Draußen nur Kännchen
Kaffeehaus mit ♥

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Im Bett mit Udo Brinkmann

29. 06. 2011  •  51 Kommentare

Am Nebentisch.

Mittdreißigerin: Mein neuer Freund hat morgens, wenn er aufsteht, eine total pornöse Sascha-Hehn-Matte. Und er kennt den nicht mal. Aber das eigentliche Problem ist, dass ich nie auf Udo Brinkmann stand. Ich stand immer auf Pfleger Mischa. Ich steh einfach mehr auf die independent-Typen.
Ihre Freundin:  Und jetzt findest du ihn unattraktiv?
Mittdreißigerin: Jetzt geh ich erstmal mit ihm zum Frisör und dann mal sehen.

Sowas wie eine Liebeserklärung

27. 06. 2011  •  64 Kommentare

Eine Stadt, vier tage, acht Weiber.

Frauenkirche

Frauenkirche

Um 8 Uhr morgens zwängen wir uns an Fronleichnam in die Autos, zwei Weiber vorne, zwei hinten. Kassel, Leipzig, Dresden bei 140 Kilometern pro Stunde. Um 16 Uhr sind wir am Ziel, sitzen im Café, essen Eierschecke und blicken auf die Stadt.

Reiseführerin Sabine hat unsere vier Tage minutiös verplant. Neustadt, Pillnitz, Stadtführung, Führung durch die Semperoper, Schloss, Flohmarkt, Frauenkirche, Hofkirche, Kreuzkirche, Sophienkeller. Am Sonntag Heimfahrt, zeitig, wegen der Staugefahr. Ein Reisebootcamp.

Zitronenpresse

Frauenkirche mit Zitronenpresse

Als ich 1999 zuletzt in Dresden war, wurden an der Frauenkirche noch die Steine gezählt. Ich erinnere mich nicht an viel, nur an Baukräne, Gerüste und Halbfertiges. Die Stadt war im Aufbruch, sie atmete das Flair eines befreienden Neuanfangs, aber gleichzeitig war da diese sozialistische Piefigkeit, tief wie ein alter Polstersessel.

Jetzt ist es die schönste Stadt Deutschlands. Ich denke, ich darf das sagen. Denn ich war schon in vielen Städten; in Köln, Berlin, Hamburg, München, Frankfurt, Stuttgart, Hannover und unzähligen mehr. Keine Stadt, nicht einmal das hübsche Erfurt, ist so einnehmend wie Dresden.

Wieso ich das sage? Es ist eher ein Gefühl als ein Urteil des Verstands. Einerseits ist die Stadt groß, üppig, bedeutungsschwanger. Frauenkirche, Semperoper, Zwinger. Überall Geschichte. Die Kurfürsten Sachsens, der Pomp August des Starken. Dann, im Februar 1945, die Bomben. Es scheint mir, als sei Dresden auch heute, 66 Jahre später, noch eine Brandverletzte: Der Körper ist verheilt, aber die Seele hat den Angriff nie verwunden. Über allem liegt der Mantel des Krieges, nur noch ein leichter Sommermantel – aber doch.

Dresden Neustadt

Neustadt, Görlitzer Straße

Auf der einen Seite also der Prunk, die Geschichte, die Verwundung. Auf der anderen Seite eine kleinstädtische Herzlichkeit, eine freimütige Freundlichkeit, die selbst dem Fremden Geborgenheit gibt. Vielleicht liegt es daran, dass die Urbanität sich nicht wie in Berlin aggressiv aufdrängt, sondern alles besonnener, gelassener ist. Es kommt mir vor, der Dresdner wisse, wer er ist und was er an sich hat. Er muss sich nicht suchen. Das tut auch dem Besucher gut: Überall fühle ich mich, als sei ich angekommen.

