunterung durch die Eltern oft fehlt, weil einfach nicht so ganz klar ist, was die Kinder überhaupt machen. Zudem fällt auch die Hilfe bei der Orientierung an der Hochschule weg. Mich hat es die ersten 2 Semester an der Uni rumirren lassen, bis ich rausgefunden hatte, wo ich mich für was anmelden muss. Und wann welche Sekretärin zuständig ist. Ich werde meine Odysee bis ich rausgefunden hatte, dass für Mathematik für Chemiker nicht etwa die Mathematik oder Chemie sondern die Theoretische Physik zuständig ist, nie vergessen.

    Immerhin wird inwischen über die Problematik diskutiert. Vielleicht wirds dadruch irgendwann mal besser.

    1. Nessy sagt:

      Dieses Selbstbewusstsein im Umgang mit höhergestellten Personen – das ist erstaunlich, oder? Fand ich auch schon immer. Und dieses Small-Talk-Geschick!

      Die Orientierung war auch ein Problem. Nicht räumlich, natürlich. Aber dass man sich für eine Prüfung anmelden muss (in der Schule war das ja anders), wie das mit den Scheinen funktioniert, wie die Universität organisiert ist (in Institute und Fakultäten), welche Leute welche Bedeutung haben (Mittelbau, Profs, Hiwis) usw. – das musste ich mir auch erstmal erschließen. Ich bin dabei wohl in einige Fettnäpfchen getreten.

    2. Stichwort Orientierung (was geht, wie geht es, was ist wichtig) — Ich bin ja u.a. auch aus diesem Grund ein großer Fan von so etwas wie einem Studium Generale. Ein bis zwei Semester gewissermaßen „geführt herumstudieren“ und dabei die Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens, sozialer Umgangsformen an der Uni, Finanzierung etc.wenn schon nicht zu lernen, dann zumindest gesagt zu bekommen.

    3. Nessy sagt:

      Yep, finde ich gut. Mittlerweile bieten viele Studiengängen sehr gute Orientierungswochen zu Semesterbeginn an. Bei mir gab’s das leider nicht. Dabei hätte ich es gut gebrauchen können. Allein die Fragen, wo man die Mensa-Bezahlkarte und den Bibliotheksausweis herkriegt, wie man Literatur recherchiert, sich einen Stundenplan zusammenbaut und was der Unterschied zwischen Pro- und Hauptseminaren ist, haben mich die erste Zeit arg umgetrieben. Rückblickend ist das kaum mehr zu verstehen, war aber so.

  20. lorem42 sagt:

    Gratulliere!
    Seien Sie stolz auf sich!
    Das meine ich ernst.

    1. lorem42 sagt:

      Ach ja, ich gehöre zu den 29.
      Hab mich dann aber durch ein berufsbegleitendes Fachhochschulstudium wieder irgendwie zu den 71 rübergemogelt.

    2. Nessy sagt:

      Das ist sicher auch anstrengend, berufsbegleitend …

  21. blaabaer sagt:

    Nun, weiß ich nicht, aus welcher Ecke Deutschlands Sie kommen, aber es gibt da auch unter Akademikerkindern große Unterschiede. Mein einer Großvater war ein klassischer Akademiker, der andere und die beiden Großmütter Arbeiter. Meine Eltern haben beide studiert – aber in der DDR. Während ich durchaus aus einem intellektuellen Haushalt komme, komme ich aus keinem gutbürgerlichen Haushalt. Und, und das ist mein springender Punkt, ich komme aus einer ostdeutschen Kleinstadt. Vorspulen, ein Jahr nach dem Abi: Studienstiftungsauswahldingens. (Wusste ich nicht, dass es gibt, aber die Schule hat prinzipiell alle vorgeschlagen, die ein gutes Abitur gemacht haben.) Ich habe mich noch nie in meinem Leben so naiv, ungebildet, kleingeistig, hinterwäldlerisch und sozialschwach gefühlt wie auf diesem Auswahlseminar. Die spielten da mal eben Klavier wie ein junger Gott, studierten an Eliteunis, gern auch im Ausland, sahen aus wie aus einer gehobenen Herrenmodewerbung entsprungen, diskutierten bis Mitternacht die Lage der Nation und der Welt, hatten Vortragsthemen, die an Dissertationen erinnerten, und hatten mal eben während einer drewöchigen Krankheit das Atommodell überarbeitet. What the hell. Das waren nämlich überwiegend westdeutsche Großstadtkinder, die noch einmal ganz andere Möglichkeiten gehabt hatten als meinereiner.
    Aber diese Art Mensch sitzt ja in der Auswahljury (natürlich, denn die sind ja alle Post-Wende) und sucht Ihresgleichen. Ganz ehrlich, da hat man auch mit Low-Level-Akademikerhintergrund kaum eine Chance.
    Dafür habt ihr es alle alleine geschafft, und das ist eine größere Leistung, als ein Auswahlseminar zu überstehen.

    Ich habe/hatte auch Fälle im Freundeskreis, die trotz sehr gutem Abitur und entsprechenden Interessen nicht studiert haben, obwohl der volle satz Bafög drin gewesen wäre. Keinerlei Unterstützung von Seiten der Familie. Aus ähnlichen Gründen auch kein Glaube daran, es selbst zu schaffen. Und aus Gründen dann auch eine Ausbildung, die keine tollen Karrieremöglichkeiten bringt. Wer setzt da an und tut was? Es ist traurig.

    1. Nessy sagt:

      Ich glaube, das, was Sie beschreiben, hat nichts mit Ost und West zu tun. Es mag den Eindruck erwecken, aber dem durchschnittlichen Wessi wäre es ebenso ergangen wie Ihnen. Ich war bei meinem Abitur weder ein besonderer Streber, noch hatte ich besonderes musisches Talent (ich spiele ein Instrument, aber eher durchschnittliche begabt). Ich habe nicht bei „Jugend forscht“ gewonnen (hatte noch nicht einmal ein Interesse, mich dort zu beteiligen) und mein Kleidungsstil … lassen wir das.

  22. Nihilistin sagt:

    Ich möchte auf GAR KEINEN FALL in eine Schublade „Damals in der DDR war alles besser….“ gesteckt werden, aber hier kurz der Blick auf die damals andere Seite: In der DDR war der Anteil der „Arbeiterkinder“ an den Unis sehr viel höher als im Westen, genauere Zahlen müsste ich nochmal nachschauen. Im Gegenteil: Es musste eine gewisse Quote Arbeiterkinder das Hochschulstudium aufnehmen. Waren zu viele Akademikerkinder im Abijahrgang, hatte das eine oder andere Pech. Ich selbst bin 1973 noch eingeschult worden mit einem „I“ in der entsprechenden Spalte im Klassenbuch (I = Intelligenz, A = Arbeiter). Dass mein Vater sich im Nachkriegsdeutschland vom Gärtnergesellen zum Lehrer ohne Abitur durchgekämpft hat und meine Mutter eine Nichtstudierte war, war in dem Moment schon wieder egal. Aber was ich sagen wollte: In der DDR war es wirklich ziemlich „normal“, dass Arbeiterkinder studierten. Und es wurde gefördert, oft auch nicht unbedingt „gerecht“

    Zum Überleben während des Studiums: Wir bekamen an der Uni ALLE unterschiedslos 230 Ostmark Monatsstipendium, nicht rückzahlbar. Aufstockbar mit Leistungsstipendium und der einen oder anderen Nachtschicht im VEB Backwarenkombinat. Aber man kam damit über die Runden, und niemand musste aus finanziellen Gründen sein Studium abbrechen.

    Das war also ein Blick aufs Studium im Arbeiter- und Bauernstaat; und auch wenn ich den definitiv nicht zurückhaben will, habe ich damals gelernt, dass ein Staat das Studium von Arbeiterkindern fördern kann, wenn er nur will, unabhängig von den geschilderten individuellen Schwierigkeiten eines Nicht-Akademikerkindes. Frage an Frau Nessy und Frage in die Runde: Fühlen sich Arbeiterkinder heute durch die Gesellschaft / durch den Staat ausreichend gefördert, um ein Studium aufzunehmen und durchzuziehen?

