Draußen nur Kännchen
Kaffeehaus mit ♥

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Wagenwarten im Ghettonetto

30. 04. 2011  •  28 Kommentare

Das Ghettonetto hat eine entscheidende Schwäche:
Es hat zu wenig Einkaufswagen. Besonders an den Publikumstagen Freitag und Samstag befinden sich keine in der Parkschleife.

Ich stehe neben den Kassenbändern und warte auf das nächste frei werdende Wägelchen. Eine knittrige Mittdreißigerin bezahlt Formfleisch, Fertiggerichte und zwei Dosen Tabak und räumt alles in ihren Einkaufswagen. Ihr struppiges Haar ist verblichen. Ihre Tochter, ein blondes Herzchen mit Hello-Kitty-Sandalen, schüttelt eine gelbe Ghettonetto-Tüte auf und beginnt, die Sachen einzupacken.

„Geh wech mitte Tüte!“ herrscht die Knittrige sie an, und das Mädchen erschrickt. „Geh da vorne inne Ecke damit. Die Leute sollen ruhich auf unsern Wagen watten. Ich watte auch schon mein ganzes Leben auf ’nen Prinzen.“

Als sie alles eingepackt hat und die Tüte am langen Arm hält, schiebt sie mir mit der freien Hand den Wagen rüber. „Hier“, sagt sie. „Kannze haben. Und von dem Chip, der da drin is‘, kannze dir auffe Kirmes ’ne Rose schießen. Macht sonst eh keiner.“

Dann fasst sie ihre Tochter zwischen die Schulterblätter und schiebt sie zur Tür hinaus.

10 Thesen zur Eröffnung der Eisdielensaison

27. 04. 2011  •  82 Kommentare
  1. Gradmesser für die Qualität einer Eisdiele ist die Schokoladigkeit des Schokoladeneises.
  2. Die Schokoladigkeit korreliert mit der Größe der Splitter in Stracciatella.
  3. Spaghetti-Eis ist die Missionarsstellung unter den Eisbechern: furchtbar gewöhnlich, macht aber trotzdem immer wieder Spaß.
  4. Das Beste am Spaghetti-Eis ist der gefrorene Sahnekern.
  5. Fruchteisbevorzuger grillen sich auch Sojawurst.
  6. Alle Eisdielen heißen „Venezia“, weil selbst dem Zwen seine Omma dat gut aussprechen kann. Anders als „Gelateria San Gimignano“.
  7. Bananensplit ist wie Mario Barth: ‚Ne fiese Sache, trotzdem mögen ihn viele.
  8. Waffelverweigerer essen die Butterbrezel auch mit Becel.
  9. Je kevinchantalle, desto Schlumpfeis.
  10. Macadamia Nut Bite ist zwar nicht italienisch und auch nicht handgemacht, aber auch nicht schlecht.
[inspiriert von @FrauZimt]

Steffi ist dick

25. 04. 2011  •  64 Kommentare

Dass sie dick ist, wurde mir vorab angekündigt.

„Die Steffi, die ist vielleicht dick.“
„Sie wird jedesmal dicker.“
„Nach der Schwangerschaft hat sie es ja nie wieder runtergekriegt.“
„Jetzt lässt sie sich den Magen wegnehmen.“
„Dabei hat sie doch schon ein Magenband.“
„Das hat sie sich weiten lassen.“
„Hat sie?“
„Sonst wäre sie doch nicht wieder so fett geworden.“

Steffi, das weiß ihre Schwägerin, wiegt 140 Kilo auf einsfünundsiebzig. Beim österlichen Mittagessen hat die Verwandtschaft ein waches Auge auf ihren Teller – und den ihres Sohnes.