Pulp Fiction

Pulp Fiction in der Neustadt

Am dritten Tag treffe ich, als ich auf einer Kante vor dem Schloss sitze und Apfelschorle trinke, auf August; ein groß gewachsener, älterer Herr. Ich sage „Herr“, denn obwohl er eine altbackene Nylonjacke und eine bemüht aufgebügelte Bundfaltenhose trägt, funkelt ihm großbürgerlicher Schalk in den Augen – der Glanz eines Mannes von Welt. Opernsänger sei er gewesen, sagt er, und gibt eine Kostprobe im Bariton: die „Fledermaus“ von Johann Strauss. „Auf der Bühne der Semberober habe isch geschdanden und gesungen und gedanzd.“ Den Krieg habe er auch miterlebt, denn er sei jetzt 81, aber immer noch fröhlich und deshalb auf der Suche nach einer Frau.

„Groß muss sie seen“, sagt er und zwinkert mir zu. Er hat wässrig-blaue Augen und Wimpern wie Bambi. Er selbst, sagt er, sei ein Meter achtundachtzig, „und isch will sie beim Danzn nischd hochhebn“. Wäre er es, der dies bloggt, er hätte das „Sie“ wohl groß geschrieben; wäre ich 63 und nicht 33, ich hätte noch am selben Abend mit ihm getanzt. Aber ich wiegele ab, und er rät mir, bereits im Gehen: „Lachen Sie. Isch habe das nie verlernd,  selbsd als die Bomben fieln. Das Leben isd zu gurz, um draurig zu seen.“

Gerne wäre ich länger geblieben, hätte öfter inne gehalten. Die Elb-Auen sind wunderbar. Saftig-grüne Wiesen, Wälder, Häuser und Villen, die sich in Vororten in das Flußtal und seine Hügel schmiegen – sie passen irgendwie zu diesem heiteren, galanten und unprätentiösen Dresden, das selbst im Gewitter einladend aussieht. Das nächste Mal werde ich ein Fahrrad nehmen und an ihnen entlang radeln.

Elbe mit Fernsehturm

Elbe mit Fernsehturm

Überhaupt – das nächste Mal. Ich werde nicht nur radeln, sondern mindestens ein Dutzend Kneipen und Cafés besuchen, dasitzen und mich gut fühlen. Und sonst: mal sehen.

Einfach losgehen. Angekommen ist man ja schon vorher.

Mittwoch

22. 06. 2011  •  32 Kommentare

Ein Tag,

der damit begann, dass ich schwitzend in der Schlange einer 30 Grad warmen Bäckerei stand und ein Rauhaardackel mit inbrünstiger Leidenschaft mein Bein begattete, während sein Herrchen mit den Worten „Züchteste deine eigenen Kirschen, kannste auch am Kern ersticken!“ versuchte, mit mir in ein Gespräch über EHEC zu kommen.

Beobachtung am Spielfeldrand

20. 06. 2011  •  62 Kommentare

Nachtrag zum Wochenende: Sex.

Oder besser: Sexualisierung. Genauer: Mädchenmannschaften, die ihren Teams Namen geben wie „Erotic Club“ oder „Venusmuscheln“. Die sich knappe rosa Höschen anziehen und ihren Po mit „Leck mich!“ beflocken lassen. Die, wenn sie nicht selbst spielen, bei den Männern am Spielfeldrand stehen, sich mit Alkohol zuprosten und im Chor „Wir wollen Schwänze sehen!“ zurufen.

Was ist da passiert, Mädels? Habe ich etwas verpasst? Während die Männer sich in den vergangenen vier Jahrzehnten daran gewöhnt haben, anhaltend undersexed zu sein, und während sie sich bemühen, trotz dieses Ungemachs nicht zu anzüglich zu werden, sind jetzt offensichtlich die Frauen an der Reihe, derb zu sein.

Ist „öbszön“ das neue „unabhängig“?

Ausflug an die See

19. 06. 2011  •  31 Kommentare

Heute nur Stichworte, der Umstände wegen:

Beachhandball Strandansicht

Sport mit Ball. Sonne, Regen, viel Wind. Muscheln unter den Füßen, Sand zwischen den Zähnen, Musik in den Ohren.

