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Der schönsten Großmutter

8. 12. 2010  •  62 Kommentare  •  Aus der Kategorie »Sippe«

Schwarz-Weiß-Aufnahme: Meine Großmutter in einem Kleid auf einer Wiese, im Hintergrund mein Großvater.
Immer, wenn ich bei ihr schlief, lag ich in ihrem großen Bett unter einer schweren Daunendecke und zählte die Blüten, die auf der Tapete wuchsen.

Das Frottee war rau, die Matratze weich. Ihr Kissen duftete nach Waschmittel, nach ihrem Parfum und nach ihr selbst – ein Geruch, der weich wie Watte war und sanft in der Nase kitzelte. Wir beteten das Vaterunser; dann schob sie einen Polstersessel vor mein Bett und ging ins Wohnzimmer, wo sie Sportstudio schaute. Ich lauschte den gedämpften Stimmen und schlief ein.

Sie schaute niemals Volksmusik, niemals Schlagersendungen oder Schmonzetten. Wir sahen uns gemeinsam „Der große Preis“, „Einer wird gewinnen“ oder Spiele von Bayern München an. Sie war ein großer Fan. Wir teilten uns Karlsberger Oblaten und kuschelten uns aneinander.

Wir machten gemeinsam Kreuzworträtsel. Sie war eine sehr gute Kreuzworträtslerin. Jeden Dienstag ging sie zum Kiosk und kaufte sich neue Hefte. Beim Schwedenrätsel war sie unschlagbar, sie wusste alles, sogar Sachen wie „Apostel der Eskimos“. Als sie nicht mehr sehen konnte, las ich ihr vor, sie sagte die Lösung und ich trug sie ein.

Sie war sehr hübsch. Sie war groß, schlank und elegant. Ihre Haut war sehr weich. Sie hatte viele Falten, aber ihre Haut war zart, im Gesicht und auch an den Armen. Sie hatte Sommersprossen auf ihren weichen Unterarmen, ganz viele kleine, und auf der Hand Altersflecken. Als sie nur noch im Bett lag, habe ich ihr warmes, weiches Gesicht gecremt. Sie liebte es, wenn ich sie cremte, weil ihre Haut oft trocken war, seit sie kaum noch aß und trank. Sie liebte es auch, wenn ich ihr Haar bürstete, ruhig etwas fester, das tat ihr gut. Wie ein weißer Teppich lag es danach auf ihrem Kopfkissen und glänzte im Schein der Deckenlampe.

An Weihnachten sagte ich ihr einmal, dass sie die beste Oma sei, die es gebe. Ich sagte es, weil ich wusste, dass es unser letztes Weihnachten sein würde. Sie nickte. Sie wusste es auch. Nicht ganz ein Jahr später, heute, am 8. Dezember vor neun Jahren, starb sie. Es war nachts um vier.

Ich besuchte sie noch einmal. Ich musste mich beeilen, denn ich hatte eine weite Anreise. Sie lag da wie die Monate zuvor in ihrem Bett. Ihr weißes Haar ergoss sich auf ein weißes Kissen, ihre Hände waren gefaltet. Sie trug ein Totenhemd und sah sehr erhaben aus.

Ich stand da und beobachtete sie. Es war seltsam, dass sie sich nicht regte, nicht atmete.

Ich wartete. Auf eine Bewegung. Auf ein Zeichen. Auf mein Begreifen.

Wenn ein Mensch im Raum ist, auch wenn es dunkel ist und wir ihn nicht sehen, spüren wir, dass er da ist. Es ist seine Wärme, seine Energie; es ist die Magie, die jeden von uns umgibt.

Ich berührte sie. Zuerst an den Händen, dann an den Wangen. Dann streichelte ich ihr Haar. Es war noch ganz weich. Aber ihre Haut war wie Kerzenwachs.

Sie lag da, aber ihre Magie war an einem anderen Ort.
Ich war allein im Raum.

Wir beerdigten sie an einem windigen Wintertag. Seitdem war ich nur wenige Male an ihrem Grab. Ich brauche nicht dorthin. Ich habe sie immer bei mir.

Kommentare

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  1. Elena sagt:

    Wunderbare Worte für eine Lebensliebe.

    Sei lieb gegrüßt
    E.

  2. Puppe sagt:

    Jetzt sitze ich im Büro und muss mich anstrengen, dass die Träne nicht runterrollt. Liebe Nessy, dieser Worte würden Ihre Oma stolz und glücklich machen.