    In diesem Sinne, Frau Nessy: Meinen Glückwunsch zum Studium und zur Fertigstellung der Diss.

    1. Nessy sagt:

      In der DDR durften aber auch viele Kinder nicht studieren. Wegen ihres Glaubens oder sonstiger Verfehlungen ihrer Eltern. Ob das nun besser ist? Ich habe meine Zweifel.

      Ein Monatsstipendium hätte etwas für sich; andererseits sehe ich Geld nicht als das größte Problem an, auch wenn es gerne zum größten Problem gemacht wird. Als junger Mensch kann man relativ gut Geld nebenher verdienen oder einen Studienkredit zumindest so klein halten, dass er sich einigermaßen gut abbezahlen lässt. Natürlich ist es in naturwissenschaftlichen Fächern schwieriger, weil der Stundenplan einfach enger gestrickt ist.

      Ich halte die angesprochene Kultur und Selbstverständlichkeit für den gravierenderen Faktor.

  23. frauvau sagt:

    Meine absolute Hochachtung!
    Ich bin nun ein sogenanntes „Akademikerkind“.. beide „Eltern“ studiert, beide selbstständig. Keiner der Beiden hat sich jemals für mich oder meine schulischen Fragen interessiert, nur wenn die Note zu schlecht war gab es Ärger. Ab der 5. Klasse wurde ich ins Internat abgeschoben, da die Noten da irgendwann nicht mehr stimmten, wurde ich ohne Abschluss von der Schule genommen und musste eine Ausbildung anfangen. Später, als der Wunsch in mir aufkam, mein Abitur nachzuholen, wurde mir unmissverständlich klar gemacht, dass ich mit finanzieller Unterstützung nicht zu rechnen hätte – ihre Pflicht hätten sie ja getan.
    Ich hab’s trotzdem auch geschafft, was aus mir zu machen, auch ohne Abitur. Inzwischen bin ich selbstständig, mit eigener Firma, und auch wenn ich noch im Aufbau bin – ich bin zuversichtlich. Und in meinem alten Beruf habe ich so viel erreicht, dass ich auch heute zum Glück noch so gute Kontakte und Möglichkeiten habe, dass ich im Notfall immer wieder einen guten Job finden würde.
    Jetzt kann ich genau wie Sie mit Fug und Recht sagen: Alles, was ich in meinem Leben geschafft habe, habe ich selbst erreicht! Und das tut gut!
    Darum kommt meine Gratulation zu Ihrer Leistung aus tiefstem Herzen! Gut gemacht!

    1. Nessy sagt:

      Ich wünsche Ihnen viel Erfolg für Ihre Selbstständigkeit! Mehrere Möglichkeiten zu haben, ist immer ein gutes Gefühl, das viel Sicherheit und Selbstvertrauen gibt.

  24. Tig sagt:

    Glückwunsch erst einmal noch zur Dissertation!

    Mit diesem Thema treffen Sie gerade genau einen Nerv, da komme ich mal aus meinem Versteck gekrochen ;)
    Ich bin bereits auf der nächsten Stufe angekommen…
    Eltern mit Volkschulabschluss, selbst als erste und einzige der Familie Abitur, dann Fachhochschule (mehr habe ich mich nicht getraut – Stichwort Organisation und wie macht man „sowas alles“), „Akademikerkind“ (schon ein ausgewachsenes Exemplar ;)) kennengelernt -> und nun stehen wir bei unseren Kindern vor den Irritationen…
    Zwei sind am Gymnasium, na ganz klar. Alles bestens. Eines wird „NUR“ an die Realschule gehen. Und auf einmal sind sie wieder da, alle komischen Blicke und Fragen, bloß umgekehrt. Die Eltern halten mich für versnobt, überhaupt darüber nachzudenken, die andere Seite versteht nicht, wie sowas passieren konnte und was aus dem Kind denn überhaupt mal werden soll.
    Und ich dazwischen, back to the roots oder außerhalb jeglicher Kreise, weil ich weder zu den einen noch zu den anderen so GANZ gehöre.

    1. Nessy sagt:

      Interessante Sichtweise!

      Ich kann immer nicht verstehen, was so schwierig daran ist, Menschen einfach so zu nehmen, wie sie sind – und entweder, man kommt klar oder nicht. Unabhängig von Alter, Ausbildung oder anderen Dingen.

      Wenn Sie ’ne nette Type sind, ist es doch wurscht, ob studiert oder nicht. Und wenn Ihr Kind ’ne nette Type ist, ist es auch egal, welche Schule es besucht.

  25. FF sagt:

    Promotion ohne Stipendium – das ist wie Sisyphus mit zwei Steinen. Respekt.

    Andererseits: für sowas gibt’s Graduiertenstipendien. Politische Stiftungen, die „S“PD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung etwa, existieren nicht zuletzt dafür. Die Friedrich-Naumann-Stiftung z. B. hat all die gloriosen Dissertationen der FDP-Promotionsbetrüger finanziert, von C wie Chatzimarkakis bis K wie Koch-Mehrin. Na gut, wer will von denen schon Geld nehmen…

    Nicht vergessen: diese Stiftungen vergeben auch sogenannte Druckkostenzuschüsse, auch an Nichtstipendiaten. Da kommen ja gern mal 4-5000 Euronen zusammen…

    PS.: Man kann gegen die DDR selig vieles einwenden. Aber daß „Arbeiterkind“ ein Stigma sein könnte – ja, darauf wäre da beim besten Willen niemand gekommen.

    Traurig, daß wir in einer Gesellschaft gelandet sind, die (nicht nur) in dieser Hinsicht wieder nahezu ins Kaiserreich zurückzufallen droht. Nur mit dem Unterschied, daß deutsche Universitäten heute international keinen Spitzenruf mehr haben.

    1. Nessy sagt:

      Warum deutsche Unis keinen Spitzenruf haben, ist nicht schwierig herauszufinden. Aber das ist ein ganz anderes Fass, das wir hier nicht aufmachen müssen.

      Die Sache mit dem Druckkostenzuschuss ist ein guter Tipp.

  26. kirchenmausi sagt:

    Liebe Frau Nessy,

    ich bin stolz auf Sie! Ich gehöre zwar auch zu den 24, aber mit der Diss dauerts noch. Ringe momentan mit mir, ob ich das neben meinem 60-Stunden-Job noch packe…aber schön wäre es schon…

    Ich beneide Sie um Ihre family. Meine konnte mir schon ab der 2. Klasse nicht mehr helfen (lediglich in „Textilem Gestalten“ hab ich bis zur 10 Support von Muttern und Oma gehabt…so`n Gedöns mit Nadel und Faden ist nicht mein Ding). Meine Mutter versteht bis heute nicht, wieso ich beruflich das mache, was ich mache…sie hätte mich lieber im Nachbardorf bei Lidl an der Kasse gesehen; verheiratet mit einem der ortsansässigen Kampftrinker.

    Mir hat es nix geschadet, erst ne Ausbildung (wobei ich mich wegen der Kleiderordnung vor der Bankerlehre gedrückt habe) zu machen, dann Schmalspurabi und danach FH. Seit 1993 Kohle verdienen im Hauptjob, studieren nebenher. Meinen M.A. hab ich jetzt ein gutes halbes Jahr (muss aber gestehen, dass ich 10 Jahre lang nur gearbeitet und nix studiert habe).

    Ich habe nichts gegen die Leute, die direkt von der Penne zur Uni gehen, aber…es gibt so ne und so ne.
    Die, die wirklich fleissig sind (ok, ab und an auch mal Party machen); u.U. mehrere Jobs haben (weil Bafög nicht bewilligt wurde…wieso auch immer), haben meinen vollen Respekt (egal, ob Arbeiter- oder Akademikerkind).

    Was mich viel mehr ank… sind die Gören, die von Beruf „Sohn“ oder „Tochter“ sind. Sponsoring by Daddy. Die, die ihr Studium nur mit Ach und Krach schaffen; dann über Vitamin B in irgendner Vorstandsetage landen und die dicke Kohle scheffeln.
    Und leider sehe ich sowas fast tagtäglich in der U35 wieder.