„Hast Du gesehen? Ihr Teller schwamm vor Soße.
„Und der Junge. Schon vor dem Mittag Schokoladeneier.“
„Da sieht man, woher es kommt.“
„Aber es ist doch Ostern.“
„Omma! Auch an Ostern kann man Maß halten.“
„Aber doch kein Zweijähriger.“
„Gerade bei ihm müsste sie aufpassen. Ihm liegt das Dicksein doch schon in den Genen.“

Mit Steffi sprechen sie natürlich nicht darüber.

„Ich kann mit ihr einfach nicht darüber reden.“
„Ich auch nicht.“
„Sie nimmt sich nicht einen Ratschlag an.“
„Wenn ich so dick wäre, würde ich mir von den Dünnen doch mal etwas sagen lassen.

Is‘ klar.

Gruselbörse, österlich

23. 04. 2011  •  55 Kommentare

Er schrieb mich nett an.

Ich schrieb nett zurück – und erhielt sodann folgende Antwort:

Betr.: Re: Re: Hallo!

Hallo Nessy,

danke für deine Nachricht. Ich finde es allerdings feige, dass du sie nur mit deinem Pseudonym und nicht mit deinem richtigen Namen unterschreibst. Ich finde Kennenlernen über das Internet sehr schwierig und Pseudonyme deshalb nicht gut. Aber weil Ostern ist, antworte ich dir jetzt trotzdem. Vielleicht können wir danach ja mal telefonieren […]

Mmmh.

Betr.: Hasi Hasi machen

Hallo Flirtfreund,

Ostertage – Eiersuche. In Deinem Text sind faule Eier versteckt. Finde sie, dann klappt’s auch mit dem Hasi-Hasi-Machen.

Frohe Feiertage!

Das habe ich natürlich nicht geantwortet, aber … mannomann.

Mein Leben als Bridget Jones, Kapitel 370

21. 04. 2011  •  43 Kommentare

So ein Rückenleiden, Sie kennen das sicherlich, lässt selbst die kleinsten Dinge zur Herausforderung werden.

Mein Leiden ereilte mich ja nun im Bad, wo ich, frisch der Dusche entstiegen, stand, wie die Götter mich schufen. Um nun zum Arzt zu gehen, musste ich mich zunächst ankleiden – alles andere wäre mir unangenehm gewesen, auch wenn mir im Allgemeinen wenig peinlich ist.

Das profanste Kleidungsstück ist in solch einem Fall zugleich das schwierigste: der Schlüpfer. Krumm wie eine welkende Tulpe stehe ich im Schlafzimmer, eine frisch Aloe-Vera-gecremte Blume mit kaltem Tau auf der Stirn. Mit der linken Hand stütze ich mich am Kleiderschrank ab, die rechte fischt den ersten erreichbaren Slip aus der Schublade, schüttelt ihn aus und hält ihn in die Luft wie der Dompteur den brennenden Feuerreifen. Mein linkes Bein nimmt Anlauf, stößt beherzt zu … doch, ach – verpasst, das Loch.

Der nächste Versuch endet ebenso. Beim dritten verheddern sich drei Zehen im Stoff, und ich stürze fast aufs Bett. Ein würdeloses Schauspiel, während die Morgensonne durch die Gardinen scheint und die Szenerie in blasshelles Frühlingslicht taucht.

„Größere Löcher, weniger Stoff“, denke ich, im Ansatz verzweifelt. Mit klammen Fingern durchsuche ich die Strings und finde schließlich dieses glänzend-weinrote, maximal pornöse Teil mit der dicken, schwarzen Schleife über der Poritze. Uninteressant, wie es in meine Schublade kommt – nur so viel: Es hat etwas mit Junggesellenabschied, nicht aber mit Erotik zu tun.

Beinahe behende steige ich ein – ich muss ja nur ein schmales Band überwinden.

Und nun, liebe Leser, stellen Sie sich bitte vor, wie ich mit der grazilen Verve einer anlandenden Robbe, in einem glänzend-roten, mit einem großen Tüllpropeller besetzten Ritzenputzer bäuchlings auf die Liege des fast 70-jährigen Chirotherapeuten krabbele, während dieser, in seiner Professionalität über alle Leibwäsche erhaben, taktvoll schweigt.