  3. Lillibelle sagt:

    Ich musste gerade auch sehr schlucken. Vielleicht auch, weil ich am Wochenende am Grab meiner Oma war. Meine Oma war nie so herzlich, wie man es von der perfekten Oma erwartet. Sie war auch nicht die beste Oma der Welt. Aber ich hatte sie sehr lieb und verbrachte jede Sommerferien mindestens zwei Wochen bei ihr. Manchmal auch die Winterferien oder Weihnachten. Ich erinnere mich an ein Silvester, als wir aus ihrem Fenster schauten und das Feuerwerk bewunderten, was man über den Feldern und der Kirche sah. Sie starb am 15. Februar 2007. Und ich weiß, dass die Zeit um die Beerdigung und danach sehr schlimm war. Weil sich herausstellte, dass sie es doch war, die die Familie zusammengehalten hat.

    1. Nessy sagt:

      Ist es nicht immer so, dass die Großmütter die Familie zusammenhalten? Bei ihnen ist der Ort, an dem sich alle regelmäßig treffen – und nach ihrem Tod löst sich die Ursprungsfamilie auf und bildet mit ihrer Generation neue Zentren.

  4. Wunderschöner Text, wunderschönes Foto. Danke dafür!

    Ich bin auch sehr froh, dass ich meiner Oma eine Woche vor ihrem Tod noch sagen konnte, wieviel sie mir bedeutete und dass ohne sie die Familie den Bach runtergegangen wäre. Und wie bei Ihrer Oma: sie nickte, sie wusste das, freute sich aber, dass ich es sagte. Meine Geschwister haben ihr das auch noch sagen können und wir sind alle froh darüber. Wir vermissen sie sehr, aber mit so einem Abschied ist es leichter.

    1. Nessy sagt:

      Wenn die Alten gehen – wenn sie sterben, weil sie alt sind, und wir uns noch verabschieden können, ist es traurig, aber irgendwie auch ergreifend.

  5. puzzle sagt:

    einfach schön.

  6. Eilan sagt:

    Wow, ergreifend. Und schön.
    Ich möchte auch so eine Oma haben.

  7. Frau Irgendwas ist immer sagt:

    In 2 Tagen hätte meine Oma ihren 89. Geburtstag feiern können … vor rund 2,5 Jahren ist sie verstorben und sie fehlt mir sehr … ich gehe auch nicht oft an ihr Grab obwohl es nur um’s Eck ist … da ist sie ja nicht … viele schöne Erinnerungen sind aber geblieben.

    1. Nessy sagt:

      Wenn ich hinginge, würde meine Oma wohl nur sagen: „Dass Du auch mal wieder vorbeikommst!“ Das sagte sie immer, auch wenn ich sie tags zuvor erst besucht habe.

  8. sweetkoffie sagt:

    Ja, liebe Nessy, was wäre die Welt ohne unsere Oma… unsere Omma… wie ich immer sage, kein Mensch riecht so lecker nach Lavendel, niemand kann so guten Vanillepudding kochen und es gibt keinen, der aus einer kleinen Zeitungsnotiz eine spannende Krimigeschichte erzählen kann, dass ich mich anschließend nicht mehr alleine in de Keller traute.
    Meine Omma Anna verstarb vor 20 Jahren. Ich vermisse sie noch heute.
    Inzwischen bin ich selbst eine Omma geworden und koche unserem Colin Milchreis, den er so gerne ißt, singe mit ihm freche Lieder, dass meine Tochter die Augen verdreht und erzähle ihm , wenn er bei mir übernachten darf, spannende Geschichten im Dunkeln.
    Für mich ist es das größte Kompliment, wenn der Kleine Fragt: „Omma, wann darf ich wieder bei Dir schlafen?“

    So versuche ich, all das gute, das ich von meiner Omma haben durfte an meinen enkel weiterzugeben und ich glaube, sie hätte ihre Freude daran. Deshalb ist Omma auch immer ganz nah bei mir.
    Gell, Omma??

    1. Nessy sagt:

      Die, die wir geliebt haben, leben ins uns weiter. Zumindest fühlt es sich so an.

    2. sweetkoffie sagt:

      Nessy, das fühlt sich nicht nur so an, das ist so :-)

  9. Ira sagt:

    Oh nein, jetzt weine ich hier doch tatsächlich. Wie schön, dass Sie eine solche Oma hatten und haben.