    Zu Ihrer Diss von ganzem Herzen „Herzlichen Glückwunsch“ – wenn die sprachlich nur halb so toll ist wie der Blog, dann dürfte doch ne Auszeichnung drin sein?!

    1. Nessy sagt:

      Die meisten Studenten sind fleißig, möchte ich mal behaupten. Die paar, die es nicht sind, fallen leider stark auf und prägen das Studentenbild nach außen.

      Ich halte es auch für falsch, jemandem sein Elternhaus anzukreiden. Wenn er/sie gesponsert wird, ist es doch toll für ihn. Benachteiligte Studenten hätten keinen Vorteil davon, wenn es denen mit entsprechendem familiären Hintergrund schlechter ginge.

      Ganz davon ab sind die Elitestrukturen sehr ausgeprägt in unserem Land – aber wahrscheinlich nicht nur hier.

    2. kirchenmausi sagt:

      Ich finds ja im Grunde nicht schlecht, wenn Eltern unterstützen. Aber die „elternunterstützten“ Studis, die ich kennenlernen musste (an meinem alten Wohnort war ich 10 Jahre lang mit semesterweise wechselnden Studi-WGs im Haus gesegnet), schauten dann doch mit einer gewissen Arroganz auf die anderen, die jobben mussten. Und das finde ich schlimm. Es mögen vielleicht wirklich nur wenige Prozent der Gesamtstudierenden eines Jahrgangs so sein, aber das macht es nicht weniger schlimm.

  27. kris sagt:

    Möchte noch einwerfen, dass das mit der „angeborenen“ Selbstverständlichkeit und den codes des Gebarens darüber hinaus und vielleicht noch vielmehr auch auf Männer versus Frauen zutrifft, wo sie eben die jeweilige Minderheit darstellen. Also für Frauen vor allem auch in den Machtbereichen. Nur ist es dort vielleicht noch schwerer zu überkommen, weil man Frauen ansieht, dass sie Frauen sind, und daher bestimmte übernommene Verhaltensmuster unglaubwürdig bis nachteilig wären.

    1. Nessy sagt:

      Wichtige Ergänzung. Sehe ich auch so.

      Ich möchte gar nicht darauf abheben, das zu ändern und alle(s) gleich zu machen. Aber darüber nachzudenken, ob es so ist und was es bewirkt, finde ich vielversprechend.

  28. jpr sagt:

    Ich wuesste nicht genau zu sagen, wo ich mich nun einordnen soll in der urspruenglichen Studie, aber wohl eher bei den 71prozentigen. Denn das Abitur und danach studieren auf dem Plan steht war eigentlich nie die Frage, wobei ich mich sehr davor hueten wuerde in diesem Zusammenhang von Muessen oder gar Druck zu reden, denn das hat es nicht gegeben. Es war halt einfach der naheliegende Weg.

    Als viel wichtiger werte ich, dass eigentlich die ganze Zeit Unterstuetzung und Verstaendnis fuer das da war, was ich gemacht habe (und ich habe nicht in der Regelstudienzeit abgeschlossen). Und dass an einem Tisch sitzen und denken ernsthafte Arbeit ist – so ernsthaft, dass man auch voellig kaputt nach Hause kommt – das hat auch nie in Frage gestanden. Damit habe ich also nie mit einer Wertigkeit dessen was ich da tue kaempfen muessen, was dann – denke ich – auch wieder in anderen Bereichen hilft, einfach weil man nicht mit der Meinung auflaeuft, dass man ja vermutlich eh am falschen Platz ist.

    Dahinter ist die Welt dann aber nicht so anders: ich habe grosse Teile meines Studiums nebenher gearbeitet, soviel die Krankenkasse halt zugelassen hat und davon leben muessen (und koennen). Diese Jobs waren allerdings mit dem Vorteil nicht fachfremd zu sein, aber das ist denke ich eher die Branche als das Elternhaus. Bafoeg habe ich direkt ausgeschlossen und genauso wenig probiert wie ein Stipendium, wobei ich bei denen das Gefuehl habe, dass es denen etwa so geht, wie den Auslandsfoerderungen an der Uni: es gaebe verdammt viel und zu wenig Leute nutzen es, einfach weil nichts darueber erzaehlt wird – ein klares Informationsmanko. Auf der anderen Seite fuer die Leute die solche Dinge noch in Anspruch nehmen koennen: gerade ein Grund mehr, dass es vermutlich funktioniert mit der Zusage.
    Die Selbstaendigkeit, die man andererseits an der Uni an den Tag legen muss – und sei es auf Kosten der Orientierung in den ersten Wochen – finde ich gut und auch den Umstand, dass sie so rigoros eingefordert wird. Denn wie sie sagen legt die Uni schon fachliche Grundlagen, bringt einem aber vor allem bei Probleme auf eine bestimmte Art zu betrachten und zu loesen versuchen. Und genauso bringt sie einem eben auch bei, dass man sich selbst kuemmern muss, wenn Dinge passieren sollen. Auch das gibt letztlich Erfahrungen, die man nicht missen will.

    1. Nessy sagt:

      Um direkt an die Selbstständigkeit anzuknüpfen: Deshalb bin ich auch dafür, dass Kinder fürs Studium ausziehen. Ich würde mein Kind sofort rausschmeißen, auch wenn es nebenan studiert. Die 200 Euro, die ein Wohnheimzimmer kostet, kostet mich das Kind auch daheim – also raus aus dem elterlichen Nest und die Nudeln selbst kochen.

    2. Illy sagt:

      Jaaaaa!!!
      Das ist wichtig! Meine beideren jüngeren Geschwister machen sich immer noch zu Hause breit, sparen ihr Geld und finden es witzig, dass ich mal so gar nix auf der hohen Kante habe. Aber MEIN/E spätere/s Wohnung/Haus/Resthof/Strandvilla/Hausboot/Wohnturm wird immerhin nicht der Abklatsch des Grundrisses vom Haus meiner Eltern sein. IMMERHIN! Wenn schon keine gemachte Wäsche und warmes Essen auf mich wartet…

  29. antagonistin sagt:

    Ich gehöre auch zu den 24. Allerdings habe ich vor dem Studium eine Ausbildung absolviert. Dadurch hatte ich den Vorteil während des Studiums arbeiten zu können und dafür nach Tarif bezahlt zu werden. Bafög habe ich gar nicht erst beantragt – es wäre ähnlich wenig dabei rausgekommen, wie bei Nessy. Am Anfang arbeitete ich in einer halben Stelle, später Vollzeit. Ein Stipendium hatte ich dann allerdings ganz am Schluss, zweckgebunden als Forschungsstipendium für die Diplomarbeit (seltenes Thema und mit Reisen verbunden).

    Sprachbarrieren habe ich während des Studiums nicht wahrgenommen. Allerdings fühlte ich mich durchgängig wie auf einer Entdeckungsreise – die KommilitonInnen aus Akademiker-Elternhäusern hatten teilweise einen immens anderen/umfangreicheren Allgemeinbildungshintergrund. Ich habe die Jahre an der Uni sehr geliebt, einerseits wegen des Studiums und andererseits wegen einer ganz persönlichen Art von Nachsozialisation, die mir sehr gut getan hat.

    So gerne ich studiert habe – die Chance, im studierten Beruf nach Tarif zu arbeiten ist angesichts des Arbeitsmarktes winzig. Möchte man nicht im (mir persönlich wenig sympathischen) Mainstream landen, erweitert das Studium den Horizont und die eigenen Fähigkeiten zwar ungemein, führt aber noch nicht automatisch zu besonderen Reichtümern – eine Annahme, die ausnahmslos alle Nicht-AkademikerInnen, die mir im Laufe der Jahre begegnet sind, hegen.

    Zu Nihilistins Frage nach der Unterstützung von Arbeiterkindern durch Staat und Gesellschaft beim Studium: ich finde schon, dass studieren kann, wer studieren möchte. Was das Arbeiten im studierten Beruf angeht, sieht es mitunter ganz anders aus. Da unterscheiden sich dann allerdings die Arbeiter- nicht mehr von den Akademikerkindern.

