Draußen nur Kännchen
Kaffeehaus mit ♥

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Achtung, nicht lesen!

30. 10. 2010  •  19 Kommentare

Jussi Adler Olsen. Schändung:
Ein junges Geschwisterpaar wird ermordet. Eine gewaltbereite Clique verhätschelter Internatsschüler gerät in Verdacht. 20 Jahre später nimmt Carl Mørck sich des Falles an. – Nach „Erbarmen“ ging ich voller Freude ans Buch und wurde enttäuscht. Die Hauptperson: nicht nachvollziehbar psychopathisch. Die Handlung: konstruiert. Die Ermittler: gehen unter. Note: 4. (Christine Westermann fand es allerdings gut – falls Sie eine andere Meinung lesen möchten.)

María Cecilia Barbetta. Änderungsschneiderei Los Milagros:
Eine Mädel, das in einer Schneiderei arbeitet. Ein anderes, das kommt, um sich ein Hochzeitskleid fertigen zu lassen. Ein experimentelles Buch mit vielen Bildern. Doch die Handlung und die Charaktere verlieren sich im Anspruch der Autorin. Gute Idee, zu viel gewollt. 4. (Andere halten den Roman aber für bildende Kunst oder sind völlig hingerissen.)

Alina Bronsky. Scherbenpark:
Sascha, eigentlich Alexandra, Russlanddeutsche, wohnt im Ghetto, ist aber ziemlich schlau. Ein Buch über ihre Gefühle, ihr Leben und ein bisschen auch über Verliebtsein. Gut zu lesen, aber mit dem Schicksal ein bisschen dick aufgetragen. 2-. (Andere Rezensionen sind durchwachsen.)

Antonio Garrido. Das Pergament des Himmels:
Würzburg 799. Theresa will Pergemantmacherin werden, ihr Vater gerät jedoch in ein Komplott, sie muss fliehen und rettet am Ende das Abendland. Guter Ansatz für einen spannenden historischen Roman voller Verflechtungen. Aber die Story und die Charaktere sind eindimensional und ohne Überraschungen. Gegen Ende kann man’s kaum noch aushalten. 4. (Andere Meinungen fallen durchmischt aus.)

Nele Neuhaus. Schneewittchen muss sterben:
Taunus. Ein Skelett auf einem stillgelegten Flughafen, eine Frau, die von einer Brücke gestoßen wird. Ein Fall, der in die Vergangenheit führt. Gutes Provinz-Setting, aber schlecht geschrieben: Die Autorin gibt dem Leser ständig vor, was er zu denken hat, hantiert mit Adjektiven, die keinen Raum für eigene Interpretationen lassen. Das nervt. 4. (Andere finden das Buch spannend und voller Wendungen.)

Leider kann ich Ihnen heute also nichts empfehlen. Aber ich kann Sie immerhin warnen. Ist ja auch was.

Rudelsaufen auf dem Weihnachtsmarkt

28. 10. 2010  •  41 Kommentare

Ende Oktober. Seit vier Wochen esse ich Lebkuchen.
Kollegen planen die Weihnachtsfeier. Mutter fragt erstmalig nach dem Wunschzettel. Die Handballhühner fordern einen gemeinsamen Weihnachtsmarktbesuch.

Weihnachtsmarkt, der größte Dezember-Horror. Sie kennen das?

Es ist minus 5 Grad. Ein schneidender Wind pfeift durch die Budengassen. Von der Frittenbude zieht eine ranzige Dampfwolke heran. Deine Füße sind Eis. Deine Hände sind Eis. Lautsprecher pressen Weihnachtsschlager hervor. Der Tannenbaum – Deutschlands größter (das sagen sie alle) und per Schwerlast hergeschafft (aus der Partnerstadt aus Nordkarelien) – schlottert mit den Zweigen.

Vor der Glühweinbude stehst du zehn Minuten an. Jonglierst dann an jeder Hand drei Becher zur Gruppe. Heißes Zeug läuft über deine klammen Finger. Nach der ersten Tasse ist dein Mund ein klebriger Pelz. Du willst Wasser. Gibt’s aber nicht.