Beachhandball - Ritual vor dem Spiel

Teamgeist, La-Ola-Wellen, Beschwörungsformeln. Maracujaschnaps, Grillwurst, Prinzenrolle. Volltätowierte Sissis und Muskelkater in den Füßen.

Füße im Sand

Spielpausen, zuschauen, dasitzen. Das Meer einatmen, im Watt wandern. Das Wasser suchen, Krebse finden, Sonnenbrand kriegen. Nachts in den Schlafsack kriechen. Einrollen, einschlafen, glücklich sein.

Vier Bücher

15. 06. 2011  •  22 Kommentare

Wer viel Bahn fährt, kann viel lesen.

Bücher Juni 2011: Maxim Leo, Dave Nichols, Amos Oz, Malte Welding

Maxim Leo. Haltet Euer Herz bereit.
Der Autor erzählt die Geschichte seiner Familie. Er portraitiert drei Generationen von DDR-Bürgern: die kriegserfahrenen Großeltern und Gründer der DDR, ihre Kinder und ihre Kindeskinder. Auf Ebene der Großeltern ist das Buch sehr ausführlich und hat Längen, danach wird es (zu) knapp. Trotzdem gut. Ein persönlicher Blick auf einen Staat und eine Erklärung für manche deutsch-deutschen Fragen der heutigen Zeit.

David Nicholls. Zwei an einem Tag.
Emma und Dexter. Zwei Menschen, die sich mögen, die sich vielleicht lieben. Ein Blick in ihr Leben, immer am 15. Juli, zwanzig Jahre lang, von ihrem College-Abschluss 1998 bis ins Jahr 2008. Die Geschichte ist ein wenig eindimensional und die Sprache einfallslos. Es fehlt der letzte, überzeugende Kniff, der aus der Geschichte mehr macht als ein rührseliges Frauenbuch. Aber dennoch: Ich habe es gerne gelesen. Eine solide Sache.

Amos Oz. Eine Geschichte von Liebe und Finsternis.
Ein Buch, das ich schon lange einmal lesen wollte – und eins, das ich nach 100 Seiten wieder weggelegt habe. Es mag sein, dass es ein „großer erzählerischer Entwurf“ oder ein „einmaliges Dokument der Geburtsstunden des Staates Israel“ (kuksdu) ist. Ich fand es fade, langatmig und ziellos.

Malte Welding.
Frauen und Männer passen nicht zusammen – auch nicht in der Mitte.
Ein Sammelsurium von Wissen, Halbwissen, Nichtwissen und strammen Behauptungen über Sex, Liebe und das ganze Zeug. Plattitüden und Banalitäten ohne roten Faden, dafür aber mit einem wahren oder erfundenen „Bekannten“ für jedes Klischee. Belanglos.

Ich glaube, ich bin jetzt groß

12. 06. 2011  •  64 Kommentare

Dass ich erwachsen bin, habe ich gestern daran gemerkt, dass …

  • ich vor dem Ausgehen nicht mehr Stunden vor dem Kleiderschrank verbringe, sondern einfach anziehe, worin ich mich wohlfühle. Ein guter Abend hängt schließlich nicht vom Outfit ab.
  • ich in der Kneipe von einer Altherrenmannschaft angemacht werde und denke: „Da sind aber ein paar knackige Typen bei!“
  • Mitglieder einer Altherrenmannschaft mich überhaupt für eine lohnenswerte Begleitung halten.
  • ich nach der Kneipe in den Club wechsle und keine Angst mehr vor den Türstehern habe.
  • ich im Club den Garderobenservice nutze, anstatt einen Euro zu sparen und die Jacke auf einen Heizkörper zu knüllen.
  • ich nicht mehr in Kleingruppen tanze.
  • es mir scheißegal ist, wie ich dabei aussehe.
  • ich mich darüber freue, dass a) Security da ist, b) die Getränke in kleinen Flasche ausgegeben werden (K.O.-Tropfen!), c) die Typen, die auf dem Klo Drogen rauchen, sofort rausfliegen, d) überhaupt nur draußen geraucht werden darf.
  • ich denke: „Gute Mukke hier“, und erst später das Plakat sehe: „11. Juni: 90er Revival Party“.
  • ich im Laufe der Nacht 20 Euro mit Cola und Wasser versaufe, weil die Alten Herren in der Kneipe schon so viele Cocktails ausgegeben haben und ich keinen Schädel kriegen will.
  • ich nach dem Nachhausekommen nachts um 4 dusche und danach sogar den Spritzschutz abflitsche, weil ich denke: „Morgen früh ärgere ich mich sonst über die Kalkflecken.“