  10. Lobo sagt:

    Ach je, da läuft mir doch mitten im Laden ein Tränchen über die Wange, aber das ist sicherlich nur der Schnupfen, Männer weinen ja nicht.

    Meine liebsten Ferien/Weihnachts Erinnerungen sind immer die Wochenenden bei Oma und Opa. Mein Opa starb schon vor 20 Jahren, aber meine Oma war weiterhin immer für mich da.

    Niemand kocht so gut wie Oma (sagen ja viele, aber is ja auch so), mit Oma durfte ich immer „Die Straßen von San Franzisco“ gucken, bei Oma gab es RIESENeisbecher und IMMER Nachtisch, bei Oma wurden Weihnachtsplätzchen gebacken, bei Oma fand das Weihnachtsessen statt.

    Leider leidet sie nun im hohen Alter zunehmend an Demenz und auch sonst geht es ihr gesundheitlich nicht mehr gut, das nimmt mich sehr mit.

    Meine andere Oma war allerdings das genaue Gegenteil. Eine mißmutige, etepete Frau, zu der ich später garnicht mehr hinging, weil ich dort immer das „schwarze Schaf“ war.

  11. anima sagt:

    Das ist einfach nur rührend, Frau Nessy.

    Ich wünschte, ich hätte auch so eine Oma gehabt, die ich noch heute mit liebevollen Gedanken in meinem Herzen tragen könnte.

    Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt,
    der ist nicht tot, der ist nur fern.
    Tot ist nur, wer vergessen ist.

    Immanuel Kant

  12. chat noir sagt:

    Liebe Frau Nessy,
    vielen Dank für diesen wunderbaren Text. Vor ein paar Tagen hätte mein Opa seinen 115. Geburtstag gehabt. Ich habe ihn sehr geliebt, er verstarb aber früh. Meine schönsten Kindheitserinnerungen ranken sich um ihn. Sogar heute vermisse ich ihn noch, viele, viele Jahre nach seinem Tod.

    1. Nessy sagt:

      Dann gefällt Ihnen vielleicht dieses Video:

      [youtube=http://www.youtube.com/watch?v=pDUAj9vcVXk&fs=1&hl=de_DE]

  13. fxf sagt:

    Wie traurig, und wie schön….
    Wenn ich heute Abend bei Bayern im Stadion sitze, werde ich an die fußballschauende Oma denken, unbekannterweise. Und bald meine Großtante besuchen gehen, die demnächst 102 wird.

    1. Nessy sagt:

      Wow.

      Meine Oma wird es Ihnen bestimmt danken. Vielleicht hat sie von oben mittlerweile auch den besseren Blick ins Stadion.

  14. katerwolf sagt:

    schön geschrieben. meine oma ist im vergangenen jahr gestorben, ich vermisse sie sehr. die idee, etwas über sie zu schreiben, gefällt mir, ich werde das auch mal machen.

    liebe grüße, katerwolf

  15. gminggmangg sagt:

    Schlicht wunderbar liebevoll, danke.

  16. Iche sagt:

    Danke für diese Worte Frau Nessy…
    Was Ihnen Ihre Oma ist, ist mir mein Opa. Er starb letztes Jahr am 3.12. Ihr Situation kommt mir – bis zum Gesicht eincremen – sehr bekannt vor.
    Einfach schön geschrieben.
    Und ja, ich sitz jetzt vor dem Laptop und weine.

    1. Nessy sagt:

      Oje, erst ein Jahr her.
      Es dauert so viele Jahre, bis die Trauer weggeht.

  17. Hallo Nessy, wenn man in der Kindheit ein liebevolles Verhältnis zu den Großeltern hatte, wird es ein Geschenk für das ganze Leben.Die Besuche am Friedhof brauche ich auch nicht. Die Erinnerungen sind immer Gegenwärtig.
    Mit den Besten Wünschen
    Mrs. Jones

  18. Blogolade sagt:

    Danke!
    Auch mir kullert ein Tränchen.

  19. antagonistin sagt:

    Danke für Ihren Text.

    Meine Oma starb vor knapp 12 Jahren, wenige Tage, bevor sie 90 geworden wäre. Ich sah sie noch einmal am Tag ihrer Beerdigung. Sie sah aus wie ein Kind, zart, zerbrechlich.

    Ohne sie wäre vieles in meinem Leben sehr schlimm gewesen. Sie fehlt mir oft, aber sie ist auch immer gegenwärtig.