Nein, mir ist nichts peinlich. Es gibt für alles, was ich tue und trage, gute Gründe.

Knack

20. 04. 2011  •  34 Kommentare

Ich bin nun wahrlich keine wehleidige Susi.

Aber so eine Blockade des Kreuzbein-Darmbein-Gelenks ist ambitioniert. Da muss man den Schmerz schon ordentlich runteratmen. Der Schweiß steht wie Suppe auf der Stirn.

Dabei habe ich nichts Besonderes gemacht, sondern mich nur leicht nach rechts gedreht, um bei der Morgentoilette nach der Haarbürste zu greifen. Plötzlich fährt es mir – gar nicht mal blitzartig, mehr wie eine Welle – in den Rücken. Ich denke noch: „Sofort bewegen! Geh ins Wohnzimmer, geh durch die Gegend!“ Aber die Sache ist schon gelaufen.

Ich fummle mich in eine Hose und fingere mir Socken und Schuhe an die Füße. Wäre ich Schauspielerin, meine Paraderolle wäre jetzt die Hexe aus „Hänsel und Gretel“. Gebeugt schlurfe ich zum Chirotherapeuten.

Der Chirozauberer drückt, prüft, dreht mich, wendet mich, betäubt den Wirbel, verknotet mich – und ein helles, vernehmliches *Knack kommt aus dem Rücken.

„Sie haben eine sehr gute Muskulatur“, sagt er. „Aber auch eine sehr gute Bänderschwäche. Machen Sie unbedingt weiter Sport.“

Die Vorbereitungsvorbereitung läuft, Herr Doktor. Heute allerdings nicht mehr. Heute futtere ich nur Diclofenac und hänsel und gretel noch etwas um den Block.

Pflegedienst

14. 04. 2011  •  45 Kommentare

Es ist Abend. Das Telefon klingelt. Ich nehme ab.

Freundin: Ich glaube, ich habe mir den Fuß gebrochen.
Nessy: Du glaubst, du hast Dir den Fuß gebrochen? Was spricht dafür?
Freundin: Ich habe einen Gips.
Nessy: Hmm. Das spricht tatsächlich dafür.

Sie erzählt, dass sie beim Sport umgeknickt sei. Dass sie im Städtischen war und die Assistenzärztin ihr den Haxn bandagiert hat. Die Diagnose sei nicht ganz klar: Haarriss im Knochen, außerdem Bänderriss, vielleicht auch Kapselriss. Alles ist möglich, nichts ausgeschlossen. Nur eins ist sicher: diese höllischen Schmerzen! Als wenn dir einer einen Schraubenschlüssel in den Knöchel rammt.

Freundin: Ich habe mir das so gedacht: Du nimmst mein Auto und fährst mich in den nächsten Wochen durch die Gegend.
Nessy: Hmmm.
Freundin: Morgen um acht bei mir.

Nächster Tag. Sie hat tatsächlich einen Gips. Mit Ach und Weh hievt sie sich ins Auto. Ich fahre sie zur Arbeit. Um 16 Uhr macht sie Feierabend. Dieses Pochen im Fuß! Unerträglich. Ich fahre sie zurück nach Hause.

Freundin:  Kommst du noch ’n bisschen mit hoch? [Pause] Ich muss noch eine Thrombosespritze haben. [Pause] Ich kann das nicht! Du musst das machen!
Nessy: Dir eine Thrombosespritze geben?
Freundin: Jaaaaaaaa!
Nessy: Ich hab‘ das doch auch noch nie gemacht.
Freundin: Egal!