    1. Nessy sagt:

      Mal ganz ehrlich: Viele arbeiten doch nach fünf oder zehn Jahren nicht mehr im originär gelernten Beruf und haben sich nicht irgendwie weiterentwickelt. Gerade diejenigen, die allgemein ausgebildet wurden (egal ob handwerklich oder mit Studium), spezialisieren sich mit der Zeit mitunter in Richtungen, die sich von der ursprünglichen Ausbildung entfernen. Oder sie verändern sich aufgrund äußerer Umstände – z.B. nach längerer Jobpause durch Elternzeit oder einem Umzug und damit verbundenen (neuen oder eingeschränkten) Möglichkeiten. Dadurch wird man ja nicht zwingend unglücklicher.

  30. Andrea sagt:

    Herzlichen Glückwunsch zur Dissertation, Fräulein Nessy!

    Ich kann gut nachvollziehen, was Sie schreiben. Mein Vater war ungelernter Handwerker, meine Mutter hatte zunächst eine abgebrochene Krankenschwester-Lehre, wurde später Sekretärin. Meine Eltern waren während meiner gesamten Schullaufbahn nicht ein einziges mal bei einem Elternabend. Das tragen ich ihnen nach, gebe ich zu. Immerhin haben sie mir keine Steine in den Weg gelegt.

    Sieht man die Untersuchungen, müssten Arbeiterkinder vor allem erst einmal ihren Grundschullehrern danken, die ihnen überhaupt eine Empfehlung fürs Gymnasium gegeben haben.

    Ich habe mein Studium abgebrochen UND ich habe größten Respekt vor Ihrer Leistung, ich freue mich sehr für Sie!

    1. Nessy sagt:

      Die Empfehlung fürs Gymnasium war nie ein Thema – gegen eine andere Empfehlung sprachen die Noten. Ich erinnere mich nur, dass es zu Hause Thema war, ob man das Kind nun aufs Gymnasium geben solle oder ob es damit nicht überfordert sei. Der Schulform haftete fast schon etwas Mystisches an.

  31. diegrosse sagt:

    So. nachdem ich nun fleißig alle Kommentare durchgelesen habe möchte ich auch noch was los werden ;-)
    Ich bin ein Halb/halbkind. Sprich Vater hat studiert, Mutter nicht. Ich habe zunächst meinen Realschulabschluss gemacht, dann die Lehre, dann das Abi (das angebliche Schmalspurabi in dem Mathe u.ä. NICHT abgewählt werden durfte) und dann das Studium oben drauf. Da ich zu Beginn meiner Ausbildung eine Lebensversicherung abgeschlossen hatte, die ich auch immer schön brav gezahlt hatte, war mein Eigenvermögen 50€ zu hoch! Sprich, ich bekam kein Bafög. Meine Eltern haben meine Wohnung und meine Krankenkasse gezahlt, dafür aber mein Kindergeld einbehalten. Ich war damit völlig einverstanden, denn schließlich war das Studium meine 2. Ausbildung und bei meinen Eltern liegt das Geld auch nicht im Keller rum. Somit habe ich immer nebenher gearbeitet um mir mein Leben finanzieren zu können.
    Auf die Idee damals ein Elternunabhängiges BaföG zu beantragen bin ich auch nicht gekommen, geschweige denn das ich ein Stipendium in Anspruch nehmen könnte.. Wie Sie schon geschrieben haben, ich bereue nichts und bin stolz den Weg geschafft zu haben!
    ABER man konnte schon bei uns im Studium genau erkennen wer nachher automatisch die Leiter hochfallen wird und wer nicht. Ich hatte Kommilitonen, die waren nur ein Semester da. Die sagten ganz offen, ich muss ein Semester hier absitzen, um mit normalos zu studiere und dann gehe ich auf die Privatuni XY! Die bessere Hälfte (Arbeiterkind das studiert hat) arbeitet nun in einem Job in dem die soziale Herkunft und der Studienort sehr wichtig ist. Und wenn ich dann so höre (entschuldigung für den Ausdruck) das genau diese Flachpfeifen automatisch die Leiter hoch fallen, nur weil sie von einer privaten Uni kommen, ja dann wird mir anders.
    So bevor mein Hals noch weiter schwillt, wünsche ich einen allseits schönen Abend! ;-)

    Grüße

    1. Nessy sagt:

      So, wie Sie es schildern, habe ich es nie erlebt. Wohl aber bin ich Kommilitonen begegnet, die nicht auf eine Uni gehörten, aber unbedingt zu Ende studieren wollten/mussten. Ob es für sie ein Vergnügen war, weiß ich nicht. Aber bei jeder Klausur erstmal durchzufallen, ist auch nicht schön.

  32. kirchenmausi sagt:

    @diegrosse: das sind genau die, die ich meine! Hut ab vor den Leuten. die es aus eigener Kraft geschafft haben!!! Und Hut ab vor unserer (ich bin mal so vermessen) Frau Nessy!

    Ich mach schon seit Jahren in meiner Branche Ausbildungsleitung. Und ich find es zum K…, dass die Akademiker, mit denen ich dienstlich zu tun habe (und die mir in gewisser Weise auch was zu sagen haben), versuchen, mir diejenigen ihrer Kids unterzujubeln (für eine „normale“ Ausbildung), die es nicht mal mit viel Geld und guten Worten draussen in der freien Wildbahn (geschweige denn an ner Uni) schaffen würden…bislang konnte ich noch jeden dieser Versuche abbiegen…aber wie gesagt…ich kann garnicht soviel futtern, wie ich angesichts dieser Leute reihern müsste

  33. Dylus sagt:

    Akademikerkind bin ich nicht, aber in der gesamten Familie hat so ungefähr die Hälfte studiert. Alles bezeichnet sich als gutbürgerlich.
    Es war immer klar, dass meine Schwester und ich studieren. Wir konnten uns aussuchen, was wir wollten. In der Familie gibt es viele Lehrer, ein paar Ärzte , ein paar Juristen, ein paar Ingenieure.
    Meine Eltern haben alles finanziert und haben ab und an gefragt, wie es denn so läuft. Den Druck habe ich mir selbst gemacht, er kam nicht von außen. Bei meine Studium war es nicht möglich, nebenher zu arbeiten. Prakatika ganzwöchig ganztägig, Testate, Klausuren, Kolloquien, Exkursionen.
    Mein Mann dagegen kommt aus einer Arbeiterfamilie, der einzige Akademiker weit und breit. Für seine Eltern war es ein großes Problem, dass es nicht bei der dörflichen Sparkasse gelandet ist, sondern bei den Faulenzern. Als Arbeit galt nur das, was mit Schweiß und Schrunden zu tun hatte. Er bekam den Höchstsatz Bafög, das er später teilweil zurückzahlen musste.
    Im ersten Beruf gab es keine Arbeiit, so studierte er ein anderes Fach, ebenfalls mit Abschluss. Für die Eltern eine Katastrophe. Heute ist er erfolgreich, hat einen eigenen Betrieb und Angestellte. Langsam, so ganz langsam anerkennen das seine Eltern. Davor hat er mutwillig seine Schicht verlassen. Sie waren sich lange sicher, dass er sie damit demütigen wollte.

    Der Unterschied früher und heute?
    Ich habe von ihm gelernt mich durchzubeißen, nie, nie aufzugeben, egal was passiert. Er sagt, von mir hätte er das Entspanntsein gelernt. Nicht jeden Kampf zu kämpfen. Umgangsformen kommen dazu, small talk.
    Woran wir uns halten?
    Ich mich an Geschwindigkeitsbegrenzungen. Viele andere gesellschaftliche Regeln sind für mich nur Vorschläge. Ich kann vielem elegant ausweichen. Hierarchien sind mir fremd, ich negiere sie einfach.
    Dafür rast er wie verrückt, achtet aber auf TÜV und alle anderen Regel und Normen. Tja.

    1. kirchenmausi sagt:

      Ernstgemeinte Frage: wie kann ich Hierarchien negieren?