Stattdessen eine neue Runde Glühwein. Deine Zunge verdoppelt ihre Größe. Die Frittenbude dreht ihre Lautsprecher auf. Die Glühweinbude hält dagegen. Du würdest dich gerne unterhalten. Verstehst deinen Gegenüber aber nicht: Die interferierenden Weihnachtsschlager verhindern jegliche Wahrnehmung.  Die Wollmütze tut ihr Übriges. Macht nichts: noch ein Glühwein.

Der Erste setzt sich einen Haarreif mit Elchgeweih auf. Der Zweite eine blinkende Nikolausmütze. Der Dritte holt eine vierte Runde Glühwein. Jemand hat die CD mit den Weihnachtsschlagern von Neuem gestartet. Deine Füße sind nun tot. Du fragst dich, wie lange es dauert, zu Zuckerrohr zu erstarren.

Du musst mal pinkeln. Gehst zum Klowagen. Pellst dich unter Fäkaldämpfen aus deiner Skiunterwäsche. Dein Unterleib ist so kalt, dass der warme Urin beim Austreten schmerzt. Am Waschbecken dann: keine Seife. Deine Hände sind ein Klebeklumpen.

Als du wieder draußen bist, setzt leichter Regen ein. Kleine Eisstücke prickeln in deinem Gesicht. Der Gruppe gelüstet es jetzt nach Herzhaftem, am besten Prager Schinken. Nur zehn Leute vor uns. Dafür Olaf Henning statt „Last Christmas“. Die Gruppe überbrückt die Zeit, indem sie das Lasso rausholt. Die Stimmung erreicht den Höhepunkt.

Nach dem Prager Schinken erste Ausfälle. Das Elchgeweih muss kotzen. Du bist betroffen und hoffst auf ein baldiges Ende der Geselligkeit. Das Elchgeweih geht nach Hause. Aber der Rest will noch in die Kneipe für ein paar Sahnecocktails.

Du verabschiedest dich. Die plötzliche Wärme würde dich umhauen. Deine Wangen würden glühen. Deine Augenlider wären schwer wie Gullideckel. Du schaffst es grad noch heim. Dort schläfst du, rotwangig und fußkalt, auf dem Sofa ein.

Das hättest du auch gleich haben können. Ohne Weihnachtsmarkt.
Aber es muss ja sein.

Winter, eine Herausforderung fürs Beauty-Management

27. 10. 2010  •  64 Kommentare

Der Beginn der Winters führt zu zahlreichen Umstellungen in meinem Beauty-Management.

Zuvorderst herrscht ab sofort die Notwendigkeit, dass ich mich überall mit reichlich fetthaltigen Substanzen einschmiere: am Leib, im Gesicht, unter den Füßen und in besonderen Maße an den Händen. Dafür habe ich verschiedene Cremes gekauft, die ich je nach Grad der Austrocknung und olfaktorischer Tagesform anwende: Lotion mit Mandelöl, Bodybutter mit Lemon, Bio-Creme mit Jasmin und für die Haare Öl-Reparier-Sofortkur ohne ausspülen.

Ohnehin – die Haare: Seit früher Jugend verfüge ich mehr über Fusseln denn über Haare, unmotiviert herabhängendes Gras mit einem an Existenzverweigerung grenzenden Hang zu Spliss. Wird es jetzt noch weihnachtlich, denken die Fusseln, sie seien das fliegende Christkind höchstselbst und stehen nach jedem Jackeüberstreifen wie ein Heiligenschein ab. Der Kauf weiterer Kosmetikprodukte, Volumen-Kollagenen, Re-Nutrifikation und beruhigendem Spray „für das feine, glanzlose Haar“ ist unvermeidbar.

Aber nichts hilft gegen meine sensibelste Stelle: Als hauptamtlicher Sesselfurzer führt meine rechte Hand die Maus, während mein Kopf sich schwer denkend in die linke Hand stützt. Alles kognitive Gewicht lastet dabei auf dem linken Ellbogen, der sich am Pulloverärmel reibt, welcher sich wiederum auf der Tischplatte aufstützt. Ich habe nun schon ein Produkt mit dem wohlklingenden Namen „Schrundensalbe Ringelblume“ erworben, damit meine rauhe Haut nicht immer an den Wollfusseln des Ärmels hängen bleibt. Vergebens.