  20. RS75 sagt:

    Meine Oma ( Mutters Seite ) war nie die typische Oma, eher streng, kein Geschichten vorlesen oder was vorsingen, Jungs waren eh besser, sie wohnte auch weit weg, ich sah sie nur selten. Aber : Ich schrieb ihr, grade als ich es konnte und dann rief sie immer meine Mutter an und erzählte ihr, wie sehr sie sich freute und manchmal schrieb sie mir auch lange Briefe zurück. Ich glaube, das war die geheime Zuneigung, die wir zueinander hatten und um die keiner wußte. Und mein Opa ( Vaters Seite ) wohnte bei uns und als er bettlägerig wurde, hörte ich einmal, wie die Pflegeschwester zu meiner Mutter sagte, er bräuchte trotzdem viel Bewegung. Von da an bin ich immer in sein Zimmer und er mußte einen Ball fangen, dem ich ihm zuwarf, er brauchte ja Bewegung ;-) Als er starb, durfte ich nicht dabei sein, meine Eltern meinten wohl, ich würde es noch nicht verstehen.

    1. Nessy sagt:

      Dabei verstehen Kinder solche Dinge doch besser, als Erwachsene denken.

  21. barb sagt:

    Meine Oma ist am 8. Dezember vor 14 Jahren gestorben. Ganz plötzlich, wir hatten zwei Tage vorher noch telefoniert. Ich war hochschwanger hier in Kanada und konnte nicht zur Beerdigung fliegen. Meine Oma (ihr Lachen, ihre Kuchen, ihre guten Ratschläge und die Sorgen, die sie sich -meist grundlos- um mich machte) fehlt mir immer noch. Sie hat mir ihre Rezepte vermacht. Wenn sie mir zu sehr fehlt, backe ich Kuchen oder Plätzchen.

    1. Nessy sagt:

      Ihrem Kind wünsche ich einen baldigen, schönen Geburtstag.

      Auch ich habe von meiner Oma Backformen geerbt – und die Ausstechförmchen, die mein Opa im Krieg selbstgezimmert hat (eine Eigenschaft, die sie bei jedem Plätzchenbacken erwähnte).

  22. chat noir sagt:

    Vielen Dank für das Video, es passt so wunderbar!

  23. Susel sagt:

    Jetzt muss ich wieder mit verquollenen Augen aus dem Haus. Trotzdem danke!

  24. Thomas sagt:

    Meine Oma hatte die ganze Familie zu ihrem 75.Geburtstag eingeladen. Sie war ganz aufgeregt vor Freude, alle um ihren Tisch zu versammeln. Einen Tag vor dem großen Fest fiel ihr irgendetwas ein, das sie noch ganz schnell besorgen wollte. Sie war wohl zu sehr in Gedanken, daß sie das Motorrad nicht beachtete als sie die Strasse überquerte …
    Als wir dann ihre Wohnung auflösen mußten, in der sie schon seit ihrer Kindheit lebte, in der mein Vater groß geworden war, in der sie den Krieg überstanden, in der ich jedes Jahr einen großen Teil meiner Ferien verbrachte, da war es, als ob ein Stück von uns allen mit auf den Container wanderte.
    Ja, die Omas sind schon ein ganz besonderer Menschenschlag. Schön, daß Du die Zeit mit Deiner Oma so geniessen konntest. Ich habe eigentlich erst begriffen was ich verloren habe, als es zu spät war. Es war zu selbstverständlich, daß sie immer für uns da war. Aber bestimmt wollte sie es auch nicht anders.
    Das alles ist nun schon 27 Jahre her und ich könnte selbst schon Opa sein. Es sieht auch leider noch nicht so aus, als würde mein Sohn daran kurzfristig etwas ändern wollen. Aber wenn, dann weiß ich ziemlich gut, was Enkel mögen…

    1. Nessy sagt:

      So traurig ist es: Die Oma ist damals voller Vorfreude gestorben. Das ist ein positiver Gedanke.

  25. Es ist schön, wenn Menschen alt sind und geliebt werden und dann mit dieser Liebe im Herzen gehen können.

    Meine Großeltern sind schon lange,lange tot (1976/1977), aber ich kann mich noch gut an sie erinnern. Damals war ich noch Kind bzw. Teenager und ich dachte, es reißt mir das Herz aus der Brust. Sie waren noch alle relativ jung, gerade mal Anfang bzw. Mitte 60, so dass ich alte Großeltern in dem Sinne gar nicht kenne.
    Aber ich kenne auch keine alten Eltern, denn meine sind auch schon gegangen.