  34. leser sagt:

    Frau Nessy,

    ich ziehe den Hut vor Ihrer Leistung! Auch die Schilderung hier ist wieder mal sehr gut gelungen. Ich komme aus einem Akademikerumfeld, und mußte in der Tat nie erkären, wo denn die ganze Zeit beim Studieren bleibt. Die finanziellen Sorgen kenne ich allerdings auch, denn nicht alle Akademiker sind wohlhabend. Im ersten Semester, nach dem Umzug in die neue Stadt, waren irgendwann alle Ersparnisse weg. Das war schon ein mulmiges Gefühl. Zum Glück ging es später mit Hiwi-Jobs und Bafög wieder ganz gut. Die meisten alten Freunde haben auch den Wegzug in die Unistadt nicht verstanden (dabei war es ziemlich gleichgültig, ob aus Arbeiter- oder Akademikerhaushalt).

    Stipendien sind meiner Meinung nach eine zwiespältige Sache. Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass Sie keines beantragt haben, und würde es auch nicht als Dummheit bezeichnen. Prinzipiell ist eine Studienfinanzierung wie das Bafög, auf die man einen Anspruch hat, und bei der man sich nicht als Bettler vorkommt, besser. Leider geht der Trend hin zu Stipendien, anstatt das Bafög von überflüssigen Detailregelungen und den Fehlern, die zu Ihrem gerngen Satz geführt haben, zu befreien. Als Doktorand hatte ich das Glück, dass es in meinem Fach genug Assistentenstellen gab. Daher war auch hier kein Stipendium nötig. Ich glaube, auf ein Stipendium hätte ich mich nicht eingelassen. Leider ist es in manchen Fächern nicht anders möglich. Ich weiß leider auch nicht, wie man das verbessern könnte.

    Ich wünsche Ihnen eine möglichst stressfreie Zeit bis zur Verteidigung, und viel Erfolg!

    1. Nessy sagt:

      Es würde schon helfen, wenn Qualifikationsstellen an Universitäten so gestrickt wären, dass man darauf tatsächlich promovieren könnte.

  35. Dylus sagt:

    Komische Sache. Es ist nicht respektlos oder so was ähnliches.
    Es ist so, dass ich andere in erster Linie als Menschen sehe, und nur als das. Nicht als Vorgesetzten, Bürgermeister, Abgeordneten. Und sofort ist es in Gespräch auf der selben Ebene. Ich weiß nicht, wie ich das mache. Andere sagte, Du traust dich was. Das ist es aber nicht, es ist nicht Mut. Ich will auch nicht rausstechen, mich erheben, oder was ich sonst noch zu hören bekomme. Ich denke schon, dass das was mit der Herkunft zu tun hat. Es ist einfach eine Sicherheit anderen gegenüber.

    1. kirchenmausi sagt:

      Ich habe deshalb gefragt, weil ich in einem strikt hierarchischen Laden arbeite. Mir selbst ist wichtig, dass ich den anderen als Menschen sehe (egal, ob es die Putzfrau oder einer meiner Abteiler ist) – und zwar nur als Menschen. Aber es grenzt an Majestätsbeleidigung, wenn man (nicht gerade ganz unten in der Hierarchie stehend) dem obersten Boss nicht entsprechend huldigt und sich sogar erdreistet, Augenhöhe einzufordern. Für die Mitarbeitenden ist es ein Riesenproblem und ich suche momentan nach einer Lösung.

    2. Wolfram sagt:

      Ich lese da einen Unterschied heraus zwischen Betriebshierarchie und Sozialhierarchie.

      Ganz gefährliches Thema: Hierarchie in der Kirche, zumal wenn sie evangelisch ist und sich noch dazu presbyterial-synodal nennt, was bedeutet, jeder ist alles und der einzelne ist nichts (oder so). Und keiner weiß, wer wirklich das Sagen hat, aber es gibt mindestens drei Päpste in der Gemeinde, die entsprechend hofiert werden müssen (und meist nicht den Talar tragen).

    3. kirchenmausi sagt:

      stimmt…in der Betriebshierarchie bin ich nicht mal so weit untern, aber in der Sozailhierarchie sind meine Leute und ich quasi unter Tage

  36. Dylus sagt:

    Au, das kann ich mir vorstellen. Ich habe mal in einer kirchlichen Einrichtung gearbeitet. Ein paar Jahre aber nur. Die meisten kamen mit meiner Einstellung nicht klar. Die Demut war Betriebsziel, Gehorsam, Einordnung. Und ich hab nachgefragt, mich erkundigt, warum was wie ist. Und Vorschläge gemacht, nicht überheblich, einfach so, bei Vorgesetzten. Es war Majestätsbeleidigung.
    Ich bin dann weg von da. Die reden aber heute noch von mir dort.

    1. kirchenmausi sagt:

      Vielleicht sollte ich in meiner Dienststelle nen ähnlichen coolen Abgang hinlegen? Aber eigentlich will ich das nicht – ich möchte, dass meine Truppe fair behandelt wird und nicht „eine Stufe nach dem Nutzvieh kommt“ (Zitat einer Kollegin, die den Laden 10 Jahre länger als ich kennt)

  37. kirchenmausi sagt:

    Liebe Frau Nessy,

    habe mir eben einen Prosecco auf Ihr Wohl genehmigt! Ich finds toll, wie Sie das so alles gewuppt bekommen haben und uns noch dazu regelmäßig mit Lesenswertem hier im Blog versorgen – danke dafür!

    1. Nessy sagt:

      Irgendwo muss ich ja hin zum Prokrastinieren, nachdem der komplette Haushalt gemacht ist.

    2. kirchenmausi sagt:

      okay. da musste ich jetzt erstma googlen. „Aufschieben, auch Prokrastination (lateinisch procrastinatio „Vertagung“, aus pro „für“ und cras „morgen“), Erledigungsblockade, Aufschiebeverhalten oder Handlungsaufschub ist das Verhalten, notwendige aber unangenehme Arbeiten immer wieder zu verschieben, anstatt sie zu erledigen. Drei Kriterien müssen erfüllt sein, damit ein Verhalten als Prokrastination eingestuft werden kann: Kontraproduktivität, mangelnde Notwendigkeit und Verzögerung“

  38. Wolfram sagt:

    So gesehen hatte ich es einfacher. Allerdings sind, wie schon angemerkt, Akademikerkinder nicht unbedingt auf Rosen gebettet und Nichtakademikerkinder nicht unbedingt arm. Der Klempner in Sceaux hat ein Netto von weit über 3000 Euro, damit hat er mehr als ein Lehrer in der gleichen Stadt auf der höchsten Gehaltsstufe.

    Ein weiteres Thema, speziell in meiner Branche: nicht nur die Familie muß kapieren, daß rumsitzen und Löcher in die Luft gucken Arbeit sein kann (weil man ja unsichtbar denkt dabei), sondern auch die Gemeinde und der Kirchenvorstand, die sich ja für deinen Chef halten… und sich fragen, warum der Pope wieder den halben Tag nichts tut.

  39. „In das Seminar bin ich nicht reingekommen.“ – „Bist du wieder nicht früh genug aufgestanden?“

    So ähnlich musste ich mir das auch anhören als ich seinerzeit als Musikstudentin unter erschwerten Umständen (Eltern weder Akademiker noch musikaffin) einen Nachtjob annahm, um tagsüber üben zu können. Da wurden schon mal die Augen verdreht, wenn ich um neun noch nicht wach war.

    Chapeau Frau Nessy und herzlichste Glückwünsche zur Diss.

  40. seenia sagt:

    wunderbarst und toll geschrieben, herrlich schön. und übrigens, gratulation zu diesem weg und diesem leben. ihre eltern haben sie zu dem gemacht, was sie heute sind. nein, nicht nur ihre eltern. auch ihr starker charakter und ihr wille. toll wenn man sowas von sich selber sagen kann. den letzten abschnitt mein ich. wirklich schön. da steckt zufriedenheit dahinter. und was will man mehr?

    liebste grüsse,
    seenia

    1. Nessy sagt:

      Yep. Zufrieden bin ich.