Und nun?
Wie machen Sie das so?

Ich rufe bei Muttern an.

26. 10. 2010  •  17 Kommentare

Es klingelt lange. Es ist auch schon neun Uhr abends.

Nessy: Warst du schon im Bett?
Mutter: Warum sollte ich schon im Bett gewesen sein?
Nessy: Nur so. Hat etwas gedauert, bis du rangingst.
Mutter: Was willst du mir damit sagen?
Nessy: Nichts. Nur, dass du schon hättest im Bett sein können.
Mutter: Sag mal, Kind, was denkst du von mir?!
Nessy: Nichts! Ich sagte es nur so.
Mutter: Sowas sagt man nicht einfach nur so.
Nessy: (seufzt)
Mutter: Jetzt seufzt du wieder.
Nessy: Ja.
Mutter: Als ob ich schon so früh schlafen ginge.
Nessy: Hätte. Ja. Sein. Können. Mache ich auch manchmal. Wie geht’s dir denn?
Mutter: Seit wann denn das?
Nessy: Mama. Schon länger. Wenn ich halt müde bin. 
Mutter:
Bist du schon wieder krank? Hörst dich aber ganz normal an.
Nessy: Ich bin ja auch nicht krank. Außerdem war ich nur erkältet.
Mutter: Kann auch ein Infekt gewesen sein.
Nessy: Ja.
Mutter: Jetzt sagst du einfach „ja“.
Nessy: Ja. Jetzt sag du mal, wie es dir geht.

Sie grummelt noch argwöhnisch. Fragt, ob ich meinen warmen Strickschal trage. Sagt, dass ich bloß nicht mehr Fahrrad fahren soll (Kälte, Blätter, Glatteis, Tod). Aber dann beginnt das Gespräch.

Im Untergrund

24. 10. 2010  •  18 Kommentare

Verdammt. Ich höre das Piepen. Renne die Treppen hinunter. Zwei Stufen auf einmal. Höre das satte Schmatzen das Türen. Das Fiepen, wenn die Bahn anfährt. Das Surren der Elektronik. Das Rollen der Räder auf den Schienen.

Ich habe verloren. Der Bahnsteig ist menschenleer. Alle sind  mit meiner verpassten Gelegenheit fort. Auf den nassen, braunen Fliesen spiegeln sich die Deckenlichter. Auf der Anzeigetafel: 19 Minuten bis zur nächsten Bahn.

„Scheiße, ey, 19 Minuten!“, murmle ich.

Aus dem Schatten einer Säule löst sich mit einem Schlappschlapp eine kleine, dicke Gestalt in einem weißblauen Kittel und einem schwarzen Kopftuch. Sie trägt Gesundheitspuschen mit Glitzerriemchen und zieht einen Wischmopp hinter sich her.

„Machst du dir keine Sorgen. Kommt in 10 Minuten.“

„Nee, 19. Dort oben steht: 19.“

„Ich weiß besser. Ich immer hier.“

Vielleicht ist es, weil ich in den Untergrund hinabgestiegen bin, um ihr zu begegnen. Vielleicht sind es ihre knubbelige Nase und die dunklen Augen. Aber ich fühle mich wie Ronja Räubertochter, die auf einen Rumpelgnom trifft.

Die U-Bahnzwergin taucht den Mopp in einen Eimer, wringt ihn aus und feudelt mit routinierten Schwüngen über den Boden. „Schaust du: Ist Wochenende. An Wochenende macht Anzeigetafel frei.“

„Sie aber nicht“, stelle ich fest.

„Ich mache sauber.“

„Danke“, sage ich. „Und für die Auskunft auch.“ Ich wende mich zum Gehen.

