Draußen nur Kännchen
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Franco Gelatti entdeckt eine Marktlücke

31. 01. 2012  •  30 Kommentare

Neues aus der Nachbarschaft.

Bislang betrieb Franco Gelatti neben dem Ghettonetto ein Eisdiele mit angegliedertem Würstchenstand. Denn „hastu Eis, willstu Wurst, hastu Wurst, willstu Eis“ – so erklärte er mir seine Interpretation von „Eis und Heiß“.

In den vergangenen Wochen hat er umgebaut. Ich dachte, er mache wie jede Eisdiele über die Wintermonate zu und nutze die Zeit, um den Grill baulich besser in die Eistheke zu integrieren. Doch nichts dergleichen: Franco hat das Eiswurstgeschäft komplett fallen gelassen und macht seit gestern in Pizza.

„Kuksdu, Nessy, meine neue Geschäfte! Kommstu rein! Mache ich jetzte Pizza mit meine neue Pizza-Ofen.“

Ich blicke auf die gegenüberliegende, gut gehende Stehpizzeria mit den besten gefüllten Pizzabrötchen, die das Ruhrgebiet je gesehen hat, und frage: „Aber gegenüber gibt es doch schon eine Pizzeria.“

„Aaaaaah“, er macht eine wegwerfende Handbewegung. „Isse keine Konkurrenze. Machte gute Pizza, naturlich, isse okee, aber Francos Pizza isse zusatzlich gemacht mit die Liebe und nicht nur mit die Teig.“

„Und Eis? und Wurst?“

„Aaah, war eine blode Idee von mir, nichte gut. Niemand will essen Eis und Wurst in eine Happs. Aber willst essen Pizza, nur gute Pizza, das iste eine Marktlucke. Das gibte noch nirgendwo.“

Unsaomma hat wieder Zähne

26. 01. 2012  •  49 Kommentare

Heute hatte ich Urlaub.

Ich habe meine Diss abgegeben, und wo ich schonmal frei hatte, bin ich zu Unsaomma gefahren, um nachzusehen, ob sie wieder Zähne hat. Denn Sie erinnern sich vielleicht: Unsaomma hat ihr Gebiss ins Klo fallen lassen.

Ich komme in ihr Zimmerchen. Sie sitzt in ihrem flauschigbraunen Seniorensessel mit ferngesteuerter Aufstehautomatik und strahlt wie Nadja Abd El Farrag nach ihrem ersten Bleeching.

„Du hast ja wieder Zähne“, sage ich fröhlich.
„Schön, woll!“ sagt Unsaomma.
„Sieht gut aus“, sage ich. „Sitzen die auch richtig?“

Unsaomma zieht ihre Augenbrauen zur Nasenwurzel und macht mit ihrer Tatterhand eine wegwerfende Geste. „Unten is locker“, sagt sie und schiebt zum Beweis ihre Zunge unter ihr Gebiss und lässt es auf die Lippe hängen.

„Dann musst du jetzt beim Pippimachen den Mund zulassen“, sage ich. „Und durch die Nase atmen.“

Sie saugt ihre Zähne zurück in den Mund. Klackernd rasten sie ein. „Nicht gut“, sagt sie, beugt sich vor und deutet auf die gegenüberliegende Wand. „Da.“ Sie wackelt nervös mit dem Zeigefinger. „Da fehlt eine. Kannst du die drucken, vom Computer?“

Ich folge ihrem Finger. Dort hänge ich, sechs Monate alt, und neben mir hängen Prinzessin Viktoria und Prinz Daniel und William und Kate.

Fotowand von Unsaomma

Unsaommas Enkel der Herzen (v.l.n.r.):
die liebe Nessy, Charlène Wittstock (absent), Viktoria, Daniel, Wilhelm und Käthe.

Ich frage: „Wen meinst du?“
„Die von Monaco. Die gabs nicht inne Zeitschrift. Die so schwimmt. Von Afrika.“
„Charlène.“
„Deine Mutter sagt, du kannst Poster machen. Mit dem Computer.“
„Kann ich machen.“
„Machst du, ja?“
„Schicke ich dir mit der Post.“
„In Farbe, ja?“
„Auch in Farbe.“
Sie lässt sich zurück in den Sessel fallen. „Dann ist gut. Dann mach’s dir bequem.“

Arbeiterkind

25. 01. 2012  •  117 Kommentare

Sozialerhebungen sagen:

Die Herkunft entscheidet, ob ein Kind studiert. Von 100 Akademikerkindern studieren 71. Von 100 Nicht-Akademikerkindern studieren nur 24. Ich bin eines dieser 24.

