Draußen nur Kännchen
Kaffeehaus mit ♥

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Mutter war da.

27. 07. 2010  •  Keine Kommentare

Mutter betritt die neue Wohnung, beladen mit Taschen und Tüten. Das erste, was sie sagt, ist:

Mutter: Das Parkett muss aber aufgearbeitet werden.
Nessy: Habe ich dem Vermieter auch gesagt.
Mutter: Was da für Schrammen drin sind!
Nessy: Ist halt ein bisschen antik.
Mutter: Ja …

Das „Ja“ verliert sich im Raum, während ihr Blick schon weiter umherschweift. Ihre Gedanken streifen das Mobiliar.

Mutter: Einen Kühlschrank hast du auch …
Nessy: Ähm … sicher …
Mutter: Dabei isst Du doch immer in der Kantine.
Nessy: Naja, mal’ne Milch hier .. und kochen tue ich schon auch. [eilt zum Kühlschrank] Guck mal, Flammkuchen!
Mutter: Wo hast du den denn her?
Nessy: Habe ich gebacken!
Mutter: Du hast gebacken?

Sie spricht es aus wie „Du hast ge-bak-ken??“ Ich nicke.

Nessy: Willst du was trinken?
Mutter: Was ist denn das im Kühlschrank?
Nessy: Weizenbier mit Grapefruit.
Mutter: Das nehme ich mal.

Mutter: Oh, das ist aber frisch! Ist da Alkohol drin?
Nessy: Ja!
Mutter: Jetzt lügst du aber!

Mutter packt Ihre Mitbringsel aus: Was zum Dekorieren, außerdem Brötchen, Wassermelone, Dinkelbrot („Du isst doch sonst immer nur Stuten.“ – „Weil ich den gerne mag.“ – „Könntest ja mal Dinkelbrot kaufen.“ – „Wenn ich es mögen würde, würd‘ ich’s kaufen.“). Nach einer halben Stunde ist ihr Glas leer.

Mutter: Krieg ich nochmal so eine Erfrischung?
Nessy: Nach mehr als Zweien kannst du aber nicht mehr fahren.
Mutter: Quatsch! Wo das doch so fruchtig schmeckt!

Sie zwitschert sich noch eins.

Mutter: Wenn ich noch eine Flasche trinke, muss ich wohl hier übernachten.
Nessy: [zieht Luft durch die Zähne]
Mutter: Aber gib mir mal lieber Wasser. Wollte nur mal sehen, wie du reagierst.

Gnah.

Tiefe Verunsicherung

20. 07. 2010  •  Keine Kommentare
Die Kantine hat ihre Puddingstruktur umgestellt.

Das Grundproblem:
Die Kantine serviert täglich Pudding als Beilage. Dabei handelt es sich um Tarn-Puddings: Man denkt, es sei Schokolade – in Wirklichkeit ist es aber Caramel. Manchmal tarnt sich auch Capuccino als Schokolade oder Zitrone als Vanille. Oder – worst case: Marzipan (!) tarnt sich als Vanille. Jedenfalls ist nichts das, was es scheint; in jedem Schälchen wartet der saP: der schlimmste anzunehmende Pudding.

Der Trick:
Meine jahrelange Erfahrung hat mich ein Schema gelehrt. Für gelbe Puddings gilt: Besteht das Topping aus gehackten Pistazien, handelt es sich um Zitrone (nicht nehmen). Bei Mandeln ist es Marzipan (absolut niemals nehmen). Nur bei Schokostreuseln ist es Vanille (yummie). Bei braunem Pudding analog.

Und nun das! Nüsschen-Topping bedeutet plötzlich Vanille! Schokostreusel sind nun Bayrisch Creme. Nichts ist mehr, wie es war. Jeder Kantinengang ein Abenteuer!

Ich bin zutiefst verunsichert.

Gelesen: Freundschaft, Einsamkeit und ein langer Marsch

7. 07. 2010  •  Keine Kommentare
Dave Eggers. Weit gegangen.
Valentino Achak Deng ist ein kleiner Junge im Sudan. Als sein Dorf Marial Bai von Murahilin-Kriegern überfallen wird, flieht er. Er geht viele hundert Kilometer zu Fuß bis nach Äthiopien, lebt dort einige Jahre in einem Flüchtlingslager, wird auch dort vertrieben, geht zu Fuß nach Kenia, lebt dort zehn Jahre in einem weiteren Lager – und landet schließlich in den USA, wo er nie richtig ankommt.

Das Leid, das er auf seinem Weg erlebt, beschreibt Autor Dave Eggers auf 770 Seiten – und es ist unfassbar. Valentino ist sechs oder sieben, als er sieht, wie seine Nachbarn erschossen werden oder in ihren Häusern verbrennen. Er lebt Tage und Wochen ohne mehr als zwei Handvoll Wasser und ein paar Wurzeln. Er erlebt, wie seine Freunde sich unter einen Baum setzen und sterben, vor Hunger und Erschöpfung, von einem Moment auf den anderen – weil sie es so wollen, weil sie nicht mehr können.