„Viele sind so -„, sie unterbricht das Wischen, lehnt den Stiel des Mopps gegen ihr Schlüsselbein und zieht mit beiden Zeigefingern ihre Mundwinkel herunter, „und haben nie Zeit. Du bist so-„, sie nimmt Daumen und Zeigefinger einer Hand, hebt ihre Mundwinkel an und drückt sich die andere Hand auf die Brust, “ und hast Zeit in dir. Du bist gutes Mädchen mit große Herz.“

Ich lächle. Im Weggehen drehe ich mich noch einmal zu ihr um und winke. Sie winkt zurück.

Die Bahn kommt nach zehn Minuten.

Liebe Kinder,

22. 10. 2010  •  56 Kommentare

in der Schule habt Ihr Euch bestimmt schon oft gefragt:
„Was soll der Stuss? Diesen Quatsch brauche ich eh nie wieder.“

Früher haben wir dann immer unter dem Tisch die Bravo aufgeschlagen und uns sinnvoller Lektüre gewidmet, im Speziellen den mittleren Seiten, auf denen wir mehr fürs Leben lernten, als der Wollunterwäschenträger dort vorne an der Tafel jemals würde rüberbringen können. Was Ihr heute tut, weiß ich nicht, aber sicher etwas ähnliches, vielleicht in elektronisch. Insbesondere den Sprachbegabten unter Euch ist es bestimmt sehr schleierhaft, wofür all der Zahlenkrams notwendig sein soll, den dieser mit Kreidestaub eingebleichte Frühpensionär von Mathelehrer regelmäßig vortanzt. Dreisatz, okay, dafür findet man im Supermarkt noch eine Anwendung: Ein Liter Smirnoff für 5,99, oder zweimal anderthalb Liter Rotwein im Tetra für 3,99 – wovon werde ich effektiver besoffen? Aber Prozentrechnen und Zinseszins – Humbug für alle, die sich und ihre Zukunft nicht als schlipstragende Spätkonfirmanden in der Volksbank sehen, deren Gestus traditionell einen derartigen Frohsinn signalisiert, als wollten sie sich gleich hier und jetzt an der flackernden Deckenbeleuchtung aufknüpfen.

Wenn Ihr die Schule dann hinter Euch habt, geht es genauso weiter. Ihr geht zur Uni, und obwohl Ihr Euch jetzt lerntechnisch auf Fächer beschränkt, die Euch interessieren (zumindest mehr als andere, es sei denn, Mutti hat Euch dazu genötigt, etwas „Anständiges“ zu studieren wie Jura oder BWL oder zumindest Lehramt, was zwar eher angeschimmelt als schillernd ist, außerdem tragt Ihr keine Wollunterwäsche, aber immerhin noch eine Beamtenpension garantiert), quatscht der komische Kauz dort unten im Hörsaal unfassbar viel sinnloses Zeug. Außerdem habt Ihr Kopfschmerzen von gestern abend, als es auf der SpoWi-Party ein bisschen spät wurde, aber als Mitglied des Fachschaftsrates hat man halt gesellschaftliche Verpflichtungen, gerade interdisziplinär, das ist wichtig. Ihr schlagt dann die NEON auf oder surft im Internet, vielleicht legt Ihr auch den Kopf auf den Klapptisch und lasst Euch ein bisschen treiben – in der Uni fällt das ja alles zum Glück nicht mehr so auf oder wird dankbar ignoriert. Die Multiple-Choice-Klausur kriegt Ihr auch so irgendwie hin, schließlich könnt Ihr die Unterlagen mit in die Prüfung nehmen, und ein bisschen Transferleistung ist immer drin, vorausgesetzt, man ist nüchtern.