    Ich weiß nicht, ob es Fluch oder Segen ist, fühle nur den Schmerz, um etwas beraubt worden zu sein.
    Ich hoffe, dass ich einmal älter werde :-(

    1. Nessy sagt:

      Dass hoffe ich mit Ihnen.

      Ich kann es gut nachvollziehen, dieses Gefühl, dass etwas fehlt. In meiner Familie werden die Alten – abgesehen von meinen Großvätern – sehr alt. Es ist schön, lange beieinander zu sein.

  26. Kirsche sagt:

    Einfach wunderschön :)

    Bei mir war es mein Opa, ich liebte Ihn überalles er starb am 26.11.2005 und auch ein teil meines Herzens…ging mir wohl nicht alleine so meine Oma starb am 18.12.2005 auch Sie konnte sich wohl ein Leben ohne Ihn nicht vorstellen.

    1. Nessy sagt:

      Das ist unglaublich .. irre, nicht wahr? Dass die Ehepartner auf Kommando sterben können – einfach, weil ihnen der Lebensmut ausgeht.

  27. Sanna sagt:

    Ich habe ähnliche schöne Erinnerungen an meine Oma. Sie war die Frau, die mich wirklich prägte und ihr verdanke ich es, daß ich heute so bin wie ich bin.
    Auch ich brauche nicht zu ihrem sehr viele Kilometer entfernten Grab gehen, weil sie stets „bei mir“ ist.
    Ein Foto aus ihrem letzten Lebensjahr steht in meinem Wohnzimmer. Immer, wenn ich gar nicht weiter weiß vor lauter Problemen, stelle ich mich davor und halte stille Zwiesprache mit ihr. Danach fühle ich mich jedesmal besser, erleichtert. Omi hat immer zugehört (und beraten – nie evtl. Lösungen vorgesagt!) – und ich weiß, sie hört mir noch heute zu.

    Auch wenn es makaber klingt – aber manchmal habe ich den Duft ihres Parfums in der Nase…

    1. Nessy sagt:

      Es gibt sogar einen Ort, an dem es noch ein bisschen nach meiner Oma riecht. Es ist jedesmal ein besonderer Moment, wenn ich es wahrnehme.

  28. Oh, ich hab jetzt bestimmt 20 Minuten geheult.

    Weil ich meinen Opa auch so sehr vermisse, seine Späße, sein Lachen, seinen Garten, die ganzen lateinischen Pflanzennamen die ich schon mit 6 Jahren auswendig wusste und jetzt längst wieder vergessen habe, die Spaziergänge am Bach entlang mit Tiralala-Stöckchen und Bumskolben, die Geschichten, morgens bei Oma und Opa in der Besucherritze, wenn ich bei ihnen übernachtete und morgens zu ihnen kuscheln durfte.

    Ich heule, weil ich es bei heute nicht verwinde, mich nicht richtig verabschiedet zu haben. Ich hab es einfach nicht war haben wollen, dass ich ihn zum letzten Mal sehe. Ich weiß, dass alle um ihn herumstanden und ich war ganz außen an die Tür gedrückt und kam einfach nicht ran… Und am Tag als er gestorben war, musste ich trotzdem in die Schule (Abiturklausuren schreiben – frag nicht nach dem Ergebnis). Viel lieber hätte ich mich (noch) ohne Führerschein in irgendein Auto gesetzt und wäre hin gefahren nur um ihn noch einmal zu sehen. Aber ich war zu vernünftig. Scheiße.

    Ich heule, weil seine kleine Urenkelin (die den Namen seiner Mutter trägt) hier gerade friedlich neben mir schläft und ich weiß, was für einen tollen Uropa sie nie haben wird. Er ist jetzt 13 Jahre tot und ich weine immer noch, wenn ich an ihn denke, das hört nie auf.

    Und ich heule gerade auch, weil ich Angst habe, dass ich nächstes Jahr auch so etwas über meine Oma schreiben muss… Und ich bin so weit weg… Das wird wohl auch wieder ein Abschied ohne Abschied. Aber vielleicht doch nicht so bald. Vielleicht, aber unwahrscheinlich, immerhin ist sie 92 und hat gerade die 3. Krebsdiagnose bekommen. 2 X hat sie’s schon geschafft, aber wenn ich realistisch bin… Weihnachten werden wir wieder bei ihr sitzen, die Kinder und Schwiegerkinder im Wohnzimmer, die Enkel, Schwiegerenkel und ihre kleine Urenkeltocher im „kleinen Zimmer“ und es wird wie immer sein. Vielleicht zum letzten Mal, und ich hoffe, dass ich es genießen und das ausblenden kann… Vor allem, weil man ihr wieder nichts anmerken wird. Sie ist so stark.