Jetzt, im Nachhinein, ist meine Familie sehr stolz, dass ich studiert habe. Und noch mehr, dass ich dieses Doktordings gemacht habe.

Nach der Schule, zu dem Zeitpunkt, wenn andere wissen, was das Beste für einen ist, fragte meine Verwandtschaft allerdings zunächst: „Was willst du denn mit einem Studium?“ –  „Willst du nicht erstmal eine Lehre machen? Dann hast du was in der Hand.“ – „Wir haben auch alle erstmal Ausbildung gemacht. Da ist doch nicht Schlechtes dran!“ –  „Denkst du etwa, du bist was Besseres?“

Es war nicht leicht, solche Aussagen auszuhalten, als junges Mädchen.

Meine Eltern haben mich immer unterstützt, konnten mir aber ab der achten Klasse nicht mehr helfen. Mathe, Sprachen – sie stießen an Grenzen. Mit Beginn des Studiums begann noch einmal ein neuer Abschnitt, denn hier war es nicht nur das Fachliche, das sie nicht kannten, sondern auch die Lernkultur.

Natürlich schreibt auch ein Soziologe seinem Sohn, der Physik studiert, nicht die Klausuren. Aber er hat ein Verständnis davon, was es heißt zu studieren. Dass dasitzen und denken auch Leistung hervorbringt. Er weiß, wie man wissenschaftlich arbeitet. Was es bedeutet, eigene Untersuchungen durchzuführen. Und dass eine wissenschaftliche Arbeit etwas anderes als ein Schulaufsatz ist.

Meine Eltern haben sich immer für mich interessiert. Sie lasen sich jede meiner Hausarbeiten von vorne bis hinten durch, sogar spröde, mit minimaler Mühe zusammengezimmerte Werke. Warum mein Studium so lange dauerte, war trotzdem oft ein Thema – obwohl ich in der Regelstudienzeit studiert habe.  „Wie viele von diesen Scheinen musst du noch machen?“ – „15, Mama.“ – „Und wie viele machst du dieses Semester?“ – „Acht.“ – „Warum nicht alle 15?“ – „Das geht nicht, Mama.“ – „Lehrjahre sind keine Herrenjahre.“ – „Acht Scheine sind echt viel. Das sind drei Klausuren und fünf Hausarbeiten.“ – „Und diese Vorlesung, die du noch belegen musst?“ – „In das Seminar bin ich nicht reingekommen.“ – „Bist du wieder nicht früh genug aufgestanden?“

Ich hatte nie ein Stipendium. Während des Studiums hatte ich bisweilen fünf Jobs: ein paar Stunden abends in der Woche, ein paar weitere woanders am Wochenende, dazu mittwochsnachmittags zwei Stunden Nachhilfe geben, donnerstags als Tutorin an der Uni arbeiten und während der Semesterferien Messestände zusammenbauen.

Natürlich habe ich Bafög beantragt. Ich füllte 20 Formblätter aus und beantragte es. In meinem besten Semester bekam ich 160 Mark, in meinem schlechtesten zwölf. Keine Ahnung, wie es berechnet wird – meine zu wohlhabenden Eltern konnten mir jedenfalls nur die Miete für meine Studentenbutze zahlen.

Auch meine Diss habe ich neben dem Job geschrieben. Die meiste Zeit lang neben einer vollen Stelle. Nur im vergangenen Jahr habe ich für eine Weile meine Arbeitszeit reduziert, weil ich es anders nicht hingekriegt hätte.

Sagen Sie ruhig, es sei eigene Dummheit, dass ich kein Stipendium beantragt habe, denn das stimmt. Aber mir war zum entscheidenden Zeitpunkt nicht bewusst, dass ich es wert sein könnte, gefördert zu werden. Denn: „Wer Geld will, muss arbeiten“, hieß es bei uns zu Hause immer. Hinzu kam: Die Unis, an denen ich war, schwiegen allesamt sehr ausführlich, wenn es um Förderung ging. Das ist natürlich keine Entschuldigung für fehlende Eigeninitiative. Aber es ist trotzdem ein Grund.

Wenn ich über mein Unileben nachdenke oder wenn ich an andere Doktoranden denke, die ich in Kolloquien traf, verstehe ich, welche Vorteile Akademikerkinder haben: Es sind die Kultur, die Sozialisation, das Selbstverständnis, die alles leichter machen. Auch die geringeren Sorgen um das finanzielle Drumherum – aber das ist zweitrangig. Es ist das weniger an Kämpfen, das sie ausfechten müssen. Das alles erleichtert die Entscheidung für ein Studium – und das Durchhalten.