  41. Silke sagt:

    Ich bin ein Arbeiterkind, Vater Scherenschleifer, Mutter Hausfrau. Ich sollte unbedingt Abitur machen und studieren, darauf hatten sich meine Eltern durch Sparen und Ausbildungsversicherungen vorbereitet. Aber – ich hatte keine Lust, nicht mal auf das Abitur. Also habe ich nach dem Realschulabschluss eine kaufmännische Ausbildung begonnen, sehr zum Leidwesen meiner Eltern, besonders meines Vaters, der aus finanziellen Gründen eben kein Abitur machen konnte. Dass ich zu den 76 % Nichtakademikerkindern gehörte, die nicht studierten, war also komplett meine eigene Schuld. Ich allerdings war zufrieden mit meiner Entscheidung, die Arbeit machte mir Spaß, ich war früh finanziell selbständig und konnte mir Dinge leisten, die für etliche meiner alten Schulfreunde noch in weiter Ferne lagen. Irgendwann merkte ich jedoch, dass ich an einem Punkt angelangt war, die Arbeit begann mich zu langweilen. Da merkte ich, dass mein Vater wohl nicht ganz unrecht hatte und habe begonnen Betriebswirtschaft zu studieren. Neben einem Vollzeitjob und der Pflege meiner schwer erkrankten Mutter, in die ich mich mit meinem Vater teilte. Unter diesen Umständen kam nur ein Fernstudium in Frage und ich schaffte es – trotz aller Widrigkeiten, aber mit voller Unterstützung meiner Eltern – innerhalb der Regelstudienzeit Staatlich geprüfte Betriebswirtin zu werden.

    Dann gab ich mit einigem Stolz das Zeugnis bei meinem Vorgesetzten (Akademikerkind mit Diplom) ab und hörte folgenden Kommentar: „Schön, schön… ist zwar nur ein Betriebswirt zweiter Klasse, aber immerhin…“ Patsch, die Ohrfeige hat gesessen!

    Das ist jetzt neun Jahre her und ich habe seit sieben Jahren genau den Job in der Firma, den ich habe wollte. Trotz „nur Betriebswirt 2. Klasse“. Bäääh, Herr Diplom-Kaufmann. ;) Weil ich mit dem, was ich gelernt habe, offenbar überzeugen konnte. Neulich habe ich ihn nochmal darauf angesprochen und er ist fast im Boden versunken vor Scham. „Da habe ich wohl einen ganz schlechten Tag gehabt. Ich hoffe, Sie verzeihen mir diese Unverschämtheit.“

    Also, mir geht es gut, als Nichtakademikerkind mit Abschluss zweiter Klasse. :-D

    1. jpr sagt:

      Ich finde, Sie schreiben es besonders deutlich, was man auch aus all den anderen Kommentaren oben herausliest: wichtig ist was man (auch aber nicht nur fuer sich) draus macht, und nicht was fuer ein Schild dran haengt.
      Das trifft auch meine Erfahrung: Titel und so weiter sind Schall und Rauch, Id10ten gibt es ueberall und mit dem man arbeiten kann und mag findet sich im realen Leben verdammt schnell raus.

      So gesehen bleibt eben nur die Ermutigung nach aussen zu tragen: machen, wo der eigenen Bauch meint, dass es einem damit gut geht und auch andere dazu ermutigen genau das zu tun.

    2. Nessy sagt:

      Ich rate auch allen jungen Menschen, die mich fragen (Patenkind und Anverwandtschaft), das zu tun, worauf sie Lust haben und was ihnen liegt. Der eine möchte Fliesenleger werden, die andere Modedesign studieren. Sollen sie! Wenn sie es mit Leidenschaft verfolgen, wird es gut werden. Hauptsache, sie sind zufrieden.

  42. Wenn man diese Statistiken in Zeitungen liest, wenn man sie von der Politik vorgelegt bekommt, wird es ja gerne so dargestellt, als käme das Problem von auße, also dass es die Schulen, die Unis seien, die es den Kindern von nicht Akademikern so schwer machen. Da mag ja auch etwas dran sein, ich finde es nur schade, dass die Probleme, die begabte Kinder von innen heraus, also von der Familie her gemacht bekommen, gerne unter den Tisch gekehrt werden.

    Was ich gerne wissen möchte: Wieviele würden studieren, wenn es von der Familie her mehr Verständnis gäbe?

    Ich komme auch aus gemischtem Haushalt, und kenne das mit den Trödelvorwürfen nur zu gut.

  43. wut sagt:

    Ein schöne Zusammenfassung, mir stehen Tränen in den Augen (ähnliche Situation)… danke!

    Deshalb möchte ich Ihnen das hier hinterlassen:

    http://www.youtube.com/watch?v=Gj5Sv3Eq8DI

    1. Nessy sagt:

      Verdammt, der Typ sieht auch noch gut aus! Habe das Lied gestern zum ersten Mal im Radio gehört und sofort gute Laune gekriegt.

      Aber im Publikum sind ja nur Weiber! Und was für welche. Und wie die ihre Hüften begegnen. Herr Teló hat’s echt nicht leicht mit so vielen Groupies.

    2. wut sagt:

      Keine Sorge, sind bezahlte Jubel-Perser(innen) ;)

    3. Illy sagt:

      YEAH, das Lied wird jetzt zur Master-Abschluss-Motivations-Hymne erkoren. Saucool!

  44. störgröße sagt:

    Nach so vielen Kommentaren, die mir aus der Seele sprechen, …

    Zu welcher Prozentgruppe der werten Statistiker ich gehöre ist mir schnurz egal. Dem Volksmund nach, darf man eh nur den Statistiken trauen, die man selbst erstellt hat.
    Sie ahnen es schon: Ich bin ein Arbeiterkind. Ich kannte als Kind nur den Weg: Schule, Lehre, Malochen. Ich konnte mir nie etwas unter Abitur, Studium und Co vorstellen. Sowas gab es in unserer Familie nirgendwo. Am Ende der Realschule hing mir die Schule zum Hals raus (obwohl die Noten eigentlich immer ok waren). Ich habe dann mit viel Freude eine Lehre begonnen. Und es fühlte sich alles gut an, …. bis auf die Berufsschule. Ich habe schnell gemerkt, dass ich irgendwie chronisch unterfordert war. Aber irgendwie fand ich es auch cool immer der beste zu sein. War bis dahin noch nie passiert.
    Es waren dann zwei Lehrer von der Berufsschule, die mich regelrecht bequatscht haben an einem Abendschulprojekt der Berufsschule teilzunehmen. Es war ein Pilotdurchgang mit Azubis, die schon während der Lehre in Abendschulform ihr Fachabitur machen konnten.
    Als ich Zuhause davon erzählt habe, kamen sie dann auch, die Sprüche „Was willst Du denn damit?“, „Studieren schaffste doch eh nich, da verdienste ja gar kein Geld“ ….
    Es war eine reine Trotzreaktion, dass ich dann auf die Abendschule ging. Dort habe ich dann zum ersten mal erfahren, was es außer Schule, Lehre und Malochen sonst noch so für viele Möglichkeiten gibt. Von da an gab es für mich nur noch ein Ziel: Ingenieur werden!
    Mit dieser Motivation habe ich dann Lehre und Fachabi gleichzeitig gemacht, und das gar nicht mal so schlecht. Kommentar meiner Mutter war damals „Schön. Und was willste jetzt mit dem Fachabidingens? Studium kannst Dir eh nicht leisten!“, „Was willst Du? Ne eigene Wohnung? Wie willste das denn machen.?“
    Die nächste Trotzreaktion folgte auf dem Fuß. Ich bewarb mich bei der Bundeswehr, fuhr heimlich zur Ausnahmeprüfung und kam mit der unterschriebenen Verpflichtungserklärung inklusive Studienplatz zurück.

    Danach war Ruhe zuhause. Zwei Wochen später bin ich ausgezogen.