Boot Camp

8. 06. 2011  •  56 Kommentare

Die Saisonvorbereitung hat begonnen.

In den kommenden Wochen werde ich Sie deshalb mit Mitleid heischenden Beiträgen zu körperlichen Ertüchtigungsritualen belästigen. Bitte erinnern Sie sich dazu an das lang gezogene „Ooooh“ , das wir vor einigen Wochen in Zusammenhang mit Fischstäbchen eingeübt haben.

„Das wird die härteste Vorbereitung, die ihr je erlebt habt.“ Und: „Zu jeder Einheit: drei Liter Wasser, zwei Handtücher, ein Wechsel-T-Shirt.“ So hat der Trainer das Boot Camp angekündigt. Trotz Vorbereitungsvorbereitung litt ich beim gestrigen Auftakt erwartungsgemäß schwer. Bei gefühlten 40 Grad in der wollmausdurchfusselten, den Schweiß von pubertierenden Realschülern atmenden Vorstadtsporthalle wurde mir zwischen zwei Sprinteinheiten sogar kurzzeitig schwarz vor Augen.*

An den Torpfosten gelehnt, erinnerte ich mich in diesem Moment an die Worte meiner Mutter. Mit warmherzigem Blick und einer auf meinem Unterarm abgelegten, weichen Mutterhand meinte sie vor einigen Wochen: „Möchtest du in deinem Alter nicht besser eine andere Sportart ausüben? Etwas Sanfteres als Handball? Gymnastik zum Beispiel. Oder rhythmischen Tanz.“ Und, nach einer kurzen Pause: „Hast du eigentlich noch diese Turnschläppchen, die wir dir damals gekauft haben?“

Noch eine Saison, Mutti. Dann können wir über alles reden.
Niemals aber über Turnschläppchen.

Das nächste Mal, ich schwör‘!

6. 06. 2011  •  38 Kommentare

S-Bahn von Dortmund nach Duisburg.

Der Zug steht im Bahnhof Dortmund und wartet auf Abfahrt. Ein dürrer Schluffi hängt im Vierersitz und daddelt auf seinem Handy. Ein Typ, eine Art jugendlicher Mr. T, betritt den Waggon und baut sich breitbeinig vor Schluffi auf.

Mr. T: Bist du das, der mich eben auf dem Bahnsteig angemacht hat?
Schluffi: [schaut auf] Äh … nee.
Mr. T: Dann zeig mir den Typen, der genauso aussieht wie du und mich grad auf dem Bahnsteig angemacht hat.
Schluffi:  [unbeeindruckt]
Mr. T: Willst du dich schlagen, he? Los, steh auf! Wir schlagen uns!
Schluffi: Ich hab’s nicht so gemeint.
Mr. T: Nicht so gemeint, Alta? Du machst mich voll an und dann hast du‘ s nicht so gemeint, oder was? Komm, wir gehen raus und hauen uns auf die Fresse.

Die Türen fiepen. Mr. T sprintet raus auf den Bahnsteig. Mit erhobener Faust ruft er durch die sich schließende Tür:

Mr. T: Feige Sau! Verpiss dich ruhig in deinem feigen Zug! Das nächste Mal hau ich dir auf die Fresse! Ich schwör‘!



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