Aber eins ist auch klar: Ich möchte nichts missen. Keinen Job, keine Kämpfe, keine Durststrecken. Denn inzwischen weiß ich: Was früher mein Nachteil war, ist heute mein Vorteil.

Handtasche

22. 01. 2012  •  69 Kommentare

Frau Fiona hat mich nach meiner Handtasche und ihrem Inhalt gefragt:

Handtasche

Die Sache ist: Ich benutze nur selten eine Handtasche. Im Alltag nutze ich ausschließlich eine Umhängetasche für Laptop und Gedöns.

Obwohl sie ziemlich groß ist, ist dort meistens nicht viel drin. Was zählt, ist die Option: Ich könnte viel reintun. Spontan. Einen Besuch im Ghettonetto zum Beispiel. Oder einen Lustkauf in der Buchhandlung.

Die Grundausstattung meiner Tasche besteht aktuell aus:

  • meiner pinken Notfallmütze und meinen Handschuhen
  • einem Buch
  • meinem Moleskine
  • einem Labello und einer kleinen Tube Handcreme
  • Taschentücher in der praktischen Hello-Kitty-Ausgabebox
  • Telefon
  • Portmonee
  • Kuli

Langweilig, oder?

Berlin

16. 01. 2012  •  154 Kommentare

Das Kännchencafé ist bekanntermaßen ein Service-Blog:
nicht fürs Wissen, mehr fürs Leben, aber dennoch.

Nun benötige auch ich einmal Hilfe – und zwar Ihre. Ich suche ein Hotel in Berlin. Etwas Nettes, gerne etwas außergewöhnlich, aber dennoch preiswert und nicht zu weit ab vom Schuss.

Vielleicht können Sie mir außerdem sagen, was ich mir ansehen sollte. Ich war bereits vier- oder fünfmal in Berlin. Die üblichen Sehenswürdigkeiten kenne ich also.

Restauranttipps nehme ich auch gerne entgegen.

Neue Nachbarn

15. 01. 2012  •  46 Kommentare

Im Hausflur.

Ich verlasse meine Wohnung und gehe die Treppe hinunter. Eine kleine, runde Asiatin mit graumeliertem Haar kommt mir entgegen. Mit beiden Händen hält sie einen Topf, halb so groß wie sie selbst, und ächzt dabei zart.

Als wir uns auf der Hälfte der Treppe begegnen, hebt sie ihren Blick und schaut mich an. „Ha-o!“, sagt sie. „Wohn-u hier?“

„Da vorne“, sage ich, drehe mich kurz um und deute auf meine Wohnungstür.

„Aaaaaa“, ruft sie. „Sööööön! Da bissu Nahbaar vo mein Sohn!“ Sie lacht.

„Ist er an diesem Wochenende eingezogen?“ frage ich. Die Wohnung neben mir stand einige Monate leer. In den vergangenen Tagen wurde viel gewerkelt.

„Jaaaa, wohnte. Mei Mann un ich habe Wohnun‘ kauft für mei Sohn un‘ mein
Su-igetochte un‘ unser ku-lei Enkel. Undu bis Nahbaaar, ja? Sööön!“

Ein Mann kommt die Treppe hinauf. Er trägt einen Klapptisch. Die Frau sagt: „Das isse mei Maaan.“ Und zu ihm: „Maaan, da isse Nahbaaar von unsere Sohn. Sag
Ha-o!“ Maaan setzt den Klapptisch ab, und wir geben uns die Hand.

„Un daaa, da komm mei Sohn.“ Ein junger Asiate hält hinter dem Klapptischvater. Er trägt einen Maxicosi. Hinter ihm steht eine junge Frau. „Sohn“, sagt die Mutti, „da isse dei Nahbaaar. Wohn‘ da.“ Sie deutet mit dem Topf auf meine Wohnungstür. Sohn, Schwiegertochter und ich geben uns die Hand.

„Fleuen wir uns, ja? Fleuen wir uns!“, sagt Mutti. „Wir sin‘ nu Nahbaaar!“
„Ich freue mich!“
„I mi aaa! Danne sööön Aben‘ noch, ja?“
„Ihnen auch einen schönen Abend.“
„Jaaaa! Söööön.“

Sie verschwinden in die Wohnung, und ich gehe aus dem Haus. Ich freue mich.



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