    Seit dem kann ich mit den meisten in meiner Familie kaum noch etwas anfangen. Ich gelte bei den meisten als einer, der „alles in den Arsch geblasen“ bekommen hat. Ich bekomme mein Geld fürs Rumsitzen, Rumkommandieren und „glühe mir den ganzen Tag meinen Hintern in einem Bürostuhl aus“ … Wenn ich dann doch mal zu Weihnachten einen Besuch abstatte fragen sie mich häufig was ich denn so verdiene. Mehr interessiert offenbar nicht. Ich antworte dann immer mit der Gegenfrage: „Was verdienst Du denn so?“ Und da die Antwort dann meistens ausbleibt … Ich muss allerdings eingestehen, dass ich schon mit reichlich Genugtuung kommentarlos mein MacBookPro auspacke, wenn die bucklige Verwandtschaft auf ihrem PC vom Trödelmarkt rumdaddelt … :-)

    Heute habe ich weder mit Dingen aus meiner Berufsausbildung, noch mit Dingen, aus meinem Ingenieurstudium zu tun haben. Muss ich auch nicht. Das Studium hat Spaß gemacht. Ich habe einen gut bezahlten Job, der Spaß macht. Einzig allein das zählt. Ich möchte nichts missen: Meine Ausbildung, die Abendschule, die Bundeswehr, das Studium. Alles hat mich auf irgendeine andere Weise weiter gebracht. Auf meinem Weg habe ich viele Gleichgesinnte und auch Menschen, die mich von oben herab belächeln, kennengelernt.
    Aus meinem Lebenslauf habe ich zwei Schlüsse gezogen:
    1. Es gibt schlaue Menschen die sagen: „Auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt.“ Da ist echt was dran. Und man braucht im richtigen Moment die richtigen Menschen an seiner Seite, die an einer Weggabelung einen möglichen Weg ausleuchten.
    2. Kürzlich fragte mich jemand, warum ich meine Zertifikate und meine Ingenieururkunde nicht an der Wand hängen habe.
    Meine Antwort: „Charakter ist das, was übrig bleibt, wenn man Orden und Titel beiseite lässt.“

  45. Mary Malloy sagt:

    Din auch eins der 24, habe keinen Doktortitel aber auch eine Mama, wie du deine Eltern beschreibst. Mama Malloy hatte nicht das Geld, mir _irgendwas_ zu bezahlen, aber dafür habe ich etwas mehr Bafög bekommen als du. An ein Stipendium habe ich aber auch nie gedacht. Das bekamen in meiner Wahrnehmung immer nur die, die eh schon Kohle bis zum Umfallen hatte. In meiner Blogbeschreibung steht nicht umsonst „Arbeiter- und Kleinstadtkind“ und ich kann dir vollkommen Recht geben: Was ich früher an Materiellem und was man Wohlstand nennt nicht hatte, kommt mir heute als Mensch zugute. Und ich bin froh drum. Liebe Grüße, die Mary, sozusagen eine Weggefährtin im Geiste. :)

    1. Nessy sagt:

      Ich will gar nicht mal sagen, dass wir keinen Wohlstand hatten. Hatten wir. Also: normal halt. Mir hat nie etwas gefehlt. Geld ist sowieso nicht so wichtig, solange man sein Auskommen hat.

  46. Ich bin auch eine der 24. Meine Mutter musste (noch zu DDR-Zeiten) das Studium abbrechen, weil sie mit mir schwanger war, mein Vater ist Tischler. Akademiker gibt es in meiner Familie auf weiter Flur nicht. Für mich war nach dem Abi (das dennoch mein Bruder und ich beide gemacht haben) klar, dass ich eine Ausbildung mache. Was im Rückblick wahrscheinlich auch daran lag, dass mir niemand eine andere Möglichkeit vorgelebt hat.
    Während der Ausbildung habe ich festgestellt, dass es nicht das ist, was ich machen möchte, schon ar nicht mein ganzes Leben lang, deswegen habe ich beschlossen, zu studieren.
    Meine Familie stand hinter mir, auch (und vielleicht vor allem) weil von Anfang an klar war, dass ich mein Studium selbst (bzw. mit BaföG) finanzieren werde. Von familiärer Seite gab es da keine Möglichkeit und irgendwie wollte ich das nach fünf Jahren finanzieller Selbständigkeit auch nicht.
    Jetzt bin ich fast fertige Sozialarbeiterin und habe meine Frau, ebenfalls Arbeiterkind, vor zwei Jahren dazu ermutigt, ebenfalls zu studieren. Und bei ihr noch mehr als bei mir selbst merke ich, wie schwierig ein Studium ist, wenn an die gesamte Kultur nicht am Rollenvorbild erleben konnte, wenn einem das gesamte akademische Umfeld zunächst völlig fremd ist.
    Danke für diesen Beitrag, Frau Nessy.

    1. Nessy sagt:

      Danke für Ihren Kommentar. Das Fehlen an Rollenvorbildern ist eine gute Ergänzung. Gerade bezogen auch auf junge Menschen, die studieren gehen und die noch nach ihrer Identität suchen.

  47. iv sagt:

    Hier auch eine der 24. Es ist m.E. eine waschechte Integrationsleistung, und man steht vor der Wahl: Sich der akademischen Leitkultur assimilieren oder sie in Frage stellen, wo es Sinn macht (also hinsichtlich mancher codierter Umgangsformen etc.). Ich bin mit der zweiten Variante erstaunlich gut vorangekommen und bin fest überzeugt, dass der Wissenschaftsbetrieb das braucht – aber es ist anstrengend.

  48. Blogolade sagt:

    Ich ziehe meinen nichtvorhandenen Hut vor diesem Text, vor dieser Lebenseinstellung! Toll!

    Diese Phase am Schulende, da bin ich gescheitert. Habe mich dem Willen meiner Arbeitereltern gebeugt und bin studieren gegangen, was sie für richtig hielten „werde Lehrerin, da hast du nur den halben Tag Arbeit, viel Ferien und viel Geld“ Diesen Zahn habe ich ihnen zwar schnell gezogen aber da ich keine anderen Ideen hatte, bin ich trotzdem studieren gegangen. Ich habe es abgebrochen und bin traurig um die verlorene Zeit, die ich lieber in eine Ausbildung investiert hätte. Als Schulabgängerin bekommt man besser einen Ausbildungsplatz als wenn er die 2 vorne dran steht.

    Gearbeitet habe ich auch immer nebenher und das wars, was mir Rückhalt, Kraft und Selbstvertrauen gegeben hat.

  49. kvinna sagt:

    Mal wieder finde ich mich selbst in Ihrer Darstellung, Frau Nessy! So sehr. Auch ich hatte ab der 8. Klasse meine Eltern in allen Schulfächern überholt.

    Latein ab der 5. hatten sie für mich ausgesucht und noch weniger Ahnung davon als von Englisch… ich aber habe die Schule 1 Jahr vor dem Abi geschmissen. Mit einem Notendurchschnitt von 2,8 wohlgemerkt. Weil ich keine Ahnung hatte, was ich wollte, machte ich zur Freude meiner Eltern eine Banklehre, in der ich dann mehr als kreuzunglücklich war.

    Ich mache niemandem Vorwürfe und ich bereue auch nichts.

    Aber ich bewundere Menschen, die in der Oberstufe irgendwann genau erkennen, was sie wollen und diesen Weg dann auch ganz straight absolvieren, allen Irrungen und Wirrungen zum Trotz.

    Meine Bildung muss ich mir allerdings heute von meinen Eltern vorwerfen lassen. Offenbar haben sie ein sehr ambivalentes Verhältnis dazu.

  50. Lobo sagt:

    Akademiker – Arbeiter ?

    Es gibt auch noch Graustufen. Hier ein kleines Beispiel aus meiner Vergangenheit:

    Ich habe eine langjährige Freundin mit der ich eine zeitlang sehr viel unternommen habe. Deshalb ging das Gerücht um, wir wären zusammen. (Hätte ich auch nicht schlecht gefunden, leider steht sie aber nicht auf Männer.)
    Die Mutter besagter Freundin wurde damals beim Bäcker angesprochen :

    „Een Geschäftsmann un een Arbeiderkind, geiht dat overhopt ?“
    „Ein Geschäftsmann und ein Arbeiterkind, geht das überhaupt?“

    Was die Mutter daraufhin erwiderte, weiß ich nicht mehr, aber dieser Satz ist hängen geblieben. ;-)

  51. Logonette sagt:

    Glückwunsch Frau Dokotor in spé!
    Ich bin auch eines der Nicht-Akademiker und könnte eine ähnliche Geschichte über mein Studium und meinen Werdegang schreiben.
    Gerade weil wir „Arbeiterkinder“ nicht einfach das Annehmen von Gelegenheiten (z.B. Stipendien) gelernt haben, sondern und mit „echter“ Arbeit durchs Leben geschlagen haben, bin ich besonders stolz auf meinen Titel. Und auch auf meine Eltern, die mir diese Sichtweise beigebracht haben.