Ihr bringt also irgendwie Euer Studium rum und zu Eurer eigenen Verblüffung ist das Ergebnis gar nicht so schlecht. Wie es dazu kommt, könnt Ihr Euch selbst nicht erklären, schon gar nicht, dass Ihr mit der Zeit sogar so eine Art Freude am Studieren entwickelt habt. Ich meine jetzt nicht am Drumherum, sondern wirklich am Studium, am Fach, an der Sache, am Inhalt. Aus einem Anflug von Wahnsinn heraus oder weil Euch grad nicht Besseres einfällt, vielleicht, weil Ihr denkt „Auf dem Klingelschild macht sich das bestimmt super“ oder „Damit krieg‘ ich Weiber wie ein Tortenboden Erdbeeren“, entschließt Ihr Euch in einem Moment debilen Irrsinns, eine Doktorarbeit zu beginnen. Und jetzt kommen wir zum Kern meiner Ansprache, zum Epizentrum dieser flammenden Rede – wenn Ihr im Zuge dieses Vorhabens nun, mehr als 20 Jahre nach Eurer Einschulung und circa 30 Fachschaftspartys nach der Erstsemestervorlesung, am Schreibtisch sitzt und Eure Ergüsse verfasst, dann erkennt Ihr,

dass Ihr diesen ganzen Scheiß tatsächlich nochmal braucht!

Merkt Euch das. Und lernt schön.

„Männer“, sagt die Kollegin und legt los.

20. 10. 2010  •  59 Kommentare

Die Kollegin und ich sitzen in der Kantine und unterhalten uns über Männer, während wir geschmackfreies Hackfleisch durch unsere Soßen schieben.

„Rufst du täglich an, bist du anstrengend. Rufst du nicht täglich an, fragen sie: ‚Vermisst du mich etwa nicht?‘ Hast Du Grips im Hirn, machst du ihnen Angst. Hast du keinen Grips, reicht’s immerhin fürs F/icken. Hast du eine eigene Meinung, bist du rechthaberisch. Hast du keine eigene Meinung, bist du langweilig. Kommst du ihnen zu nah, denken sie, du bist eine Klette, willst ihre Junggesellenbude umdekorieren und ihnen im Anschluss fünf Blagen anhängen – gegen Gebühr. Drehst du dein eigenes Ding, weil du keine Klette sein willst, bist du zu selbstbewusst, zu unkontrollierbar und emotional keine Investition wert. Und reden tun sie über all das sowieso nie.

Männer unter 30 kannst du vergessen“, beendet die Kollegin ihre Überlegungen und führt dabei ein fades Frikadellenfragment über ihren Teller spazieren. „Die verhalten sich völlig bizzar.“

„Und über 30?“

„Da“, sagt sie und legt resolut die Gabel beiseite,  „verfestigen sich diese Verhaltensweisen. Und werden in linearer Abhängigkeit zu den Lebensjahren immer stärker. Zusätzlich zum beginnenden Starrsinn und einsetzender Alterssichtigkeit.“

Dann ist ja alles wunderbar. Man muss es nur wissen.

Mein Damenhämmerchen

13. 10. 2010  •  67 Kommentare

Damenhämmerchen

Mein Verhältnis zu Werkzeugen ist gespalten. Ich bin in dieser Hinsicht nämlich völlig unemanzipiert. Werkzeuge – das ist meine Meinung – gehören in die Hand eines kundigen Mannes, der mit der richtigen Mischung aus Muskelkraft und Feingefühl Bohrer in Rigips treibt und Wände mit dem Vorschlaghammer einreißt.

Natürlich treten manchmal Notfälle ein, in denen ich Werkzeug in die Hand nehmen muss; insbesondere dann, wenn weder Herr Nessy noch der Nessyvater – die ersten Ansprechpartner in handwerklichen Belangen – vor Ort sind. Für diese Situationen besitze ich spezielles Damenwerkzeug, das in Sachen Gewicht, Eleganz und Handhabkarkeit einfach nur schön ist.

Seit dem Wochenende ist darunter auch das Damenhämmerchen „Binford 1500“, ein Fliesenhammer, den ich zu Höherem berufen habe. Damit schlage ich mir nicht selbst auf die Finger, und wenn doch, ist es nicht so schlimm.

Manche Menschen

12. 10. 2010  •  11 Kommentare

Weil ich rührselig bin:

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=OPIRV2LiHDk&fs=1&hl=de_DE&color1=0xe1600f&color2=0xfebd01]

Und jetzt noch eine Geschichte:

Die Sängerin im Video ist Vanessa Maurischat. Vanessa Maurischats Stimme erinnert mich an Mia.