    Komisch, über meine andere Oma würde ich sowas nicht schreiben. Scheint wohl so zu sein, dass es für einen immer nur EINE Lieblingsoma gibt. Bei Opas kann ich es nicht beurteilen, ich hatte nur einen.

    1. Nessy sagt:

      Ihre Lieblingsoma weiß wahrscheinlich alles schon, was Sie ihr noch sagen wollen und können. Aber vielleicht ist es schön, ihr einen Brief zu schreiben – und ihr als Weihnachtsgeschenk eine Sammlung von gemeinsamen Erlebnissen zu erzählen, die Sie niemals vergessen werden?

      Dass es keinen Abschied gab, setzt, glaube ich, nur den Lebenden zu. Den Toten macht es nichts aus – Ihr Opa hatte ebenso viele Erinnerungen an Sie im Herzen wie Sie an ihn. Und er hat sie dorthin mitgenommen, wo er jetzt ist.

    2. „Komisch, über meine andere Oma würde ich sowas nicht schreiben. Scheint wohl so zu sein, dass es für einen immer nur EINE Lieblingsoma gibt.“
      Das kann ich bestätigen. Meine Großeltern leben alle noch. Und meine Großeltern väterlicherseits sind total anstrengend und geben mir 99 Prozent der Zeit, die wir zusammen verbringen, das Gefühl, dass ihnen total egal ist, was ich denke oder wie ich lebe. Meine Großeltern mütterlicherseits sind total lieb, ermutigen mich, schenken mir Sachen, die ich wirklich mag, und hören mir zu. Ich wäre wohl bei allen Großeltern traurig, wenn sie weg sind, bei meinen Großeltern mütterlicherseits habe ich aber wirklich Angst, dass sie irgendwann weg sind. Ich hoffe mal, dass das noch lange dauern wird, meine Großeltern sind höchstens 67.
      Ich möchte noch hinzufügen, dass ich diesen Blogartikel wirklich schön finde.

  29. Xarminta sagt:

    Meine Großmutter ist schon Ende Juli 2001 gestorben, aber wir vermissen sie immer noch bitterlich. Seit sie nicht mehr da ist, funktioniert die Kommunikation in der Familie nicht mehr. Unsere Mutter ist ein Totalausfall as Familienfunk, stellen meine Schwester und ich immer wieder fest.-

    1. Nessy sagt:

      Dann müssen wohl Sie übernehmen. :o)

  30. Hallo Frau Nessy.
    Ich muss zugeben, gestern habe ich nach dem Lesen Ihres Artikels so geweint, dass ich nicht imstande war, zu kommentieren.
    Wollte ich aber gern.
    Wunderbar und sehr inspirierend, wie Sie Ihrer Großmutter eine kleine gedankliche Hymne geschieben haben.
    Die Omi’s halten die Welt zusammen und sind immer bei uns.
    Vielen Dank und liebste Grüße,
    Llynnya

    1. Nessy sagt:

      Vielen Dank. Ja, es ist so: Die Omas und Opas halten die Familie zusammen – bis die Eltern zu Großeltern werden und ihren Platz einnehmen.

  31. Britta sagt:

    Liebe Frau Nessy,

    ganz großen Dank für diesen wundervollen Beitrag. Er hat mich sehr tief berührt und auch sehr bewegt, es sind viele Tränen geflossen. Auch ich hatte so eine tolle Oma. Als ich sie das letzte Mal sah, nur wenige Wochen vor ihrem 95 Geburtstag hat sie als sie wegfuhr so bitterlich geweint. Sie muss gewußt haben das wir uns zu letzten mal sehen. Am Tag als sie gestorben ist habe ich sie angerufen aber es ging keiner an Telefon, ich dachte sie ist gerade niocht in der Wohnung. Am Mittag hörte ich dann das sie gestorben war. Auch heute 4 Jahre später frage ich mich ob sie das Telefonläuten wohl noch gehört hat?

    Viele liebe Grüße und Danke

    Britta

    1. Nessy sagt:

      Vielleicht. Vielleicht nicht. Vielleicht haben sie in dem Moment angerufen, als sie ging. Oder kurz davor. Oder danach.