  52. Logonette sagt:

    Hinter „Nicht-Akademinker“ fehlt das Wort „Kinder“

  53. Stefan sagt:

    Ich beneide dich – Unterstützung und Interesse für mein Studium hätte ich mir auch gewünscht. Jedoch hatte ich auch schon während der letzten Schuljahre das Gefühl, man werfe mir still vor, dass ich mich für etwas besseres halte. Nach der Bundeswehrzeit kam dann der Rauswurf von zuhause und seitdem lebe ich mein Leben quasi ohne elterliche Hilfe. Hat mich stärker und selbstständiger gemacht, als ich es sonst gewesen wäre und ich habe länger gebraucht, meinen Weg zu finden. Aber jetzt gehe ich auf ihm voran und kann en weng stolz auf mich sein, mich alleine durchgeschlagen zu haben.
    Just my two cents.

    Glückwunsch natürlich auch zur abgegebenen Doktorarbeit.

  54. Legatus sagt:

    Hallo Frau Nessy, dank dieses wunderbaren Blogeintrages habe ich gerade eine Anfrage an eine Hochschule hier vor Ort abgesendet in der ich um mehr Informationen für ein berufsbegleitendes Studium gebeten habe. Wollen wollte ich schon immer…nur irgendwie hats bisher nicht geklappt. Danke für den kleinen Anstoß.

  55. chase sagt:

    Ich habe es sogar noch schwerer. Mein Vater ist Autist und Alkoholiker. Meine Mutter war auf der Sonderschule und hat nur die achte Klasse.

    Benotung der Lehrer war immer mies. Absagen bekommen ohne Ende. Lehre nur mit 4 bestanden.

    Nach unzähligen Zeitarbeitsjobs mit Hartz 4 Auftstockung dann Abi gemacht auf dem Kolleg. Abitur nur mit 3,1 geschafft.

    Wieder nur Absagen……….

    Nun bin ich kurz vor dem Uniabschluss (Lehramt) mit derzeitigen Schnitt von 1,7……..und das ohne jegliche Hilfe……….nur die Benotung auf meiner Zweituni (in Berlin muss man bei bestimmten Kombis auf zwei Uni studieren) hab ich einen schlechteren Schnitt (zwischen 2-3 Eliteuni FU).

    Ich habs nicht bereut studiert zu haben. Aber ich sag eins. Sag nie an der FU zum Dozenten, dass du ein Arbeiterkind bist. Dann kriegst du schlechtere Noten.

    Das einzigste was mich wurmt, ist, dass ich ständig nebenbei arbeiten gehen muss, am Ende 10000 € Bafögschulden habe und noch 3000 € Studienkreditschulden und da ich damals noch kein Wohngeldanspruch beim Abi hatte muss ich ebenfalls noch 6000 € Bildungskredit abbezahlen.

    Die ganzen reichen Kiddies an den Unis haben diese Probleme nicht. Die können nach Hause gehen, Party machen und lernen und haben meistens sogar ein Auto.

    Mich kotzt diese soziale Ungerechtigkeit sowas von an.
    Diesen Monat brauchte ich ein Buch und ein paar neue Schuhe.
    Wir haben heute den 04.05.12 und wir haben noch 4 Wochen bis zum Bafög und ich hab nur noch 50 € in der Tasche……….also heißt es trotz Wohngeldzuschuss ab zur Tafel und betteln…………

    So ist das Leben von Arbeiterkindern!

  56. michi sagt:

    Hallo Nessy!
    Vielen Dank für diesen Blogbeitrag. Ich weiß es selbst, wie es ist, wenn man nicht aus einer Akademikerfamilie kommt, und studieren will.

    Und ja, es war auch bei mir bei weitem nicht nur das finanzielle, was bei mir oft kritisch war. Oft waren es ignorante Feststellungen wie z.B. Lernschwierigkeiten in der Uni? Und dafür haben wir dich 9 Jahre aufs Gymnasium geschickt. Wenn du das Abi schaffst, ist’s gut, wenn nicht, ist es uns auch egal, braucht nicht jeder ein Abitur.
    Dazu kam leider auch noch das haarsträubende Halbwissen einiger Bekannte, aus dem sich meine Eltern ihre Meinung zum Studium bildeten.

    Zudem kommt auch noch der Druck hinzu möglichst schnell mit möglichst wenig Unterstützung das Studium zu beenden, und danach gleich einen gut bezahlten Job zu bekommen.

    Aber schön zu sehen, dass es Dir und den anderen ähnlich gegangen ist. Kopf hoch! Nur Mut! Michi

  57. ano sagt:

    Ich kenne das. das ungute gefühl nicht dazuzugehören. nicht nur klamottentechnisch. mein dauerhaft überzogener dispo gehört dazu. mutter in sonderschule, vater immer krank und hat nur 4,0er volksschulabschluss. beide eu rentner. bekomme grad kein bafög mehr, weil ich im 2/3 master bin und nur auf mein blödes zeugnis warte. fazit. ich bin nun pleite, kein weihnachten, nichts. ich werde also nun flaschen sammeln gehen und irgendwie hoffen, dass irgendwer sein portemonaie vor mir verliert. ich bin auf der suche nach schwarzarbeitsjobs und versuche krampfhaft nach illegalen mitteln, die mich über wasser halten. ich werde lehrer. durchschnittsnote 1,7! danke vater staat für nichts! ich such mir danach ne stelle im privatschulsektor. ich hab die schnauze sowas von gestrichen voll von der ungerechtigkeit hier. ich denke auch ans auswandern. soweit bin ich schon.

  58. Pepohne sagt:

    Hallo,

    auch ich kann die oben genannten Aussagen meist bestätigen. Als Arbeiterkind erntet man eben nicht gleich hohes Ansehen bei Akademiker(kinder)n. Das muss man sich wohl erarbeiten. Aber man ist trotzdem auf einen stolz, wenn man es bis dahin geschafft hat.

    Für die Unterstützung meiner Eltern bin ich deswegen besonders dankbar. Nicht nur finanziell, sondern auch motivatorisch. Diese Motivation war meinerseits nicht immer gleich viel da, deshalb hat sich das Durchhalten bei manchen Durststrecken tatsächlich gelohnt. Ich kann nur jedem empfehlen, nicht den Kopf hängen zu lassen und das zu tun, was man schon immer mal (beruflich) tun wollte.

    Dennoch erging es mir im Studium anfangs ähnlich, dass ich mich nicht für „wert“ hielt, z.B. ein Stipendium zu beantragen. Letztlich entschied ich mich aber doch dafür (vielleicht weil mein Vater ebenso einmal Stipendiat war? Soviel zum Thema Elternvorbild!). Somit konnte ich nicht nur das begehrte Auslandspraktikum durchführen, ich nutzte in meinem finanziell wohl schwierigsten Abschlusssemester sogar die Möglichkeit der Semesterticketbezuschussung – etwas, was ich desöfteren hätte machen können. Man braucht nur den gewissen „langen Atem“ für die Beantragung all dessen.

    Nicht dass ich gern „schnorrisch“ oder derart gewesen wäre, aber ohne diese Unterstützung von mehreren Seiten, hätte ich mein Studium trotz vieler Nebenjobs wahrscheinlich nicht „geschafft“. Nun habe ich zwar Schulden bei BAföG und Bank, dafür habe ich aber jetzt einen Job, durch den ich das alles zurückzahlen kann.

    In dem Sinne kann ich auch in den Singsang mit einstimmen: „Was mein früher Nachteil war, ist heut mein Vorteil“. ;-) Viel Glück oder Erfolg euch allen!

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