Mia lebte in meinem Heimatort. Sie war dünn und rothaarig, auf eine Andrea-Sawatzki-Art-und-Weise apart, mit Sommersprossen und Gliedmaßen, die an ihr wirkten wie Äste im Winter. Sollte ich Mia einen Farbton zuordnen, wäre es Pastell. Oder Cremeweiß.

Ich lernte Mia über Sina kennen. Sina sang in einem Chor. Und weil wir Freundinnen waren, schaute ich Sina manchmal zu, wenn sie mit ihrem Chor einen Auftritt hatte. Mia sang zwar auch in diesem Chor, aber irgendwie auch nicht. Sie war nicht oft da, und wenn, dann stand sie im Publikum, ein bisschen gelangweilt, ein bisschen Dekoration.

Eines Tages aber, es war Winter, und wieder stand der Chor auf der Bühne, wieder saß ich im Publikum, trat Mia vor. Es wurde still im Saal. In der letzten Reihe klirrten leise Gläser.

Kein Klavier zum Einstieg. Der Chor senkte die Köpfe. Mia erhob die Stimme und sang das Lied der Maria Magdalena des „Jesus Christ Superstar“-Musicals. Aus dem kleinen Mädchen mit den roten Haaren, aus dem schmalen Körper mit den Ästen an den Seiten, aus diesem zerbrechlichen Pastellmenschen kam eine Stimme wie ein sattes Rot, voll und warm, durchdringend und verwöhnend. Nicht hoch. Sogar erstaunlich tief. Ihr Klang erfüllte den Saal, umhüllte mich, erfüllte mich, machte eine Atem stockende Gänsehaut. Eine Stimme wie ein Federbett, so dick und weich, dass ich mir wünschte, nie wieder daraus hervorkriechen zu müssen.

Nach diesem Auftritt verließ Mia den Chor, verließ die Stadt und ich hatte niemals wieder die Chance, sie singen zu hören.

„Schreiben Sie mir dazu eine Mail!“

11. 10. 2010  •  41 Kommentare

Früher war es einfach mit der Kommunikation: Wenn es schnell gehen sollte, rief man an. Wenn nicht, schrieb man einen Brief. Wenn es nah bei war, ging man einfach hin.

Heute geht man nirgendwo mehr hin, nicht mal ins Büro nebenan. Und wenn ich irgendwo anrufe, sagt man mir: „Schreiben Sie mir dazu nochmal eine Mail.“ Gut. Tue ich natürlich – wegen Gedächtnisstütze und so.

Nur dann passiert: nichts.

Ich rufe also nach angemessener Zeit wieder an, und es ist, als schilderte ich den Sachverhalt zum ersten Mal. „Haben Sie uns dazu schon eine Mail geschrieben?“, ist die Frage. „Ja“, sage ich. „Oh“, ist die Antwort, „dann schicken Sie sie bitte noch einmal.“

Sie ahnen, was nach weiterer Wartezeit geschieht.

Anders herum rufen mich Menschen an, die mich anherrschen: „Ich habe Ihnen eine Mail geschrieben, aber leider immer noch keine Antwort erhalten!“ Ich schaue in mein Postfach und sehe: Ja, dort ist eine Mail angekommen. Vor zwei Stunden.

(Alternative: Am Sonntagabend um 21 Uhr. Der Kontrollanruf erfolgt direkt am nächsten Morgen um 9.)

Ich erkläre dann, dass es aus diversen Gründen terminlicher und persönlicher Art, vielleicht sogar aus Gründen anderer Prioritätensetzung, zwischenzeitlich einsetzendem Hunger oder Laub auf den Schienen nicht immer sein könne, dass ich eine E-Mail binnen zwei Stunden beantworte. Ich rege an,  mich bei dringenden Angelegenheiten anzurufen, dann könne man sicher sein, mich zu erreichen – oder erhalte Auskunft, wann ich wieder im Büro sei. Der Gegenüber nuschelt dann Dinge wie „… und das in Zeiten der Smartphones …“

Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht. Aber es gibt Tage, an denen ist Kommunizieren einfach anstrengend.



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