      Sie haben an sie gedacht. Das ist das Wichtigste.

  32. Kirsche: bei uns war das auch so – Opa starb im April, Oma folgte im Juli. Nach 65 Jahre Ehe allein sein, das war für sie nicht vorstellbar, obwohl sie da schon leicht dement war.

    Xarminta: Unsere Omma nannten wir „die Buschtrommel“ – bei ihr liefen alle neuesten Nachrichten der über ganz Deutschland verstreuten Familie ein. Omma bekam alle Informationen immer zuerst, das war Ehrensache. Seit sie nicht mehr da ist, funktioniert das auch nicht mehr gut.

    Es ist so schön zu lesen, wie viele tolle Großeltern es gibt und gab, und ich freue mich über die, die hier schreiben, dass sie ihren Enkeln ebenso gute Großeltern sein oder werden wollen. Schön.

  33. Alex79 sagt:

    Wundervoll geschrieben, vielen Dank.

    Ich habe noch nie darüber gesprochen, meine Oma starb ganz unspektakulär im Krankenhaus. Sie war eine tolle Oma, hatte einen ureigensten Humor und ein leichtes Lachen, welches leicht in ein gackern überging und ihr dann immer etwas peinlich wurde. Wir haben viel gelacht und fanden viele Sachen witzig. Ich habe sie eigentlich nie Trübsinnig erlebt. Sie konnte wundervoll kochen, alles immer selbst gemacht – darauf war sie stolz ohne es zu zeigen. Ich habe noch ihren Gulasch-Topf, aber es schmeckt bei weitem nicht so gut wie bei ihr damals.

    Ich habe sie gern besucht, sie wohnte mit Opa zusammen in einer kleinen 2 Zimmer Wohnung; ein lange Flur ging zur Tür und wenn wie ihn betraten öffnete sich die Tür am anderen Ende und sie strahlte uns an.

    Auch mein Opa war toll, ein Bastler und hatte immer was zu erzählen. Er besass ein ferngesteuertes selbstgebautes Boot und für uns Kinder war es immer toll damit zu fahren. Auch reparierte er vieles, an Fahrrädern oder an seinem Schrebergarten.

    In meiner letzten Erinnerung sitzt Oma auf einem Bett in Krankenhauskleidung am Tag vor ihrer OP. Sie war auch da guten Mutes und freut sich über die Orangen und den Saft den wir mitgebracht hatten. Ich war 18-19 und ich fand nichts besonderes an der Situation. Menschen gehen ins Krankenhaus um Gesund zu werden. Am nächsten Tag sagte mir meine Mutter, dass die OP nicht gut verlaufen ist und Oma dabei gestorben ist. Ich weiss nicht mehr was es war, aber sie hatte eine 50/50 Chance und ohne die OP wäre sie in wenigen Monaten Tod gewesen.

    Ich weiss nicht, was für Mut erforderlich ist um tags vorher mit einem Lächeln auf einem Bett zu sitzen in dem Bewußtsein, dass man morgen zu 50% Tod sein könnte.

    Und ich habe die Situation komplett nicht verstanden – selbst heute nicht.

    Opa starb einige Monate später, er kam nicht wirklich gut alleine klar. Oma hat eigentlich die Dinge des täglichen Lebens organisiert. Meine Mutter und meine Tante waren zwar oft da und wir haben ihn oft besucht oder eingeladen, aber da war nur noch wenig Lebenfreude bei ihm. Er beklagte sich aber auch nie, sondern nahm es so hin.

    Er kam dann wegen einer eigentlich harmlosen Erkrankung ins Krankhaus, fing sich da einen antibiotika-resistenten Erreger ein und wurde nach 2 Woche ohne Behandlungserfolg nach Hause zum sterben abgeschoben. Da starb er dann kurze Zeit später. Am Tag vorher rief mich meine Mutter noch an, ob ich morgen mitkommen möchte, Opa redet komische Sachen und es geht wohl zu Ende. Ich sagte zu, jedoch kam 1 Stunden später ein Anruf das es nicht mehr erforderlich sei.

    Wir haben beide Beerdigungen bei dem gleichen Unternehmen gemacht, ich fand es nicht besonders gut, habe aber auch keinen Vergleich. Ich fand unsere kleine Familie hat aber das Richtige gemacht. Bei der Beerdigung von Opa habe ich meine Vater zum ersten und einzigen mal verzweifelt weinen gesehen. Sie hatte keine besonders enge Beziehung zueinander, nicht mehr, aber auch nicht weniger als der Rest der Familie. Ich habe ihn nie darauf angesprochen.