Das Buch hilft, den Konflikt im Sudan zu verstehen. Es hilft, die Kultur zu verstehen. Und es hilft, das Denken eines Menschen zu verstehen, der über Jahre nichts anderes erlebt hat als Gewalt, Hunger, Angst und die Sehnsucht nach einer Familie.

Jeffrey Eugenides. The Virgin Suicides.
Deutsch: Die Selbstmord-Schwestern. Die Lisbons haben fünf Töchter: Lux, Mary, Bonnie, Therese und Cecilia. Letzte schneidet sich erst in der Badewanne die Pulsadern auf und stürzt sich Wochen später aus dem Fenster.

Die verbliebenen Mädels pubertieren unter der Beobachtung der Nachbarschaftsjungen gewaltig – bleiben für sie aber fern und unergründlich. Die Wir-Erzähler beschreiben die Mädchen das ganze Buch über praktisch von der anderen Straßenseite aus, bleiben auf Distanz und liefern letztendlich keine Begründung dessen, was in der Pseudoidylle der amerikanischen Vorstadt in dem nun kommenden Jahr geschieht.

Das Buch ist hoch gelobt – meinen Geschmack trifft es jedoch nicht. Die beobachtende Distanz, die zweifelsohne gewollt und das entscheidende Stilmittel der Geschichte ist, liegt mir einfach nicht. Ich kam das ganze Buch über nicht in die Geschichte rein und fand weder einen Zugang zur Handlung noch zu den Charakteren.

Khaleid Hosseini. Tausend strahlende Sonnen.
Mariam lebt in Kabul. Ihre Familie stirbt bei einem Bombenanschlag auf ihr Haus. Sie wird dem Schuhmacher Raschid zur Frau gegeben und lebt fortan mit seiner Erstfrau Laila in einem Haushalt.

Wie schon im „Drachenläufer“ verknüpft Khaled Hosseini die Geschichte seiner Protagonisten mit den Geschehnissen in Afghanistan, verwebt die Vergangenheit und Politik des Landes mit den Schicksalen. Das mutet zunächst etwas pathetisch an, ist es aber nicht. Das Buch lässt sich ebenso wie der Vorgänger gut lesen.

Eshkol Nevo. Wir haben noch das ganze Leben
WM-Finale 1998. Frankreich – Brasilien. Churchill, Juval, Amichai und Ofir, alle um die dreißig und Freunde seit Jugendtagen, gucken Fußball und beschließen, bei der nächsten WM Bilanz über ihr leben zu ziehen. Dazu schreiben sie jeweils drei Erwartungen an das Leben auf einen Zettel.

Juval erzählt die Geschehnisse der folgenden vier Jahre aus der Ich-Perspektive. Liebe, Tod, Lebensfreude und Melancholie begleiten die vier Männer. Am Ende werden alle Erwartungen erfüllt – nur anders, als sie gemeint waren.

Ein toller Roman, dessen Erzähler sich am Ende selbst entlarvt.

Hauke Trinks. Leben im Eis.
Untertitel: Tagebuch einer Forschungsreise in die Polarnacht. Hauke Trinks ist Extremforscher, Abenteurer und Einhandsegler. Er ist außerdem Physikprofessor an der Uni Hamburg-Harburg und bricht auf eine einjährige Fahrt ins Norspolarmeer auf, um dort zu erforschen, wie vor vielen Millionen Jahren Leben im Eis entstand.

Trinks beschreibt die einsame Fahrt von Hamburg nach Spitzbergen und seine Zeit im Eis, in der ihn nur zwei Hunde begleiteten. Seine Tage sind gekennzeichnet von Robbenjagd, kargen Mahlzeiten, seinen Bemühungen, sich der vielen Eisbären zu erwehren – und natürlich seinen Forschungen.

Das Buch ist nicht unbedingt eine literarische Erfüllung, aber trotzdem spannend. Ich kann nach dem Lesen jedenfalls sagen, dass ich dort oben wahrscheinlich jämmerlich erfroren und verhungert wäre.

Ab sofort erzähle ich besser einzeln von den Büchern, die ich gelesen habe. Dann ist es nicht immer so viel auf einmal. Aktuell: Harry Cauley – Bridie und Finn: Die Geschichte einer Freundschaft.

[Mehr Gelesenes]

Einszehn

6. 07. 2010  •  2 Kommentare
Neben dem langsamsten Dönermann befindet sich ein Büdchen. Über dem Büdchen hängt in Leuchtreklame:
TRINKHALLE
Chef der Trinkhalle ist Einszehn, ein Mann um die 50 mit mediterranen Wurzeln. Die Natur hat Einszehn übel mitgespielt: Sein halsloser Kopf hat die Form eines Luftballons. Zudem schaut sein linkes Auge nach rechts, sein rechtes nach links, und beide ähneln denen eines Chamäleons: Sie rotieren außerhalb ihrer Höhlen.