Sie hüpft die Treppe hoch. Ich hinterdrein. In der Wohnung angekommen, wirft sie sich aufs Sofa und bleibt eine Weile schnaufend auf dem Rücken liegen. Dann lupft sie ihren Pulli und kneift sich in den Bauchspeck. „Hier! Da muss sie rein! Liegt in der Küche. Aber du musst mich dabei ablenken. Erzähl mir was!“

Wir desinfizieren mit ihrem 5-Phasen-Gesichtswasser für anspruchsvolle Mischhaut. Ich hole die Spritze und setze mich neben sie. „Ich zähle bis drei“, sage ich. „Eins … “ – sofort stecke ich die Spritze in den Speck und drücke ab.

Freundin: Du hast mich gelinkt!
Nessy: War ’n Trick.
Freundin: Ich glaube, es hackt!

Die Freundin ist noch eine Weile empört, fühlt sich dann aber sehr tapfer. Die Tapferkeit macht sie hungrig. Ich muss ihr ein Brot schmieren und eine Flasche Wasser ans Sofa stellen, dann darf ich gehen.

Am nächsten Morgen fahren wir zum Orthopäden, nochmal nachgucken lassen. Das hatte die Assistenzärztin empfohlen – wegen der Sicherheit; und weil sie grad erst frisch von der Uni runter ist. Ich sitze im Wartezimmer und lese die Gala. Die Freundin kommt aus dem Behandlungszimmer. Ohne Gips und überraschend unverletzt.

Nessy: Ich habe dich doch gestern nur einmal berührt. Und schon bist du geheilt.
Freundin: Ist nur ’ne Dehnung.

Das ist es also, was ich schon immer gespürt habe: Ich habe magische Kräfte. Frau Nessy, demnächst im neuen Business:

Wunderheilungen und Gesundstreicheln.
Für Sportverletzungen und das Übliche.

1 Minute = 5 Euro.
 Keine Erotik. Echte Wissenschaft.

Ein Jahr ohne Auto

13. 04. 2011  •  79 Kommentare

Seit etwa einem Jahr lebe ich nun ohne Auto.

Die Radelsaison ist eröffnet

Die meisten Menschen reagieren darauf sehr mitfühlend: „Kein Auto? Wie schrecklich! Wie lange musst du das noch machen?“ Die Antwort: Solange, wie ich möchte.

Ich wohne in einem Ballungsraum. Alle zehn Minuten fährt ein Bus. Oder eine U-Bahn. Alle 20 Minuten ein Regionalexpress. Ich besitze zudem ein sehr gutes Fahrrad. Das Nettoghetto – der Supermarkt für den täglichen Bedarf – befindet sich direkt die Straße runter.

Für meinen Arbeitsweg benötige ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln 40 Minuten. Mit dem Rad 25. Mit dem Auto – wenn ich eins hätte – bräuchte ich 15, müsste aber dann zehn Minuten nach einem Parkplatz suchen und von dort fünf Minuten zurück zum Büro laufen.

Wenn ich mir überlege, was mir ohne Auto alles erspart bleibt: Anschaffung, Versicherung, Inspektionen, Winterreifen, Sommerreifen, die hohen Spritpreise, die Diskussion um E10 … – nein, aktuell sind Fahrrad und ÖPNV konkurrenzlos. Beides funktioniert im Übrigen auch gut in Kombination.

Natürlich: In den Abendstunden ist es manchmal lästig. Allerdings: Das Angebot an Nachtexpressen ist recht gut; in jedem Fahrzeug fährt außerdem ein Sicherheitsmann mit. Und noch was: Die Verspätungen der Bahn sind objektiv betrachtet nicht so gravierend, wie sie sich subjektiv manchmal anfühlen. Auch nicht während des Berufsverkehrs und insbesondere, wenn ich die Alternative betrachte: statt am Bahnsteig im Stau zu stehen.

Ein angenehmer Nebeneffekt des autolosen Lebens: Fahrtzeiten sind Mußezeiten, in denen ich lese oder Musik höre. Das Fahrradfahren macht gute Laune. Mein Leben hat sich spürbar entschleunigt. Eine schöne Sache.



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