    Krankenhäuser machen Menschen gesund – manchmal.

    Ich habe eigentlich nie getrauert und tue es auch jetzt nicht in der „üblichen Form“. Sie sind halt nicht mehr da, aber eigentlich doch noch. Man kann sie nur gerade nicht besuchen, anrufen oder schreiben – sie sind unterwegs.

    Und ich mag keine Krankenhäuser.

    Das ganze ist mehr als 10 Jahre her, ich dachte schon es vergessen zu haben.

    1. Nessy sagt:

      Danke für die Geschichte. „Sie sind unterwegs“ – das ist ein schöner Satz.

      Ich weiß nicht, wie man in eine OP mit nur 50 Prozent Überlebenschance geht. Aber ich kann mir vorstellen, dass es okay ist, wenn man mit sich selbst im Reinen ist, alles erlebt hat, was man erleben wollte, und die Menschen, die man liebt, einem gerade noch Orangensaft gebracht haben.

      Ja, ich glaube, dann ist es okay.

  34. Eva sagt:

    Danke für den Text – musste weinen, aber er ist gleichzeitig auch sehr tröstlich. Meine Oma ist letztes Jahr gestorben, wir hatten eine ganz besondere Beziehung zueinander und ich merke, dass sie immer noch bei mir ist. Es ist schön, dass wir solche Menschen um uns haben und hatten. :) Lieben Dank!

  35. Straycat sagt:

    Meine Oma ist dieses Jahr im August verstorben, am Geburtstag meines Sohnes. Ich vermisse sie so sehr, dass ich es versuche zu vermeiden an sie zu denken, einfach weil es noch zu sehr weh tut. Möglich ist es gerade jetzt zur Weihnachtszeit nicht und Silvester hatte sie Geburtstag. Ich bereue es mich nicht mehr von ihr verabschiedet zu haben, alle hatten mir abgeraten davon, da ich gerade hochschwanger ging. Wollte ich sie doch so in Erinnerung behalten wie zu den Zeiten als sie noch „fit“ war und nicht wie sie nach dem 3. Schlaganfall im Krankenhaus dahinvegetiere. Mein wohl größter Fehler in meinem bisherigen Leben. So gerne will ich ihre Hand halten, streicheln und ihr sagen wie lieb ich sie habe und das es mit ihr so schön war. Ihre letzte gute Tat war das sie es mit ihrem Tod geschafft hat, das meine Eltern seit vielen Jahren mal wieder mit mir und meiner Familie den Heilgen Abend zusammen verbringen. Ich vermisse sie so sehr.

    1. Nessy sagt:

      Meine Oma sagte immer: „Wenn einer kommt, muss einer gehen.“

      Vielleicht hilft Ihnen ein Ritual. Schreiben Sie ihr einen Brief und tragen sie ihn in Ihrem Herzen.

  36. Thomas sagt:

    Ach Nessy. Leben kommt und Leben geht, hieß das bei meiner Oma.
    Ich habe sie nie persönlich kennen gelernt, sie lag im Sterben, als ich geboren wurde. Im gleichen Krankenhaus, eine Etage über dem Kreißsaal. Ich war ihr erster Enkel.
    Mein Vater hat ihr die Neuigkeit überbracht. Sie war schon nicht mehr ansprechbar, aber er sagt bis heute, sie hätte seine Hand gedrückt.
    Wenige Stunden später ist sie gestorben.

    1. Nessy sagt:

      Sie hat auf Sie gewartet. Wie schön.

  37. Laternchen sagt:

    Über diesen Text kann man auch nach gut zwei Jahren noch weinen. Meine wunderbare Oma ist leider schon gestorben, als ich 10 Jahre alt war und sie 81. Sie hatte einfach keine Lust mehr am Leben, sie sagte es mir selber kurz vorher. Sie hatte nicht nur ihren Mann, sondern auch drei Kinder verloren, zuletzt, anderthalb Jahre vorher, meinen Vater. Meiner Mutter hat sie das so nie gesagt, habe ich vor ein paar Jahren herausgefunden. Sie wäre bestimmt auch später eine weltbeste Oma gewesen, aber sie konnte einfach nicht mehr. So schade! Es brauchte trotzdem drei Herzinfarkte in zwei Monaten, damit sie gehen konnte.

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