Am ersten Tag kaufe ich zwei Flaschen Apfelschorle.
„Zwei zwanzig“, sagt er, und ich zahle.

Am zweiten Tag kaufe ich einen Liter Zitronenbrause und ein Mars.
„Zwei zwanzig“, sagt er, und ich zahle.

Am dritten Tag kaufe ich ein Radler und eine große Flasche Cola.
„Zwei zwanzig“, sagt er, und ich zahle.

Am vierten Tag – Fußballgucken! – kaufe ich fünf Radler und lege ihm fünffünfzig hin. „Kennste du schon meine Preise“, sagt er anerkennend und erklärt sein Geschäftsmodell:

„Einszehn iste gute Preis: einszehn, zweizwanzig, kapieren die Leute. Und kuksdu: Cola iste bei mir immer große Cola, iste immer eins komma funf. Denken die Leute: Oh, so große Cola, so billig, iste super! Aber! Bier iste kleine Flasche, iste nur null drei. Und mit Bier und Cola iste so: Bier trinken die Leute, weil sie mussen trinken Alkohol. Cola trinken sie fur die Genuss. Muss iste teuer, Genuss iste billig. Iste große Suggestion hier. Große Geschäft fur mich.“

Der langsamste Dönermann der Welt

5. 07. 2010  •  Keine Kommentare
Wenn Sie umziehen, kommen Sie nicht umhin, sich eine zeitlang aus der Tüte zu ernähren. Denn selbst, wenn Sie bereits eine Küche aufgebaut haben, steht Ihnen nach mehrstündigen Renovierungsarbeiten, verschwitzt und farbbekleckst, nicht der Sinn nach aufwändigem Garen und Dünsten. Deshalb gehen Sie zum Imbiss an der Ecke und essen aus der Schachtel.

In der näheren Umgebung meines neuen Domizils befinden sich die Schnellpizzeria „Da Carlo“, der langsamste Dönermann der Welt und ein Büdchen.

Carlo verdient keine nähere Erwähnung; er bietet grundsolide Verpflegung: Pizza Salami für unter vier Euro, dazu ein Union Pils – und Sie sind mit einem Fünfer dabei.

Der Dönermann bietet wahrscheinlich auch sehr gute Produkte an. Doch weil Dönermann der langsamste Schnellimbiss der Welt ist, habe ich dort bis anhin nur in einer Warteschlange gestanden.

Die Schlange besteht aus genau zwei Personen: mir und einer dürren Bebrillten Anfang Vierzig, die für sich und ihren Sohn einmal Pommes Schranke und einmal Lahmacun verlangt. Dönermann sucht zunächst die Fladen mit dem Hack, findet nur welche ohne Hack, sucht dann das Hack – auf der Theke, unter der Theke, im Verschlag hinter der Theke und findet es schließlich in der Kühlung. Gottlob. Er bestreicht den Fladen mit dem Hack, schiebt ihn in den Ofen und wartet. Dabei schaut er entrückt an mir und der Bebrillten vorbei auf die Straße, wo eine Oma ihren Hackenporsche über den Bürgersteig zerrt.

„Möchten Sie nicht auch die Pommes heiß machen?“ fragt die dürre Bebrillte nach einer Weile. Dönermann schreckt aus seinen Gedanken hoch, starrt sie an, greift dann zu seinem Holzschieber, öffnet den Ofen, wendet das Lahmacun, stellt den Schieber wieder auf Seite und seinen Blick zurück auf unendlich.

„Pommes. Wir wollten auch Pommes“, sagt die dürre Bebrillte. Das Vibrato in ihrer Stimme verheißt nichts Gutes. Dönermanns Blick verharrt in der Tiefe des Raumes, als er antwortet: „Mach isch erst Lahmacun. Mach isch eins nach andere.“

Die Bebrillte schnauft vernehmlich. Das Kind, das bislang reglos neben ihr stand, schaut zu ihr auf, ergreift ihre Hand und flüstert: „Keine Pommes heute?“ – „Doch, Thimon, bald.“

Dönermann holt den Fladen aus dem Ofen und legt ihn auf den Tresen vor seinem Bauch. „Mit alles?“ Die Bebrillte nickt. Dönermann füllt das Lahmacun. Dann geht er nach rechts, tippt auf seiner Kasse und sagt: „Swei Euro funfzig.“
„Ich hatte auch Pommes bestellt.“
„Nicht Lahmacun?“
„Doch. Aber auch Pommes.“
„Aber hab ich keine Pommes heute.“

Ich schaue sofort Thimon an und blicke auf seine Unterlippe, die jedoch kein Stück zuckt. Stattdessen stemmt er seine kleinen Hände in die knochigen Hüften und sagt zu Dönermann: „Dann gehe ich eben in den Paradiesgrill. Dort schmecken die Pommes sogar nach Himmel!“

Ich komme mit.

Morgen erzähle ich von dem Büdchen, in dem alles einszehn kostet.



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