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Gerda und die Loveparade

22. 07. 2008  •  Keine Kommentare
Mein Vater hat eine neue Freundin. Und mit ihr eine neue Schwiegermutter.

Gerda ist eine herzige alte Dame von stämmigem Wuchs. Seit ihr Mann gestorben ist, wohnt sie alleine in ihrem nun viel zu großen Appartment. In ihren einsamen Stunden backt sie Kuchen, Torten und Teilchen für ihre Kinder – und wenn diese übersättigt sind, auch für sich selbst, denn sie liebt Süßigkeiten, allen voran Törtchen und Schokolade.

Ihre Tochter allerdings, des Vaters neue Flamme, ist eine asketische, solariumgebräunte Frau, die jegliche Aufnahme von Fett und Zucker vermeidet. Sie hat deshalb mehr Falten im Gesicht als ihre dralle Frau Mama und ermahnt diese unentwegt, mit kalorienreicher Nahrung zu haushalten.

Mutter Gerda ist durchaus willens, der ständigen Zurechtweisung genüge zu tun, doch ihr Fleisch ist schwach. Kaum hat ihre leptosome Tochter nach ihrem sonntäglichen Besuch die Wohnungstür hinter sich zugezogen, klemmt das erste Mon Cherie in der mütterlichen Backe. Kontrollanrufe sind an der Tagesordnung.

Tochter: Hast du heute Schokolade gegessen, Mutter?
Gerda: … Mmmh … [druckst herum] … ehm …. nur einen Riegel.
Tochter: Mutter! Das war doch bestimmt nicht nur ein Riegel!
Gerda: Es war ein bisschen mehr.
Tochter: Aber wohl keine ganze Tafel!
Gerda: Vielleicht schon …
Tochter: Eine kleine oder eine große?
Gerda: Die mit den ganzen Haselnüssen.
Tochter: Mutter! Das sind 300 Gramm!
Gerda: Dann war es wohl so eine.

Früher, zu besseren Zeiten, fuhr Gerda regelmäßig für einen Bummel in die Innenstadt. Mittlerweile sind ihre Knochen müde. Außerdem traut sie sich nicht mehr, seit die Stadtbahn unter die Erde verlegt wurde. Der Tunnel, dieses schwarze Loch, ist ihr suspekt. Die Zeit der Bunker sei vorbei, sagt sie – und bleibt daheim.

Ausgerechnet am Samstag, als in Gerdas Heimatstadt Dortmund die Loveparade wie ein Wirbelsturm durch die Straßen tobte, hatte mein Vater es sich zur Aufgabe gemacht, mit ihr das Straßenbahnfahren neu zu üben. Gerda war zunächst nicht sehr erbaut, ließ sich jedoch überreden. Irgendwann sei es an der Zeit, wieder etwas zu wagen, sagte sie.

So klemmte also Gerda, der Ohnmacht nahe, während ihrer ersten Bunkerfahrt in die Innenstadt zwischen halbnackten, tanzenden, Trillerpfeife blasenden Ravern fest.

„Das war jetzt nicht so optimal“, sagt mein Vater im Nachhinein. Die alte Dame sei „hoch verschwitzt“ gewesen beim Ausstieg.

Ob sie jetzt traumatisiert sei, frage ich. „Keineswegs“, antwortet mein Vater. „Sie fand es sehr aufregend. Auf der Rückfahrt war sie enttäuscht, dass nur der Tunnel kam, ohne Raver.“



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